Struktureller Rassimus im dt. Theater

Anlässlich der Podiumsdiskussion „Wer sind wir in der weißen Welt? – Postkolonialismus und Theater“ 3 x 100 Sekunden-Gespräche, die sich mit dem strukturellen Rassismus in Deutschland beschäftigen und der Frage inwieweit man ihn überwinden kann.

1.) Neue Darstellungsmethoden statt Reproduktion // Neu-Defintion von ästhetischer Praxis: Inhalte, Formen, Konzepte //  TT-Jury muss sich strukturell verändern
2.) Blackfacing ist rassistisch wenn es intentional diskriminierend ist // Rassismus in der „Realitätsebene“ von Nicolas Stemanns „Die Schutzbefohlenen“: Flüchtlinge erhalten 25€ Vorstellungsgage
3.) Geflüchtete sind teilweise auch Künstler, können sich selbst repräsentieren // Wie definiert sich Theater-Kunst? Nicolas Stemanns Stück ist Teil der Hochkultur, Subkultur die sich mit gleichem Thema beschäftigt wird dann als Projekte „sozialer Arbeit“ ungleichwertig behandelt

Dr. Azadeh Sharifi ist Kulturwissenschaftlerin und Theaterwissenschaftlerin arbeitet zum post-migrantischem Theater, Postkolonialismus.

Julia Wissert, ist Regisseurin und wurde kürzlich mit dem Kurt-Hübner-Preis ausgezeichnet. Ihre Diplomarbeit behandelt das Thema: „Repräsentation und Selbst-Repräsentation schwarzer Theatermacher*innen im deutschsprachigen Raum“.

Lloyd Nikadzino ist Regisseur und Kulturmanager aus Harare, Simbabwe und ist Stipendiat des Internationalen Forums 2015.

Simon J. Paetau ist Regisseur und Aktivist. Er hat mit jungen Geflüchteten vom Oranienplatz das Filmprojekt “Refugee Strike & Beyond” initiiert, indem die Geflüchteten eigenständig Filme entwickeln und drehen konnten.

Bahareh Sharifi ist freie Kuratorin und Aktivistin, die als Zuschauerin bei der Podiumsdiskussion dabei war.

 

Hier ein Beitrag über die Aktion von KulTür Auf beim Theatertreffen: NAME IT RACISM.
Der Dramaturg Yuri, Dramaturg im Ballhaus Naunystraße, spricht über den strukturellen Rassismus im deutschprachigen Theater, den er persönlich erfahren hat.
Die Forderungen ans deutschprachige Theater von Marianna Salzmann, Leitung Studio Я, Maxim-Gorki-Theater und Ahmed Shah, künstlerischer Leiter Jugendtheaterbüro Berlin um den strukturellen Rassmismus zu überwinden.

RE: Carvalho – Anmerkungen und Fragen des Blogorchesters

Am Sonntag veröffentlichten wir an dieser Stelle einen Protest-Zwischenruf von Wagner Carvalho, der seitdem für einiges Aufsehen gesorgt hat. Auch bei uns im Blogorchester wird heiß diskutiert und die Meinungen gehen auseinander. Wir haben deshalb einige Statements, aber auch Fragen der Blogger*innen an Wagner Carvalho gesammelt und hier zusammengestellt.

Oliver Franke:

„Lieber Herr Carvalho, Sie nennen in Ihrem Statement neben Nicolas Stemanns ‚Die Schutzbefohlenen’ ebenfalls Brett Bailey als einen Referenzpunkt, dessen Installationen ‚Exhibit A, B & C’ direkt Bezug nehmen auf die Menschenausstellungen der Kolonialzeit in Afrika. Was ist ihre Haltung zu den schwarzen Künstlerinnen und Künstlern, welche an den von ihnen genannten Kunstprojekten direkt mitwirken? Würden Sie diesen Performer*innen und Aktionisten durch ihre Teilnahme pauschal eine unreflektierte Haltung zum Thema Rassismus vorwerfen? Wie sähe Ihrer Meinung nach ein kritischer und reflektierter Umgang mit rassistisch konnotierten Gesellschaftsbildern und Ideologien im theatralen Kontext aus?“

Annegret Märten:

