Theater bleibt Theater: „Baal“

„Kunst braucht Geld“, sagte Theatertreffen-Juror Till Briegleb am Sonntagnachmittag bei der abschließenden Jurydiskussion, „ohne Geld kein gutes Theater.“ Über Sinn und vor allem Unsinn des zweiten Halbsatzes ließe sich streiten; Tatsache aber bleibt, dass finanziell wohlsituierte Kunst oft zumindest ungleich besser aussieht. Davon konnte man sich beim heißbegehrten Festival-Finale überzeugen, als für Frank Castorfs im Rechtsstreit mit den Brecht-Erben abgesetzter „Baal“-Inszenierung aus München der letzte (nicht vorhandene) Vorhang fiel. Viele Minuten liegt da Aleksandar Denić’ unglaubliche Drehbühne zunächst im Halbdunkeln, während vorne die Schauspieler Aurel Manthei, Franz Pätzold und Andrea Wenzl in einem verkasperten Prolog den „Baal“ des „Frank Bertolt Brecht“ ankündigen.

Wenn sich die Bühne dann endlich unter reichlich versprühtem Kunstnebel zu drehen beginnt und stolz ihre Preziosen wie in der Auslage eines Spielzeugladens für Erwachsene anbietet, gehen einem die Augen über: Auf mehreren Etagen türmt sich ein Vietnamkriegs- und Kolonialismus-Amalgam, zusammengesteckt wie ein Kartenhaus der Südostasien-Klischees. Ein echter Army-Hubschrauber mit Playboy-Logo, Feldzelte und Propaganda-Plakate erscheinen wie aus Hollywoods Trauma-Aufbereitung entliehen, es gibt eine Garküche und einen Gemüsestand, flackernde Neonreklamen, einen von Kerzen erleuchteten Salon im Kolonialstil und hoch oben den chinesischen, als Bordell fungierenden Pavillon, in dem die Opiumpfeife herumgereicht wird wie in den opulenten Freudenhäusern von Hsiao-hsien Hous Film „Flowers of Shanghai“. Von der erschlagenden Fülle an Eindrücken und wabernden Weihrauchschwaden etwas blümerant gemacht, möchte man sich diesem Fest für die Augen eigentlich bloß noch kapitulierend hingeben.

„Jetzt flieg doch endlich mal!“

Doch mit dem rein Genießerischen ist es bei Frank Castorf ja immer so eine Sache und „Baal“ bildet da keine Ausnahme. Bei aller visuellen Überwältigung bleibt stets ein stattlicher Rest an Verweigerung zurück, eine Absage an den reinen Räucherstäbchen-Budenzauber und das Sich-Verlieren im magischen Moment. Diese Bühne ist keineswegs ein heimlicher Hauptdarsteller, der noch viel größere Schauwerte in der Hinterhand hält, nur um diese irgendwann triumphierend auszuspielen. Auf den Moment des Überspringens in geradezu filmischen Realismus und rückstandslose Illusion kann man trotz der betörend sinnlichen Optik an diesem Abend lange warten. Stattdessen ist immer klar, dass es sich hierbei bloß um eine umwerfend schöne Kulisse handelt, die in herrlichster Verschwendung nach einer Stunde schon fast alles gezeigt hat, was sie aufbieten kann. „Jetzt flieg doch endlich mal!“, schreit Bibiana Beglau als bei Rimbaud entliehene „Höllengemahlin“ folgerichtig nach fast vier Stunden, während sie dem riesigen Hubschrauber mit den Fäusten wild auf die Nase hämmert. Nichts da. Alles nur Attrappe.

Strapazen, Fleisch und Branntwein

Castorfs den Urheber angeblich so verfälschender „Baal“ ist zumindest in diesem Sinne ganz nah bei Brecht: Zwar wird die gewaltige Bühne selbst zur Erzählerin, die ungebrochene Einfühlung und perfekte Illusion jedoch verweigert sie konsequent: „Das Theater bleibt Theater“, heißt es bei Brecht selbst. Den Zorn der Rechteinhaber wird sich der Regisseur allerdings auch eher an anderer Front zugezogen haben. Denn Castorf zieht die Daumenschrauben der Postdramatik von Artaud’scher Konfession selbstverständlich fester an als irgendeine andere der eingeladenen Inszenierungen dieses Theatertreffens. Brechts frühes Drama wird perforiert, gesprengt, neu zusammensetzt, unterwandert und von Fremdtexten zwischen Joseph Conrad und Ernst Jünger bis zur völligen Wüstung bombardiert. Dazu entfesselt Castorf sein irrsinnig heißlaufendes Sex-und-Gewalt-Theater der sonnenbebrillten Ganoven und teuflischen Weiber, das auch hier wieder überlebensgroß auf zwei Leinwände projiziert wird. Immer wieder gibt es dabei Großartiges zu bestaunen: Etwa eine tolle Bluescreen-Interpolation der Schauspieler in die surreale Szene auf der französischen Plantage aus „Apocalypse Now“, die tief ins finstere Herz des Kolonialismus führt. Ein Video, das die Darsteller beim freien Flug über Paris zeigt, reich geworden und blattvergoldet auf Kosten der Unterdrückten. Oder einfach Bibiana Beglau, als lauernde Spinne mit Pilotenbrille von einer Zimmerdecke herabhängend, wie wahrscheinlich nur sie das kann.

