Blogrundschau: interne und externe Lesetipps zum Theatertreffen

120 Beiträge hat die TT-Blogredaktion in fast drei Wochen Theatertreffen produziert. Da kann man schon mal den Überblick verlieren, also zum Abschluss alle Highlights, sortiert. Continue reading Blogrundschau: interne und externe Lesetipps zum Theatertreffen

„Avantgarde ist nicht, wenn weniger Leute kommen.“ Ein Gespräch mit Herbert Fritsch

Heute Abend war an der Volksbühne im Rahmen des Theatertreffens noch einmal „Murmel Murmel“ zu sehen (hier alle bisherigen Beiträge des TT-Blogs dazu).

50. Theatertreffen
Grün und rot: Herbert Fritsch auf der Bühne von „Murmel Murmel“ beim Applaus. Foto: Piero Chiussi

Der Regisseur Herbert Fritsch hat sich mit mir vorletzte Woche um 9 Uhr in seinem Lieblingscafé getroffen. Ich wollte mehr wissen über seine Arbeitsweisen und die Traditionen, in denen er sich selbst verortet. Als ich, um mich vorzustellen, mein Interesse für die literarischen Avantgarden erwähne, zeigt er sich begeistert und schon sind wir mitten im Gespräch und Herbert Fritsch erzählt mir von seinen Vorbildern aus Literatur und Bildender Kunst:

Herbert Fritsch: Boris Arvatov [sozialistischer Kunsthistoriker der 1920er Jahre, Vertreter des Proletkult, Anm.d.R.], hat mich in meiner Jugend sehr beeinflusst: „Jedes Material ist es wert, bearbeitet zu werden.“ Ob das jetzt Styropor ist oder Marmor, scheißegal. Ich glaube, „Die spanische Fliege“ ist ein Ready-Made, damit kann man was machen, genauso wie mit Frau Luna, das kann man in einen anderen Zusammenhang stellen. Das finde ich reizvoll, so wie ich auch Jeff Koons gut finde. Wenn da plötzlich Popeye neben so einer alten Marienstatue steht. Oder wie Roy Lichtenstein Comics in die Malerei reingenommen hat. Wenn Leute nicht mehr so erfürchtig niedersinken, hat das auch Unterhaltungswert.

Ich hatte während der Vorbereitung des Interviews entdeckt, dass Herbert Fritsch auch Theaterabende zu Konrad Bayer gemacht hat, einem Vertreter der Wiener Gruppe, die sich in den 1950er Jahren in Wien als ein Kreis experimenteller Literaten gegründet hat. Ein Prosatext Konrad Bayers beginnt so: „der verzweifelte karl greift zum karl. aber schon hat karl karl genommen. da erscheint karl mit karl auf dem karl und wirft karl auf karl in den karl. karl kommt und findet karl. da stösst karl auf karl und verstösst karl. aber karl gibt nicht auf.“ Hier wird die Nähe zu dem Fluxus-Künstler Dieter Roth deutlich, Autor von „Murmel Murmel“, der den Text 1974 als 176-seitiges Buch im Eigenverlag herausbrachte. Ich möchte von Herbert Fritsch wissen, wie er die Wiener Gruppe versteht: als eine Form von Avantgardismus, zu dem er sich auch bekennt? Ob er selbst Avantgardist sei? Continue reading „Avantgarde ist nicht, wenn weniger Leute kommen.“ Ein Gespräch mit Herbert Fritsch

„Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Meine Kritik zur gestrigen TT Premiere von „Jeder stirbt für sich allein“ ist scharf ausgefallen. Ob Luk Perceval, der Regisseur dieser Bühnenversion des Romans von Hans Fallada, sie schon gelesen hatte, als wir uns heute im Garten des Hauses der Berliner Festspiele trafen, weiß ich nicht. Ich fasse mich kurz: „Ich habe mir mehr erhofft“, überwinde ich mich zu sagen, und: „Ich war nicht so glücklich“. Keine leichte Übung, diese Begegnung, um ehrlich zu sein. Ich schalte das Aufnahme-Gerät ein. Während ich rauche, isst Luk Perceval eine Birne.

Luk Perceval im Gespräch im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi
Luk Perceval im Gespräch mit Gästen im Haus der Berliner Festspiele am Premierenabend seiner Fallada-Adaption beim Theatertreffen 2013. Foto: Piero Chiussi

Clemens Melzer: Es gibt ja viele Inszenierungen über die NS-Zeit. Was gibt es dazu überhaupt noch zu sagen?
Luk Perceval: Was diesen Text von anderen unterscheidet, ist, man fühlt sich angesprochen: Was würde ich machen in der Situation? Er sagt nicht: Die bösen Nazis, die wie Aliens zwischen ’33 und ’45 Deutschland besetzt haben, sondern erzählt, wie jeder aus einer Art von Egoismus dieses System ausgenutzt hat, wie das System wiederum die Angst der Leute ausgenutzt hat und dass es schwierig war, dem System zu entkommen. Und er entscheidet sich deutlich vom Culpabilisieren der Alten. Es geht in diesem Text vielmehr um die Identifikation mit den Leuten damals.

