Jeder googlet für sich allein

Das großartige Bühnenbild in Luk Percevals Inszenierung von „Jeder stirbt für sich allein“, für das Annette Kurz 4000 Haushaltsgeräte so auf einer riesigen dunklen Platte angeordnet hat, dass man in ihnen Häuser, Fabriken und Plätze erkennen kann, hat mich über den Abend gerettet. Und löste für meine „Zeichenkritik“ sofort Assoziationen zu den Vogelperspektiven von Google Maps aus (zum Lesen gäbe es auf dem Blog noch eine geschriebene Kritik und ein Interview mit Luk Perceval).

Zeichnung: Henrike Terheyden / KENDIKE
Zeichnung: Henrike Terheyden / KENDIKE

„Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Meine Kritik zur gestrigen TT Premiere von „Jeder stirbt für sich allein“ ist scharf ausgefallen. Ob Luk Perceval, der Regisseur dieser Bühnenversion des Romans von Hans Fallada, sie schon gelesen hatte, als wir uns heute im Garten des Hauses der Berliner Festspiele trafen, weiß ich nicht. Ich fasse mich kurz: „Ich habe mir mehr erhofft“, überwinde ich mich zu sagen, und: „Ich war nicht so glücklich“. Keine leichte Übung, diese Begegnung, um ehrlich zu sein. Ich schalte das Aufnahme-Gerät ein. Während ich rauche, isst Luk Perceval eine Birne.

Luk Perceval im Gespräch im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi
Luk Perceval im Gespräch mit Gästen im Haus der Berliner Festspiele am Premierenabend seiner Fallada-Adaption beim Theatertreffen 2013. Foto: Piero Chiussi

Clemens Melzer: Es gibt ja viele Inszenierungen über die NS-Zeit. Was gibt es dazu überhaupt noch zu sagen?
Luk Perceval: Was diesen Text von anderen unterscheidet, ist, man fühlt sich angesprochen: Was würde ich machen in der Situation? Er sagt nicht: Die bösen Nazis, die wie Aliens zwischen ’33 und ’45 Deutschland besetzt haben, sondern erzählt, wie jeder aus einer Art von Egoismus dieses System ausgenutzt hat, wie das System wiederum die Angst der Leute ausgenutzt hat und dass es schwierig war, dem System zu entkommen. Und er entscheidet sich deutlich vom Culpabilisieren der Alten. Es geht in diesem Text vielmehr um die Identifikation mit den Leuten damals.

CM: Wenn Sie sich die Nazis in „Jeder stirbt für sich allein“ anschauen: Gibt es ähnliche Typen auch noch in der Gegenwart?
LP: Ja, klar. Ich sehe, dass wir in einer Zeit leben, in der die Angst total kultiviert wird, die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern. Und wir leben in einer Welt, in der wir uns extrem unter Kontrolle fühlen. Der Unterschied zu der [NS-]Zeit ist, dass man damals wusste: Das sind Hitler, Himmler, Goebbels. Die hatten Gesichter. Heute gibt es keine Gesichter mehr. Wer ist Google? Wer ist der deutsche und amerikanische Sicherheitsapparat? Was kontrolliert uns eigentlich? Also, das ist, glaub ich, der einzige Unterschied zu der Zeit. Continue reading „Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Biedere Widerstandsromantik: „Jeder stirbt für sich allein"

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada, 1947 (zweite Vorstellung heute Abend, 7. Mai)
Handlung: Das Berliner Ehepaar Quangel leistet zwischen 1940 und 1942 Widerstand gegen den „Führer“, indem es Postkarten in Treppenhäusern verteilt, wird schließlich eingesperrt und umgebracht.
Erster Satz: Die Briefträgerin Eva Kluge steigt die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch.
Regisseur: Luk Perceval, dritte Einladung zum TT
Bühne: Thalia Theater Hamburg
Spielstätte beim TT 2013: Große Bühne im Haus der Berliner Festspiele

Herumstehen in epischen Längen: Barbara Nüsse, Benjamin-Lew Klon und Daniel Lommatzsch (v.l.n.r.) in Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Foto: Krafft Angerer
Das Klischee einfacher Leute: Barbara Nüsse, Benjamin-Lew Klon und Daniel Lommatzsch (v.l.n.r.) in Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Foto: Krafft Angerer

Als sie die Postkarte erblicken, brüllen sie. Gerade noch im Gespräch über die Schwierigkeit, als Schauspieler unter Propagandaminister Goebbels zu arbeiten, überdrehen die Karikaturen von Anwalt und Schauspieler, schieben sich verzweifelt gegenseitig die Postkarte zu, rudern mit den Armen, werfen sich auf den Tisch in der Mitte der Bühne, pressen mit rotem Hals und unter Speichelregen Tränen raus, hecheln, den Mund aufgerissen. Auf der Postkarte steht die Aufforderung, weniger zu arbeiten, um den Krieg schneller zu beenden. Griffe man nur diese kurze Szene aus Luk Percevals Inszenierung von „Jeder stirbt für sich allein“ heraus, die gestern beim Theatertreffen 2013 ihre Berlin-Premiere erlebte, hätte man klobiges Volkstheater, ohne viel Rhythmusgefühl und Originalität. Das wäre besser gewesen als vier zähe Stunden Erschütterungstrash.