Der den Branntwein aus allen Poren schwitzende Baal (Aurel Manthei) wird in alledem zur Blaupause der Ausbeuter, Kriegführenden und Kolonialisten, der Egomanen, aber auch der verletzlich-eitlen Großkunstwerkler. Ein vor homoerotischem Verlangen überkochender Macho in Strapsen, der seinen Kumpanen Ekart (Franz Pätzold) kurzerhand auf dem Esstisch flachlegt, während die Umstehenden die Messer wetzen und Spanferkel und Genie-Filet gleichermaßen goutieren. Castorf lässt ihn im Laufe dieses famosen Abends etliche Wahlverwandtschaften schließen: Baal wird zum wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz und zu dessen antagonistischer Spiegelung, dem in sein Inneres reisenden Willard aus Coppolas Film. Er wird zu Ernst Jüngers „Waldgänger“, zu Bertolt Brecht und natürlich nicht zuletzt auch zu Castorf selbst, dessen fleischig-lebenssattes Theater der Strapazen und Überforderungen zum Abschluss dieses so von Selbstzweifeln zernagten Theatertreffens vom Publikum in seltener Einhelligkeit bejubelt wurde. Wohl auch ein bisschen aus Trotz und Prinzip, denkt man an die Maschinen, die nach dieser letzten Aufführung der Inszenierung wahrscheinlich hinter der Bühne schon zur Zerhäckslung derselben warmliefen. Und von Berliner Seite her gewiss auch versehen um einige vorgezogene Wehmut.

 

Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl.
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Residenztheater, München

Foto © Thomas Aurin

Whatsapp: Ich glaube, es geht um diesen dänischen Käse

Es ist Dienstagabend und draußen und auf dem Feld ist es soweit
1. das Wetter; da treibt der heilige Pankratius Regen übers Land;
und 2. das Champions League-Halbfinale; da treibt die UEFA Bayern gegen Barca, während drinnen, im Haus der Berliner Festspiele, Arena des Theatertreffens, ein paar Stuttgarter „Das Fest” spielen und sich eine Gruppe fingerwütiger Whatsapper in der hinterletzten Reihe und auf gedimmten Handyscreens kolloquial zum Geschehen äußern soll, wobei aber die Gruppe, darunter Angehörige der temporär bestehenden Kaderschmiede für angehende Theaterkritiker*innen (JANIS El-Bira, ANNEGRET Märten, OLIVER Franke), Angehörige des Vereins die Kritik des Theaters schon seit dessen Ursprüngen Betreibender (Dr. DETLEV Baur, Die Deutsche Bühne), TT-Blog-Veteraninnen (EEFKE Kleimann) sowie Schmiedevorsteherin BIANCA Praetorius, aufgrund eben genannter Professionen weniger dazu angehalten ist, das Wetter oder das Jahrhundertereignis auf dem Feld zu kommentieren, als vielmehr für oder gegen dieses „Fest“ zu wettern, das Christopher Rüping mit seinem Ensemble, in Anlehnung an den ersten Dogma-Film von Thomas Vinterberg, auf der Bühne veranstaltet.

Was daraus geworden ist, geschnitten und gelegt zum Nachlesen:

OLIVER: Das Familienfest der Familie Klingenfeldt-Hansen kann beginnen: Das Tischmobiliar und das Barpiano wurden zur Seite geschoben, dünner Bühnennebel wabert durch die Scheinwerferstrahlen. Die Bühne ist frei für die geladenen Gäste. Was für eine feine Geburtstagsfeier für den lieben Herrn Papa das wohl werden wird?

JANIS : Auf geht’s, Rüping. Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi. Und Götze. Neymar. Und Pep.

DETLEV: Immerhin verzichte ich heute aufs Halbfinale – fürs Fest.

JANIS: Ich auch. Aber wenn’s nichts taugt, ist SkyGo nur eine Daumenlänge entfernt.

BIANCA: Ötzi-Klingenfeld-Fred-Feuerstein-Hansen betritt die Bühne. Pornoschnauzer.

JANIS: Wenn auf der Bühne ein Erzähler auftritt, steht’s eigentlich schon 0:1.

ANNEGRET: Ich glaube, das ist Pascal Houdus in der Leopardenunterhose als Einsteinmensch. So Kubrikanspruch, was?

EEFKE: Und dann der Urschrei!

BIANCA: Die Geschichte der Klingenfeld-Hansens von 10000 b.c. wird erzählt und bebildert.