Dear Wagner Carvalho, one of your examples for objectionable and racist art is ‚Exhibit B’ by Brett Bailey, which had a life after the discussions at the 2012 Festspiele had died down. In September 2014, the show went up at the Barbican in London. It caused massive protests and was consequently shut down – therefore censored. Do you think that when work might be considered racist, censorship is the right thing to do? If so, who’s allowed to pass that judgement? ‚Die Schutzbefohlenen’ reflects on and ultimately condemns the clumsiness of white privilege in theatre. Granted, this happens later in the piece and possibly after you had left the performance. Do you categorically reject the use of blackface because it perpetuates racism? Are only certain theatre makers allowed to address racism in their art?

Judith Engel:

„Wenn Nicolas Stemann sagt, dass man Rassismus zeigen muss, um diesen zu kritisieren, finde ich, dass es zu wenig ist, diese beabsichtigte Rassismuskritik mit dem plumpesten aller Mittel zu lösen. Was kommt nach der Sichtbarmachung? Wird ‚blackfacing‘ als problematische Geste in ‚Die Schutzbefohlenen’ differenziert analysiert? Der Geste folgt meiner Meinung nach keine kritische Analyse. Sie wird lediglich als solche ausgestellt. Wenn ‚blackfacing die Geste sein soll, damit dem Publikum klar wird, dass es sich hier um die Ausstellung von Rassismus handelt, traut man diesem wenig zu. Rassismus wird dadurch auch auf etwas reduziert, was viel komplexer und weitreichender ist.“

Janis El-Bira:

Es gibt sehr gute Gründe dafür, jegliche Reproduktion rassistischer Klischees, egal wie gebrochen und markiert sie sein mögen, abzulehnen. Allein, das konsequente, rückstandslose Löschen bestimmter Begriffe, Bilder und Stereotypen erledigt keinesfalls von selbst die dahinterliegenden Strukturen und Denkweisen. So lange Exklusion und Rassismus nicht verschwunden sind, müssen wir darüber reden und dabei wohl oder übel und gegen alle Berührungsängste auch einige hässliche Wörter in den Mund nehmen und widerliche Bilder zeigen. Denn diese haben nicht nur Geschichte, sondern leider oft genug auch Gegenwart. Wir können nicht in seine Einzelteile zerlegen, was wir nicht anfassen. Die Frage bleibt immer, wann, wo und – vor allem – wie wir das tun.“

Rebecca Jacobson:

„Are there any cases at all when blackfacing can have an artistic purpose? Or is blackfacing (or the N-word) absolutely not allowed on the stage? If that’s the case, what distinguishes that from censorship? If not, how could blackfacing be used in a productive, constructive or useful way?“

Theresa Luise Gindlstrasser:

„Ja: ‚Blackfacing’ ist zu jeder Zeit und an jedem Ort eine rassistische Geste. Dadurch wird eine Geschichte der Ausbeutung und Deklassierung zitiert und also auch fort geführt. Und gleichzeitig, Nein: ‚Blackfacing’ ist wie jede andere Geste zu jeder Zeit und an jedem Ort vor allem auch ein Zitat. Kein geschichtsloses, oder auch kein gesichtsloses, aber wie in jedem Zitat, also wie in jeder Geste überhaupt, liegt eine Möglichkeit zum Bruch. Ein Hoch auf den Bruch! Ein Hoch auf die Verwirrung! Deswegen: Ist ‚Blackfacing’ wirklich per se, für immer, ohne jede weiterführende Überlegung zum Kontext zu verurteilen?“

Valerie Göhring:

„Rassismus ist real. Was wahr ist, darf man sagen. Und zeigen? Den Diskurs hochhalten, aktuell sein, thematisieren. Ja. Stereotypen auf der Bühne reproduzieren? Nein. Das Spannungsverhältnis ist unklar, die Sprache der Bühne besonders, die Kunst Zitate zu erkennen – nicht die jedermanns. Debatte hin oder her, Fettnapf erkannt – und thematisiert. Bitte, bitte, weniger Zynismus, weniger Hass, weniger Verschlossenheit. Von allen.
Denn, ausnahmsweise geht es hier mal nicht nur um Theater, Leute.“

