Wohin des Wegs? Die TT-Blogger 2013 weiterlesen

Damit der Abschied vom TT-Blog nicht so schwer fällt, geht’s bei den Berliner Festspielen mit dem Blog zum Theatertreffen der Jugend weiter … oder auf den Blogs und Twitterkanälen der TT-Blogger.

Ein Blog zu Theater, Kunst, Musik, Mode, Gesellschaft (und vielem anderen) ist Milchmädchenmonolog von Eva Biringer. Auf Unruhe im Oberrang sondiert Clemens Melzer mit einem Blogger-Kollektiv vor allem die freie Szene und die Arbeiten kleinerer Theater in Berlin. Auf KENDIKE zeigt Henrike Terheyden ihre Zeichnungen, Mai Vendelbo verbindet auf Touching Theater Foto und Theatrales. Summer Banks schreibt online vor allem für den Exberliner. Mich findet man u.a. bei der schriftstelle, wo ich über Literaturveranstaltungen in Berlin und Digitalisierung berichte, aber auch als Verlegerin von Ebooks bei mikrotext. Auf Twitter sind wir @evaperlaperla, @iljaclemens, @h_terheyden, @exberlinerstage, @eefkeklein, @nikonee. Twitterarchiv zu allen Tweets während des Theatertreffens: @TT-blog13 und #TT50.

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Gruppenfoto mit Baum auf der Holzkonstruktion im Publikumsgarten, Haus der Berliner Festspiele: Mai Vendelbo, Eva Biringer, Eefke Kleimann, Nikola Richter, Henrike Terheyden, Summer Banks, Clemens Melzer (v.l.n.r.). Foto: Mieke Ulfig

Sieben Alumni schenkten dem Theatertreffen-Blog zum fünften Geburtstag einen Beitrag. Und auch sie bewegen sich deutlich im Netz: Adrian Anton schreibt auf FLÜSTERN+SCHREIE über Theater, vor allem aus dem Hamburger Raum, aber er berichtete jüngst auch auch von vier Tagen Berlin: „Viermal Theater, dreimal Theatertreffen, dreimal Berghain, einmal Kleingarten, einmal Museum. Ein Marathon.” Video- und Musikfundstücke versammelt Florian Duijsens’ Blog neonresolutions, weiterhin ist er aktiv als Managing Editor bei asymptote journal, einem Web-Magazin zu Übersetzungen ins Englische. Hamed Eshrat ist Designer und freischaffender Zeichner in Berlin und dokumentiert seine Arbeit im Netz. Maximilian Grosser bloggt manchmal für die Bosch-Stiftung über Kultur und Gesellschaft, aber arbeitet vor allem als Radiojournalist und Redakteur des Neuköllner Kiezblattes Donauwelle in Berlin. Fotos, Zitate von, vor allem britischen, Theaterleuten, Links findet man auf Miriam Sherwoods englischsprachigem Blog gluehbirnestage. Cory Tamlers Aktivitäten mit ihrem Performancekollektiv Yinzerspielen lassen sich auch aus der Ferne über ihren Blog verfolgen, sie lebt derzeit in Brooklyn. Matthias Weigel schreibt als freier Journalist u.a. für nachtkritik.de. Weiterhin ist er Projektleiter Second Screen für die Serie About:Kate (Arte) bei Ulmen Television. Dabei geht es unter anderem um die Einbindung von Inhalten aus der Community.
Community, das ist ein gutes Schlusswort.

Die Wahl zwischen Konvention und Konvention. „Die Ratten“ ohne Zähne

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann, 1911.
Handlung: Die proletarische Jette John durchlebt eine sogenannte „Muttertragödie“, versucht, das Kind einer anderen als ihres auszugeben und begeht schließlich Selbstmord.
Erster Satz: Ick stürze mir in Landwehrkanal und versaufe.
Regisseurin: Karin Henkel, dritte Einladung zum TT.
Bühne: Schauspiel Köln.
Beim TT 2013: Hintere Bühne im Haus der Berliner Festspiele.

