Reich, aber Schön

Regisseur Simon Stone hat es mit Ibsens „John Gabriel Borkman“, seiner Debütinszenierung am Wiener Burgtheater, direkt zum Theatertreffen geschafft – und das Publikum im Festspielhaus war zwei Stunden lang aus dem Häuschen. Endlich wieder: Stars, Stars, Stars! Unsere Autorin hat sich ins Paillettenkleid geworfen und den Bleistift dennoch auf Pieksen gespitzt. Continue reading Reich, aber Schön

Über das Netz als größte & schönste aller Bühnen. Ein Appell

Dies ist ein Beitrag von Gastblogger Jan Fischer.

Moderne Technik. Bild:  Bill Bertram, CC-BY-2.5
Der kleine, moderne Netzfreund, oder: Bühnenaufgang A. Technik. Bild: Bill Bertram, CC-BY-2.5

Ich lebe im Internet. Ich arbeite dort, ich verbringe meine Freizeit in ihm, ich trage seinen kleinen Bruder ständig in der Tasche mit mir rum, ich frage es in schwierigen Lebenslagen um Rat, ich diskutiere darin, ich verändere – bilde ich mir ein – im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten im Internet die Welt.

Die Sache ist die: Ich mag, ganz simpel, fast schon als Platitüde, gesagt, das Netz als Werkzeug, mich und meine Arbeit zu präsentieren, ich mag, dass ich ohne viel Aufwand, mich und das, was ich so denke, dort draußen in die Welt schicken kann, es zum Teil eines gigantischen, sprudelnden, sich überschlagendenen Systems werden lassen kann, das ganz tief unten von den hektischen Daumenbewegungen in den Ubahnen der halben Welt gepeist wird, von den tanzenden Fingern dieser abermillionen Menschen dort draußen. Ich mag die Weite.

Und genau deshalb enttäuscht mich immer wieder, wie sich diese schöne Kunstform namens Theater dort draußen in meiner digitalen Lieblingslandschaft so präsentiert.

Lieber raubkopiert als vergessen

Das geht schon damit los, dass die für mich überzeugendste Vision von der Zukunft des Theaters im Internet aus dem Jahr 1910 stammt. Das Buch heißt „Die Welt in 100 Jahren“, und in einem der Aufsätze darin schreibt der US-amerikanische Erfinder und Sprengstoffexperte Hudson Maxim: „Obgleich auch die kleinste Ortschaft ihr Theater haben wird, werden doch die Schauspieler in New York, Paris London oder Wien leben und dort auch spielen. Die Bühne solch einer Kleinstadt wird ein einfacher Vorhang sein, und der Hamlet, der London gespielt wird, wird mittels Fernseher, Fernharmonium und Fernsprecher, auf dem Schirm, der die Bühne in Chautauqua ersetzt, reproduziert werden.“ Tatsächlich kamen bei dieser speziellen Vision ja noch Hollywood und vor allem der Film als kleinergroßer Ableger des Theaters dazwischen – aber mal ehrlich: Groß angelegtes Livestream-Theater? Warum macht das niemand außer die MET und, vorausgesetzt, man betrachtet das als Theater, Metallica? Es muss ja nicht gleich im Kino sein (obwohl: Popcorn im Theater? Yay!), aber warum nicht jede Aufführung standardmäßig streamen, wenns sein muss, dann zahle ich eben meine 99 Cent um hinter die Paywall zu schauen, wasollls. Es ist mir oft genug passiert, dass ich in irgendeinem staubigen Archiv nach einer VHS-Kopie irgendeiner Aufführung stöbern musste und hinter auf ebay noch nach etwas, was diese VHS auch abspielen konnte, oder dass ich mir aufwändig DVDs zuschicken lassen musste, und mich fragte, warum ich das alles nicht auf Youtube finden kann, oder von mir aus auch illegal zwischen Pornowerbung eingebettet auf theater.to. Ich für meinen Teil werde ja lieber raubkopiert als vergessen.

Theater, das nicht aufhört

Ich glaube, was Hudson Maxim mit all der naiven Technikgläubigkeit seiner Zeit referiert, ist ein erweitertes Theater – ganz einfach räumlich gedacht: ein Theater, das nicht da aufhört, wo der Publikumsraum aufhört. Eines, das ganz natürlich, weil es eben geht, weil es auch so sein sollte, die modernsten technischen Möglichkeiten („Fernharmonium“) nutzt, um seinen Publikumkreis zu erweitern, ohne großartige inhaltliche Veränderungen. Technische Möglichkeiten ganz pragmatisch als Werkzeug gedacht – nicht als welterschütternde Revolution.

