Man ist eben noch gar nicht tot, wenn man tot ist

Unter dem Motto „Wieso ist das deutschsprachige Theater eigentlich immer noch so interessant?“ eröffnete Thomas Oberender am 6.5.2016 das 53. Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele mit einer lakonisch vorgetragenen Rede zur kuratierenden Funktion des Theatertreffens. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach in Reaktion darauf von der Notwendigkeit der Bewahrung theatraler Vielfalt in einer pluralistischen Zeit. Im Anschluss eröffnete Karin Beiers „Schiff der Träume“ das Festival. Unsere AutorInnen Falk Rößler und Theresa Thomasberger haben zu dem kontroversen Stück zwei Texte verfasst. Es geht los. Continue reading Man ist eben noch gar nicht tot, wenn man tot ist

It's a woman's world! Schauspielerinnen beim Theatertreffen

Immer ist die Rede vom Regiekonzept. Selten die Rede von den Darstellern. Wir finden: Dieses Theatertreffen ist eine Woman-Show. Auffallend viele der zehn bemerkenswerten Inszenierungen bestreiten Schauspielerinnen.

50. Theatertreffen
Sandra Hüller nahm heute per Skype den 3sat-Preis entgegen. Vor dem roten Vorhang an der großen Bühne, Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi

Und wir hatten recht: Heute Mittag wurde der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung vergeben. Er ging an Julia Häusermann in „Disabled Theater.” Und auch den 3sat-Preis bekam eine Frau: Sandra Hüller für ihren Auftritt in „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.” Gratulation!

Es ist leicht zu entscheiden, ob einem deren Spiel gefällt oder nicht. Schwierig bis nicht machbar ist es hingegen, zu benennen, was die da tun. Zu begreifen, was diese Schauspielerinnen auf der Bühne vollziehen, wie sie ihre Worte zum Klingen bringen, mit welchen Bewegungen sie den Raum füllen. An dieser Aufgabe kann man nur scheitern (sagt unser Mentor Dirk Pilz). Die Frage ist, auf welchem Niveau. Wir versuchen es mal: deutschsprachige Rollenporträts zu Constanze Becker, Sandra Hüller, Judith Rosmair, Julia Wieninger und englischsprachige zu Lina Beckmann, Lena Schwarz und Kate Strong.

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Die Wahl zwischen Konvention und Konvention. „Die Ratten“ ohne Zähne

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann, 1911.
Handlung: Die proletarische Jette John durchlebt eine sogenannte „Muttertragödie“, versucht, das Kind einer anderen als ihres auszugeben und begeht schließlich Selbstmord.
Erster Satz: Ick stürze mir in Landwehrkanal und versaufe.
Regisseurin: Karin Henkel, dritte Einladung zum TT.
Bühne: Schauspiel Köln.
Beim TT 2013: Hintere Bühne im Haus der Berliner Festspiele.

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Lina Beckmann als Frau John in Karin Henkels Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten” . Foto: Klaus Lefebvre

Sie kommen durch die Wände. Sie springen aus Luken herab, krabbeln aus ihren Verstecken hervor, kriechen von überallher zur Bühnenmitte. Schrammelnde Gitarre und hämisches Gekreische begleiten den Überfall der Ratten. In atemlosem Tempo, mit dreckiger Berliner Schnauze ächzen und johlen sie den Text, der im Gängesystem widerzuhallen scheint, durch welches das Publikum zur Hinterbühne der Berliner Festspiele geschleust wurde, vorbei an Technik und Requisite. Zu Beginn der Theatertreffen-Premiere des Hauptmann-Klassikers entsteht im Echo des Bühnenlärms die Atmosphäre einer tiefen, zugigen Halle, wozu die klappernde und knirschende Zuschauertribüne einiges beiträgt: Der Raum klingt endlos größer, als das, was von ihm zu sehen ist. Hier soll sich niemand zu Hause fühlen. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Abends herrscht jedoch wieder der vertraute Stubenmuff soliden, dramatischen Mainstreams, der unter Schulterzucken souverän schreit und weint.

Dabei hätte die Inszenierung durch so viele Gänge abbiegen, sich in Schlupfwinkel kauern oder zum Angriff übergehen können. Der Dachboden des Theaterdirektors Hassenreuter, in der Dramenvorlage nur Nebenschauplatz bürgerlicher Gestrigkeit, bildet hier den Rahmen des Abends, ein Regieeinfall, der zunächst erstaunlich gut funktioniert. Über- und Unterbau sind nicht mehr zu unterscheiden und damit nicht mehr das künstliche und das echte Spiel. Zwischen vollgestopften Kleiderständern schlüpfen die Schauspieler zu Beginn in einen Volkstheater-Fundus, streifen sich schrille Rollen über, die im nächsten Moment schon wieder hinterfragt werden. Continue reading Die Wahl zwischen Konvention und Konvention. „Die Ratten“ ohne Zähne

Alfred-Kerr-Darstellerpreis an Lina Beckmann

Lina Beckmann nach der tt Premiere von "Der Kirschgarten". Foto: Piero Chiussi

Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis, der seit 1991 für die herausragende Leistung eines deutschsprachigen Nachwuchsschauspielers verliehen wird, geht in diesem Jahr an die 30-jährige Lina Beckmann. Sie war im Rahmen des Theatertreffens in zwei Inszenierungen des Schauspiel Köln zu sehen: in “Das Werk / Im Bus / Ein Sturz” (Regie: Karin Beier) und als Warja in “Der Kirschgarten” (Regie: Karin Henkel).

Die Schauspielerin und Jurorin Eva Mattes sagte in ihrer Laudatio: “Lina Beckmann ist mir nahegerückt durch ihr Spiel und hat mich das ganze Theatertreffen hindurch begleitet. Sie hat mich nicht mehr losgelassen, und bei all‘ meiner Liebe zu den anderen hoffnungsvollen Begabungen, ließ sie sich nicht verdrängen. She’s a natural woman und sie beherrscht die Bühne.”

Die Kölner können die Preisträgerin gleich heute Abend wieder spielen sehen; in Berlin war sie daher nur in einer Videoaufzeichnung anwesend.

Schmutzig, hässlich? Schön!

Ab in die Umkleide, schnell in Schale schmeißen und zu guter Letzt in die Maske. Dann ertönt auch schon der Gong- es ist an der Zeit, auf die Bühne zu gehen.

Vor der letzten tt-Aufführung von Karin Beiers “Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” aus Köln machte das Ensemble eine Ausnahme und legte noch einen Zwischenstop ein. Fast ausnahmslos sprinteten sie nach der Maske in die zweite Etage und posierten für mich vor der Kamera. Ich habe sie ins rechte Licht gerückt – wie schön die “Schmutzigen” und “Hässlichen” in Wirklichkeit sind:

RTL 2 präsentiert: das poetisierte Grauen

“Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” in der Inszenierung von Karin Beier basiert auf einer bissigen Sozialsatire der italienischen Filmemacher Ettore Scola und Ruggero Maccari: Ein Haufen amoralischer Gestalten lärmt, klaut und vergewaltigt vor dem schönen Panorama von Rom. In der Kölner Bühnenadaption sind die Schauspieler hinter Glas gesperrt und werden so zu einem Zoo bunt gekleideter Körper.

Susanne Barth steht stumm inmitten des Chaos wie eine Mater Dolorosa des White Trash. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung in dem Haufen aus Jogginghosen und Strickjacken, den das Ensemble von Karin Beiers Kölner Inszenierung “Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” bildet.

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