OLIVER: Tischerücken-Kindergeburtstag. Eine gesamte Familiengeschichte von der Steinzeit bis heute.

EEFKE: Klavier jetzt vom Dur-Aufmarsch zu verspielter Weise.

ANNEGRET: Von West Side Story Hommage zu Maja Beckmann als Zombiepestopfer, das ging schnell.

JANIS: Oh toll. Es gibt so Schwarzwaldhüte. Mit diesen roten Bommeln. Wie heißen die nochmal?

JANIS:

Fest

DETLEV: Red and white danish dynamite, für die Fußballfreunde unter uns.

JANIS: Sprechtempo ist ungefähr doppelter Pollesch. Muss man wollen.

BIANCA: Die Klingenfeldt-Hansens haben auch eine Nazi Vergangenheit.

OLIVER: Konfetti-einsatz Nummer 1 nach Minute 5 . Viva la Dänemark🎉🎉

EEFKE: Das Klavier erinnert teilweise an Jump ′n′ Run-Soundtrack, wiederkehrende Auftrapp-Motive. Passt zum Sprachtempo, treibt nach vorne.

BIANCA: Christian. Erzählt vom Spaziergang am Feldrand. Gleich wirds ernst. Spürt man.

DETLEV: Erzählt sich selbst

OLIVER: Das Familienanwesen im Engelschor besungen. Sohn Christian kommt zurück nach Hause direkt in dem Partytrubel hinein

ANNEGRET: Christian hört Stimmen hinter sich. Skol!

EEFKE: Stimme aus dem Off=didaktische Anweisung an die Zuschauer*innen: Achtung zuhören, wichtig

ANNEGRET: Stimmendirigent im Background und vorne die Darsteller in bebuchstabten Riesenpullis.

OLIVER: Die Geschwister sind wieder vereint: Christian, Helene und Michael, aber eine fehlt…

BIANCA: Der Pornoschnauzer ist jetzt Michael. Alle Rollen haben Pullis mit Buchstaben an.

JANIS: Hachja, dieser ständige Rollenwechsel. State-of-the-art-Theater. Ist ein Peymann im Saal?

DETLEV: Heile Pullover-Familie.

BIANCA: Ah Pornoschnauzer verliert seinen Schnauzer.

OLIVER: Da ist ein riiiiesen 🐘 im Raum. Merk ich schon jetzt

ANNEGRET: Bisher passen drei Mann in den Christian Pulli. Haben die sich wohl lieb, obwohl sie sich zanken?

BIANCA: Am Arsch heile Familie.

JANIS: Muss behaupten, dass der Satz „Ich habe so ein malerisches Glied“ mir ganz gut gefällt.

ANNEGRET: Dun dun dun…Zimmer 13!

DETLEV: Auch die Zimmerverteilung ist theatral aufgeladen.

EEFKE: In Zimmer 7 zieht es ganz schön,

JANIS: Irgendwas ist faul mit Zimmer 7. Helene will nicht rein.

BIANCA: *sad trumpet *

JANIS:🎺

BIANCA: 👏

JANIS: Das ist mein Einsatz.

BIANCA: 💃

ANNEGRET: So. Geister. Aha.

OLIVER: Spuk im Hotelzimmer = The Shining.

DETLEV: Ziemlich bedeutungshuberisch.

JANIS: Ist jetzt so ein bisschen Kabuki-artig, oder? Da machen die doch auch immer so Windgeräusche.

BIANCA: Was ist Kabuki?

JANIS: So’n japanisches Theater mit 7000 Jahre alten Geschichten, die man in drei Sätzen erzählen, aber nur in drei Stunden spielen kann.

OLIVER: Das wird uns heute Abend wohl nicht passieren. Das ist doch alles noch Exposition oder? Das Fest beginnt erst noch. Haltet euch fest

ANNEGRET: Svenja Liesau haucht Horrorfilmklischees ins Mikro. Eher Harry Potter-Grusel bis jetzt.

BIANCA: Svenja Liesau klingt wie Britney Spears als der kleine Vampir.

DETLEV: Die Tote hat nur Hemd keinen Pulli

ANNEGRET: Mobiliaraufzählung. Von der Lampe erhängt? Oder wie?

BIANCA: Das Bühnenbild sieht aus wie die Lagerhalle des Wohnungsauflösungs-Antikshops in der Urbanstraße in Kreuzberg. In a good way.

ANNEGRET: Wie steht’s beim Fußball?

OLIVER: Musik!!! Das Fest beginnt. Die Tische werden emsig zur Partytafel zusammengeschoben

JANIS: Man merkt, du hast absolut keine Ahnung, Annegret, auch wenn du dich sehr bemühst: Champions League beginnt immer erst um 20:45 Uhr

BIANCA: Sagte er “gammelnde Hand”?

BIANCA: (das ist ne ernste Frage)

JANIS: Ich glaube, es geht um diesen dänischen Käse.

BIANCA: Danke Janis.