Die Vorlage, Hans Falladas Widerstandsroman gleichen Titels, 1947 in wenigen Wochen runtergeschrieben, erzählt Geschichten „einfacher Leute“ im Nationalsozialismus. Er ist nicht nur sprachlich schlecht, sondern auch inhaltlich eine Zumutung. Auf Einfühlung bedacht, beschwört er unaufhörlich die Zwänge und Nöte, denen die Protagonisten in Zeiten des Krieges ausgesetzt sind, zeigt die Arbeiter und Kleinbürger Berlins als unbedarfte, unpolitische Kämpfer ums Überleben, die sich alle mal von einer schwachen Seite zeigen. Akribisch werden die unterschiedlichen Grade der Rechtschaffenheit aufgezählt: Man erfährt ständig, wie viel der eine arbeitet oder der andere trinkt, dazwischen tauchen immer wieder Sätze auf wie: „[Sie] ist gar nicht politisch interessiert, sie ist einfach eine Frau“, oder: „was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem“. In diesem Setting werden Otto und Anna Quangel zu Märtyrern, nachdem sie ihren Sohn im Krieg verloren haben. Sie beginnen Postkarten zu schreiben, in der sie ihre Wut über den „Führer“ kundtun, werden schließlich verhaftet und ermordet. Continue reading Biedere Widerstandsromantik: „Jeder stirbt für sich allein"

Is resistance futile? A critic's quandary with Hans Fallada

Ordinarily you can just walk out of the theater if you’re not enjoying the experience–likewise you can close the book, leave the cinema, or skip to the next track. But as a reviewer, that choice is not yours to make. Take for instance Hans Fallada’s Alone in Berlin: I HATED that book, carried it around with me for weeks before I finally finished it and could start writing the tiny little review the magazine was expecting of me. Then I threw it out.

fallada_cover_1947
Aufbau Verlag, 1947

This was back in 2010, when Alone in Berlin was coming out in paperback in the UK (this is of course a neutered version of the original title, Jeder stirbt für sich allein, and US readers got the more faithful Every Man Dies Alone). Although Fallada’s German original had come out in 1947, the book had been a sudden success when it was first translated into English in 2009. It is based on the true story of a couple of ‘ordinary’ Berliners that spread over a hundred anti-Nazi postcards before getting caught and being beheaded at Plötzensee Prison in 1943.

From that short description, the acts of this couple could be read as quietly heroic–a resistance to scale–, but the facts of the case and the situation sketched in Fallada’s book all tell a different story: most of the postcards ended up on Gestapo desks, the terrified finders interrogated and tortured, no one was jolted into action, and the Nazi regime remained rigorously untoppled.

One of the original postcards by Otto and Elise Hampel
One of the original postcards by Otto and Elise Hampel. © Aufbau Verlag

Having remained in Germany under Hitler’s rule, Fallada himself had a complicated relationship to the Nazis, as they alternately praised and denounced his work, and his more critical works had to be couched in anti-Weimar terms to be publishable. After the war, he is said to have written Every Man Dies Alone in just 24 morphine-dulled days (Fallada would die a few months later, before seeing the book published) and I felt it showed in the book; an endless series of chapters full of flat (and mostly flat-out stupid) characters heading straight for a grim end that was predestined by the original events. What was worse was the message it left me with: resistance is futile.

Seen outside of its Star Trek context, this line is terrifying: What is an independent mind to do when faced with an assimilatory horror if it cannot resist? It is a quick hop-skip-jump from that to resistance was impossible or there was nothing we could have done or even it wasn’t my fault. Much worse than ‘ich habe es nicht gewusst’, this excuse would imply that, as every man dies alone anyway, why even try to save another person’s life; why stand up to the system when you’re going to die alone anyway?

One hopes that those reading the book today do not come to similarly easy conclusions, and that instead the story would make them think more on just what ‘resistance’ means. I hear Luk Perceval and Christina Bellingen’s adaptation is four hours long and retains almost all of the book’s characters. Urgh. Though it’ll be a significantly shorter experience than reading that dreadful book, I have to admit I’m not so slightly dreading the prospect. No matter, I’ll be there tomorrow night though, how could I resist?

Tag 4

1. Ich führe nachmittags ein Interview mit Jérome Bêl. Nur 20 Minuten Zeit, auf Französisch, per Skype – der Schwierigkeitsgrad ist gestiegen im Vergleich mit dem gemütlichen und ausgiebigen Interview mit Herbert Fritsch.