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Lina Beckmann als Frau John in Karin Henkels Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten” . Foto: Klaus Lefebvre

Sie kommen durch die Wände. Sie springen aus Luken herab, krabbeln aus ihren Verstecken hervor, kriechen von überallher zur Bühnenmitte. Schrammelnde Gitarre und hämisches Gekreische begleiten den Überfall der Ratten. In atemlosem Tempo, mit dreckiger Berliner Schnauze ächzen und johlen sie den Text, der im Gängesystem widerzuhallen scheint, durch welches das Publikum zur Hinterbühne der Berliner Festspiele geschleust wurde, vorbei an Technik und Requisite. Zu Beginn der Theatertreffen-Premiere des Hauptmann-Klassikers entsteht im Echo des Bühnenlärms die Atmosphäre einer tiefen, zugigen Halle, wozu die klappernde und knirschende Zuschauertribüne einiges beiträgt: Der Raum klingt endlos größer, als das, was von ihm zu sehen ist. Hier soll sich niemand zu Hause fühlen. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Abends herrscht jedoch wieder der vertraute Stubenmuff soliden, dramatischen Mainstreams, der unter Schulterzucken souverän schreit und weint.

Dabei hätte die Inszenierung durch so viele Gänge abbiegen, sich in Schlupfwinkel kauern oder zum Angriff übergehen können. Der Dachboden des Theaterdirektors Hassenreuter, in der Dramenvorlage nur Nebenschauplatz bürgerlicher Gestrigkeit, bildet hier den Rahmen des Abends, ein Regieeinfall, der zunächst erstaunlich gut funktioniert. Über- und Unterbau sind nicht mehr zu unterscheiden und damit nicht mehr das künstliche und das echte Spiel. Zwischen vollgestopften Kleiderständern schlüpfen die Schauspieler zu Beginn in einen Volkstheater-Fundus, streifen sich schrille Rollen über, die im nächsten Moment schon wieder hinterfragt werden. Continue reading Die Wahl zwischen Konvention und Konvention. „Die Ratten“ ohne Zähne

Statements vom Symposium „Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“

„Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“ Das, wie ich finde, nicht gerade verheißungsvoll überschriebende Symposium fand am Montag in der Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele statt. Es ging, zum Glück!, nicht darum, in Frage zu stellen, dass Menschen mit Behinderung Künstler sein können und sind. Vielmehr landete man spätestens bei der von Festspiele-Intendant Thomas Oberender moderierten, abschließenden Diskussion bei den Fragen: Wie können sich SchauspielerInnen mit Behinderung im Theaterbetrieb emanzipieren? Und wie kann der Theaterbetrieb inklusiver werden? Äußerst kontrovers diskutiert wurde die Nominierung von „Disabled Theater“.

Autor, Regisseur und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Schauspielerin Angela Winkler, Festspiel-Intendant Dr. Thomas Oberender, Dramaturg Marcel Bugiel, TT-Jurorin Anke Dürr und Schauspieler Bernhard Schütz diskutierten auf der Bühne.
Autor, Regisseur und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Schauspielerin Angela Winkler, Intendant der Berliner Festspiele Dr. Thomas Oberender, Dramaturg Marcel Bugiel, TT-Jurorin Anke Dürr und Schauspieler Bernhard Schütz diskutieren beim Symposium (v. l. n. r.). Foto: Piero Chiussi

Hier als Auszug ein paar markante Statements der Diskussionsteilnehmer:

Bernhard Schütz, Film- und Theaterschauspieler, arbeitet mit Schauspielern mit Behinderung: „Jérôme Bel soll bei ,Disabled Theater’ die Kontrolle aus Hand gegeben haben? Mehr Regie geht nicht! Und dann auch noch diese tiefe Stimme: ,And now Jérôme Bel asked the actors’… Das ist Dressur!“

