„Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die TT-Blog-Redaktion traf sich vor einigen Tagen mit Thomas Oberender in seinem Büro. Am Eröffnungsabend des diesjährigen Theatertreffens hatte der Intendant der Berliner Festspiele von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ und von „Institutionen im Wandel” gesprochen. TT-Bloggerin Henrike Terheyden fragte sich, was wohl damit gemeint sei. Wir veröffentlichen das Gespräch über „Institutionen neuen Typs”, Kulturnationalismus, die Berliner Netzkonferenz re:publica und Thomas Oberenders Pläne für die Berliner Festspiele und das Theatertreffen in voller Länge, als Blog können wir uns das leisten (wir haben nicht das Platzproblem einer Zeitung).

TT-Blog-Team Oberender
Am Besprechungstisch in der Intendanz der Berliner Festspiele (v.l.n.r.): Eefke Kleimann, Henrike Terheyden (verdeckt), Eva Biringer, Clemens Melzer, Thomas Oberender. Foto: Mai Vendelbo

Henrike Terheyden: Was ist die kulturpolitische Wende von vor vierzig Jahren, von der Sie in Ihrer Eröffnungsrede zum Theatertreffen sprachen?
Thomas Oberender: Alles begann, wenn wir vom Theater sprechen, und die früheren Avantgardebewegungen einmal ausklammern, Mitte der sechziger Jahre mit dem Umbau des kleinen Kinos Concordia in eine Spielstätte des Theaters Bremen – auf einmal gab es so etwas wie Bühnen, die keine Bühnen mehr waren, sondern Kinos, Fabrikhallen, Werkstatträume. In allen Feldern der Kunst entstanden Performances, Happenings und die Popkultur wurde zu einer Art Leitkultur der westlichen Moderne. Und die Politik vollzog diesen Wandel mit, sie öffnete sich der Förderung von alternativen Werk- und Erlebnisformen, bis hin zu neuen Mitbestimmungsmodellen. Aus dieser gesellschaftlichen und ästhetischen Bewegung heraus sind neue kulturpolitische Situationen entstanden, weil sich der Kunstbegriff nachhaltig demokratisiert hatte. Dass die sogenannte freie Szene Kultur produziert und nicht einem Hobby nachgeht, wurde strukturell in neuen Fördermodellen abgebildet. Theater im öffentlichen Raum oder in Fabrikhallen, die Vermischung von Diskurs, Kunst und Party auch an den traditionellen Häusern – das begann vor 40 Jahren. Mit Zadek.

HT: Meinen Sie mit Demokratisierung den gleichmäßigen Zugang von allen Bevölkerungsschichten zu Kultur?
TO: Das ist ein Merkmal von Populärkultur. Und zwar nicht nur materiell, weil sie nahezu jeder bezahlen kann, sondern auch ideell – Pop ist mehr oder weniger barrierefrei. Ich meine es aber auch in folgendem Sinne: Denken Sie an Jérôme Bels „Disabled Theater“, das behinderte Theater, also das sich selber behindernde Theater, hat einen ganz anderen Begriff vom Tänzer. Er ist nicht mehr Angehöriger einer Elite, die bestimmte Schulen besucht hat und Codes verinnerlicht, sondern Jérôme Bel arbeitet wie Beuys – er ist Konzeptkünstler, für den alles zum Material seiner Kunst werden kann. Gerade das, was wir gemeinhin als Nichtkunst betrachten. Zum Beispiel der Tanz von Behinderten. Wenn er das als Kunst zeigt, sprengt er die Definition dieser traditionellen Eliten, Institutionen und Hierarchien. Transparenz und Partizipation waren die Leitworte des letzten Kulturwandels. Es ging darum, Vorgänge durchsichtig und interaktiv zu gestalten. Das kommt aus der Wirtschaft und macht vor der Kunst keinen Halt.