Fliegende Penisse

Es ist natürlich schwierig, hier „Theater“ so grob zu verallgemeinern – sicherlich gibt es Ausnahmen, von eigenartigen Theater-Versuchen (ja, auch mit fliegenden Penissen) in  den längst verlassenen Ruinen von Second Life bis hin zu Livestream-Experimenten in unterschiedlichsten Theatern. Die Sache ist dann aber: Man muss sich immer noch mit Worten wie „Versuch“ oder „Experiment“ herumschlagen, wenn man sich damit befasst, es ist immer noch berichtenswert, wenn Theater Aufführungen über ihre Türen, über diesen viel zu kleinen Publikumsraum hinaus öffentlich machen oder vielleicht auch mal ganz auf Türen verzichten und sich komplett ins Netz verlagern. Es stellt sich aber trotzdem niemand abends die Frage: Gehe ich heute Abend ins Theater, schaue ich mir den Livestream an oder vielleicht doch die Aufzeichnung?

Lieber Theatertwittern als Fernsehtwittern

Tatsächlich ist das aber auch wieder nur ein Symptom davon, wie vor allem die großen Häuser mit den den Möglichkeiten des Netzes umgehen, nämlich nicht als Diskussionsplattform, geschweige denn als erweiterte Bühne, sondern als Werbeplattform. Wer Sonntagsabends Tatort oder Germany’s Next Topmodel schaut, twittert ganz selbstverständlich darüber. Selbst der Ingeborg-Bachmann-Preis hat seinen eigenen Hashtag, und das ist Literatur, die sind sonst immer langsamer. Twitter im Theater? Großes, berichtenswertes Ereignis, Riesending. Riesenexperiment. Dabei lohnt die Diskussion über eine gute Inszenierung soviel mehr als die über irgendein mittelprächtiges und vorhersehbares Fernsehstück, auch und vor allem über die Vorstellung, über den Pausensekt hinaus.

Das Raum-Zeit-Problem

Theater haben immer dieses Raum- Zeit Problem, diese Standardeinstellung: Es gibt einen Raum, in dem etwas passiert, und es gibt eine Zeit, zu der es passiert, danach ist es vorbei und alles ist wieder dunkel. Jede Vorführung ist zeitlich und räumlich begrenzt. Was wäre, wenn das nicht so sein müsste? Es geht diesem Satz von Hudson Maxim auch darum, die Blase zu erweitern, in der ja vor allem Theater steckt. Mehr Menschen das zugänglich zu machen, wofür so viele andere Menschen geschwitzt haben bis es dort draußen auf der Bühne war. Selbstverständlich, dieses eine Bühnenereignis ist nicht reproduzierbar, aber was wäre, wenn es dort draußen noch größere, andere Bühnen gäbe? Solche, die zwar schwerer zu bespielen sind, aber dafür auch leichter zu erreichen, von mehr Menschen? Wenn man sich um diese Bühnen kümmern würde, so richtig? Wenn man sich schon darauf einlässt, Theater zu machen, dann sollen es doch auch soviele Menschen wie möglich sehen.