„Geht’s noch?” – Ein Zwischenruf von Wagner Carvalho

Wagner Carvalho ist künstlerischer Leiter des Ballhaus Naunynstraße. Am Freitag hat er die Eröffnungsvorstellung der „Schutzbefohlenen“ nach rund 45 Minuten im Protest verlassen.
Wir haben Herrn Carvalho um ein kurzes Statement in dieser Angelegenheit gebeten. Heute erreichte uns seine Nachricht, die wir hier wiedergeben möchten:

„Meine Haltung ist, seit ich mich als politischen Menschen verstehe, sehr klar: Wenn Rassismus (auch) auf der Bühne praktiziert wird, reagiere ich sofort. Dies geschah in der Vorstellung von „Die Schutzbefohlenen“ von Nicolas Stemann am 1. Mai. Blackface ist Rassismus pur und das Theatertreffen ist diesbezüglich Wiederholungstäter: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Sebastian Baumgarten in 2013 war die letzte Mittäterschaft, zum Beispiel.
Im Namen der „Kunstfreiheit“ werden gravierende Menschenverachtungen bei den Berliner Festspielen vollzogen: „Exhibit B“ von Brett Bailey in 2012 ist ein weiteres Beispiel dafür. Ich könnte dazu noch die Feierlichkeit des 50-jährigen Bestehens des Theatertreffens zitieren, als das N-Wort mehrmals auf der Bühne ausgesprochen wurde und die Moderatorin/Schauspielerin Sandra Hüller in „Ohnmacht“ gefallen ist, nachdem meine Intervention dagegen im Zuschauerraum unmissverständlich war.
Geht’s noch?
Millay Hyatt hat heute einen notwendigen Beitrag über „Weißsein als Privileg“ beim Deutschlandradio erstellt. Einfach zuhören, um den Horizont zu erweitern und bewusst zu werden.“

 

Foto: Wagner Carvalho © Christopher Yukio Iwata

Extra-Debatte zum Blackfacing im Haus der Berliner Festspiele

Das Theatertreffen 2013 ist vorbei, aber es lieferte weiteren Diskussionsstoff: TT-Bloggerin Henrike Terheyden fasste die Nachmittagsveranstaltung mit Sebastian Baumgarten, Regisseur der beim Theatertreffen eingeladenen und aufgrund des Blackfacing (hier alle Beiträge des TT-Blog 2013) kritisierten Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”, und Atif Hussein der Aktivistengruppe Bühnenwatch, die am 12. Juni im Haus der Berliner Festspiele stattfand, ausführlich auf ihrem Blog KENDIKE zusammen. Hier ein Auszug aus ihrem Blogpost.

Künstler_innen sollten nicht mit Regenschirm im Bett sitzen müssen. Darauf kann sich die Gesellschaft einigen: Der Kapitalismus hat es zumindest geschafft, Üblichkeit herzustellen bezüglich des Gedankens, dass jede_r würdig leben können soll. Inflationierung von Bildern der Armut schafft sie nicht ab. Sie macht gleichgültig. Und genauso schafft die Inflationierung von rassistischen Bildern den Rassismus nicht ab. Wie lange wird es noch dauern, bis sich in den Köpfen eine Form von Üblichkeit einstellt, dass Bilder, die aufgrund ihrer Geschichte Unterdrückung und Gewalt reproduzieren, nicht unkritisch von den Nachfahren der Unterdrücker_innen gegenüber den Verletzten benutzt werden? Ausgerechnet die Freiheit der Kunst, müsste sich doch diese Freiheit zur Veränderung des Systems nehmen können.

Auch Bühnenwatch hat sich zur Diskussion auf der eigenen Webseite geäußert. Esther Slevogt berichtete ebenfalls für nachtkritik von dieser Sonderveranstaltung der Berliner Festspiele.