HT: Greift die Demokratisierung auch auf die kulturpolitischen Strukturen über, wie haben sich diese verändert?
TO: Naja, da ist das treffendste Wort sicher das von der allumfassenden Entsicherung unserer Lebensverhältnisse. Transparenz ist ein anderes Wort für Kontrolle, möglichst in Echtzeit. Partizipation heißt irgendwie auch: Ich muss jetzt noch mehr tun. In diesem Sinne werden Institutionen umgebaut. Sie werden entsichert. Statt eines Vertrauensvorschusses, den man traditionellen Institutionen gewährt, werden sie zu Projektlabors, also flexibilisiert, und ab da muss jede Taxirechnung dreifach geprüft werden. Die Entwicklung geht weg von der kontinuierlichen Förderung fixer Strukturen zur Gewährung von Zuwendungen von Fall zu Fall. Ich kann dieses Wort „Zuwendung“ schon gar nicht mehr hören! Die will immer verdient und bedankt sein. Am Anfang meiner Rede zur Eröffnung des Theatertreffens stand nicht zufällig die lange Reihe der Danksagungen. Hinter jeder Danksagung stecken im Grunde ein Juryantrag und eine Juryentscheidung, die den Antrag genehmigt haben. Ich bin der Meinung, dass Politik noch nie so mächtig in den Bereich des Kunst- und Kulturschaffens hineingewirkt hat wie im Augenblick. Es scheint eine stille Übereinkunft der Haushälter zu sein, dass institutionelle Zuwendungen nicht mehr erhöht werden. Die Stadt- und Staatstheater können glücklich sein, wenn sie Tarifausgleiche erhalten. Seit 25 Jahren haben sich die künstlerischen Ensembles um ein Drittel verringert, der Ausstoß wurde aber verdoppelt: Inzwischen bemühen sich also auch die traditionell organisierten Häuser um zusätzliche Drittmittel und zwar genauso vehement wie jene Institutionen und freien Produzenten, deren Arbeit ganz und gar auf diesen Projektgeldern beruht. Continue reading „Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Getting to know you: the Ballhaus and Heimathafen meet their audiences

The term “audience development” is a new one in Germany – so new, there’s not even one of those wonderful German compound words for it. But as the independent theater scene becomes a stronger presence, theatermakers like Shermin Langhoff of the Ballhaus Naunynstraße and Nicole Oder of the Heimathafen Neukölln are starting to ask themselves: Who is our audience? Who should our audience members be? And how do we find them?

Berlin is a surprising city to live in for an American theatergoer used to American audience sizes. The selling capacity of theaters in the United States, for the most part, just doesn’t compare. Germany hasn’t felt the need to think too much about its audiences, because its theaters are always full. And also because that’s not where they’re getting their money anyway.

As Berlin’s independent theater scene gets more and more visible, however, the voices of smaller, independent theaters that aren’t always full are getting louder. At the talkback after Verrücktes Blut at Ballhaus Naunynstraße, the “target audience” question was part of what made the discussion turn heated. Artistic director Shermin Langhoff sees the ideal Ballhaus audience as primarily existing of people with “migrant backgrounds,” which would make ita kind of by-of-for theater. In contrast, Nurkan Erpulat, director/co-author of Verrücktes Blut, sees the target audience as white, educated, middle-class. And everyone at the Ballhaus is opposed to the idea of targeting an audience of children or youth – something that the Augenblick mal! jury seemed to find very offensive during its talk last weekend. (A bi-annual festival of children and youth theater that runs concurrently with the Theatertreffen, Augenblick mal! also invited Verrücktes Blut to their festival this year. The Ballhaus turned them down.)

Only two years old, the Ballhaus has experienced a drastic audience shift after the opening of Verrücktes Blut in fall 2011, which received lots of press attention and praise. Continue reading Getting to know you: the Ballhaus and Heimathafen meet their audiences

Unruheland Ungarn?

So titelte die März-Ausgabe von „Theater der Zeit“. Was denken ungarische Kritiker und Theaterschaffende, die über das Berliner Theatertreffen berichten, von den Vorgänge in ihrem Land? Ich treffe Krisztián Faluhelyi, der an der Eötvös Loránd Universität in Budapest über Brecht und Lars von Trier promoviert und für die ungarische Theaterzeitschrift „Színház“ schreibt, und die ungarische Theaterwissenschaftlerin und Humboldt-Stipendiatin Gabriella Kiss zu einem Gespräch.

