Im Blendlicht fremder Finsternis

Welchen Sinn machen eigentlich Kritiken über Stücke, die schon mehrfach im Vorhinein kritisiert wurden? Kann ein “Labor für Jetztzeitbetrachtung” einen Mehrwert zu diesem, bereits im Internet frei verfügbaren Meinungsbild leisten? Kann ein virtueller Kritikenspaziergang die eigene Meinungsbildung im analogen Raum ersetzen?

Gibt es einen besseren Weg das herauszufinden als den Selbstversuch? Ich habe „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfgang Lotz nie gesehen, nachdem ich mich durchs virtuelle Kritikenarchiv gegoogelt habe, bleibt vom digitalenTheatererlebnis etwas zwischen Multiperspektivität und Schizophrenie.
Eine Mash-up-Kritik.

Der Kolonialismus ist auch nicht mehr das, was er mal war.(i)
Alles beginnt mit dem Erklärungsversuch eines somalischen Piraten vor einem Hamburger Landgericht, der beim Versuch gescheitert ist, einen Frachter zu überfallen.(ii) Vor uns steht an der Rampe mit Holzwand eine Frau in Trainingsanzug und blondem, zum wuscheligen Knödel gebundenem Haar.(iii)
Wenn Stefanie Reinsperger – eine Wucht! – zu Beginn das Plädoyer des «schwoazen Negas» Ultimo performt, weiblich-wienerisch, erzählt sie außer der himmeltraurigen Drittwelt-Story auch vom lokalen Prekariat.(iv) Sie verteidigt sich bei ihrem großartigen Solo so skurril und treffend, dass man denkt: Freispruch! Der Arme hatte doch keine Chance, als Fischer zu überleben, bei all den internationalen Flotten, die vor den Küsten Somalias die Bestände plündern.(v)
Die Zivilisation trägt allerbeste Früchte.(vi) Was aber auch nur mit Rassismus-Ironie liebäugelnder Unsinn ist à la “Entschied ich mich, ein Diplomstudium der Piraterie in Mogadischu zu beginnen.”(vii)
Es darf heftig gelacht werden.(viii)

Wolfram Lotz’ “Die lächerliche Finsternis”, uraufgeführt von Dušan David Pařízek im Wiener Akademietheater, erzählt munter dahinkalauernd vom Irrsinn der globalisierten Welt, die das Grauen immer schon ausgelagert hat,[…] frei nach Joseph Conrads “Heart of Darkness” und Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now!”(ix) Es geht um Somalia, Afghanistan, den Balkan; um Piraten, Kriegsopfer, Soldaten, Neo-Kolonisatoren; um Präpotenz und Ohnmacht; Rassismus, Islamismus und Sexismus.(x)
Eine Geschichte, die nach den Mitteln des zeitgenössischen Theaters schreit (weil: Sie lotet die Grenzen der Darstellbarkeit auf der Bühne aus).(xi)

