Das klägliche Restzucken toter Tiere – Susanne Kennedys „Fegefeuer in Ingolstadt"

Bevor das Stück beginnt, wird bereits das Bühnenbild auf den heruntergelassenen Eisernen Vorhang projiziert. Ein in der Tiefe perspektivisch kippender Raum in siffigem Pastellton kündigt drohendes Unheil an. Rechts neben einem lichtdurchfluteten Fenster: ein Kruzifix. Die Projektion beginnt zu flackern, wie in einem Horrorfilm. Als der Eiserne Vorhang sich hebt und das tatsächliche Bühnenbild freigibt, die ersten Gestalten den Raum bevölkern, setzt sich der unheimliche Eindruck fort: aufgezogenen Puppen oder Comicfiguren gleich scheinen sie in den Raum gestellt, bewegen sich künstlich und maschinell, mal verlangsamt, mal in zackigen, abgehackten Gesten. Die Stimmen kommen vom Band und werden von den Schauspielern tonlos synchron mitgesprochen. Jedes bisschen Leben, alles Menschliche scheint aus diesen Figuren entwichen.

Die Textvorlage wird zergliedert in kurze Standbilder, die Geschichte von der ungewollten Schwangerschaft und der darauf folgenden Hetzjagd in der Provinz verdichtet sich zu einem düsteren Diavortrag aus der Hölle. Jede Szene wird harsch unterbrochen von einem Black, begleitet von bedrohlichem Brummen. Mal wird in einem einzigen Standbild bloß ein Lied gesungen oder ein Satz gesprochen, schon wird weitergeschaltet. Ab und zu ensteht ein Flirren, wenn sich über die Szenerie, leicht versetzt, das gleiche Bild als Projektion darüberlegt.

Die Szenen sind von unterkühlter Brutalität und Abgestumpftheit geprägt. Die künstlichen, hochgepitchten Stimmen und der stark verdichtete Fleißer-Text zeichnen ein nihilistisches Bild von einer Gemeinschaft, der jeglicher sozialer Zusammenhang und jede Empathie abhanden gekommen ist. Die Töchter Clementine (Anna Maria Sturm) und Olga (Çigdem Teke) beneiden einander, der Vater (Walter Hess) ist ein resignierter Schläger, Mutter Roelle (Heidy Forster) löffelt ihrem Sohn (Christian Löber) debil und, Gottesbeschwörungen murmelnd, das Essen in den Rachen. Gervasius (Edmund Telgenkämper) und Protasius (Marc Benjamin) – zwei tumbe Dorfproleten – haben es auf Roelle abgesehen und wollen ihn stumpf vernichten, weil er ihnen zu fremd ist. Die Regungen der Darsteller, ihr zwischenzeitliches Aufbäumen und Aufbegehren, erscheint wie das klägliche Restzucken toter Tiere.

„Fegefeuer in Ingolstadt“ von Susanne Kennedy überzeugt vor allem in seiner ästhetischen Entschiedenheit. Die hohe Künstlichkeit der Bühne, der Kostüme, vor allem aber die der Spielweise zeichnet insgesamt ein groteskes, beklemmendes Bild einer erkalteten und seelenlosen Gesellschaft und schafft darin einen ganz eigenen theatralen Kosmos, der entfernt an die Arbeiten von Ida Müller und Vegard Vinge erinnert, aber doch eine sehr eigenwillige Sprache und einen ungewohnten Rhythmus entwickelt. Die kalkulierte Kälte dieser Inszenierung macht schaudern. Doch die subtile Komik, die hier und da aufschimmert, und der stilsichere ästhetische Gestaltungswille, die konsequent eingesetzten Mittel, bringen das in der Inszenierung verhandelte Grauen in eine intensive Schwebe, die sehr viel Raum für Assoziationen lässt.

Felix Ewers hat sich grafisch mit der Inszenierung auseinandergesetzt. 