Peter Radtke, Schauspieler und Autor, selbst mit körperlicher Behinderung: „Jeder Regisseur manipuliert die Schauspieler. Aber ich habe ein Problem damit, wenn eine Gruppe nur aus behinderten Darstellern besteht.“

Angela Winkler, Schauspielerin des Berliner Ensembles, Mutter von Nele Winkler, Schauspielerin des Theaters RambaZamba: „,Disabled Theater’ war eine einzige K … ! Gehen Sie ins RambaZamba oder ins Theater Thikwa – da wird Theater gemacht!“

Anke Dürr, Theatertreffen-Jurorin: „Wir waren auch im RambaZamba-Theater. Wir haben ,Disabled Theater’ eingeladen wegen der Kraft der Darstellung, und weil die Dimension, wo das Stück hinmöchte, eine eigene Qualität hat. Es thematisiert die Theateraufführung selbst. Das haben wir sonst nicht gesehen. Die Jury-Arbeit ist kein soziales Engagement.“

B. Schütz: „Ich war zum Teil schockiert über das Publikum. In Hamburg haben die geklatscht, wenn die Schauspieler sagen: ,Ich bin Schauspieler’. Als könnten die nicht sprechen!“

Marcel Bugiel, Dramaturg bei „Disabled Theater“: „Es stört mich, dass das Stück so ein feel-good-play geworden ist. Ich habe gedachte, dass es provoziert und für Empörung sorgt!“

Es bleibt zu wünschen, dass es öfter Gelegenheit für solche Symposien geben wird. Es sind noch Fragen offen geblieben, das wurde am immer wieder aufgebrachten und erregten Publikum sicht- und hörbar.

„Avantgarde ist nicht, wenn weniger Leute kommen.“ Ein Gespräch mit Herbert Fritsch

Heute Abend war an der Volksbühne im Rahmen des Theatertreffens noch einmal „Murmel Murmel“ zu sehen (hier alle bisherigen Beiträge des TT-Blogs dazu).

50. Theatertreffen
Grün und rot: Herbert Fritsch auf der Bühne von „Murmel Murmel“ beim Applaus. Foto: Piero Chiussi

Der Regisseur Herbert Fritsch hat sich mit mir vorletzte Woche um 9 Uhr in seinem Lieblingscafé getroffen. Ich wollte mehr wissen über seine Arbeitsweisen und die Traditionen, in denen er sich selbst verortet. Als ich, um mich vorzustellen, mein Interesse für die literarischen Avantgarden erwähne, zeigt er sich begeistert und schon sind wir mitten im Gespräch und Herbert Fritsch erzählt mir von seinen Vorbildern aus Literatur und Bildender Kunst:

Herbert Fritsch: Boris Arvatov [sozialistischer Kunsthistoriker der 1920er Jahre, Vertreter des Proletkult, Anm.d.R.], hat mich in meiner Jugend sehr beeinflusst: „Jedes Material ist es wert, bearbeitet zu werden.“ Ob das jetzt Styropor ist oder Marmor, scheißegal. Ich glaube, „Die spanische Fliege“ ist ein Ready-Made, damit kann man was machen, genauso wie mit Frau Luna, das kann man in einen anderen Zusammenhang stellen. Das finde ich reizvoll, so wie ich auch Jeff Koons gut finde. Wenn da plötzlich Popeye neben so einer alten Marienstatue steht. Oder wie Roy Lichtenstein Comics in die Malerei reingenommen hat. Wenn Leute nicht mehr so erfürchtig niedersinken, hat das auch Unterhaltungswert.

