Post-Kolonialismus im dt. Theater

Iury S. Trojaborg ist Stipendiat des Internationalen Forums 2015. Er wurde in Rio de Janeiro geboren studierte dort Schauspiel und machte dann in Kopenhagen einen Master in Dramaturgie. Er musste Kopenhagen innerhalb von zwei Tagen verlassen, weil seine Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wurde, obwohl er die notwendigen Unterlagen besaß. Er ist Dramaturg im Ballhaus Naunynstraße.

Er spricht anlässlich der Podiumsdiskussion über die Spuren des post-kolonialistischen Rassismus im deutschen Theatersystem  und warum er das Eröffnungsstück des Theatertreffens „Die Schutzbefohlenen” von Nicolas Steman nicht verlassen hat wie Wagner Carvalho, der künstlerische Leiter des Ballhaus Naunystraße, warum er aber die Inszenierung dennoch als „naiv” empfindet.

Seine Name vereint drei Nationen: Iury – der russische Name seiner Vorfahren; Saluziani – der brasilianischer Vorname seiner Mutter und Trojaborg – der dänische Nachname seines Ehemannes

 

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Leander https://instagram.com/wineayk/

Neue Nachrichten aus dem All

Keine Pressefotografien.
Und alle ungeschminkt.

So war der Abend für uns. Eindrücke von der Eröffnung des Theatertreffens. Eröffnet wurde mit der Inszenierung “Die Schutzbefohlenen” von Elfriede Jelinek in der Regie von Nicolas Stemann.

 

Die Ruhe vor dem Sturm

Premierentag TT

 

Hoffnungsloses Warten auf die Muse der Dichtkunst

Premierentag TT

 

#nofilter

Premierentag TT

 

Wenn sie keinen Kuchen wollen, gebt ihnen Sekt und Brezeln!

Premierentag TT
TT-Blogger*innen Oliver Franke, Rebecca Jacobson und Valerie Göhring

 

Theater ohne vierte Wand: Wie weit geht die Kraft der Kunst?

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Tischgespräche nach “Die Schutzbefohlenen” mit Nicolas Stemann

 

Hallo, wir sind der Theatertreffen-Blog und wir berichten live und in Farbe.

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TT-Blogger Oliver Franke

 

Währendessen im Foyer…

Premierentag TT

 

NEFFERT RETAEHT

Premierentag TT

 

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TT-Bloggerin Valerie Göhring mit Moritz Rinke

 

Wenn Theater nicht Theater hieße, müsste es Thaeter heißen.

Premierentag TT

 

 

 

Verzweiflungstaten: Die Schutzbefohlenen

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Ohne Reden, Danksagungen und Blumen eröffnet das Theatertreffen. Nicht in diesem Jahr, nicht vor ausgerechnet dieser Produktion. Denn unerbittlich wächst die fünfstellige Zahl, die in großen weißen Ziffern die Rückwand der Bühne beherrscht. Es tickt wie bei einer überdimensionierten Uhr, wenn die Anzeige in unregelmäßigen Abständen umspringt. Im Laufe von zwei Theaterstunden wird so bei knapp 25.200 enden, was mit 25.040 begonnen hatte. Vielleicht ist es ein Hinweis auf die Zahl der in Berlin unter das Asylbewerbergesetz fallenden Flüchtlinge, die ungefähr auf diese Größenordnung taxiert wird. Wohlmöglich ist es auch ein makabrer, willkürlich begonnener „death toll“ all jener, die tagtäglich vor der europäischen Haustür im Mittelmeer ertrinken, in den Frachträumen von Flugzeugen erfrieren oder im Stacheldraht der Grenzzäune verbluten. So oder so: In der Welt da draußen steigt sie, diese Zahl, während man hier, im Theater, tief in die Polster rutscht.