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Beitragsbild: Ostkreuz / Julian Röder

„Fegefeuer in Ingolstadt” // Visuelle Auseinandersetzung

„Fegefeuer in Ingolstadt“
Regie: Susanne Kennedy
Premiere: 08. Februar 2014, Münchner Kammerspiele
Handlung: das „Höhere” negiert das Menschsein mit Stroboskop und eindringlicher Unbewegtheit.
Anzahl der Schauspieler: sieben
Rekordverdächtig: die Sprachlosigkeit

FegefeuerInIngolstadtFelix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de


Eine fortlaufende Serie.

Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”

The stars, the sky and Gianni

Wer klatscht wann? Einer ganz allein in der letzten Reihe klatscht im Takt zum Beat. Die Frau neben mir klatscht nach jedem einzelnen Beitrag, der von der Bühne kommt. In der ersten Reihe steht eine Frau auf und geht. Das Husten wird lauter. „The stars, the sky and Gianni“, der Schauspieler Peter Keller sagt ihn öfter, diesen Satz. Jemand aus dem Publikum kommt plötzlich auf die Idee ihn mitzusprechen! Wir sind doch nicht im Kasperletheater!
Niemand im Publikum tut das, was sonst so oft erwartet wird vom Zuschauer: reinsetzen, Klappe halten, alles um sich herum vergessen und vor allem die restlichen Zuschauer großzügig ausblenden. In Jérôme Bels „Disabled Theatre“ mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Theater Hora beobachtet sich das Publikum selbst, immer ängstlich mit der Frage beschäftigt – wie verhalte ich mich politisch korrekt? (Lesen Sie auch unsere Interviews mit dem Regisseur Jérôme Bel und mit dem Schauspieler Damian Bright, eine Kritik auf Deutsch und eine auf Englisch.)

Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE
Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE

„Stören ist eine Qualität.“ Skype-Interview mit Jérôme Bel

20 Minuten Zeit für ein Interview mit Jérôme Bel, dem Regisseur von „Disabled Theater“. Dazu auf Französisch und per Skype. Mehrere Gründe, gleich zur Sache zu kommen.

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TT-Blogger Clemens Melzer beim Skypen mit Jérôme Bel im Besprechungsraum, Haus der Berliner Festspiele. Foto: Nikola Richter

Clemens Melzer: Sie arbeiten mit professionellen Schauspielern zusammen. Warum interessieren Sie sich so sehr für ihre Biographie, ihre Probleme? Warum beispielsweise sollen sie nach vorne treten und sagen: Ich bin behindert?
Jérôme Bel: Für mich war das Wichtigste, dass sie selbst ihre Behinderung benennen, dass das nicht von außen geschieht. Und dass sie sagen, wie sie sich fühlen.

CM: Haben die Schauspieler also die Wahl gehabt, das zu sagen?
JB: Kommt gar nicht in Frage. Ich habe selten Stücke gesehen, in denen die Wahl, was für Sachen gemacht werden, bei den Schauspielern liegt. Ich bin der Regisseur, und ich stelle Fragen, die mich interessieren, so wie ich das seit Jahren mit Schauspielern mache und die Schauspieler antworten. Das ist alles.

CM: Hat sich während der Probenzeit Ihr Blick auf die Schauspieler verändert?
JB: Ja, natürlich. Ich hatte vorher keinerlei Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Ich habe somit viel, viel gelernt, über sie und übers Theater.