ANNEGRET : Ach hübsch, die Tafel wird gedeckt mit so weißem Konfetti.

OLIVER: Das Setting erinnert eher an das letzte Abendmahl.

DETLEV: Hütchen auf.

JANIS: Der in Wahrheit ein Magenbitter ist.

JANIS:

Fest Gammel Dansk

JANIS: Im Film wird ja ausnehmend viel gesoffen.

EEFKE: Musik zum Fest: Galopp, zierliches Geklimper, fade out. Jetzt herrscht wieder das bunte Treiben der Partycrowd.

DETLEV: Klischees und Rollenwechsel nerven bislang.

ANNEGRET: Matti Krauses Opa hat was von Loriots Weihnachtsopa.

BIANCA: Findest du? Wegen dem Opa Klischee?

DETLEV: Fands bisher schwer albern.

BIANCA: Ich finde das witzig, aber vielleicht habe ich auch einen fiesen flachen Humor.

JANIS: Hat der Briegleb nicht gesagt, man ginge nicht in die Provinz? Warum in Gottes Namen hat man hier nur eine Ausnahme gemacht?

BIANCA: Welcome to my brain.

ANNEGRET: Äh…

JANIS: In unserer Reihe gehen die Zuschauer.

BIANCA: Stuttgart-Bashing?

JANIS: Sind unsere Handys Schuld oder der Quatsch da vorne?

BIANCA: Die verstehen aber auch kein Deutsch. Das waren Dänen.

ANNEGRET: Als Berliner kann man sich so Bashing wohl erlauben?

DETLEV: Das waren Dänen oder so die selbst eifrig getippt haben.

JANIS: Hahaha. Das finde ich unglaublich lustig.

BIANCA: Sie haben mit der Übersetzung greexhnet.

ANNEGRET: Ist das ein Social Media-Wort, Bianca?

JANIS: Stimmt ja. Heute ohne Übertitel.

BIANCA: Nein, typo @Annegret.

OLIVER: Schneesturm auf der Bühne. Kleine Papierfetzen schweben durch den Raum: Der Patriarch tritt auf

EEFKE: Angesagte bedeutungsvolle Pausen schaffen tatsächlich bedeutungshoffende Ruhe im Publikum.

ANNEGRET: (Ja ja 😉)

OLIVER: Oh nee, peinlich langatmige Feieransprache des Geburtstagskinds. Kurz vor sieben. Es kommt zum ersten Toast!

JANIS. Diese Pullover mit den Anfangsbuchstaben der Vornamen sind doof: Rollenwechsel ist natürlich total cool, aber zu undurchsichtig darf’s auch nicht werden. Muss man ja noch kapieren. In Stuttgart.

DETLEV: Hoffen wir auf ein Theaterwunder der Verwandlung.

DETLEV: Und vielleicht ein Wunder in Müchen?

OLIVER: WAHRHEITSREDE…

ANNEGRET: Hä? Erklärt mal bitte einer den Hemdwechselmoment?

DETLEV: Hab ich verpasst.

ANNEGRET: Achso, wir sind noch mittendrin.

BIANCA: Da hat der Vater Christian und Linda in sein Bürozimmer geholt…

ANNEGRET: Uhoh.

DETLEV: Ach so deswegen die Pullis.

EEFKE: Und vergewaltigt.

JANIS: BAM! Das V-Wort ist gefallen. Der V-Effekt eh andauernd.

DETLEV: Und Hemdgeist

ANNEGRET: Ja, das ist jetzt irgendwie gleich doppelt Bam! Wegen der Witzigkeit vorher.

BIANCA: Der V-Effekt? Boah ist das eklig.

OLIVER: Der Hauspianist Norbi haut in die Tasten.

BIANCA: Und wahr.

JANIS: Endlich! Mehr Konfetti!

ANNEGRET: So, jetzt super Feier. Alle wieder zurück zum Spaßhaben!

OLIVER: Konfettiregen Nummer 2:… 3,2,1 Gammel Dansk!🎉

JANIS: Kann mir nicht helfen, aber das Konfetti gefällt mir. Erinnert mich an Tartuffe damals in Hamburg, als… Ach, vergesst es.

BIANCA: Helena greift ein und sagt “stimmt nicht.”

OLIVER: Konfetti! Erinnert an IMMER NOCH STURM oder? Da kann man sich schön berieseln lassen.

JANIS: Klar! Das war doch auch Gotscheff!

BIANCA: Mir auch. Ich finde das Konfetti wunderbar schmerzhaft.

DETLEV: Figuren spielen kaum eine Rolle – eher Konstellationen. Oder?

OLIVER: Die Bühne ist ja jetzt schon ein kunterbuntes Schlachtfeld!

JANIS: Plötzlich ist es ganz laut vorne. Stört mich ein bisschen beim Schreiben.

ANNEGRET: Christian ist noch sauer und haut die Tische um. Papa stellt sie wieder auf, dann haut er sie selber wieder um.

ANNEGRET: Und stellt sie wieder auf.