Zwei Bundeswehrsoldaten suchen einen durchgeknallten Kollegen, sind selbst durchgeknallt und begegnen lauter Verrückten, die wohl auch nicht ganz hierher gehören: ein verwirrter italienischer Camp-Kommandant, ein Händler mit Balkan-Namen und ein lüsterner Reverend.(xii)
Klingt wie ein schlechter Herrenwitz und entstammt auch einem solchen.xiii Außer Buch und Film scheint in diesem Mash-up das Fernsehen – News-, Doku- und Entertainment-Sendungen – mitzumischen.(xiv) So entsteht ein witzig-kluges Vortrags- und Vorspiel-Theater.(xv) Der Zynismus dieses Textes ist in unverschämte Naivität verpackt. Alles nur Spaß, selbst wenn es um Sein oder Nichts geht.(xvi)
Das tut fast schon weh. Aber ein genialer Einfall Parízeks verhindert das Einfordern von Schmerzensgeld:(xvii) Ja, ein tolles Frauenquartett mutiert hier zu harten, einsamen, verletzten Männern, zu Freibeutern, Soldaten, Predigern, Händlern und anderen Exoten.(xviii) Catrin Striebeck führt als eine Art Erzähler durch die krude Handlung – und stellt in schnittigem Hosenanzug, mit aufgeklebtem Menjoubart und umgeschnallter Schusswaffe den wohl abgefeimtesten Hauptfeldwebel in der Geschichte des Militarismus dar.(xix) Frida-Lovisa Hamann gibt ihren nach Nähe und Sinn suchenden Untergebenen mit schöner Zurückhaltung,während Dorothee Hartinger mit großer Wandlungsfähigkeit zwischen Ernst und Ironie die verschiedensten Figuren verkörpert.(xx)
Das desillusionierende Setting der Inszenierung ist der passende Rahmen für einen Autor, der sich keine Illusionen macht[…].(xxi) Links mit ein paar Tischen, Stühlen und Requisiten, rechts mit einer rechteckigen Bretterbühne aus losen Brettern, die während der Pause in einem Häcksler zermahlen werden.(xxii) Vielleicht soll das ja auch etwas bedeuten, aber es würde einen nicht wundern, wenn es einfach gar nichts wäre.(xxiii)
Denkbare Bedeutungen der Schredderpause im Multiple Choice-Prinzip wären:
a) Hochflexibles Bedeutungsproduktionsgelände, das sich nach getaner Arbeit selbst zu Staub zerlegt.(xxiv)
b) Theater ist auch ein Handwerk.(xxv)
c) „Die lächerliche Finsternis“ erzählt auch von der Selbstauslöschung des Theaters.(xxvi)
e) Die Welt, diese Hölle an Ausbeutung, die immer noch an den Folgen des Kolonialismus leidet, wird theatralisch zu Sägemehl.(xxvii)
f) Holz- und Zivilisationsvernichtung als szenische Welterschaffung. Welch ein Wurf.(xxviii)
Regisseurinnen und Regisseure können über solche sich dem simplen Bebilderungstheater vehement widersetzende Stücke nur jubilieren.(xxix) Hier gelingt es vor allem, weil Pařízek offensiv das Einverständnis der Zuseher sucht. Nichts ist echt, wird andauernd augenzwinkernd demonstriert: „Es ist ja nur Text!(xxx) Man darf das nicht verwechseln mit dem, was in der Wirklichkeit geschieht!” Das Grauen, das sei ja draußen in der alltäglichen Realität.(xxxi)
Das zeitgenössische Theater meidet Betroffenheitsgesten und weicht in Ironie aus.(xxxii) Es kann einen in tiefste Trübsinnigkeit stürzen, wie leicht aus dieser von weitem angestellten Weltbeobachtung ein Bühnenzeitvertreib wird, der harmloser und knuffiger gar nicht sein könnte.(xxxiii) Grandios!(xxxiv) Dieses Stück wird seinen Weg über die Bühnen machen.(xxxv)


i: Wille,F.

ii: Krug, H

iii: Affenzeller, M.

iv: Villiger-Heilig, B.

v: Mayer, N.

vi: Wille, F.

vii: Lhotzky, M.

ix: Lippert, L.

x: Villiger-Heilig, B.

xi: Affenzeller, M.

xii: Wagner, R.

xiii: Lhotzky, M.

xiv: Villiger-Heilig, B.

xvi: Mayer, N.

xvii: Lhotzky, M.

xviii: Mayer, N.

xix: Paterno, P.

xx: Krug, H.

xxi: Kralicek, W

xxii: Wille, F.

xxiii: Wagner, R.

xxiv: Wille, F.

xxv: Villiger-Heilig, B.

xxvi: Tartarotti, G.

xxvii: Mayer, N.

xxviii: Paterno, P.

xxix: Affenzeller, M.

xxx: Mayer, N.

xxxi: Lippert, L.

xxxii: Villiger-Heilig, B.

xxxiii: Mumot, A.

xxxiv: Tartarotti, G.

xxxv: Krug, H.

