Akten lesen

Mit „Stolpersteine Staatstheater“ haben sich Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura der Geschichte des Badischen Staatstheaters Karlsruhe im Nationalsozialismus angenommen. Die Zuschauer*innen werden dabei zum gemeinsamen Aktenstudium mit den Spieler*innen gebeten. Unser Autor traf sich mit dem Regieteam, sah sich die Aufführung an und stellte anschließend die K(unst)-Frage. Er fand: Der Inhalt siegt. Continue reading Akten lesen

Welcome to the Nazi Laugh Islands!

Rumour has had it that German humour is a mythical creature much like the unicorn, the centaur, or American gun control. The all-knowing God of Stereotypes has declared that The Germans are to be efficient but without humour.

Which, like all stereotypes, doesn’t exactly reflect reality. German humour not only exists, it’s thriving – according to the overly-defensive Wikipedia entry in English and Danish (?!). Granted, humour is extremely culturally dependent. As a foreigner, even when your language skills are flawless and you theoretically understand why Loriot is funny, it’s actually laughing at Helge Schneider or Kurt Krömer that shows you’re truly, irretrievably integrated (There’s an idea for your boring, answer lists of questions citizenship test).

Contrary to my expectations – as influenced by my colleague’s review – I laughed out loud multiple times at Murmel Murmel (next performance during TT on the 12th of May). And it wasn’t just because the concept – one word over and over – is so ridiculous that there’s really no other suitable response (see TTtv for more Murmeling). Nor was it just when a man sitting to my right said “Was für ein Text ist das?” (What kind of a text is this?), 54.4 minutes into the piece. Or when a woman behind me, unable to contain herself anymore, shouted “Murmel!” at the stage, and was quickly scolded with “Nicht vorhersagen” (Don’t jump the gun).

Oh no! He's fallen! But it's ok, there was a mattress there all along...
Oh no! He’s fallen! But it’s ok, there was a mattress there all along… Scene from Herbert Fritsch’s “Murmel Murmel”. Photo: Thomas Aurin

And while slapstick comedy dominated the evening, I mostly laughed at moments of the absurd and of Schadenfreude. The running gag through the 80 minutes were repetitive pitfalls (and I mean pitfall literally, an actor actually fell into the orchestra pit.) And we, both Americans and Germans, laugh at other people’s misfortune, when we’re in a context where it’s safe to laugh about it – i.e. when the person in question is Paris Hilton, and not when it’s Nelson Mandela, or when the pitfall is onto a mattress and not resulting in multiple broken bones.

The kind of humour that’s less my taste, exaggerated characters and physical comedy that obviously signal FUNNY, showed up both in Murmel Murmel and Every Man Dies Alone. Laughter is at its best when it’s a spontaneous reaction, so when capital letters telegraph YOU WILL LAUGH, I tend to respond with a kind of choked chuckle of discomfort.

Every Man Dies Alone desperately needs the little humour that’s there – it’s pretty obvious from the title that there’s no real happy ending to this controversial text. And moments of comic relief, or Lachinseln (laugh islands) in German, can integrate well into an overall dramatic arc. What made them so problematic for me in Every Man is that half the time they consisted of Nazis presented as “funny characters,” ranging from an alcoholic bum informant to a troupe of brown shirts with Hitler moustaches to an incompetent Gestapo investigator.

Brown shirt clowns with Hitler moustaches
Last night, on the Nazi Laugh Islands: Brown shirt clowns with Hitler moustaches. A scene from “Every Man Dies Alone” by director Luk Perceval. Photo: Krafft-Angerer

And I know this is part of Germany dealing with its history, but I still can’t bring myself to laugh at “silly, stupid Nazis” in the context of a theatre piece addressing failed resistance to the NS regime.

Now if those Nazis fell into the pit while mumbling “Murmel Murmel”, that might be a different story.

„Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Meine Kritik zur gestrigen TT Premiere von „Jeder stirbt für sich allein“ ist scharf ausgefallen. Ob Luk Perceval, der Regisseur dieser Bühnenversion des Romans von Hans Fallada, sie schon gelesen hatte, als wir uns heute im Garten des Hauses der Berliner Festspiele trafen, weiß ich nicht. Ich fasse mich kurz: „Ich habe mir mehr erhofft“, überwinde ich mich zu sagen, und: „Ich war nicht so glücklich“. Keine leichte Übung, diese Begegnung, um ehrlich zu sein. Ich schalte das Aufnahme-Gerät ein. Während ich rauche, isst Luk Perceval eine Birne.