CM: Warum haben Sie als Titel Disabled Theater gewählt?
JB: Ich bin ausgegangen von zwei Parametern: Dem alltäglichen Theater und der Tatsache, dass Menschen mit Behinderung auf der Bühne stehen. Da wir eine Teilnahme an mehreren internationalen Festivals planten, mussten wir sehr früh einen Titel finden. Das ist für mich immer extrem nervig, weil ich experimentelles Theater mache und nicht vorher weiß, was ich mache. Ich denke, der Titel bestimmt mit, wie die Zuschauer die Aufführung analysieren werden. Sie erwarten vielleicht ein behindertes Theater, ein schwaches Theater. Aber am Ende ist Disabled Theater ungemein kraftvoll. Es beginnt dramaturgisch mit der Schwäche, weil ich nicht weiß, wer die Schauspieler sind, ich bin sehr vorsichtig, und dann, Stück für Stück, zeigen sie ihre Fähigkeit, Dinge zu sagen, vor allem durch den Tanz. Ich sehe darin nichts Problematisches, dass wir mit „Disabled Theater beginnen und dann bei, sagen wir, Extraordinary Theaterrauskommen. Continue reading „Stören ist eine Qualität.“ Skype-Interview mit Jérôme Bel

„Ich kann alles spielen.“ Ein Interview mit Damian Bright

Nach einem Skype-Interview mit Jérôme Bel, das hier im TT-Blog zu lesen ist, traf ich mich heute zum Gespräch mit Damian Bright, einem der Schauspieler aus „Disabled Theater“. Wir sind im Hotel verabredet, nahe beim HAU, wo alle Schauspieler untergebracht sind. Ein Fernsehteam macht mir Konkurrenz. Alle wirken jedoch relaxed. Der Rummel scheint schon Routine geworden zu sein.

Theater Hora performer Damian Bright in front of the rest of the ensemble during a performance of Disabled Theater. Photo Credit: Michael Bause
Damian Bright vom Theater Hora, Zürich, in einer Szene von Jérôme Bels Inszenierung „Disabled Theater“. Foto: Michael Bause

Clemens Melzer: Ihr seid eigentlich Schauspieler (Am Theater HORA in Zürich durchlaufen alle eine zweijährige Ausbildung, um dann als professionelle Schauspieler in verschiedenen Inszenierungen zu spielen). War es da nicht komisch, bei Jérôme Bel plötzlich zu tanzen?
Damian Bright: Eigentlich gar nicht. Für mich war das keine Überraschung. Ich hatte ja schon vorher Jérômes „The Show must go on“ gesehen. Für andere von uns war es aber eine Umstellung. Es ist ja so, dass Jérôme will, dass wir auf der Bühne wir selbst sind.

CM: Geht das denn, dass man auf der Bühne „man selbst“ ist?
DB: Nein, das geht zu einer Rolle über. Man muss ja immer das Gleiche sagen: Name, Alter, Beruf. Das wird dann eine Rolle, weil ja dieses Konzept da ist.

CM: Gab es Diskussionen? Habt ihr beispielsweise gefragt, warum ihr diese vorgeschriebenen Sätze sagen sollt?
DB: Das haben wir nicht gefragt. Das ist Kunst, was wir machen. Ich habe im Fernsehen von einer Frau gehört, die nach einer Aufführung geweint hat. Kunst soll berühren. Das können die Kritiker dann hinterfragen, aber das ist nicht unsere Aufgabe als Schauspieler. Es gab bei den Proben keine Diskussionen. Was aber eigentlich immer passiert, ist, dass jemand eigene Sachen machen möchte. Continue reading „Ich kann alles spielen.“ Ein Interview mit Damian Bright

Applaus Applaus

Über das Theatertreffen-Publikum
Ein Stück ist nicht zu Ende, wenn es zu Ende ist. Auch die Inszenierung ist nicht zu Ende, wenn das letzte Wort auf der Bühne gesprochen ist. Applaus wird geprobt und der Regisseur ist aufgefordert, genau zu überlegen, wie er an dieser Stelle mit dem Publikum umgeht. Die konkrete Umsetzung am Abend der Vorstellung ist dann aber meist den Darstellern und ihrem Gespür überlassen: Wenn gebuht wird, muss man sicher nur einmal zum Verbeugen auf die Bühne. Für die Zuschauer ist diese Applaus-Inszenierung meist nicht wahrnehmbar, weil subtile Mittel benutzt werden. Bei Herbert Fritsch ist das anders. Er legt seine Mittel offen. Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Continue reading Applaus Applaus