DETLEV: Aggression

ANNEGRET: Und Haut….

ANEGRET: Naja ihr wisst schon.

BIANCA: Christian wird umzingelt.

OLIVER: Christian im Verhör. Unter aggressiver Scheinwerferbestrahlung.

ANNEGRET: Papa will mit Christian sprechen. Unter vier Augen.

DETLEV: Papa

JANIS: Papa?

OLIVER: “Ein Gammel Dansk für mich und meinen Sohn”

JANIS: (Wollte ich nur auch mal schreiben.)

BIANCA: War mir nicht sicher. (Papa)

JANIS: Who’s your Papa?!

DETLEV: Papi

JANIS: Ein Freund von mir schreibt mir vom Rang aus, dass er gerade gegangen ist….

BIANCA: Frag ihn warum. Wegen dem V-Effekt?

ANNEGRET: Grelles Licht der ~~*~~Wahrheit~~*~~ wird verdunkelt und auf Rot gestellt.

JANIS: Gastbeitrag: “So, ich bin raus. Dann doch lieber Bayern vs. Barca 😁”

OLIVER: Wie war das nochmal mit aggressiver Antihaltung im Zuschauerraum?

ANNEGRET:  😒

BIANCA: Hahahahah. Verkneift ihr euch jetzt Tränchen des Neides, @Detlev @ Janis?

DETLEV: Stuttgart sollte Chance geben.

JANIS: Bitte?

ANNEGRET: Papa fasst Christian an. Urgh.

DETLEV: Noch sind sie nicht abgestiegen 😉

JANIS: Stuttgart hat mir Champions League einfach nix zu tun.

EEFKE: Es grummelt so bedeutungsschwer, es weht. Es schummert rot. Erster ganz stiller Moment.

ANNEGRET: Leude, da is gerade großes Drama!

JANIS: Jetzt war’s kurz ganz leise. Wie früher bei Gosch…. Ach, vergesst es.

EEFKE: Und wieder löst das Klavier die Szene, Father and Son wird angestimmt.

OLIVER: Rotlichtfolie und Cat Stevens.

EEFKE: Wo ist Cat??

DETLEV: Karaoke Party.

BIANCA: Für mich ist das Boyzone.

JANIS: 1:0 BAYERN!!!

ANNEGRET:  😿

EEFKE: Wenn schon Ronan Keating, Bianca!

JANIS: Okay….. Was mache ich jetzt…….?!?

OLIVER: Ronan Keating!

JANIS: Die Tür ist so nah und vorne Ronan Keating.

DETLEV: Bleib bei der Familie!

EEFKE: Und wenn schon Boyband dann Westlife! #2000er

BIANCA: Janis, reiß dich zusammen! Es ist Keating & Konfetti.

ANNEGRET: Svenja Liesau ist jetzt Christian und mit einem Mal ist’s nicht angry sondern depressiv.

DETLEV: Gesang statt Rede.

BIANCA: Ich finde, sie singt wunderbar.

ANNEGRET: Ich habe Ronan Keating live bei Once gesehen. Der war ganz gut.

BIANCA: Ich mag den Opa und das iOS Klischee. Überhaupt mag ich, glaub ich, Klischees wenn ich ehrlich bin #boyzone

BIANCA: *typo. Opa-Klischee statt iOS

ANNEGRET: Oma und Opa haben’s auf den Tisch geschafft. Weswegen wird hier alles unter den Tisch gekehrt? Der Alten wegen?

OLIVER: Konfettiregen Nummer 3 und Cat Stevens/Ronan läuft immer noch.

ANNEGRET:

Fest 2

BIANCA: Wieso sagt die Schwester immer, dass Christian lügt? Ist das die Schwester, die auch v. Wurde?

JANIS: Habe ich was verpasst? War kurz weg.

OLIVER: Einen Toast auf einen Mörder

DETLEV: Dauerrede in Fragmenten

BIANCA: Warst du beim Fußball? Hast du ne Lösung gefunden beides zu sehen?

OLIVER: Die Situation eskaliert. Die Partystimmung ist im Keller

ANNEGRET: Christian ist voll der Spielverderber. Jetzt Mordvorwürfe. Und Maja Beckmann krallt sich als Mutter verzweifelt zerbrechlich am Hals umher.

OLIVER: Was sagt eigentlich Mama dazu? Else Klingenfeldt-Hansen=Mutter des Jahres: „Wir essen jetzt einfach gemütlich zusammen ”

JANIS: Ausgleich. Die Geschichte hat sich. Bin wieder voll dabei

DETLEV: Ich kann die Wechsel nur so erklären: jeder ist Opfer Täter Papa.

OLIVER: Sehr gut kombiniert.

ANNEGRET: Jetzt macht Papa Abrechnung.

ANNEGRET: Und alle hau’n auf Christian.

DETLEV: Gibt mehrere Papas.

BIANCA: Der Papa sagt, dass der Sohn keine abkriegt.