 

Quellen:
Affenzeller, Margarete: Irrwitziger Kriegskracher mit Analogtaktik. Der Standard; 7.09.2014.
(http://derstandard.at/2000005268969/Irrwitziger-Kriegskracher-mit-Analogtaktik Stand: 20.02.2015)
Kralicek, Wolfgang. Sueddeutsche Zeitung. 10.09.2014
(http://nachtkritik.de/index.php?view=article&id=9944%3A2014-09-07-07-06-10&option=com_content&Itemid=40 20.02.2015)
Krug, Hartmut: Hörspiel auf der Theaterbühne. deutschlandfunk.de; 07.09.2014
(http://www.deutschlandfunk.de/die-laecherliche-finsternis-hoerspiel-auf-der-theaterbuehne.691.de.html?dram:article_id=296830 Stand: 20.02.2015)
Lhotzky, Martin: Wuchtige Wunder wonniger Weiber. faz; 08.09.2014
Lippert, Leopold: Neues aus dem aktuellen Krisengebiet. nachtkritik.de; 06.09.2014
(http://nachtkritik.de/index.php?view=article&id=9944%3A2014-09-07-07-06-10&option=com_content&Itemid=40
Stand: 20.02.2015)
Mayer, Norbert: Akademietheater: Irre Ausfahrt zum Anus der Welt. diePresse.com; 07.09.2014
(http://diepresse.com/home/kultur/news/3866396/Akademietheater_Irre-Ausfahrt-zum-Anus-der-Welt
Stand: 20.02.2015)
Mumot, Andrè: Eine Flussfahrt, die ist lustig. nachtkritik.de; 14.12.1014
(http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10372:2014-12-15-06-41-47&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40 Stand: 20.02.2015) Strengenommen eine andere Inszenierung, aber sowas passiert eben.
Paterno, Petra: Böse Tiere. Wiener Zeitung.
(http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/buehne/658503_Boese-Tiere.html Stand: 20.02.2015)
Villiger Heilig, Barbara: Wiener Totentänze. Neue Zürischer Zeitung; 08.09.2014
(http://www.nzz.ch/feuilleton/buehne/wiener-totentaenze-1.18378927 Stand: 20.02.2015)
Wagner, Renate: Die lächerliche Finsternis. der-neue-merker.eu
(http://www.der-neue-merker.eu/wien-akademietheater-die-laecherliche-finsternis Stand: 20.02.2015)
Wille, Franz: Lächerlich und nicht zum Lachen. Theater heute; Ausgabe 10/14
(http://www.kultiversum.de/Theaterheute/Wolfram-Lotz-Die-laecherliche-Finsternis-Laecherlich-und-nicht-zum-Lachen.html Stand: 20.02.2015)
Tartarotti, Guido: Wenn die Menschlichkeit im Häcksler entsorgt wird. Kurier; 07.09.2014
(http://kurier.at/kultur/buehne/die-laecherliche-finsternis-wenn-die-menschlichkeit-im-haecksler-entsorgt-wird/84.244.668 Stand: 20.02.2015)

Immer im Jetzt

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Irgendwann muss es mal eine Zeit gegeben haben, da wurde auf den Theaterbühnen mit ganz heißer Ware gedealt. So wenigstens scheint es, wenn erfahrene Exemplare der Gattung “Theatergänger” ins Erzählen kommen. Nirgendwo sonst, außer vielleicht im Spezial-Feuchtbiotop der “Opernfreunde”, ist die Tendenz zum “Früher-war-alles-besser” ausgeprägter als hier. Und wer immerhin nicht direkt von “besser” mit Bezug auf die unwiederbringlich versunkene Zeit sprechen möchte, laviert stattdessen eben mit Platzhaltervokabeln herum: Wahrhaftiger, authentischer, wichtiger. Früher, hört man da, sei es noch “um was gegangen”, hatte Theater “gesellschaftliche Bedeutung” und stand im Brennpunkt öffentlicher Debatten, die es oft genug selbst anstieß. Schnell erhält man so den Eindruck, es hätten sich früher immer alle und überall von Peter Handke publikumsbeschimpfen oder durch Einar Schleef etliche Stunden lang die Jelinek ausexerzieren lassen. Man hat sowas, erfährt man, nicht nur andauernd gesehen, sondern scheinbar auch immer gleich gewusst: Aha, das ist was Großes, das ist bedeutend, das bleibt.