Ungarn am Theatertreffen: Gabriella Kiss und Krisztián Faluhelyi. Foto: Fadrina Arpagaus

Katastrophenalarm aus Ungarn. Die neue Rechtsregierung um Viktor Orbán hat nicht nur das umstrittene Mediengesetz durchgesetzt, sondern soll auch einen richtigen Kahlschlag im Kulturbereich planen. Schon ist bekannt, dass der Etat des Nationaltheaters in Budapest um 1,5 Millionen Euro, also rund 20 Prozent des Budgets, gekürzt werden soll. Auch die freie Szene, die sich erst in den letzten zehn Jahren so richtig entwickelt hat, ist betroffen. Als ich Krisztián Faluhelyi nach den Vorgängen in seinem Land frage, erwarte ich Empörung, Wut, Aufstandsgedanken. Statt Katastrophen- aber erst einmal Fehlalarm: „Ich denke in vielen Hinsichten anders als die neue Regierung, ich habe eine eher linke Weltanschauung. Aber was das Mediengesetz betrifft, möchte ich mit einer Einschätzung noch etwas abwarten und schauen, was passiert. Ich halte den Aufruhr für übertrieben.“

Eine solche Antwort habe ich von einem Theaterkritiker nicht erwartet. Krisztián erklärt mir, warum er so gelassen ist: Noch ist in Ungarn vieles Gerücht. Niemand kann die Pläne der Regierung wirklich überprüfen. Und neutrale Sprecher gibt es gerade nicht, die Berichterstattung ist extrem politisch aufgeladen, und zwar von links wie von rechts. „Im Moment sehe ich weit und breit niemandem, dem ich vertrauen kann“, sagt Krisztián. „Und darum möchte ich weder auf die eine noch die andere Richtung einschwenken.“ Krisztiáns Kollegin Gabriella Kiss stelle ich die gleiche Frage: „Wie stehst du zum neuen Mediengesetz und den geplanten Kulturkürzungen?“ Ihre Gegenfrage: „Muss ich wirklich darauf antworten?“ Continue reading Unruheland Ungarn?

I saw the Lion King: American theater through German eyes

During Friday night’s discussion in HAU 2, a panel of performance artists, artistic directors, dancers, and cultural politicians debated the state of the “free theater scene” in Germany. On the table were financial infrastructure, artistic freedom, audience development, interaction of the free scene with state-funded theater, political lobbying and more. Here’s my problem with the problems: in searching for answers, Germany isn’t looking any farther than its own backyard.

We’ve already taken a look on this blog at some of the stereotypes about German theater that appear in English-speaking media. But Germany has plenty of stereotypes and assumptions to match. One biggie: American theater is just not interesting.

You’re welcome to argue for the truth of that statement. And if your knowledge of American theater is a bit broader than Broadway, I’m ready to listen to you. However, my experience is that the complete lack of interest German theatermakers have for American theater is matched by a complete lack of insight into the American theater system and community. I talk to directors, actors, artistic directors, designers, and playwrights here who have grossly limited views of my country’s theater landscape. Statements I’ve recently heard:

  • Oh, but I thought you could get the money to produce anything in America if you cast the right star!
  • Hm, I had no idea there was theater going on in Chicago.
  • Yes, I’ve seen American theater. I saw a touring production of The Lion King.

Outside of the United States, American theater is synonymous with big, commercial Broadway musicals. And in general, it’s not my business to complain about that. Continue reading I saw the Lion King: American theater through German eyes

Wieviel Zickigkeit können Sie sich leisten?

Die schlechte wirtschaftliche Lage, das fehlende Geld, die Krise: An allen Ecken und Enden ging es auch beim Theatertreffen darum. Persönlich betroffen sind fast alle, hier spricht nun eine, die das Thema “Produktionsbedingungen” ein Festival lang mit sich herumschleppte.

Es sieht schlecht aus. Aber das wissen wir doch, ruft es jetzt aus allen Richtungen. Sogar mein jugendlich-naives früheres Ich wusste es schon: Als die 17-jährige Alexandra M. sich damals im mittelhessischen Niederbieber dafür entschied, Schauspielerin werden zu wollen, sagte sie immer, wenn sie darauf angesprochen wurde: “Ich weiß, dass es hart ist, aber wenn man es wirklich will, muss man es tun. Meine Mama unterstützt mich da auch.”

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