Bühnenwatch demonstrierte beim Public Viewing der „Johanna“-Inszenierung

Die zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung von Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Regie von Sebastian Baumgarten ist heute am Sony Center, Potsdamer Platz, im Public Viewing gezeigt worden. Aktivisten und Aktivistinnen der Gruppe Bühnenwatch, die bereits gestern einen Offenen Brief an die Festivalleitung und die TT-Jury veröffentlicht hatten, haben Handzettel verteilt und mit Bannern demonstriert, um auf die Verwendung von rassistischen Zeichen in der Inszenierung hinzuweisen. Sie betonten, es ginge ihnen nicht um die Störung der Übertragung, sondern darum, einen Diskurs in der Öffentlichkeit über die Verwendung rassistischer Zeichen in Kunst- und Alltagszusammenhängen anzustoßen. Der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender und die Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer haben Gesprächsbereitschaft mit der Aktivistengruppe signalisiert.

Foto: Mai Vendelbo

Am Montag, 20. Mai findet um 14.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele die Abschlussdiskussion zum Theatertreffen statt, bei der die Jury des Theatertreffens über die Auswahl der Inszenierungen diskutiert.

Blackface fail

Even after I heard that the production of Brecht’s Saint Joan of the Stockyards from Schauspielhaus Zurich not only used full body black facing but incorporated a “booty enhancer” as well, I went through with the decision to go watch it. I was determined to keep an open mind, because there should be freedom of art. Right?

Since the beginning of 2012, blackfacing on stage has sparked controversy in Berlin, spurring multiple protests, but I’d managed to steer clear of personally experiencing it myself. I was raised in post-Civil Rights Movement U.S.A., thankfully only saw the minstrel show tradition in books and wanted to keep it that way.

But when this piece was chosen as one of the 10 “most remarkable” productions in the German-language theater world, I had to suck it up, put my American political correctness aside and face it.

And it was disturbingly terrible: an exaggerated reproduction of a “black other” that more closely resembles 19th century caricatures and “darkies,” than any sort of 21st century, repressed by global capitalism, “African” that the character Mrs. Luckerniddle is now (there’s no reference to origins in Brecht’s text) allegedly supposed to represent. I felt sick to my stomach.

I mostly wanted to forget the experience as soon as possible, but I cannot help but feel outraged, especially since public funding was used to bring this piece to Berlin. (They also failed to mention the use of blackfacing in the jury’s decision AT ALL). So I wanted answers. Fast.

Thankfully my fellow Bloggerin had interviewed the director Sebastian Baumgarten. Justification?

Baumgarten: “I deliberately chose blackfacing, among others, as a technique for presentation, heightened presentation. That is a tool of art.”

Yes, blackfacing is a tool for presentation. And it’s been used to propagate negative stereotypes for centuries. To put this technique on stage and not create a venue within the work for the analysis and questioning of this historic usage deliberately ignores the explosive nature of this “tool of art”.

I still believe that art should be free. And that there might theoretically be a production in which even a technique as negatively-charged as blackfacing could be intelligently and powerfully addressed on stage. And that it could even be chosen as one of the 10 “most remarkable” that year. But this car wreck of clashing stereotypes (let’s not forget the squinty-eyed, noodle-slurping portrayal of Mulberry) certainly isn’t it.

The audience discussion after the second performance last night was just disappointing: the director was back in Zurich and the dramaturg was left to fend for herself. Yes, they were aware of the controversy, but they needed “images” to represent the globalisation of capitalism. Right.

The actress who portrayed the “African” was notably absent. Why?

“I think she’s still in the shower.”

Kunstmittel oder Beleidigung? Vier Stimmen zum Blackfacing in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“

Ich schreibe diesen Blogpost, weil ich mir eine Diskussion wünsche. Das Theatertreffen zeigt zehn bemerkenswerte Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum, die im jeweils vorangegangenen Jahr ausgewählt worden sind. In diesem vorangegangenen Jahr 2012 war neben der Premiere der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ noch etwas anderes in den Feuilletons und in der Netzwelt bemerkenswert: Die Debatte um das Theatermittel des „Blackfacing“ auf deutschen Bühnen. Sie war laut geworden als Dieter Hallervorden und ein schwarz angemalter Joachim Bliese Anfang 2012 mit rassistischen Plakaten Werbung für das Theaterstück „Ich bin nicht Rappaport“ am Berliner Schlosspark-Theater gemacht haben. Im Zuge der Debatte bildete sich die Aktivisten-Gruppe Bühnenwatch, die „sich zum Ziel gesetzt hat, rassistische Praktiken an deutschen Bühnen zu beenden“, so steht es auf ihrer Webseite. Sie beobachtet die Vorkommnisse und greift immer wieder in die Diskussion ein.