Ich hatte während der Vorbereitung des Interviews entdeckt, dass Herbert Fritsch auch Theaterabende zu Konrad Bayer gemacht hat, einem Vertreter der Wiener Gruppe, die sich in den 1950er Jahren in Wien als ein Kreis experimenteller Literaten gegründet hat. Ein Prosatext Konrad Bayers beginnt so: „der verzweifelte karl greift zum karl. aber schon hat karl karl genommen. da erscheint karl mit karl auf dem karl und wirft karl auf karl in den karl. karl kommt und findet karl. da stösst karl auf karl und verstösst karl. aber karl gibt nicht auf.“ Hier wird die Nähe zu dem Fluxus-Künstler Dieter Roth deutlich, Autor von „Murmel Murmel“, der den Text 1974 als 176-seitiges Buch im Eigenverlag herausbrachte. Ich möchte von Herbert Fritsch wissen, wie er die Wiener Gruppe versteht: als eine Form von Avantgardismus, zu dem er sich auch bekennt? Ob er selbst Avantgardist sei? Continue reading „Avantgarde ist nicht, wenn weniger Leute kommen.“ Ein Gespräch mit Herbert Fritsch

Tag 10

1. Ich schlafe aus, habe ausgeschlafen.

2. Endlich ist mein Text über Herbert Fritsch fertig (wird heute Abend veröffentlicht, hier ist er), für den ich vergangene Woche mit ihm ein sehr offenes Gespräch führen konnte, das ich noch in bester Erinnerung habe.

3. Ich lasse heute Nachmittag im Radialsystem bei Katie Mitchells „Reise durch die Nacht“ Julia Wieninger nicht aus den Augen und bringe danach hoffentlich noch das ein oder andere Wort aufs Blatt für einen Kollektivtext zu Schauspielerinnen beim TT.

Mein Wunsch: Das Theatertreffen hat mit dem großen Fest gestern seinen Zenith noch nicht überschritten!

 

„Stören ist eine Qualität.“ Skype-Interview mit Jérôme Bel

20 Minuten Zeit für ein Interview mit Jérôme Bel, dem Regisseur von „Disabled Theater“. Dazu auf Französisch und per Skype. Mehrere Gründe, gleich zur Sache zu kommen.

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TT-Blogger Clemens Melzer beim Skypen mit Jérôme Bel im Besprechungsraum, Haus der Berliner Festspiele. Foto: Nikola Richter

Clemens Melzer: Sie arbeiten mit professionellen Schauspielern zusammen. Warum interessieren Sie sich so sehr für ihre Biographie, ihre Probleme? Warum beispielsweise sollen sie nach vorne treten und sagen: Ich bin behindert?
Jérôme Bel: Für mich war das Wichtigste, dass sie selbst ihre Behinderung benennen, dass das nicht von außen geschieht. Und dass sie sagen, wie sie sich fühlen.

CM: Haben die Schauspieler also die Wahl gehabt, das zu sagen?
JB: Kommt gar nicht in Frage. Ich habe selten Stücke gesehen, in denen die Wahl, was für Sachen gemacht werden, bei den Schauspielern liegt. Ich bin der Regisseur, und ich stelle Fragen, die mich interessieren, so wie ich das seit Jahren mit Schauspielern mache und die Schauspieler antworten. Das ist alles.

CM: Hat sich während der Probenzeit Ihr Blick auf die Schauspieler verändert?
JB: Ja, natürlich. Ich hatte vorher keinerlei Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Ich habe somit viel, viel gelernt, über sie und übers Theater.

