Popkultur und Massenmord: „Hate Radio“

Hate Radio“ von Milo Rau und dem International Institute of Political Murder setzt sich mit der Rolle des kigalesischen Radiosenders RTLM während des Genozids in Ruanda im April 1994 auseinander.
Dieser Genozid, also die versuchte Auslöschung der Tutsi-Minderheit durch die Hutu-Mehrheit in Ruanda, ist in seinen Ausmaßen kaum zu erfassen oder zu beschreiben. Im umfangreichen Programmheft, das aus einer Sammlung von Interviews und Essays besteht und zu Beginn an alle Zuschauer verteilt wird, heißt es: „Die Zahl der Opfer konnte nur geschätzt werden: Nach Regierungsangaben starben in 100 Tagen rund 1.174.000 Menschen, 10.000 pro Tag.“ Diese Morde waren von der Regierung legitimiert, wurden aber von einer breiten Masse der Bevölkerung durchgeführt. Die Mörder kannten die Ermordeten meist als Nachbarn oder Familienangehörige. Das wirft Fragen auf: Wie kann es zu einem Genozid kommen? Wer ist dazu fähig?
„Hate Radio“ begegnet dieser Komplexität der Thematik, indem ein Ausschnitt fokussiert wird: Radio-Télévision Libre de Mille Collines, kurz RTLM. Das Konzept von RTLM, oder „Radio Sympa, die Stimme des Volkes“, als das es sich selbst bezeichnete, setzte auf betont lockere Moderatoren und auf ein junges Publikum ausgerichtete Musik. Dazwischen: Denunziationen und rassistische Mordaufrufe. Gewalt wurde hier als Teil eines attraktiven Life-Styles präsentiert und reihte sich ein in positiv-konnotierte Kontexte: Joints und Bier sind cool, die Musik ist cool, Tutsis jagen und töten ist cool. Wer auch cool sein will, kann ganz einfach dazu gehören: kiffen, die Musik von RTLM hören und Tutsis töten. Gewalt und Mord wurden so nicht nur als legitim und vollkommen selbstverständlich gesamtgesellschaftlich etabliert, sondern als attraktiver Life-Style aufgewertet.
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The TT-bloggers on Ein Volksfeind

Heiner Müller, Shakespeare, Ibsen’s patriarchal issues, East German comedy, Fukushima, Haribo, “the modern marriage,” fascism, capitalism, communism, racism, and even the delay of the brand-new Berlin Airport were all brought up in the Publikumsgespräch following last night’s Ein Volksfeind. On stage, there were at least a dozen people who’d actually worked on the play talking about their take on it, and yet their answers never made any coherent sense; it was as if they’d all been working on different plays. First, I thought this was due to my lack of German skills, or perhaps those of my interpreter. But then one audience member quite simply asked director Lukas Langhoff what the play was about and Langhoff responded that “there is no one true meaning,” continuing on to say he did not want to “force any one theme or meaning onto the audience.”
Right. As we are now arguably living in a so-called postmodern era where any unitary truths have arguably disappeared, I could have swallowed the director’s response if he had succeeded in convincingly transcending any particular “truth.” However, after sitting in the auditorium of the Haus der Berliner Festspiele for two very long hours, I only got bits and pieces of the aforementioned random themes, and none of them fully persuaded my mind or reached my soul. The only thought that constantly came back to my mind was: Too many cooks spoil the broth.
This is why I decided to write this article “collectively.” That is, I asked all the TT-blog contributors present after the performance to provide their opinion on how “the soup tasted,” or what they perceived to be the play’s meaning. See if we can’t make sense of this together: Continue reading The TT-bloggers on Ein Volksfeind

Ihr Tag mit dem TT (5)

Heute steht die zweite Vorstellung des Macbeth plus Publikumsgespräch an. Wir haben ein Video für Sie vorbereitet, mit Fragen, die Sie beim Publikumsgespräch besser nicht stellen sollten – ein kleiner Service zur Vorbereitung auf den Abend, damit Sie sich nicht vor Deutschlands Theateröffentlichkeit blamieren.

Schau mir in die Augen, digitales Publikumsgespräch!

Es ist vollbracht: Die TT12-Nominierungen stehen und es gibt ganze fünf Überschneidungen mit dem alternativen nachtkritik-Theatertreffen. Heute hat die TT Jury ihre Entscheidung öffentlich bekanntgegeben, das 49. Theatertreffen rückt näher und näher.
Es ist, auch wenn das oft gar nicht so augenscheinlich wird, weil während des Festivals die Kulturprominenz immer in den ersten Reihen sitzt, grundeigentlich ein Debatten-Festival: 430 Inszenierungen haben die sieben Jurorinnen und Juroren angesehen und diskutiert, die zehn “bemerkenswertesten” sind im Mai innerhalb von drei Wochen in Berlin noch einmal zu begutachten, nach jeder “TT Premiere” stellen sich die Ensembles im Publikumsgespräch den Fragen der Zuschauer, die Presse-Akkreditierungen sind heißbegehrt, denn über die Eingeladenen wird berichtet – und debattiert.
Das alles ist natürlich noch lange hin. Weil aber die Diskussionen sofort nach Bekanntgabe der TT Einladungen einsetzen, also jetzt und heute, ist auch das TT Blog in diesem Jahr schon vor Festivalstart diskussionsbereit. Mit Leserbrief-Funktion (schauen Sie bitte in die rechte Spalte) und wöchentlichen Beiträgen der neuen TT12-Blog-Redaktion, die ebenfalls kommentiert werden wollen, mit einer mobilen Seite, die Sie ganz bequem auf Ihrem mobilen Endgerät aufrufen können, und mit einem neuen aufgeräumten Design soll dem Hin und Her des Dialogs nichts mehr im Weg stehen.
Nicht Mitmachtheater, sondern Publikumsgespräch im Hier und Web: Du kannst beginnen.