Zum Theatertreffen 2013 ist „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten vom Schauspielhaus Zürich eingeladen. Auf der Seite der Berliner Festspiele zu dem Brechtschen Wirtschaftsklassiker kündigt ein Foto die Aufführung an, auf dem eine schwarz geschminkte weiße Schauspielerin in der Rolle der Frau Luckerniddle zu sehen ist – Blackfacing par excellence. Bis jetzt hat es noch keine Diskussion darum im Rahmen des Theatertreffens gegeben, und das, obwohl die öffentliche Debatte noch so jung ist. Wo ist diese Diskussion? Ich unternehme den Versuch, vier verschiedene Stimmen hier zu Wort kommen zu lassen, Simone Dede Ayivi und Atif Hussein von Bühnenwatch, Sebastian Baumgarten, Regisseur, und Andrea Schwieter, Dramaturgin bei der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“, in genau der Reihenfolge, in der ich die Gespräche geführt habe.
Heute Abend findet übrigens um 22.30 Uhr das Publikumsgespräch zur Inszenierung in der Bornemann Bar/Oberes Foyer im Haus der Berliner Festspiele statt, Eintritt frei.
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„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. 28 Zeilen schlechte Laune

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, Bertolt Brecht, 1931.
Handlung: Johanna kämpft für die Opfer der Wirtschaftskrise und geht an der Schlechtigkeit der Welt zugrunde.
Erster Satz: Wir sind siebzigtausend Arbeiter in den Lennoxschen Fleischfabriken und wir können keinen Tag mehr mit so kleinen Löhnen weiterleben.
Regisseur: Sebastian Baumgarten, erste Einladung zum Theatertreffen
Eingeladene Bühne: Schauspielhaus Zürich
Spielstätte beim TT 2013: Großer Saal im Haus der Berliner Festspiele

Abspann, Rockmusik und Applaus: Das Ensemble des Schauspiel Zürich ( „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe") verbeugt sich zum Lied "Haifisch" der Band Rammstein. Foto: Piero Chiussi
Abspann, Rockmusik und Applaus: Das Ensemble des Schauspiel Zürich ( „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“) verbeugt sich zum Lied „Haifisch“ der Band Rammstein. Foto: Piero Chiussi

Diese „Johanna“ vom Schauspiel Zürich ist ein rotes Tuch. Schlagzeilen in Boulevardästhetik, Knallchargen in signalfarbenen Ganzkörperanzügen, und im Hintergrund funkelt anspielungsreich das McDonald’s Logo. Hinter jedem Satz stehen drei Ausrufezeichen, geschrien von lauter hochgepitchten Springteufeln oder schwarzen Strohhüten, zu erkennen an ihren sehr! sehr! breitkrempigen schwarzen Strohhüten. Das fortwährende Pianogeplänkel ist der guten Laune nicht förderlich. Wird mir übel? Das, würde Brecht sagen, ist die Welt, wie sie ist!

Im Grunde ist Regisseur Sebastian Baumgarten nur konsequent, wenn er die von Elendspathos durchzogene Vorlage von Bertolt Brecht ins Vielfache potenziert. Man kann es Ausrufezeichen auf den Block kritzelnd hinnehmen oder nach der Pause gehen.

Wäre da nicht: Frau Luckerniddle (Isabelle Menke), geblackfaced und mit Afro versehen, deren enormer Hintern (soll wohl ein „Booty“ sein) mit ihrer stets kniegebeugten Haltung und der Art, wie ein Neandertaler zu gehen, korrespondiert. Sie spricht mit französischem Akzent, trägt also entweder an ihrer kolonialen Vergangenheit – oder aber, es handelt sich um einen total ironischen Seitenhieb auf die Blackfacing-Debatte! (Später bringen wir dazu vier Statements, u.a. von Baumgarten und der Dramaturgin Andrea Schwieter)

Wäre da nicht: Slift (Carolin Conrad), auf Highheels wankend, sich migränebedingt die Schläfen reibend, meist mit Reizwäsche und einer Kochschürze bekleidet. Eine Maklerin hätte ich mir anders vorgestellt!

