Beschreib mich!

Mit der Performance „TRANS-“ von two-women-machine-show und Jonathan Bonnici (Dänemark) wurde am Freitag der Stückemarkt des Theatertreffens eröffnet. In der diesjährigen, europaweiten Ausschreibung war nach Arbeiten gesucht worden, in denen das Medium Sprache einen zentralen Aspekt darstellt. Darüber hinaus sollte die „politische Dimension des Narrativen“ befragt werden. Erlebte unsere Autorin einen Aufakt nach Maß(gabe)? Continue reading Beschreib mich!

Die Lust am Verriss

Dem am Ende plötzlich Tragik abgewinnen zu wollen, wirkt bemüht bis blöd!
Das einzige, was fehlt, sind Ohrfeigen und verrutschte Toupées!
Die Inszenierung kommt gar nicht dazu, am Text zu scheitern!

(Eigenzitat)

Verrisse zu schreiben ist ein Genuss. Verrisse sind das einzig Erhabene, was Theater je hervorzubringen imstande war. Verrisse umgibt eine religiöse Aura. Echte Verrisse zertrümmern das Porzellangeschirr in der Regiestube, spielen Rock’n Roll im Schlafzimmer der Intendanz, lassen Freundschaften und Ehen zerbrechen, machen die Souffleuse stutzig.

Es gibt Leute, die meinen, Verrisse hätten was mit der Laune des Kritikers zu tun oder mit der Qualität der Inszenierung. Das ist naiv. Ein echter Verriss braucht das alles nicht. Er folgt in seiner Genese ganz anderen Bedingungen und gründet zuletzt in einer fast schon selbstlosen Hingabe an die Inszenierung. Und noch eine Bemerkung: Spätestens seit dem Bestehen von nachtkritik.de herrscht immer wieder Angst vorm harten Ton anonymer Kommentare. Das sind aber keine Verrisse, wie ich sie meine. Ich meine mit Verriss eine Kritik, die es schafft, auf die Bühne zu schleichen, um dort selbst zum Akteur zu werden, zu brüllen, die Requisite kleinzutreten und Feuer zu legen.

Warum werden Verrisse geschrieben?

Einen Theaterabend, der komplett versagt hat, an seinen peinlichen, erbärmlichen Stellen zu packen und an die Wand zu klatschen, befriedigt so tief, wie es keine Lobeshymne über einen Theaterabend vermag, der alles richtig gemacht zu haben scheint. Wenn man eine Vorstellung bejubelt, bleibt man selten allein. Meist drängen sich plötzlich Zuschauer um einen, die applaudieren, kreischen, glucksen, trampeln. Der Verriss hingegen ist exklusiv: Er berichtet zunächst nur, mal rutscht ein anerkennendes Wort raus, die Inszenierung bekommt Fallhöhe unterstellt. Dann erst kann der Verriss pietätlos dreinschlagen. Diese Mühe macht sich kein enttäuschter Zuschauer auf dem Nachhauseweg. Er flucht eher, wie es auch vom anonym Kommentierenden erwartet wird. Kaum einer ahnt, was ihm dabei entgeht.

Hierin liegt nämlich der Schlüssel zum Verriss: Der formale Respekt, der anfänglich noch moderate Ton, das Hervorheben vergangener Leistungen von Regie oder Ensemble, Dinge, auf die sonst niemand kommen würde. Nur so kann die Kritik langsam einen eigenen Charakter entwickeln, sich dezent vom Sitzplatz erheben und unter Entschuldigungen durch die vollbesetzten Reihen drücken, Hemd hochkrempeln, Schlips zurechtrücken und unbeobachtet den Gang entlang Richtung Bühne schleichen. So wie die echte Verachtung erst im Schreibprozess entsteht, wird die Kritik erst durch das Schleichen zum echten Verriss. Es gibt dabei vornehmlich zwei Arten zu schleichen: Ironisch, mit einem Augenzwinkern in Richtung Zuschauerraum und leichten Knuffen in die Rippen der Kollegen, oder intellektuell-pedantisch, mit adretter Haltung und Verweis auf das Recht, den Platz während der Aufführung zu verlassen. Männlicher Habitus in jedem Fall, aber auch ein bisschen Selbstzensur, es müssen ja noch Sätze zustande kommen.

Hat die Kritik es aber erst einmal auf die Bühne geschafft, gibt es kein Halten mehr. Zum Verriss mutiert, wirft sie sich die Kleider vom Leib, reißt den Vorhang samt Halterung und Gebäudeteilen herunter, würgt mit jeder Hand einen Schauspieler, um die Köpfe wie Glocken läuten zu lassen, bewirft die Techniker mit Mobiliar, beißt dem Inspizienten die Nase ab und hängt das Regieteam kopfüber an die Beleuchtung. Wichtig dabei: Gleichmut bewahren. Ein „Schade“ oder „Leider“ ist jetzt nicht mehr angebracht.