Live-Blog of the “Via Intolleranza II” talkback

Tonight is the last official night of the Theatertreffen, and we are blogging up to the final minute, with the last of our live blogs. Starting at 22:00, you can follow the Via Intolleranza II audience discussion here. I will be sharing the threads the discussion follows and my impressions and reactions – all in the role of an audience member, filling the seat of those of you who can’t be here but wish you could. So get that “refresh” button ready, and please feel welcome to comment (in English or German). And as preparation, read up on Christoph Schlingensief’s opera village.

Via Intolleranza II Mamounata Guira Foto: Yehuda Swed
Mamounata Guira (Performer, Via Intolleranza II). Foto: Yehuda Swed

22:13 The talkback is scheduled to start in two minutes – a little later than planned. The show ran until shortly before 10pm, and it’s our last night to enjoy the garden bonfire, after all…

22:17 Slowly but surely, the audience brings its pretzels and beer upstairs. Maybe they were all busy downstairs at the donations booth, responding to the call for donations to the opera village during the curtain call.

22:19 By the way, I hate to spread stereotypes – but I’m really not kidding about the pretzels and beer.

22:20 Here we go! Curious to see how this plays out, because I know a couple of people on the podium don’t speak German.

22:22 Got it. Wilfried Zoungrana‘s on it.

22:26 A question on the actors from Burkina Faso about the casting in Ougadougu: Why did you want to participate? How did you end up participating? There were 300 people participating – why did you want to take part? Isabelle Tassembedo: “I’ve never acted before, I came because I heard they needed a woman of my age. And as soon as I got there, I realized there was no language barrier. Even though we didn’t speak the same language, I understood him.” (Also, a correction from Tassembedo: “actually, there were 400 participants.”)

22:30 Schlingensief has a convert to the theater through Tassembedo: “I had a lot of fun. I think I’ll keep going.”

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Live-Blog vom Publikumsgespräch zu “Nora”

Heute Abend gehen die so genannten “Herbert-Fritsch-Festspiele” am Theatertreffen zu Ende. Vorher gibt es aber um 22.15 Uhr noch ein Publikumsgespräch zu “Nora”. Wir bloggen wie immer live und berichten, was passiert, wenn “Biberpelz”-Hasser auf “Nora”-Liebhaber treffen. Oder umgekehrt. Und vielleicht kommen wir ja auch Fritschs heissdiskutiertem “Luder” auf die Spur.

22:13h: Fast nichts an diesem Theatertreffen ist so umstritten wie Fritschs Frauenbild. Mal sehen, was für Frauen beim Publikumsgespräch auftauchen… Bis jetzt: vorwiegend Damen in grau, frisch frisiert und über 50. Keine Luder.

22:14h: One minute til the talkback’s supposed to start, and Fadrina and I are feeling, weirdly, unprepared – flipping through the Theatertreffen booklet like bad schoolkids studying last-minute for a test. Who was in this play again? Who’s going to be talking to us? At least we know who the director is…

22:15h: Kleider-Check bei uns beiden. Fadrina: ebenfalls grauer Pullover, also unbeabsichtigt im unabgesprochenen Dress Code des Abends. Cory hingegen: rot! (Aber auch nur, nachdem sie ihre graue Jacke ausgezogen hat.) Wenigstens ein Farbtupfer im Publikum.

22:20h: This play wasn’t surtitled in English. I wonder if there were any English speakers in the audience? The play was pretty to look at but as far as the content – well, non-German speakers wouldn’t necessarily get much less out of it than German speakers. (Maybe not so true of this bilingual live-blog…)

22:22h: Jetzt geht’s los! …mit Mikroschwierigkeiten…

22:23h: Iris Laufenberg in bunt gemustertem T-Shirt! Danke!

22:24h: Alle Schauspieler plus Herbert Fritsch (natürlich) und der Oberhausener Intendant Peter Carp sind da. Dazu Jury-Mitglied Wolfgang Höbel.

22:25h: Started right away with the good stuff. Feminism.

22:26h: Wolfgang Höbel: “Nora” ist oft komplett falsch verstanden worden. Da steckt natürlich ein feministischer Gewaltakt hinter der Geschichte, das hat nur keiner bemerkt.” Damit tut er einem halben Jahrhundert feministischer LeserInnen aber sehr unrecht…

22:28h: Third time I’ve heard Fritsch speak, third time I’ve heard him explain how he didn’t want to do “A Doll’s House” at all. Something new please?