Die Macht des Faktischen

Nicolas Stemanns Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek, die über Mannheim nach Hamburg und schließlich zum Theatertreffen gewandert ist, wird umklammert von diesem Counter. Noch wenn ganz am Ende das Licht ausgeht, bleibt die erreichte Zahl dramatisch leuchtend im Raum stehen. Ohne je konkret darin zu werden, was sie benennt, behauptet sie die Macht des Faktischen und verweist stumm auf den jenseits aller Debatten und Diskurse liegenden Skandal: Dass es Flüchtlinge gibt, dass sie leiden, dass sie sterben. Und dass ausgerechnet Europa, gegründet auf der Universalgültigkeit der Menschenrechte, dabei zusieht.

Die gestische Wucht dieses Bühnenelements besetzt das eine Extrem einer an Diskrepanzen und Ambivalenzen nicht gerade sparenden Produktion. Ihm zur Seite hat Nicolas Stemann einen vielstimmigen „Flüchtlingschor“ gestellt, der das anklagende „Wir“ der Text-Vorlage aufgreift und verkörpert. Jelinek hatte für ihr Stück die zentrale Funktion des Chores aus Aischylos’ „Die Schutzflehenden“ entlehnt und dessen Menschenrechtsthematik mit den Ereignissen rund um die Besetzung der Wiener Votivkirche durch protestierende Flüchtlinge im Jahr 2012 verschaltet. Stemann wiederum passte diese Elemente den Situationen an den Aufführungsorten an und konnte so etwa in Hamburg Flüchtlinge aus der dortigen St.-Pauli-Kirche für die Mitarbeit gewinnen. Bei den Berliner Vorstellungen sind nun einige der Frauen und Männer hinzugekommen, die bis April 2014 den Kreuzberger Oranienplatz besetzt gehalten hatten. Ihnen gehören die eindrücklichsten und stärksten Momente der Inszenierung. Dabei tun sie oft gar nicht viel mehr, als am Bühnenrand stehend dem Publikum auseinanderzusetzen, was es zum Beispiel mit einem Menschen anstellt, der im Protest tagelang in einem Baum sitzend ausharrt. Die Sudanesin Napuli Langa hat das getan. Ihr Auftritt erntet Szenenapplaus.

Der Abend eines Versuchs über einen Versuch

Doch „Die Schutzbefohlenen“ will kein aktivistisches Theater sein, jedenfalls nicht nur. Deshalb stellt es neben das ungebrochene Pathos des „Flüchtlingschores“ eine Riege verdienter Thalia-Schauspieler, die das volle Programm der postdramatischen Theaterglaubenskrise abspulen müssen. Unvermeidlich entwickelt sich so auch ein „Abend über den Versuch einer Stemann-Inszenierung über ein Jelinek-Stück über Flüchtlinge“, sprich: Alle nur denkbaren Diskursfallstricke werden nicht nur vorsorglich schon gekappt, sondern auch gleich beschrieben, vermessen, eingerollt und katalogisiert.

Das beginnt einigermaßen plump, wenn drei (weiße) Schauspieler, die zu Beginn mit dem Jelinek-Text ringen, einen anderen (schwarzen) Schauspieler partout auf Englisch zur Mitwirkung überreden wollen – ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei diesem um einen echten Hamburger Jung’ handelt. Und es endet, hochelaboriert, mit dem vielzitierten Satz: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen.“ Der Sensibilität des Sujets geschuldet, versucht Stemann allen Kunstnebel zu vermeiden, gerade indem er ihn doppelt und dreifach versprüht, um anschließend mit dem Finger darauf zeigen zu können. Die Folge ist ein Theater, das seine eigene Entschuldigung permanent mitspielt, so untadelig wie aalglatt. Wer hier „drinnen“ schon nicht als Betroffene/r spricht, sollte wenigstens den Aufwand betreiben, sich durchs Dickicht der Kunstdiskurse zu schlagen. Doch dabei verstreicht die Zeit im Gleichtakt mit jener unaufhaltsam wachsenden Zahl an der Bühnenrückwand. So oder so ähnlich entfaltet sich das Dilemma, vor dem „Die Schutzbefohlenen“ letztlich kapituliert, vielleicht sogar kapitulieren muss. Wo das Theater derart bitter an sich selbst verzweifelt, bleibt nur noch die Zuflucht im Appelativen und sich gemein Machen mit einer guten Sache. Immerhin dafür darf das Licht im Saal dann trotzdem nochmal ausgehen.