2. Ich werde ausprobieren, ob man in einer der Hollywood-Schaukeln, die im Garten des Hauses der Berliner Festspiele stehen, ein kurzes Nickerchen machen kann.

3. Heute Abend steht die Premiere von Luk Percevals Jeder stirbt für sich allein im Haus der Berliner Festspiele an. Was erwartet mich da? Ich habe u.a. gehört: Bühnenbild aus 4000 Haushaltsutensilien und ein mutiges Ende.

Mein Wunsch: Ein Stück zu sehen, das nicht beim Close-up auf Einzelschicksale stehen bleibt und nicht nur Pathos, sondern auch Widerstand aufbringt, gegen Allgemeinplätze.

Warum Theater?

Der Theatertreffen-Blog stellte während der gesamten Festivalzeit Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?” auf einem weißen Blatt Papier und bat darum, diese vor Ort, mit Stift, schnell und ohne lange Überlegungszeit zu beantworten. Das stieß bei manchen auf Ablehnung (“blöde Frage”, “nicht in so kurzer Zeit”, “Fragen Sie das doch nicht mich, ich mach doch selbst Theater”), bei anderen auf spontane, mal ernste, mal witzige Einfälle. Ein Zettelkasten, unter anderem mit Zeichnungen von Christoph Marthaler, Ulrich Matthes und Karin Beier. (Mehr davon? Der Blick aufs Theater von heute aus der Zukunft gesehen: Future Archive of Theatre). Continue reading Warum Theater?

Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2010

Paul Herwig nach der Premierenparty beim Theatertreffen. Foto: Kim Keibel

Paul Herwig ist heute Nachmittag mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis für seine Rolle des Johannes Pinneberg in “Kleiner Mann, was nun” ausgezeichnet worden. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wurde zum sechzehnten Mal vergeben. Geehrt werden junge Schauspieler oder  Schauspielerinnen, die in einer Inszenierung auf der Bühne des Theatertreffens zu sehen waren. Juror war in diesem Jahr war Schauspieler Bruno Ganz.

“Er lässt mich ins Innere sehen, in seines, in Pinnebergs und in meines”, begründete Ganz seine Wahl für den 1970 geborenen Paul Herwig. Sich zu entscheiden, schien ihm nicht einfach gefallen zu sein. Die Regisseure des diesjährigen Theatertreffens scheuten das Identifikatorische wie der Teufel das Weihwasser, beklagte sich der Juror. Stattdessen sah er: “Comedy, Chor und Kabarett”. Das habe ihm die Möglichkeit genommen, die Schauspieler zu beurteilen. Continue reading Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2010

Raus mit euch!

Theater ist immer ein wenig wie die berühmte Katze im Sack oder die überzititierte Forrest Gump’sche Pralinenschachtel: Ob man die Inszenierung, für die man Karten gekauft hat, dann schließlich mag oder nicht, lässt sich vorher nicht sagen, selbst wenn man den Regisseur und dessen Handschrift kennt. Was tun, falls man dem, was auf der Bühne passiert, nichts abgewinnen kann? Ganz klar: einfach abhauen!

In Nicolas Stemanns Inszenierung “Die Kontrakte des Kaufmanns”, die heute abend tt-Premiere feiert, ist das Rein- und Rausgehen ausdrücklich erlaubt. Anlass genug für ein Plädoyer fürs Aufstehen.

Continue reading Raus mit euch!

The Sadness of Machines

I just saw “Kleiner Mann – was nun?”, an adaptation of a novel from 1932 written by Hans Fallada in a production by Belgian director Luk Perceval – and I was so stunned, I think it’d be better if I said this to you in person by way of machine, i.e my video camera …

Mensch und Maschinerie

Nicht enden wollender Applaus und standing ovations – die Theatertreffen-Premiere von Luk Percevals “Kleiner Mann – was nun?” fand großen Anklang.  Ebenso wie der seichte Humor, der leider neben der Textlastigkeit einen mehr als nur “bemerkenswerten” Abend verhinderte.

Der Mensch ist schon am Boden: "Kleiner Mann – was nun?" von Luk Perceval. Foto: Andreas Pohlmann.

Lug und Trug beherrschen die Bühne in Luk Percevals Bühnenadaption von Hans Falladas 1932 geschriebenen Roman “Kleiner Mann – was nun?“. Überlebensgroß zerfließen Bilder aus Walter Ruttmanns Film “Berlin – Die Sinfonie der Großstadt” (1927) auf schwarzen Wänden und täuschen in ihrer extremen Verlangsamung und einer daraus entstehenden, menschlichen Haltung gegenüber seinem Berlin der zwanziger Jahre über den distanziert-experimentellen Blick hinweg, der den Film eigentlich beherrscht. Continue reading Mensch und Maschinerie