22:30h: Ein Rätsel lüftet sich: Die Musik aus der Inszenierung stammt aus den Hitchcock-Filmen “Psycho” und “Vertigo”. Continue reading Live-Blog vom Publikumsgespräch zu “Nora”

Live-Blog zum Publikumsgespräch zu “Don Carlos”

Heute Abend bloggen wir wieder live vom Publikumsgespräch. Diesmal geht es um die “Don-Carlos”-Inszenierung. Der Regisseur Roger Vontobel wird unter anderem mit dem Theatertreffen-Juror Andres Müry, aber hoffentlich auch mit einem kritischen Publikum diskutieren. Moderation: Barbara Burckhardt, Start: 23 Uhr. Zur Vorbereitung empfehlen wir Matt Cornishs Kritik (Englisch), unsere Zitat-Kritik und Johanna von Stülpnagels Zeichnung. Original-Schiller hier.

22:53: Bald geht es los. 30 Leute im Publikum, 16 Stühle auf der Bühne, wer kommt da wohl gleich alles? Nur zur Klärung: Dieses Format ist nicht ironisch gemeint, wir sind eine Art Service.

23:00: Die Reihen füllen sich, angenehmes Murmeln. Bemerkenswert: die Freitagabenddisziplin der tt-Besucher.

23:04: Moderatorin Barbara Burckhardt bittet “die Herrschaften” auf die Bühne: Regisseur Roger Vontobel besetzt die Stühle mit Cast und Crew.

23:06: Barbara Burckhardt entschuldigt sich im Namen der Berliner Festspiele für die Affenhitze in den Rängen.

23:08: Vontobel: Don Carlos ist eines der besten Drehbücher, die ich je gelesen habe. – Ja, genau, eine Art Tatort.

23:09: Nochmal Vontobel: Die Dinge überschlagen sich, die Arbeit mit Video hat es ermöglicht, dass sehr viel gleichzeitig passiert.

23:12: Dramaturg Robert Koall freut sich, dass jemand endlich die Textfassung erwähnt. Immer noch ein “dreieinhalb Stunden-Abend”. 40 Prozent der Originals sind uns heute entgangen, ohne Kürzung säßen wir jetzt noch in der Affenhitze.

23:13: Burkhart Klaußner redet über die unendliche Verquickung von Privatem und Politischem bei Schiller, bei Schiller sei das aufgehoben wie die “Fliege im Elfenbein”. Äh, Bernstein. Continue reading Live-Blog zum Publikumsgespräch zu “Don Carlos”

Live-Blog zum Verrückten Blut

Live-Blog: a heated talkback with audience after the second performance of Verrücktes Blut (Mad Blood), Ballhaus Naunynstraße. Related: the tt-Blog Verrücktes Blut Kritik (German) and the “post-migrant theatre” lexicon (English).

22:21 We’re in the theater! Still gathering some chairs and actors…

22:22 Introducing the line-up. It includes Shermin Langhoff (Artistic Director), Nurkan Erpulat (playwright), Franz Wille (Theatertreffen jury member).

22:24 “Would be hard to explain why you wouldn’t invite this play.” Franz Wille, Theatertreffen jury member

22:26 Wille’s talking about theater as a center for debate. I’d like to invite anybody who’s on Twitter and wants to join in the conversation right now to tweet at me: use the hashtag #tt11.

22:27 Artistic Director Shermin Langhoff on the definition of post-migrant theater: she’s been asked this a lot. About why it was important to come up with this definition at all:

  • Inspiration: Berlin’s (and Germany’s) incredible diversity
  • Felt that this diversity was visible in other media (film, novels) but not yet in theater
  • Defining a term helps create visibility and potential for financial/cultural support

22:32 Nurkan Erpulat (Verrücktes Blut playwright) says: sometimes people think this is a play for youth! But it’s actually for the educated middle class. Continue reading Live-Blog zum Verrückten Blut

Noch wirklicher!

Unser Live-Blog vom Publikumsgespräch zu “Testament”. Mieke und Manfred Matzke, Sebastian und Joachim Bark, Fanni und Peter Halmburger, Lisa Lucassen, Barbara Burkhardt (Moderatorin), und Christine Wahl (Theatertreffen-Jurorin) sitzen auf der Bühne und erwarten uns.

22:30 Barbara Burckhardt: Es gibt mehr Töchter und Väter in der Besetzung als es eigentlich Platz in der Inszenierung gibt. Wie funktioniert das in verschiedenen Vorstellungen?

Mieke Matzke: Ja! Wir haben insgesamt vier verschiedene Versionen. Manchmal muss irgendjemand mit den Kindern zu Hause bleiben oder reist und kann nicht mitspielen.

22:40 Burckhardt: Die Szene, wo ich immer an meisten mitgenommen bin, ist die langsame Steigerung der Pflege. Wie entstand die Szene? Continue reading Noch wirklicher!