Und heute? Ganz klar: Auf der vielspurigen Autobahn der darstellenden Künste tuckert das alte Sprechtheater ganz rechts, schwerbepackt wie ein rostiger Lada Nova auf dem Weg von Athen nach (n)irgendwo. Die benachbarten Überholspuren beherrschen derweil längst Boliden ganz anderer Art: Perfekt zugeschnittene, über-smarte Mehrtürer aus der bestens geölten TV-Serien- Produktion sind nicht nur schneller, sondern attraktiver, beweglicher und vor allem um Längen komfortabler. Wer heute am Puls der Gegenwart sein will, streamt sich lieber auf der heimischen Couch durch etliche Stunden von “Transparent” oder “House of Cards”, als dass er oder sie am Abend ins städtische Theater zöge. Die großen Angelegenheiten unserer Zeit, sie werden hier multiperspektivischer, niederschwelliger und häufig cleverer verhandelt als auf der Bühne. Die Stadttheater reagieren mit einiger Panik auf ihren schwindenden Stellenwert und starten kümmerlich spät die Netzoffensive: Wer jetzt kein Haus auf Facebook hat, der hat bald auch so keines mehr.

Natürlich sind diese beiden Extremdarstellungen vor allem eines: Unsinn. Weder war das klassische Stadttheater “früher” eine Art gesamtgesellschaftliche Diskursarena (sondern auf vielen Ebenen sehr viel elitärer und verstaubter als jetzt), noch steht es “heute” kurz vor seinem Verschwinden. Trotzdem erzählt die Perspektive des dauergelangweilten, vergangenheitsfixierten Theater-Snobs, wie er dieser Tage auch wieder den Kiez rund um die Schaperstraße unsicher machen wird, etwas vom hohen Anspruch, an dem eine Bühne vor allem im deutschsprachigen Raum gemessen wird. Relevanz ist das Stichwort. Verliert das Theater die Gesellschaft aus den Augen, in der es stattfindet, macht es sich überflüssig. Das bedeutet nicht, dass es auf jeden Zug aufspringen, jede Trend-Ausfahrt mitnehmen muss. Kunst folgt schließlich auch immer einer Eigengesetzlichkeit, die sie bestenfalls zeitlos werden lässt. Aber für die Ewigkeit ist die ephemere Natur des Theaters, in der Inszenierungen sehr selten die dreißigste Vorstellung erleben, eigentlich gar nicht geschaffen – zwingt aber gerade deshalb zum doppelt genauen Hinschauen, zur selbständigen Reflexion und zum Austausch. Idealerweise verwandelt eine Aufführung diejenigen, die dabei waren, weil sie in deren konkretem Hier und Jetzt etwas bedeutet hat. In der Vergangenheitsschwärmerei wird dann ein Eindruck wachgehalten, der unmittelbar nicht mehr nachzuerleben ist.

Auch das Theatertreffen im Jahr 2015 bezieht Stellung zu einigen der dringlichsten Themen unserer Gesellschaft, zu Verhältnissen, über die es nicht schweigen darf. Vielleicht wird sich in zwanzig Jahren jemand an die “bleibenden Momente” des diesjährigen Festivals erinnern und dabei in fragende Gesichter blicken, weil die Zeiten längst ganz andere geworden sind. Eventuell wird dann gar nicht mehr sofort klar sein, warum dieses Theatertreffen mit einem Abend über Flüchtlingsschicksale eröffnet wurde, ja, eröffnet werden musste. Das wäre schön und auf bescheidenster Ebene wohlmöglich auch der Verdienst eines echten “Theaters für Zeitgenossen”, das seine Gegenwart ernst nimmt.

 

Bildquelle: http://fortecommercialcleaning.com/img/site_specific/uploads/crop_Stadiumtheatre_page_cropped.jpg