Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2013 an Julia Häusermann

Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis, der jährlich beim Theatertreffen von der Alfred-Kerr-Stiftung und der Tagesspiegel-Stiftung verliehen wird, geht in diesem Jahr an Julia Häusermann. Die 21-jährige Schauspielerin ist Mitglied im Ensemble des Theater HORA in Zürich. Sie wurde für ihr Spiel in „Disabled Theater“, einer Produktion von Jérôme Bel, Theater HORA Stiftung Züriwerk und HAU, ausgezeichnet (hier alle unserer Beiträge zu der Inszenierung). Seit 2011 wird über sie ein Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens SF1 gedreht. Vor sechs Jahren begann sie mit dem Schauspielunterricht bei Urs Beeler.

Julia Haeusermann
Applaus für das Ensemble des Theaters Hora im Hebbel am Ufer während des Theatertreffens. Ganz links: Kerr-Preisträgerin Julia Häusermann. Foto: Piero Chiussi

Der alleinige Juror des Preises, der Schauspieler Thomas Thieme, begründete seine Wahl bei der Preisverleihung so: „Ganz sie selbst, von anarchischem Humor, stiller Aggressivität und so unendlich traurig. Von immenser Kraft und beängstigender Zartheit, ganz weich und auch wie ein Muskel. Jede Bühnensekunde beschäftigt: mit ihrem Spiel, mit sich, mit der Liebe zu dem Riesen, der neben ihr sitzt. Existenz im Augenblick. Schwermut und Übermut zugleich.”

Dem Theatertreffen-Blog hat sie ein kleines, szenisches Interview gegeben. Wir gratulieren ihr ganz herzlich!

 

 

The stars, the sky and Gianni

Wer klatscht wann? Einer ganz allein in der letzten Reihe klatscht im Takt zum Beat. Die Frau neben mir klatscht nach jedem einzelnen Beitrag, der von der Bühne kommt. In der ersten Reihe steht eine Frau auf und geht. Das Husten wird lauter. „The stars, the sky and Gianni“, der Schauspieler Peter Keller sagt ihn öfter, diesen Satz. Jemand aus dem Publikum kommt plötzlich auf die Idee ihn mitzusprechen! Wir sind doch nicht im Kasperletheater!
Niemand im Publikum tut das, was sonst so oft erwartet wird vom Zuschauer: reinsetzen, Klappe halten, alles um sich herum vergessen und vor allem die restlichen Zuschauer großzügig ausblenden. In Jérôme Bels „Disabled Theatre“ mit Schauspielerinnen und Schauspielern des Theater Hora beobachtet sich das Publikum selbst, immer ängstlich mit der Frage beschäftigt – wie verhalte ich mich politisch korrekt? (Lesen Sie auch unsere Interviews mit dem Regisseur Jérôme Bel und mit dem Schauspieler Damian Bright, eine Kritik auf Deutsch und eine auf Englisch.)

Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE
Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE

They Don’t Really Care About Us. Kritik zu „Disabled Theater“ von Jérôme Bel

Gestern Abend hatte Jérôme Bels „Disabled Theater“ Theatertreffen-Premiere im HAU 1. Lesen Sie hier außerdem ein Interview mit dem Schauspieler Damian Bright, hier eines mit dem Regisseur Jérôme Bel.

Menschen mit Behinderung darf man nicht anschauen. Das haben uns unsere Mütter schon beigebracht. Und man darf sie nicht anlächeln. Das geht überhaupt gar nicht.

Während der eineinhalb Stunden Theatererlebnis in Gesellschaft von Jérôme Bel und seinem Ensemble vom Theater Hora, überschreitet man beide Verbote sofort. In der Inszenierung „Disabled Theater“ spielen elf Schauspieler mit, die alle mit Down-Syndrom oder Lernbehinderung leben – oder sogar mit beidem. Das erfährt man schon in erster Szene, wenn jeder einmal vorn auf der Rampe für eine Minute steht. Einige nehmen sich mehr Zeit, andere weniger. Es geht nicht um Präzision, sondern vielmehr um Präsentation, und der Schauspieler präsentiert sich selber auf die beste Art und Weise. Die Schauspieler stellen sich vor. Sie erzählen, lächeln, weinen und tanzen zu ihrer Lieblingsmusik, machen Witze, kümmern sich umeinander und reflektieren über das Stück. Chris, der Übersetzer auf der rechten Seite, ist für die Dramaturgie verantwortlich. Die elf Schauspieler setzen sie um. Continue reading They Don’t Really Care About Us. Kritik zu „Disabled Theater“ von Jérôme Bel

Disabled Theater or Freak Show?