EEFKE: Muss mich korrigieren, Bianca hat im Livefaktencheck recht behalten: Ronan war bei Boyzone. Tut jetzt nichts mehr zur Sache: es wird wieder sehr ernst auf der Bühne, klatschender Akteur aus Publikum sorgt für kurze Irritation. Alle wieder ganz wach, Aufmerksamkeit wieder da.

OLIVER:  👍

ANNEGRET: Frau Liesaus Christian hängt im Pulli wie ein erbärmliches Häufchen Elend.

JANIS: Mein Freund vom Rang kommt jetzt übrigens wieder zurück. Die Luft sei raus. Hier wird sie dafür dick.

BIANCA: @Eefke 😘 für die 90’s credibility. 🙂

OLIVER: Christian sucht verzweifelt nach einer Nachricht seiner toten Schwester. Getrieben von Schuld und Selbstzweifeln.

ANNEGRET: Oops, Christian hat’s vergeigt mit der toten Schwester und denkt, dass er sie auf dem Gewissen hat.

BIANCA: Christian zeltet verkehrt rum. Super Moment.

DETLEV: Als Pulli-Experte sag ich: PH für Papa Helge

ANNEGRET: Ganz viele PP-Pullis schicken Christian auf die, jetzt kommt’s, Ersatzbank.

ANNEGRET: Ersatzbank?

ANNEGRET: Ne?

JANIS: 😴😴😴

BIANCA: Ne versteh ich nicht… 😞

ANNEGRET: Ah, forget it!

DETLEV: Reden werden vergessen meint PH.

OLIVER: Beatboxen. Und Konfetti Nummer 4 🎉🎉🎉🎉

DETLEV: Da hat er aber nicht mit den Stuttgartern gerechnet

EEFKE: Ützützütz- treibende Beats in Loops!

DETLEV: Die wiederholen.

BIANCA: Ich finde das Konfetti schön und nicht nervig. #allgemeinelebenshaltung

ANNEGRET: Das ist schon alles…bemerkenswert. Discuss!

BIANCA: Ist Wiederholen ein Verbrechen oder eventuell roter Faden/ Klammer/ Wiedererkennung?

OLIVER: Tischerücken. Bühnenbild aus tragbaren Tischkombi-modulen. Johannes Schütz fänd es bestimmt super.

JANIS: Diese grauen Anzüge sind nicht gerade vorteilhaft bei exzessivem Schwitzen.

DETLEV: Ich konstatiere ja nur.

DETLEV: Erstmal.

JANIS. Kann ich mein Handy auch dem Typen vor mir geben und gehen?

ANNEGRET: Nein.

JANIS: Okay.

ANNEGRET: It’s a Heartache.

BIANCA: Muttertag

OLIVER: Voller Ventilaltoreneinsatz zu gediegenem Schmonzettenpianogeklimper.

DETLEV: Konfetti ist halt ein erprobtes Theatermittel, sagt der Skeptiker.

BIANCA: Ich möchte sagen: ich mag Schmunzetten und Schnulzen.

EEFKE: „Wing Wing Waka Waka” und Syntheziser werden von leichtem Piano abgelöst, Partymeute beruhigt sich wieder. Mutter spricht jetzt.

BIANCA: Aber die Mutti ist ne Kacktussi.

BIANCA: Feiglingsmutti.

JANIS: In Wahrheit ist das doch wirklich nur kreuzbiederes Erzähltheater mit ein paar Sachen, die vor 15 Jahren mal jugendlich wirkten.

BIANCA: Ah sorry, das Kacktussi war nicht böse gemeint.

BIANCA: Ah war es doch.

JANIS: Achso, “in Wahrheit” soll man ja nicht sagen.

OLIVER: Auftritt der Mutter Else. Die verkörperte Antithese einer emanzipierten, selbstständigen Frau

DETLEV: Wie sich alles zusammenfügt, ist doch die Frage.

ANNEGRET: Mutter erzählt sich selbst eine Geschichte, sie braucht sie zum Weiterleben, glaub ich.

EEFKE: Kleiner Metadiskurs-Hinweis auf der Bühne: Unterscheidung von Dichtung und Wirklichkeit.

ANNEGRET: Noch mehr Slow Clapping und Christian sagt, er habe gelogen. Ergo, Christian beschützt Mama.

DETLEV: Christian als “Mädchen”

ANNEGRET: Keiner will mehr Christian sein.

BIANCA: Christian will nicht mehr Christian sein und entledigt sich dem Pulli

JANIS: Nebenan steht’s übrigens 1:2. Papa Pep hat auch ‘ne schwere Zeit. Gegen den rebellieren ja quasi auch die Kinder.

BIANCA: Wer ist Papa Pep?

JANIS: Ich bitte dich, Bianca….

DETLEV: Der katalanische Bayern Coach

JANIS: Nur für dich, Bianca:

JANIS:

Fest pep

JANIS: Konfetti-Kanonen! Also das ist jetzt wirklich Gotscheff!