Applaus Applaus

Über das Theatertreffen-Publikum
Ein Stück ist nicht zu Ende, wenn es zu Ende ist. Auch die Inszenierung ist nicht zu Ende, wenn das letzte Wort auf der Bühne gesprochen ist. Applaus wird geprobt und der Regisseur ist aufgefordert, genau zu überlegen, wie er an dieser Stelle mit dem Publikum umgeht. Die konkrete Umsetzung am Abend der Vorstellung ist dann aber meist den Darstellern und ihrem Gespür überlassen: Wenn gebuht wird, muss man sicher nur einmal zum Verbeugen auf die Bühne. Für die Zuschauer ist diese Applaus-Inszenierung meist nicht wahrnehmbar, weil subtile Mittel benutzt werden. Bei Herbert Fritsch ist das anders. Er legt seine Mittel offen. Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Continue reading Applaus Applaus

Seitenrang links: Death of a Salesman

After every premiere, we ask one audience member four questions about their experience during the show. Tonight’s interviewee was Tomoya Kiriyama, from Japan, who has been living in Berlin since October.

What did you find remarkable about this production?
The atmosphere and the set design.

Why did you want to see this particular production?
It’s a very famous American play, and I was interested to see a German production of an American play.

How did you get your ticket for this evening?
I bought it at the box office.

To where would you like to travel?
Well, I’m already in Berlin, so – I can’t think of anywhere.

Das Reden der Anderen

Stefan Bachmanns Burgtheater-Inszenierung von Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“ zeigt, wie im medialen Rauschen der Sprache Menschen verschwinden. Nur komisch, wenn man am Ende völlig unbeteiligt nach Hause geht.

"Die Beteiligten" in der Regie von Stefan Bachmann: Barbara Petritsch (die irgendwie-nachbarin), Katharina Schmalenberg (die „optimale“ 14-jährige), Alexandra Henkel (die pseudopsychologin), Jörg Ratjen (der quasifreund), Simon Kirsch (das gefallene nachwuchstalent), Peter Knaack (der möchtegern-journalist). Foto: Anna Stöcher/Burgtheater

Ohne Zweifel, „Die Beteiligten“ ist ein tolles Stück. Ein Stück, das jedes Germanistenherz höher schlagen lässt, denn an ihm lässt sich sprachlich so vieles zeigen, und die Sprache des Theaters und der Literatur ist doch schließlich die letzte Kraft des Widerstandes, wenn sonst die Herrschaft über Bilder und Alltagssprache in den Händen der Medien liegt. Kathrin Röggla erzählt von der Unmöglichkeit, Ich zu sagen, wenn Andere mitreden. Das Ich, in diesem Fall das Entführungs- und Medienopfer Natascha Kampusch, ist ein Ich, das im Reden der Anderen entsteht; ein Ich, das in indirekter Rede in der dritten Person erzeugt und damit nie wirklich manifest wird. Gleichzeitig bringt das Sprechen aber auch seltsame Kreaturen hervor: Menschen, die nur durch andere existieren. Menschen, die kein richtiges Ich haben und darum ein Präfix brauchen, wie die Pseudo-Psychologin, der Quasi-Freund, der Möchtegern-Journalist und die Irgendwie-Nachbarin. Menschen aus der zweiten Reihe. Die Beteiligten.

So sitzen zu Beginn von Stefan Bachmanns Inszenierung fünf Pseudo-Möchtegern-Experten auf engstem Raum zusammen und rufen Natascha Kampusch wie einen diskursiven Flaschengeist im Konjunktiv hervor. Aus Rögglas indirektem Sprechen macht Bachmann ein indirektes Sehen: Wer zu den Zuschauern redet, ist das Kamerabild der Schauspieler, nicht die Schauspieler selbst. Danach geht Natascha Kampusch, wie durch ein Sprachprisma vervielfacht, in der Kampusch-Sekte auf: Fünf identische Kampuschas, die mit Hippie-Kopftuch und lila H&M-Ethno-Tunika aussehen wie Fashion Victims, lassen ihr Ich vielstimmig sprachlich zerfliessen. Tolles Sprachstück, diese „Beteiligten“.

Doch wie gewinnt man als Regisseur diesem Text Bilder ab? Bachmanns Inszenierung ist nur dann stark, wenn sie szenisch eigenständig denkt, und das passiert leider viel zu selten. Zum Beispiel, wenn er à la Blair-Witch-Project einer Horde Menschenaffen im Wald eine von den Schauspielern live eingesprochene (oder besser gesagt eingekeuchte) Synchronspur unterlegt und in dieser Überlagerung bedrohliche Zwitterwesen die Leinwand bevölkern. Oder wenn er einen österreichischen Nazi (Simon Kirsch) das deutsche Publikum fröhlich mit „Wir kennen uns! Wir kennen uns von früher!“ begrüßen lässt, dieser kurz darauf zu Westernhagens „Freiheit“ den ultimativen Freiheitstraum vom Fliegen realisieren will, dabei aber so deutlich sichtbar in den Theaterseilen hängt, dass das Bild ihn sofort der Lächerlichkeit preisgibt. Continue reading Das Reden der Anderen