In the interest of full disclosure: My older brother is considered “disabled”, as the term is applied in the oh-so-politically incorrect title of the work Disabled Theater. Over the course of his childhood he was diagnosed with various learning disabilities and eventually with a form of Asperger Syndrome.

This means that people perceived to have various varieties of intellectual handicaps have always been a part of my life. I can also still remember the years before I realized that society would treat my brother so differently from me. Before the teasing began at school, before the endless cycles of medications, before his job prospects started to sink from minimal to almost non-existent.

So when I sat in the HAU1 theater in November looking at the “disabled” actors present themselves and be presented in Disabled Theater, I didn’t instantly feel some sort of new and foreign “otherness”. But I also wasn’t looking for it. I had come to the theater to see Jerome Bel’s work, as commissioned by the Theater Hora in Zurich, so that’s what I was trying to pay attention to.

When it became clear that Bel’s structure was pretty simple – a series of instructions that were dutifully completed – I tried to understand his rationale for presenting these performers in such a fashion. And while it wasn’t entirely clear in the theater, I went through his website later, and saw in an interview with the piece’s dramaturg that the structure is basically a retelling of his initial encounters with the performers. This experience apparently had such an impact on him that he decided to keep it as the end product, allowing the audience to go through the same process of discovery that he did – which I guess I can understand as a charmingly naive and child-like approach to the subject of disabilities on stage.

Disabled Theater, Photo Michael Bause
Theater Hora performer Lorraine Meier in front of the rest of the ensemble during a performance of Disabled Theater. Photo Credit: Michael Bause

But it also comes across as a certain ignorance of the place of intellectual handicaps in society in general and theater specifically (in Berlin Theater RambaZamba and Theater Thikwa have been working with actors perceived to have intellectual disabilities for a total of over forty years). And while Bel’s experience may reflect that of society at large, his presentation brazenly fails to question it. Continue reading Disabled Theater or Freak Show?

„Ich kann alles spielen.“ Ein Interview mit Damian Bright

Nach einem Skype-Interview mit Jérôme Bel, das hier im TT-Blog zu lesen ist, traf ich mich heute zum Gespräch mit Damian Bright, einem der Schauspieler aus „Disabled Theater“. Wir sind im Hotel verabredet, nahe beim HAU, wo alle Schauspieler untergebracht sind. Ein Fernsehteam macht mir Konkurrenz. Alle wirken jedoch relaxed. Der Rummel scheint schon Routine geworden zu sein.

Theater Hora performer Damian Bright in front of the rest of the ensemble during a performance of Disabled Theater. Photo Credit: Michael Bause
Damian Bright vom Theater Hora, Zürich, in einer Szene von Jérôme Bels Inszenierung „Disabled Theater“. Foto: Michael Bause

Clemens Melzer: Ihr seid eigentlich Schauspieler (Am Theater HORA in Zürich durchlaufen alle eine zweijährige Ausbildung, um dann als professionelle Schauspieler in verschiedenen Inszenierungen zu spielen). War es da nicht komisch, bei Jérôme Bel plötzlich zu tanzen?
Damian Bright: Eigentlich gar nicht. Für mich war das keine Überraschung. Ich hatte ja schon vorher Jérômes „The Show must go on“ gesehen. Für andere von uns war es aber eine Umstellung. Es ist ja so, dass Jérôme will, dass wir auf der Bühne wir selbst sind.

CM: Geht das denn, dass man auf der Bühne „man selbst“ ist?
DB: Nein, das geht zu einer Rolle über. Man muss ja immer das Gleiche sagen: Name, Alter, Beruf. Das wird dann eine Rolle, weil ja dieses Konzept da ist.

CM: Gab es Diskussionen? Habt ihr beispielsweise gefragt, warum ihr diese vorgeschriebenen Sätze sagen sollt?
DB: Das haben wir nicht gefragt. Das ist Kunst, was wir machen. Ich habe im Fernsehen von einer Frau gehört, die nach einer Aufführung geweint hat. Kunst soll berühren. Das können die Kritiker dann hinterfragen, aber das ist nicht unsere Aufgabe als Schauspieler. Es gab bei den Proben keine Diskussionen. Was aber eigentlich immer passiert, ist, dass jemand eigene Sachen machen möchte. Continue reading „Ich kann alles spielen.“ Ein Interview mit Damian Bright