EEFKE: LykkeLi, Matthias Reim, Atemlos. Verzweifelung.

OLIVER: Konfetti-Kanone!🎉

BIANCA: I will follow him. Sister Act.

JANIS: Ich kann nicht mehr. Mir tut mein linker Daumen so weh, die Sache ist fast rum und ich habe das Gefühl, nix beigetragen zu haben.

BIANCA: Ist schon vorbei? Kommt mir nicht lange vor

ANNEGRET: Mir schon.

OLIVER: Noch 1/2 h.

JANIS: Das like am Schreiben, Bianca.

JANIS: Liegt

JANIS: Un-like

OLIVER: Och jetzt bin ich doch a bisserl ergriffen.

OLIVER: Ok wieder zerstört

BIANCA: Was hat es zerstört?

OLIVER: Christian spricht mit seiner toten Schwester im Himmel.

EEFKE: Bei diesem TT gibt’s viele Songmedleys: Common Ground/90errevue, Schygulla-Abend/Hippie/68; hier quer durch den Klischeegarten.

DETLEV: Warum ein TV Mikro über Wanne?

OLIVER: Ich dachte, das wäre die Sense vom Sensenmann😄

BIANCA: Bringt er sich gleich mit dem Föhn in der Wanne um?

ANNEGRET: Bruderliebe, Christian entwickelt sich in der Badewanne zum Kind zurück. Hoffentlich müssen wir das Verbrechen nicht gleich noch mit angucken. So als Erinnerung.

BIANCA: (Sorry ich hab den Film nie gesehen)

DETLEV: Christian spinnt.

JANIS: Das wollte ich wenigstens einmal heute sagen: Im Film ist das aber nicht!

ANNEGRET: Ich glaube Christian halluziniert.

OLIVER: Eine Nachricht aus dem Totenreich.

BIANCA: Oh nein jetzt bringt sich C um

JANIS: Bei der Tonangel über der Badewanne muss ich immer an Big Castorf denken. Noch fünf Tage!

DETLEV: Witzefeuerwerk, auch ein etwas abgestandenes Mittel.

ANNEGRET: Helene ist jetzt auch inner Badewanne und sie erzählen sich ihr Gefühlsleben.

DETLEV: Schauspieler können was, aber dürfen sie auch?

ANNEGRET: Noch mehr Witze. 😴

BIANCA: Ich mag die Schauspieler übrigens. Das sieht aus, als hätten die einen Heidenspaß bei hoher Konzentration. Ich mag einen Haufen junger Schauspieler oft nicht. (Don’t ask), aber hier mag ich alle

ANNEGRET: Die bewegen sich halt auf der Bühne wie beim Impro.

ANNEGRET: Nur ohne Impro.

OLIVER: Zurück zur Handlung: ein Brief von Linda wird verlesen!

BIACNCA: Vielleicht ist es Impro und deswegen gibt es keine Übertitel? #dänen

JANIS: “Ich hab’ die Faxen langsam dicke.” Hahaha!

BIANCA: #selfiedänen

OLIVER: Die Handlung hätte ich ehrlich gesagt nicht ohne den Film mitbekommen.

EEFKE: Es quatscht und platscht.

BIANCA: Ich kenne den Fail nicht und komm einigermaßen ( ..) mit.

DETLEV: Hab „Das Fest” in Dortmund vor zwei Jahren gesehen. Fand ich wesentlich bemerkenswerter

OLIVER: Kay Voges oder?

BIANCA: Ouuuhhj #miesgedisst

BIANCA: Zur Story: gibt Helena gerade zu, dass Christian recht hatte?

ANNEGRET:   Nee, Helena liest Lindas Brief vor…

ANNEGRET:  Alle sind betroffen, außer Papa, der will Portwein.

BIANCA: Aber Linda sagte was von Vergewaltigung oder? Also jetzt ist Papa dran. Right?

ANNEGRET: Lynchen die ihn jetzt?

JANIS: Wird Papa im Film nicht noch derbe krass verKLOPPt?

JANIS: Mein Freund vom Rang kündigt an, zu buhen. Gut hinhören gleich.

EEFKE: Diese nassen, voll getränkten, schweren Kleider zu sehen, sorgt schon beim Zusehen für Unterleibsschmerzen. Sehe ich da als einzige eine Verbindung? Mir wird ganz kalt.

DETLEV: Warum nicht Menschen spielen?

ANNEGRET: Das ist die komplette Verausgabung.

JANIS: Detlev: Bin ich ganz bei dir.

OLIVER: Papa wird jetzt gerichtet. Die Kinder reihen sich darum. Family Values…

BIANCA: Gammel Dansk-Waterboarding.

ANNEGRET: Nicht jetzt die Pretenders (ohne Karaoke), das bringt schon ohne Vergewaltigungsdrama auf der Bühne zum Heulen.