Zeigt mir etwas, was sich lohnt

Ja, die meisten Theater, Freies wie auch die großen Bühnen, haben sich ihre Kanäle gebastelt: Es gibt Twitter-Accounts, es gibt Facebook-Accounts, es gibt manchmal sogar Youtube-Kanäle, die je nach Theater regelmäßig befüttert werden, meistens mit Werbung Die Standard-Einstellung ist: Es gibt dieses Ding auf der Bühne, das ist die Hauptsache, das wichtigste. Alles andere ist PR. Aber was wäre, wenn man das mal andersrum denkt? Das Netz ist kein besserer, größerer Flyer, kein Werbemedium. Das Netz ist eine Bühne. Ich weiß, Internet ist schwer, das macht man nicht so nebenbei. Wenn ich in einem Theaterraum bin, kann ich nicht raus, bis die Sache gelaufen ist, ihr habt meine Aufmerksamkeit, egal, was ihr auf der Bühne anstellt. Im Netz will ich überzeugt werden, sofort, in dieser Sekunde, sonst bin ich weg. Ich bin bereit, mitzuarbeiten. Aber ich bin nicht bereit, mir ausschließlich Links zu euren aktuellen Veranstaltungen anzuschauen und vielleicht nochmal einen Link auf irgendsoeinen Werbetrailer. Da mache ich nicht mit, das interessiert mich nicht. Social Media ist ein hartes, hartes Brot, klar, aber zeigt mir etwas, was sich lohnt. Zeigt mir etwas, was sich nicht der Vorstellung auf der Bühne unterordnet – zeigt mir etwas, was sie erweitert, umdenkt, neudenkt, unterwandert. Seid euch nicht zu schade für den schnellen Witz, zeigt mir Pointen, zeigt mir Knaller, begeistert mich, bewerbt mich nicht. Dann bin ich dabei. Dann mache ich mit. Dann machen alle mit. Dann schauen sich mehr Menschen, als in euren großen Saal passen an, was ihr macht. Dann reden wir alle drüber, und freuen uns, dann belohnen wir euch mit Millionen Klicks. Versprochen. Das Netz ist eine Plattform für Selbstdarsteller. Das Netz ist die größere Bühne. Ihr seid die die Profis. Macht was draus. Mit demselben Verve, mit dem ihr diese andere, kleinere Bühne bespielt. Das kann doch noch so schwer sein.

Aktuell findet gerade die Theater und Netz-Konferenz statt. TT-Blogger Manuel Braun hat sich in seinem Artikel “Das Internet ist keine Litfaßsäule” ebenfalls damit beschäftigt.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Das kritische Rauschen

Die Kritiker sind nach Hause gefahren, die kritischen Daten bleiben. Denn Kritiker sind Datenverarbeiter. Da sind der Theatertext, die Spielfassung, Pressemitteilungen, Programmhefte, Diskurse, Kollegengespräche, Interviews, Online- und Offline-Recherchen, die gelesen werden wollen, und da ist natürlich die eigene teilnehmende Beobachtung als klatschender – oder nicht-klatschender, mitschreibender oder stillschweigender – Zuschauer. Da sind die Eindrücke, die Einordungen, die medial einprasseln. Schon 1984 – das Internet war gerade erst ein Jahr alt und mit 200 bis 400 teilnehmenden Großrechnern sehr übersichtlich – beschrieb der US-amerikanische Autor Don DeLillo in seinem berühmten postmodernen Roman “Das weiße Rauschen”, wie der Mensch in neuartigen Informationsflüssen versinkt. Heute möchte ich ihm zurufen: Nein, er versinkt doch überhaupt nicht!

Denn wenn sich acht aus 120 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählte Nachwuchs-Theaterkritiker fast drei Wochen während des Theatertreffens blog-redaktionell betätigen, wenn sie täglich in Redaktionssitzungen diskutieren und sich austauschen, über die eigenen Kriterien und Maßstäbe, wenn sie fotografieren, filmen, schreiben, mitschneiden und somit ihre Gedanken sortieren, wenn sie begleitet werden von freundlich-kritischen Mentoren, dann wird aus dem weißen Rauschen ein kritisches Rauschen. Denn es ging neben vielen konkreten Debatten über die zum tt10 eingeladenen Inszenierungen auch um viele grundsätzliche Fragen, etwa zum Abdanken der Botho-Strauß-Generation und zu Großkritiker-Allüren, zu den Menschen hinter den Kulissen und Schauspielern/Regisseuren/Autoren ganz privat, zur allgegenwärtigen Krise, zu den Arbeitsbedingungen der Theaterleute, insbesondere der freien Szene, zu Alternativen für die tt-Einladungsliste, und ja, genau, auch zum Sinn und Zweck von Theater, an sich und überhaupt und in der Zukunft. Es entstanden etwa 140 Artikel, zu den Gastspielen, dem Stückemarkt, dem Internationalen Forum und dem Rahmenprogramm. Ein Archiv des Festivals, ein Datenstrom, fast möchte ich sagen, für immer.

Das quadratische Büro.
Büro hoch zwei.