CM: Warum haben Sie als Titel Disabled Theater gewählt?
JB: Ich bin ausgegangen von zwei Parametern: Dem alltäglichen Theater und der Tatsache, dass Menschen mit Behinderung auf der Bühne stehen. Da wir eine Teilnahme an mehreren internationalen Festivals planten, mussten wir sehr früh einen Titel finden. Das ist für mich immer extrem nervig, weil ich experimentelles Theater mache und nicht vorher weiß, was ich mache. Ich denke, der Titel bestimmt mit, wie die Zuschauer die Aufführung analysieren werden. Sie erwarten vielleicht ein behindertes Theater, ein schwaches Theater. Aber am Ende ist Disabled Theater ungemein kraftvoll. Es beginnt dramaturgisch mit der Schwäche, weil ich nicht weiß, wer die Schauspieler sind, ich bin sehr vorsichtig, und dann, Stück für Stück, zeigen sie ihre Fähigkeit, Dinge zu sagen, vor allem durch den Tanz. Ich sehe darin nichts Problematisches, dass wir mit „Disabled Theater beginnen und dann bei, sagen wir, Extraordinary Theaterrauskommen. Continue reading „Stören ist eine Qualität.“ Skype-Interview mit Jérôme Bel

„Ich kann alles spielen.“ Ein Interview mit Damian Bright

Nach einem Skype-Interview mit Jérôme Bel, das hier im TT-Blog zu lesen ist, traf ich mich heute zum Gespräch mit Damian Bright, einem der Schauspieler aus „Disabled Theater“. Wir sind im Hotel verabredet, nahe beim HAU, wo alle Schauspieler untergebracht sind. Ein Fernsehteam macht mir Konkurrenz. Alle wirken jedoch relaxed. Der Rummel scheint schon Routine geworden zu sein.

Theater Hora performer Damian Bright in front of the rest of the ensemble during a performance of Disabled Theater. Photo Credit: Michael Bause
Damian Bright vom Theater Hora, Zürich, in einer Szene von Jérôme Bels Inszenierung „Disabled Theater“. Foto: Michael Bause

Clemens Melzer: Ihr seid eigentlich Schauspieler (Am Theater HORA in Zürich durchlaufen alle eine zweijährige Ausbildung, um dann als professionelle Schauspieler in verschiedenen Inszenierungen zu spielen). War es da nicht komisch, bei Jérôme Bel plötzlich zu tanzen?
Damian Bright: Eigentlich gar nicht. Für mich war das keine Überraschung. Ich hatte ja schon vorher Jérômes „The Show must go on“ gesehen. Für andere von uns war es aber eine Umstellung. Es ist ja so, dass Jérôme will, dass wir auf der Bühne wir selbst sind.

CM: Geht das denn, dass man auf der Bühne „man selbst“ ist?
DB: Nein, das geht zu einer Rolle über. Man muss ja immer das Gleiche sagen: Name, Alter, Beruf. Das wird dann eine Rolle, weil ja dieses Konzept da ist.

CM: Gab es Diskussionen? Habt ihr beispielsweise gefragt, warum ihr diese vorgeschriebenen Sätze sagen sollt?
DB: Das haben wir nicht gefragt. Das ist Kunst, was wir machen. Ich habe im Fernsehen von einer Frau gehört, die nach einer Aufführung geweint hat. Kunst soll berühren. Das können die Kritiker dann hinterfragen, aber das ist nicht unsere Aufgabe als Schauspieler. Es gab bei den Proben keine Diskussionen. Was aber eigentlich immer passiert, ist, dass jemand eigene Sachen machen möchte. Continue reading „Ich kann alles spielen.“ Ein Interview mit Damian Bright

Kritik voller Adjektive. „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ von Elfriede Jelinek, 2012.
Handlung: Eine Frau (Sandra Hüller!) hassliebt ihren Rock, Rudolph Moshammer (Benny Claessens!) stirbt ein zweites Mal.
Erster Satz: Ich habe gehört, es gibt jetzt eine Satzung im Gesetz, daß man Orgien feiern muß.
Regisseur: Johan Simons, fünf Einladungen zum TT.
Eingeladene Bühne: Münchner Kammerspiele
Spielstätte beim TT 2013: Großer Saal im Haus der Berliner Festspiele.

Adjektive vermeiden! Eine der Grundregeln für Theaterkritiken. Daran wollen wir uns jetzt, nach der Premiere von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“, angetan von der jelinekschen Chuzpe, nicht halten.

