„Mehr ist mehr“ – Über Marathon-Theaterabende

Vier Stunden – das ist in etwa die Durchschnittsdauer der diesjährigen Inszenierungsauswahl; Spitzenreiter ist John Gabriel Borkman mit acht bis zwölf Stunden. Gegenwartsdramatik überschreitet hingegen in der Regel nicht die Zwei-Stunden-Grenze. Alles ab drei Stunden fällt für mich in die Kategorie „Theatermarathon“. Und ein Theaterabend der länger als vier Stunden dauert, passiert nicht einfach – er wird forciert. Denn normalerweise würde man doch bei den Endproben noch einmal straffen, „Kill your darlings“ eben. Deshalb behaupte ich: je länger desto unfokussierter.

Diese These lässt sich natürlich nicht immer verteidigen: Alvis Hermanis „Platonov“ zum Beispiel dauert fünf Stunden. Fünf Stunden, die alleine dem 170 Seiten langen Originaltext geschuldet sind, der einen einzigen Tag auf dem Gut Vojnicevka beschreibt. Tschechow gibt dem Betrachter die Möglichkeit, das Geschehen quasi in Originalzeit mitzuerleben. Minutiös mitverfolgen zu können, wie Martin Wuttkes Platonov und die ihn verehrenden Damen mit jedem Gläschen betrunkener und somit liebesbedürftiger werden, ist ein Erlebnis, für das es sich lohnt auszuharren.
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Die Russen kommen.

Der russische Dramatiker Anton Tschechow ist einer der meist gespielten weltweit und auch im Repertoire des diesjährigen Theatertreffens mit Karin Henkels Inszenierung des “Kirschgarten” anzutreffen. Für das Theatertreffen-Blog ein passender Anlass, um das Bild des “Russen an sich” genauer zu betrachten. Warum kommt er einfach nicht aus der Mode?

Schon im Berlin der Goldenen Zwanziger waren führende Köpfe der russischen Theaterkultur in Berlin verortet. Den Westberliner Stadtteil Charlottenburg nannte man “Charlottengrad”, Berlin war Heimat der russischen Schriftsteller Maxim Gorki, Wladimir Majakowski, Boris Pasternak und Wladimir Nabokov. Heute siedeln dort langbeinige, Pelz tragende, blondierte Russinnen, ihr kühles Lächeln spiegelt sich in den Ku’damm-Shopping-Fensterscheiben. Ihre Männer widmen sich unsichtbar emsig dem Broterwerb, verstecken sich hinter Sonnenbrillen.

Auf der Bühne aber sind die Russen in Deutschland am liebsten depressiv, dramatisch und zu jeglichen Verrücktheiten bereit. Der besonnene, korrekte, emotionslose Deutsche schaut so gerne diesen haltlosen Emotionen der Wodka-trinkenden russischen Melancholiker zu. Wie ist das in Karin Henkels Inszenierung “Der Kirschgarten”? Ihre Russen feiern Dauerkirmes, sind verschwenderisch, tanzen ohne Unterlass, vernachlässigen Elternpflichten. Sie versuchen, sich an Paris (dem Westen?) zu messen, bleiben aber bildungsferner Landadel. Und, sie trinken Champagner. Ein Vorstoß zum Abbau von Vorurteilen? Continue reading Die Russen kommen.

Wünsch dir was

Eine noch ausgeruhte Redaktion: Shane Anderson, Judith Liere, Kai Krösche, Anna Pataczek, Barbara Behrendt, Alexandra Müller, Elisabeth Hamberger, Kim Keibel (v.l.). Foto: Kim Keibel

Bestimmte Räumlichkeiten verlangen einen bestimmten Verhaltenskodex. Wenn man als Blogredaktion schon im Intendantenzimmer konferiert und wenn dieses Zimmer auch noch eben solches ist, in dem sonst die Theatertreffen-Jury tagt – da passt man sich an. Und überlegt ganz selbstverständlich: Wen hätte man selbst zum Theatertreffen 2010 eingeladen? Welche Produktionen fehlen im Programm? Christoph Schlingensiefs Ready-Made-Oper “Mea Culpa” über die existenziellen Themen Krankheit, Schuld, Leben, Sterben und Tod fand sofort Fürsprecher. Die intelligente, verstörende Auseinandersetzung junger Israelis, Palästinenser und Deutscher mit der Geschichte ihres Landes in Yael Ronens “Dritte Generation” wäre auch bei unserem Wunsch-TT-2010 dabei gewesen. Weitere Stimmen fielen auf das Herbert-Achternbusch-Drama “Susn“, inszeniert von  Thomas Ostermeier und Antú Romero Nunes’ radikale Identitätssuche in “Invasion“. Die ungewöhnliche, englischsprachige Performance “An Anthology of Optimism” von Pieter de Buysser und Jacob Wren wurde ebenfalls vermisst. Von einem “Krisen-Tableau” kann man bei unserer Top-Five-Auswahl nicht gerade sprechen, und wenn, dann nur im Zusammenhang mit einer Anthologie des Optimismus. Aber eine Gemeinsamkeit hat unsere Wunschtüte  doch mit der  Wahl der realen Jury: Fünf sind klar, aber “die fünf, die die zehn dann voll machen, hätten auch andere sein können.” Sagt Jurorin Eva Behrendt. Bei uns finge jetzt das Feilschen an.

Prominent dabei

Das Theatertreffen ist das Theater-Event des Jahres! Zur Eröffnungsinszenierung von Christoph Schlingensiefs “Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” am 1. Mai kamen unzählige Berliner Prominente zum Haus der Berliner Festspiele.

Fritzi Haberlandt. Foto: Jan Zappner
Schauspielerin Fritzi Haberlandt im Zebrakleid und schön wie immer: "Ich bin hier, weil ich natürlich das Stück von Christoph sehen wollte. Ich fand es schön, weil es ein kleinerer Rahmen war, da ja in die Kirchenbänke nicht so viele Leute passen." Foto: Jan Zappner

Anna Postels hat sich für die tt-Blog-Redaktion unter das Premierenpublikum gemischt und die Stimmen der Berühmtheiten eingefangen: von der Schauspielerin Fritzi Haberlandt, von TV-Koch und Moderator Alfred Biolek, vom Intendanten der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier und der Publizistin Lea Rosh. Continue reading Prominent dabei