Das stieß auf Wohlwollen, auf Respekt und auf den Wunsch nach mehr, sowohl bei den klassischen als auch bei den neuen Medien: Die Berliner Morgenpost lobte die Schnelligkeit der Blogger, diese sei doch “ausdrücklich zu würdigen”, der Freitag wies auf den bloggenden Intendanten der Berliner Festspiele Joachim Sartorius hin. Er schrieb in diesem Jahr erstmals online mit, eine Premiere. Die Stuttgarter Zeitung befand, dass mit dem Theatertreffen-Blog der “virtuellen Teilnahme” am Festival nichts mehr im Wege stünde. 3sat-kulturzeit, der SWR und der RBB berichteten in eigenen längeren Beiträgen über die neuen Formate der Online-Theaterkritik (z.B. unsere Votingecke Herzzahl). Das Blog Theater in Berlin fand bereits unseren ersten Beitrag interessant (“Ist kulturjournalistisches Bloggen möglich?”); ein junger Blogger aus München, Manuel Braun, forderte: “So etwas wie den Theatertreffen-Blog sollte es das ganze Jahr über geben. Punkt.” Vielen Dank dafür!

Aber auch unsere Leser liebten das diesjährige Blog: Die Userzahlen verdoppelten sich im Vergleich zu 2009: 14.938 Besucher, 23.219 Besuche und 227.828 Seitenaufrufe. Das bedeutet, jeder Leser, der auf dieses Blog kam, las durchschnittlich 9,81 Seiten und erstellte sich somit eine kleine individuelle Theaterzeitung – ohne Lieferzeit, Kioskgang, Altpapierentsorgung. Ich habe nun mein fast papierloses Büro wieder zusammengepackt: Es passt, samt Küchenausrüstung (Kaffeemaschine, Tassen, Gläser, Wasserkocher) in zwei handliche Kartons. So überwintert ein Blog. Bis zum nächsten Theaterfrühling!

Kulturjournalistisches Bloggen? Geht das überhaupt?

Auf jeden Fall! Finden die Redakteure des Theatertreffen-Blogs 2010. Eine Meinungscollage:

Bloggen. Klingt englisch! Modern! Irgendwie jung! Aber wie, was Kulturjournalismus?! Klingt nach Oper und Theater und Hochkultur. “Irgendwie schwierig – die Hochkultur!”, denken viele. Kulturjournalistisches Bloggen: Ich denke, es klingt spannend und ich hoffe, es eröffnet die Möglichkeit über die oftmals starren journalistischen Konventionen hinauszugehen, etwas auszuprobieren und subjektiv sein zu dürfen. Vielleicht auch mal rotzig und eckig! Und dann kann man vielleicht die anderen davon überzeugen, dass Kulturjournalismus gar nicht so schwer und elitär sein muss. (Elisabeth Hamberger)

Die Vorteile des Internetjournalismus: Er bietet die Möglichkeit, flexibel Reportage, Portraits und künstlerische Inhalte ohne Platz- wie auch Formbeschränkung zu verknüpfen. (Kim Keibel)

Kritik bedeutet für mich Nach-Denken, Weiter-Denken, sie fällt nicht einfach nur Urteil über etwas Abgeschlossenes, bereits Geschafftes, sondern schafft selbst, ist Teil einer immer fortlaufenden, offenen Kette. (Kai Krösche)

Das Theater entwickelt sich immer weiter, der Kulturjournalismus sollte das auch tun. Ich denke, dass der freiere Umgang eine Chance ist, bestehende oder drohende Vorurteile, dass das Theater eine verstaubte oder hermetische Kunstform sei, abzubauen. (Judith Liere)

Eigentlich weiß ich immer noch nicht genau, was das sein soll: Ein Blog. Es gibt so viele unterschiedliche Positionen … diejenigen, die sich als Teilhaber an einem Diskurs verstehen oder die, die Tagebuch schreiben und Bilder von ihren Kindern oder Katzen posten oder die Sammler, die kleine Onlinemuseen anlegen … wo genau ich da stehe, weiß ich noch nicht. Ich suche noch nach einer Sprache für mein Web-Dasein. (Alexandra Müller)

Ich werde die Ohren aufsperren und das Mikro anschalten, denn so sinnlich wie das Theater sollen auch alle Eindrücke sein, die wir im Internet vermitteln können. Großartig, dass die Leser, Zuhörer und Zuschauer dann auch gleich in die Diskussion einsteigen können. Deutungshoheit auf der einen und Demokratie auf der anderen Seite. Wo gibt es denn sonst so etwas? (Anna Pataczek)