Extra-Debatte zum Blackfacing im Haus der Berliner Festspiele

Das Theatertreffen 2013 ist vorbei, aber es lieferte weiteren Diskussionsstoff: TT-Bloggerin Henrike Terheyden fasste die Nachmittagsveranstaltung mit Sebastian Baumgarten, Regisseur der beim Theatertreffen eingeladenen und aufgrund des Blackfacing (hier alle Beiträge des TT-Blog 2013) kritisierten Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”, und Atif Hussein der Aktivistengruppe Bühnenwatch, die am 12. Juni im Haus der Berliner Festspiele stattfand, ausführlich auf ihrem Blog KENDIKE zusammen. Hier ein Auszug aus ihrem Blogpost.

Künstler_innen sollten nicht mit Regenschirm im Bett sitzen müssen. Darauf kann sich die Gesellschaft einigen: Der Kapitalismus hat es zumindest geschafft, Üblichkeit herzustellen bezüglich des Gedankens, dass jede_r würdig leben können soll. Inflationierung von Bildern der Armut schafft sie nicht ab. Sie macht gleichgültig. Und genauso schafft die Inflationierung von rassistischen Bildern den Rassismus nicht ab. Wie lange wird es noch dauern, bis sich in den Köpfen eine Form von Üblichkeit einstellt, dass Bilder, die aufgrund ihrer Geschichte Unterdrückung und Gewalt reproduzieren, nicht unkritisch von den Nachfahren der Unterdrücker_innen gegenüber den Verletzten benutzt werden? Ausgerechnet die Freiheit der Kunst, müsste sich doch diese Freiheit zur Veränderung des Systems nehmen können.

Auch Bühnenwatch hat sich zur Diskussion auf der eigenen Webseite geäußert. Esther Slevogt berichtete ebenfalls für nachtkritik von dieser Sonderveranstaltung der Berliner Festspiele.

Kunstmittel oder Beleidigung? Vier Stimmen zum Blackfacing in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“

Ich schreibe diesen Blogpost, weil ich mir eine Diskussion wünsche. Das Theatertreffen zeigt zehn bemerkenswerte Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum, die im jeweils vorangegangenen Jahr ausgewählt worden sind. In diesem vorangegangenen Jahr 2012 war neben der Premiere der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ noch etwas anderes in den Feuilletons und in der Netzwelt bemerkenswert: Die Debatte um das Theatermittel des „Blackfacing“ auf deutschen Bühnen. Sie war laut geworden als Dieter Hallervorden und ein schwarz angemalter Joachim Bliese Anfang 2012 mit rassistischen Plakaten Werbung für das Theaterstück „Ich bin nicht Rappaport“ am Berliner Schlosspark-Theater gemacht haben. Im Zuge der Debatte bildete sich die Aktivisten-Gruppe Bühnenwatch, die „sich zum Ziel gesetzt hat, rassistische Praktiken an deutschen Bühnen zu beenden“, so steht es auf ihrer Webseite. Sie beobachtet die Vorkommnisse und greift immer wieder in die Diskussion ein.

Zum Theatertreffen 2013 ist „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten vom Schauspielhaus Zürich eingeladen. Auf der Seite der Berliner Festspiele zu dem Brechtschen Wirtschaftsklassiker kündigt ein Foto die Aufführung an, auf dem eine schwarz geschminkte weiße Schauspielerin in der Rolle der Frau Luckerniddle zu sehen ist – Blackfacing par excellence. Bis jetzt hat es noch keine Diskussion darum im Rahmen des Theatertreffens gegeben, und das, obwohl die öffentliche Debatte noch so jung ist. Wo ist diese Diskussion? Ich unternehme den Versuch, vier verschiedene Stimmen hier zu Wort kommen zu lassen, Simone Dede Ayivi und Atif Hussein von Bühnenwatch, Sebastian Baumgarten, Regisseur, und Andrea Schwieter, Dramaturgin bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“, in genau der Reihenfolge, in der ich die Gespräche geführt habe.
Heute Abend findet übrigens um 22.30 Uhr das Publikumsgespräch zur Inszenierung in der Bornemann Bar/Oberes Foyer im Haus der Berliner Festspiele statt, Eintritt frei.
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Bildverweigerung

In der Kategorie der Zeichenkritik unternehme ich im Rahmen des Theatertreffens den Versuch, Inszenierungen gewissermaßen in eine Zeichnung zu übersetzen. Zur „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten, die gestern Abend im Rahmen des Theatertreffens Premiere hatte, gibt es keine Zeichenkritik von mir. Der Abend, meiner Ansicht nach gespickt mit rassistischen Karikaturen, (auch wenn Sebastian Baumgarten erklärt, es handele sich nicht um solche; einige seiner Statements veröffentlichen wir heute im Laufe des Tages) lässt mich die Reproduktion jedweder Bilder dazu verweigern.

Keine Reproduktion

Ich habe mich gewundert, dass im Vorfeld der Aufführung keine Diskussion um die Inszenierung statt gefunden hat, war doch auf dem Ankündigungsfoto das benutzte Blackfacing schon deutlich sichtbar. Nachdem ich nun die Inszenierung gesehen habe, wundert es mich umso mehr. Ich habe die Inszenierung der stereotypisierten, auf Klischées reduzierten Figuren als rassistisch und verletzend empfunden. Weil bisher keine öffentliche Debatte zu diesem Aspekt der Inszenierung statt gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn meine Position zu diesem Abend hier auf dem Blog eine Diskussionen auch im Rahmen des Theatertreffens auslöst, denn diese ist längst überfällig und, wenn man so will, sowieso ganz im Brecht-schen Sinne.