Die Texte der Anderen

Der Autor ist tot, es lebe das Kollektiv: Der Dramatikerworkshop beim Stückemarkt des tt09 löst die Grenzen zwischen Autorenschaft und Lektorat zeitweise auf. Eine Bilanz aus dem Zentrum der Textdiskussion zwischen dem Workshopleiter, Schriftsteller und Dramaturgen John von Düffel und fünf Nachwuchsautoren.

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"Braucht es in deinem Text wirklich den Zentralfriedhof?" Beim Workshop um John von Düffel wird es auch mal grundsätzlich. Foto: Johannes Schneider

Das ist kein emotionales Gruppenkuscheln. Es ist auch kein Treffen monomanischer Autisten, kein Schaulaufen vollendeter Genies oder sonst eine Reproduktion eines Schriftstellerklischees, in dem das Zusammentreffen mehrerer auf die ein oder andere Weise den Ruch des Vergeblichen hat. Das hier ist Werkstatt pur, gnadenlos, ehrlich und gnadenlos produktiv: “Ich weiß nicht, ob du dir bewusst bist, dass das zumindest für Wiener ganz schöne Klischeesätze sind, die deine Figuren da äußern.” “Der Gebrauch der verschiedenen Sprachen erscheint mir nicht ganz schlüssig.” “Braucht es in dem Text wirklich den Zentralfriedhof?” Continue reading Die Texte der Anderen

Mein erstes Mal beim Kasperl?

Wann begann die Liebe zum Theater? Was war die erste dramatische Berührung? Stückemarkt-Autoren erzählen von frühen Leidenschaften – eine Serie zum tt09, exklusiv für den Theatertreffen-Blog.

So gern ich die Frage beantworten wollte, ich muss gestehen: Mir fehlt jegliche Erinnerung an mein erstes Mal Theater. Wahrscheinlich war es ein Opernbesuch, oder ich beginne noch früher, bei meinem Abo für den Kasperl in der Wiener Urania, ich weiß es nicht mehr. Und wenn es mir doch gelänge, wenige Erinnerungsfetzen hervorzuklauben und in Sätze zu packen, wäre es mit Sicherheit uninteressanter zu lesen, als ein Bericht über meinen ersten Schultag.

Aber natürlich gibt es ein erstes Mal, oder gleich mehrere erste Male: eine erste Bewusstwerdung für die Kraft der Suggestion, für die Möglichkeiten des theatralen Raumes, für das Gegenspiel von Wörtern und Körpern, ein erstes Mal die Erfahrung der Notwendigkeit von Auslassungen, ein andermal das erste Erleben von Grenzen im Theater, von Überempfindlichkeit, von wohltuender Überforderung, von Verwirrung und Chaos, von Balance, von Rhythmus, von dem Eintreten und der plötzlichen Verwerfung von Erwartungshaltungen usw. Continue reading Mein erstes Mal beim Kasperl?