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Überfällig, städtisch: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ in der Inszenierung von Johan Simons mit Sandra Hüller, Hans Kremer, Stephan Bissmeier, Marc Benjamin (v.l.n.r.). Foto: Julian Röder

Clemens Melzer: Was man ja auf jeden Fall über den Abend sagen kann: Charmant.
Eva Biringer: Ja, charmant, unprätentiös, dabei gut kalkuliert. Typisch Jelinek.
CM: Suberversiv oder auch pervers?
EB: Pervers ehrlich. Subversiv im Subtext. Also eher unterschwellig subversiv. Ortsspezifisch?
CM: Ja, ortsspezifisch im Sinne von wehmütig und autoagressiv, also bierernst.
EB: Biernst?
CM: Hefe, das heißt: Hilfe. Ich meine: bierernst, drall, süddeutsch.
EB: Eher das Gegenteil von drall. Reduziert, befremdlich, eisigkalt.
CM: Kristall. Im Schmelzen auch schmierig, glänzend, schwierig. Eisigkalt wie unpädagogisch.
EB: Mehr gefährlich didaktisch, aber durch Jelineks Modeaffinität gerettet.
CM: Verführerisch didaktisch in Sachen Mode?
EB: Nein, verführerisch didaktisch in der der Mode inhärenten Botschaft. Gefahr von Oberflächlichkeit. Ausgestellt und gleichzeitig klug umgangen.
CM: Smart umschifft, würde ich sagen. Klug ist die Mimik, umgangen werden die Bedeutungsfestschreibungen. Fluffig.
EB: Mimisch, gestisch einwandfrei. Worthülsen werden zum Klingen gebracht. Fluffige Badewannenszene.
CM: Naja, ohne Schaum. Ich vermute: kantig, ungemütlich. Der Raum ist da übervoll und die Badewanne leer. Einwandfreier Zwang plus Champagner.
EB: Martini! Schwimmbewegungen angedeutet. Akustisches Kraulen. Stimmlich und instrumental von ausufernder Ergriffenheit.
CM: Bei der Gurgel ergriffen. Lapidare Watschn. Dazu schmutzige Komik.
EB: Saftige Watschn. Der Schmutz bleibt am Absatz kleben! Falscher Schmutz. Unauthentisch wie der Knopf am Blouson, hoppla, Blazer.
CM: Drunter Schlüpfer. Aristokratisch und asketisch zugleich. Will sagen: Fragwürdig von Anfang an.
EB: Dringlich in Kombination mit schmucker Tasche. Körperformend, korrigierend, unverzichtbar. Dabei samtig neutral. Sleek und schmiegsam wie der Untergrund.
CM: Dringliche Körperform, schmiegsames Plappern. Im Abgang hektisch, rötlich, unberechenbar.
EB: Berechtigt albern, maßlos relevant.
CM: Also, ich fand ja die Schauspieler toll.

Machtkämpfe ohne Grenzen: „Krieg und Frieden“

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, 1868.
Handlung: Männer ziehen in die Schlacht, Frauen kriegen Kinder.
Erster Satz: Ende 1811 begann eine verstärkte Aufrüstung und Konzentration der Streitkräfte Westeuropas, und 1812 setzten sich diese Streitkräfte – Millionen Menschen, einschließlich derer, die die Armee transportierten und verpflegten – von West nach Ost in Bewegung, an die Grenzen Russlands, an denen ebenfalls seit 1811 die Streitkräfte Russlands zusammengezogen wurden.
Regisseur: Sebastian Hartmann, erste Einladung zum TT.
Bühne: Centraltheater Leipzig.
Beim TT 2013: Großer Saal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Krieg und Frieden (c) Mai Vendelbo
Chor der Frauen mit einem Mann. Szene aus Sebastian Hartmanns Inszenierung „Krieg und Frieden”. Foto: Mai Vendelbo