Luk Perceval im Gespräch im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi
Luk Perceval im Gespräch mit Gästen im Haus der Berliner Festspiele am Premierenabend seiner Fallada-Adaption beim Theatertreffen 2013. Foto: Piero Chiussi

Clemens Melzer: Es gibt ja viele Inszenierungen über die NS-Zeit. Was gibt es dazu überhaupt noch zu sagen?
Luk Perceval: Was diesen Text von anderen unterscheidet, ist, man fühlt sich angesprochen: Was würde ich machen in der Situation? Er sagt nicht: Die bösen Nazis, die wie Aliens zwischen ’33 und ’45 Deutschland besetzt haben, sondern erzählt, wie jeder aus einer Art von Egoismus dieses System ausgenutzt hat, wie das System wiederum die Angst der Leute ausgenutzt hat und dass es schwierig war, dem System zu entkommen. Und er entscheidet sich deutlich vom Culpabilisieren der Alten. Es geht in diesem Text vielmehr um die Identifikation mit den Leuten damals.

CM: Wenn Sie sich die Nazis in „Jeder stirbt für sich allein“ anschauen: Gibt es ähnliche Typen auch noch in der Gegenwart?
LP: Ja, klar. Ich sehe, dass wir in einer Zeit leben, in der die Angst total kultiviert wird, die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern. Und wir leben in einer Welt, in der wir uns extrem unter Kontrolle fühlen. Der Unterschied zu der [NS-]Zeit ist, dass man damals wusste: Das sind Hitler, Himmler, Goebbels. Die hatten Gesichter. Heute gibt es keine Gesichter mehr. Wer ist Google? Wer ist der deutsche und amerikanische Sicherheitsapparat? Was kontrolliert uns eigentlich? Also, das ist, glaub ich, der einzige Unterschied zu der Zeit. Continue reading „Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Biedere Widerstandsromantik: „Jeder stirbt für sich allein"

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, 1947 (zweite Vorstellung heute Abend, 7. Mai)
Handlung: Das Berliner Ehepaar Quangel leistet zwischen 1940 und 1942 Widerstand gegen den „Führer“, indem es Postkarten in Treppenhäusern verteilt, wird schließlich eingesperrt und umgebracht.
Erster Satz: Die Briefträgerin Eva Kluge steigt die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch.
Regisseur: Luk Perceval, dritte Einladung zum TT
Bühne: Thalia Theater Hamburg
Spielstätte beim TT 2013: Große Bühne im Haus der Berliner Festspiele

Herumstehen in epischen Längen: Barbara Nüsse, Benjamin-Lew Klon und Daniel Lommatzsch (v.l.n.r.) in Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Foto: Krafft Angerer
Das Klischee einfacher Leute: Barbara Nüsse, Benjamin-Lew Klon und Daniel Lommatzsch (v.l.n.r.) in Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Foto: Krafft Angerer

Als sie die Postkarte erblicken, brüllen sie. Gerade noch im Gespräch über die Schwierigkeit, als Schauspieler unter Propagandaminister Goebbels zu arbeiten, überdrehen die Karikaturen von Anwalt und Schauspieler, schieben sich verzweifelt gegenseitig die Postkarte zu, rudern mit den Armen, werfen sich auf den Tisch in der Mitte der Bühne, pressen mit rotem Hals und unter Speichelregen Tränen raus, hecheln, den Mund aufgerissen. Auf der Postkarte steht die Aufforderung, weniger zu arbeiten, um den Krieg schneller zu beenden. Griffe man nur diese kurze Szene aus Luk Percevals Inszenierung von „Jeder stirbt für sich allein“ heraus, die gestern beim Theatertreffen 2013 ihre Berlin-Premiere erlebte, hätte man klobiges Volkstheater, ohne viel Rhythmusgefühl und Originalität. Das wäre besser gewesen als vier zähe Stunden Erschütterungstrash.

Die Vorlage, Hans Falladas Widerstandsroman gleichen Titels, 1947 in wenigen Wochen runtergeschrieben, erzählt Geschichten „einfacher Leute“ im Nationalsozialismus. Er ist nicht nur sprachlich schlecht, sondern auch inhaltlich eine Zumutung. Auf Einfühlung bedacht, beschwört er unaufhörlich die Zwänge und Nöte, denen die Protagonisten in Zeiten des Krieges ausgesetzt sind, zeigt die Arbeiter und Kleinbürger Berlins als unbedarfte, unpolitische Kämpfer ums Überleben, die sich alle mal von einer schwachen Seite zeigen. Akribisch werden die unterschiedlichen Grade der Rechtschaffenheit aufgezählt: Man erfährt ständig, wie viel der eine arbeitet oder der andere trinkt, dazwischen tauchen immer wieder Sätze auf wie: „[Sie] ist gar nicht politisch interessiert, sie ist einfach eine Frau“, oder: „was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem“. In diesem Setting werden Otto und Anna Quangel zu Märtyrern, nachdem sie ihren Sohn im Krieg verloren haben. Sie beginnen Postkarten zu schreiben, in der sie ihre Wut über den „Führer“ kundtun, werden schließlich verhaftet und ermordet. Continue reading Biedere Widerstandsromantik: „Jeder stirbt für sich allein"