Wäre da nicht: Yvon Jansen als Johanna Dark, die personifizierte randlose Brille, die jede Silbe so überagiert, als schmettere sie einen Felsbrocken in ein Glashaus.

Wäre da nicht: Brechts Vorlage, in den Fakten korrekt, emphatisch zu Papier gebracht, das doch auf ewig ein Schablonentheaterstück bleibt, in seiner ethischen Eindimensionalität unübertroffen. Aus jeder Figur springt einen der Furor des Autors an, die Schlechtigkeit der Welt betreffend. Jede Szene ist vom Sound einer Feder, die am liebsten immer nur moralmoralmoral ins Papier hineinkratzen will, unterlegt.

Heute werden den Fleischwaren keine Ehemänner, sondern Pferde beigemischt. Es besteht also immer noch Weltverbesserungsbedarf. Aber bitte! Nicht! So!

Bildverweigerung

In der Kategorie der Zeichenkritik unternehme ich im Rahmen des Theatertreffens den Versuch, Inszenierungen gewissermaßen in eine Zeichnung zu übersetzen. Zur „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten, die gestern Abend im Rahmen des Theatertreffens Premiere hatte, gibt es keine Zeichenkritik von mir. Der Abend, meiner Ansicht nach gespickt mit rassistischen Karikaturen, (auch wenn Sebastian Baumgarten erklärt, es handele sich nicht um solche; einige seiner Statements veröffentlichen wir heute im Laufe des Tages) lässt mich die Reproduktion jedweder Bilder dazu verweigern.

Keine Reproduktion

Ich habe mich gewundert, dass im Vorfeld der Aufführung keine Diskussion um die Inszenierung statt gefunden hat, war doch auf dem Ankündigungsfoto das benutzte Blackfacing schon deutlich sichtbar. Nachdem ich nun die Inszenierung gesehen habe, wundert es mich umso mehr. Ich habe die Inszenierung der stereotypisierten, auf Klischées reduzierten Figuren als rassistisch und verletzend empfunden. Weil bisher keine öffentliche Debatte zu diesem Aspekt der Inszenierung statt gefunden hat, würde ich mich freuen, wenn meine Position zu diesem Abend hier auf dem Blog eine Diskussionen auch im Rahmen des Theatertreffens auslöst, denn diese ist längst überfällig und, wenn man so will, sowieso ganz im Brecht-schen Sinne.

Das Othello-Problem

Beim Theatertreffen feiert heute Henrik Ibsens Ein Volksfeind” in der Regie von Lukas Langhoff Premiere, mit dem französch-senegalesisch-stämmigen Falilou Seck in der Rolle des Badearztes Stockmann. Stockmann ist Migrant im eigentlichen Sinne: ein Zugereister nämlich. Zum Fremdkörper im Dorf wird er aber nicht durch seine Herkunft, sondern durch seine aufdeckerischen Tätigkeiten – diese Rolle mit einem nicht-weißen Schauspieler zu besetzen, gibt dem Gesellschaftsdrama eine weitere Bedeutungsebene: „Fremd für die anderen wie für sich”, heißt es in der Jurybegründung.

Falilou Seck als Badearzt Stockmann in Lukas Langhoffs Inszenierung. Foto: Thilo Beu

Der Schauspieler Seck ist kein Theatertreffen-Neuling: Schon 2001 war er in „Das Fest“, in der Regie von Michael Thalheimer zu Gast in Berlin. Michael Thalheimer ist übrigens gerade Teil der Blackfacing-Debatte: In seiner Inszenierung von Dea Lohers „Unschuld“ am Deutschen Theater in Berlin geht es unter anderem um zwei afrikanische Einwanderer. Diese werden von weißen Schauspielern gespielt, die schwarzgemalte Haut und dicke rot geschminkte Lippen zur Schau tragen (Bilder hier). Die Kritiken waren gemischt, gemeinsam haben sie nur eines: in keinem wurde auf die klar rassistische Tradition des Blackfacings hingewiesen. Sowohl im Falle der Inszenierung als auch bei der Berichterstattung zeigt sich hier ganz klar: Das Bewusstsein und das Wissen um die Problematik und die Kontextualisierung des Blackfacings fehlte. Continue reading Das Othello-Problem