Die Bühne, zwei ernorme dunkle Platten, reißt ihr Maul auf. Die Schauspieler kämpfen mit ihr, sie werden von ihr verschluckt und ausgespien, versuchen sie hochzustemmen, zu überwinden, werden von ihr getrennt und exponiert. Diese langsame, gutmütige Bestie, Himmel und Erde, Projektionsfläche oben, Rutschrampe unten, hebt und senkt sich in alle Richtungen, vollzieht die vorwärts stampfende, steigerungswütige Dramaturgie, erzeugt immer neue Zwischenräume. Aber: Die Schauspieler klettern da auch einfach runter. Sie kommen auch einfach ins Publikum. Diese maßlose Inszenierung will, wie es bei Hartmann nicht überrascht, so schnell vor keiner Grenze Halt machen, mit der wiederkehrenden Losung „Los, auf’s Eis!“, mal Angstschrei, mal Verheißung, treibt sie die große Fragen vor sich her, bevor sie nach fünf Stunden einbricht, um Interaktion zu suggerieren und einen Animationsfilm zu zeigen. Continue reading Machtkämpfe ohne Grenzen: „Krieg und Frieden“

„Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval

Meine Kritik zur gestrigen TT Premiere von „Jeder stirbt für sich allein“ ist scharf ausgefallen. Ob Luk Perceval, der Regisseur dieser Bühnenversion des Romans von Hans Fallada, sie schon gelesen hatte, als wir uns heute im Garten des Hauses der Berliner Festspiele trafen, weiß ich nicht. Ich fasse mich kurz: „Ich habe mir mehr erhofft“, überwinde ich mich zu sagen, und: „Ich war nicht so glücklich“. Keine leichte Übung, diese Begegnung, um ehrlich zu sein. Ich schalte das Aufnahme-Gerät ein. Während ich rauche, isst Luk Perceval eine Birne.

Luk Perceval im Gespräch im Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi
Luk Perceval im Gespräch mit Gästen im Haus der Berliner Festspiele am Premierenabend seiner Fallada-Adaption beim Theatertreffen 2013. Foto: Piero Chiussi

Clemens Melzer: Es gibt ja viele Inszenierungen über die NS-Zeit. Was gibt es dazu überhaupt noch zu sagen?
Luk Perceval: Was diesen Text von anderen unterscheidet, ist, man fühlt sich angesprochen: Was würde ich machen in der Situation? Er sagt nicht: Die bösen Nazis, die wie Aliens zwischen ’33 und ’45 Deutschland besetzt haben, sondern erzählt, wie jeder aus einer Art von Egoismus dieses System ausgenutzt hat, wie das System wiederum die Angst der Leute ausgenutzt hat und dass es schwierig war, dem System zu entkommen. Und er entscheidet sich deutlich vom Culpabilisieren der Alten. Es geht in diesem Text vielmehr um die Identifikation mit den Leuten damals.

CM: Wenn Sie sich die Nazis in „Jeder stirbt für sich allein“ anschauen: Gibt es ähnliche Typen auch noch in der Gegenwart?
LP: Ja, klar. Ich sehe, dass wir in einer Zeit leben, in der die Angst total kultiviert wird, die Angst vor dem Terror, die Angst vor dem wirtschaftlichen Scheitern. Und wir leben in einer Welt, in der wir uns extrem unter Kontrolle fühlen. Der Unterschied zu der [NS-]Zeit ist, dass man damals wusste: Das sind Hitler, Himmler, Goebbels. Die hatten Gesichter. Heute gibt es keine Gesichter mehr. Wer ist Google? Wer ist der deutsche und amerikanische Sicherheitsapparat? Was kontrolliert uns eigentlich? Also, das ist, glaub ich, der einzige Unterschied zu der Zeit. Continue reading „Ich glaube nicht, dass die Leute von der Ideologie zum Politikmachen verführt werden.“ Auf eine Zigarette mit Luk Perceval