CM: Wenn Sie sich die Nazis in „Jeder stirbt für sich allein“ anschauen: Gibt es ähnliche Typen auch noch in der Gegenwart?
LP: Ja, klar. Ich sehe, dass wir in einer Zeit leben, in der die Angst total kultiviert wird, die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern. Und wir leben in einer Welt, in der wir uns extrem unter Kontrolle fühlen. Der Unterschied zu der [NS-]Zeit ist, dass man damals wusste: Das sind Hitler, Himmler, Goebbels. Die hatten Gesichter. Heute gibt es keine Gesichter mehr. Wer ist Google? Wer ist der deutsche und amerikanische Sicherheitsapparat? Was kontrolliert uns eigentlich? Also, das ist, glaub ich, der einzige Unterschied zu der Zeit. Continue reading „Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Biedere Widerstandsromantik: „Jeder stirbt für sich allein"

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, 1947 (zweite Vorstellung heute Abend, 7. Mai)
Handlung: Das Berliner Ehepaar Quangel leistet zwischen 1940 und 1942 Widerstand gegen den „Führer“, indem es Postkarten in Treppenhäusern verteilt, wird schließlich eingesperrt und umgebracht.
Erster Satz: Die Briefträgerin Eva Kluge steigt die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch.
Regisseur: Luk Perceval, dritte Einladung zum TT
Bühne: Thalia Theater Hamburg
Spielstätte beim TT 2013: Große Bühne im Haus der Berliner Festspiele

Herumstehen in epischen Längen: Barbara Nüsse, Benjamin-Lew Klon und Daniel Lommatzsch (v.l.n.r.) in Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Foto: Krafft Angerer
Das Klischee einfacher Leute: Barbara Nüsse, Benjamin-Lew Klon und Daniel Lommatzsch (v.l.n.r.) in Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Foto: Krafft Angerer

Als sie die Postkarte erblicken, brüllen sie. Gerade noch im Gespräch über die Schwierigkeit, als Schauspieler unter Propagandaminister Goebbels zu arbeiten, überdrehen die Karikaturen von Anwalt und Schauspieler, schieben sich verzweifelt gegenseitig die Postkarte zu, rudern mit den Armen, werfen sich auf den Tisch in der Mitte der Bühne, pressen mit rotem Hals und unter Speichelregen Tränen raus, hecheln, den Mund aufgerissen. Auf der Postkarte steht die Aufforderung, weniger zu arbeiten, um den Krieg schneller zu beenden. Griffe man nur diese kurze Szene aus Luk Percevals Inszenierung von „Jeder stirbt für sich allein“ heraus, die gestern beim Theatertreffen 2013 ihre Berlin-Premiere erlebte, hätte man klobiges Volkstheater, ohne viel Rhythmusgefühl und Originalität. Das wäre besser gewesen als vier zähe Stunden Erschütterungstrash.

Die Vorlage, Hans Falladas Widerstandsroman gleichen Titels, 1947 in wenigen Wochen runtergeschrieben, erzählt Geschichten „einfacher Leute“ im Nationalsozialismus. Er ist nicht nur sprachlich schlecht, sondern auch inhaltlich eine Zumutung. Auf Einfühlung bedacht, beschwört er unaufhörlich die Zwänge und Nöte, denen die Protagonisten in Zeiten des Krieges ausgesetzt sind, zeigt die Arbeiter und Kleinbürger Berlins als unbedarfte, unpolitische Kämpfer ums Überleben, die sich alle mal von einer schwachen Seite zeigen. Akribisch werden die unterschiedlichen Grade der Rechtschaffenheit aufgezählt: Man erfährt ständig, wie viel der eine arbeitet oder der andere trinkt, dazwischen tauchen immer wieder Sätze auf wie: „[Sie] ist gar nicht politisch interessiert, sie ist einfach eine Frau“, oder: „was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem“. In diesem Setting werden Otto und Anna Quangel zu Märtyrern, nachdem sie ihren Sohn im Krieg verloren haben. Sie beginnen Postkarten zu schreiben, in der sie ihre Wut über den „Führer“ kundtun, werden schließlich verhaftet und ermordet. Continue reading Biedere Widerstandsromantik: „Jeder stirbt für sich allein"

Pollesch ist Pollesch ist Pollesch

Heute Abend feiert René Polleschs „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“  TT-Premiere. Pollesch macht Theater, vielleicht Kunst, auf jeden Fall Unterhaltung. Und irgendwie auch immer etwas mit Politik. Zumindest werden Versatzstücke politischer Diskurse zusammengeworfen mit Pop- und Unterhaltungskulturzitaten.
Ist das jetzt politisches Theater oder einfach Popkultur? Continue reading Pollesch ist Pollesch ist Pollesch