JANIS: Warum muss ausgerechnet dieses Stück für so theatrale –Achtung – Hütchenspielertricks herhalten? Das geht doch mit anderem viel besser.

DETLEV: Schreibe schon wie Stadelmeier.

JANIS: Endlich ist auch einer nackt.

BIANCA: Ich finde die Klischees sind so in realistische, szenische Transparenz eingebettet, dass ich sie nicht als Kitsch erlebe.

DETLEV: Nicht Kitsch aber Fake.

JANIS: Beim Gosch-Macbeth von 2006 waren alle immer nackt. Wollte ich heute Abend auch einmal noch erzählt haben.

DETLEV: Gosch, das waren noch Theaterwunder.

ANNEGRET: Pimmelkonfetti und Papa macht jetzt Geständnis, oder?

OLIVER: Die Tischkombi und das Männergeklitsche…da hat sich jemand aber ordentlich was von Gosch/Schütz abgeguckt. Das stimmt!

EEFKE: Also auch ein Regiekniffmedley?

JANIS: Okay, dieser Schluss ist jetzt wirklich das Allerletzte.

DETLEV: Ach, ich alter Mann fühl mich verstanden von euch. Nur bei Bianca weiß ich nicht 🙂

JANIS: Nochmal: Das war echt im Film alles ganz anders.

DETLEV: Theater darf schon anders.

JANIS: Theater darf alles.

JANIS: Muss nur nicht.

ANNEGRET: Ahja.

BIANCA: Ne das Lied heißt jetzt „United”.

BIANCA: Und ich glaube es ist DJ Bobo.

BIANCA: Ganz langsam auf dem Klavier. DJ Bobo. Ich bin mir sicher.:)

OLIVER: Wie DJ Bobo schon nach seinem Auftritt beim Eurovision. Songcontest sagte: „Ich habe die Leistung nicht abrufen können”  …

BIANCA: Sagte er das? DJ Bobo?

ANNEGRET: Also an den Spielern liegts nicht.

OLIVER: Eher am Regiekonzept.

ANNEGRET:   Die können “everybody” spielen.

JANIS:

Fest 3

BIANCA: Das finde ich traurig. Weil eklig. Und traurig. Auch wenn ihr es kitschig findet. Maybe.

DETLEV: Kitsch wäre schön.

ANNEGRET: Klatsch-O-Meter?

EEFKE: Zögernd.

BIANCA: Klatsch-O-Meter: Medium

EEFKE: Absteigend

OLIVER: Das Stück ist aus und 78% der Tische wurde nicht benutzt

DETLEV: Mir viel zu wenig Gefühl

JANIS: Jetzt doch großer Jubel. Karten waren teuer.

EEFKE: Äh: ansteigend!

BIANCA: [soundcloud url=”https://api.soundcloud.com/tracks/205874061″ params=”auto_play=false&hide_related=false&show_comments=true&show_user=true&show_reposts=false&false=true” width=”100%” height= iframe=”true” /]

DETLEV: Starkes Ensemble.

BIANCA: Ich glaube, hätte ich ganz ganz vorne gesessen, hätte ich den Abend wirklich toll gefunden. Aber ich mag fast alles, wenn ich ganz ganz vorne sitze. #obachtbeimkartenkauf

DETLER: Aber ich bin nicht betroffen

ANNEGRET: Betroffenheit wollte das aber schon erreichen, oder?

DETLEV: Mit allen Mitteln

JANIS: Ja, große Betroffenheit allenthalben.

ANNEGRET: Sogar mit DJ Bobo.

 

 

 

 

 

 

Dreckige Erhabenheit: „Der 2. Tod eines Kollektivs“

Im Roten Salon der Berliner Volksbühne widmet sich der Schauspieler Maximilian Brauer mit wechselnden Kolleg*innen regelmäßig im Rahmen vergnüglich-versauter Abende dem Leben schillernder Prominenter. Neben Rolf Dieter Brinkmann und Helmut Berger war auch schon Rainer Werner Fassbinder an der Reihe. Anlässlich des Theatertreffens wurde der Fassbinder-Abend noch einmal aufgenommen. Theresa Luise Gindlstrasser hat über die wüste Nummer geschrieben, Janis El-Bira ihren Text mit Fußnoten versehen.

 

Rainer Werner Wer? Der mit den vielen Filmen,[1] der mit den Drogen, der mit dem Sex. Der Rainer Werner, Fassbinder, der hat einen Fokus bekommen im Rahmen vom Theatertreffen. Ausstellung, Podiumsdiskussion, Liederabend, Theater und Performance. „Fokus Fassbinder“, da ist der Mythos nicht mehr weit.

Aber wo Mythos, da immer auch Problem. Und wo immer auch Verklärung, da sowieso dann Gelächter. Innerhalb dieses Spannungsfeldes wurde die großartige Sauerei unter dem Titel „Der 2. Tod eines Kollektivs oder Die wunderbare Welt des R.W. Fassbinder“ ausgetragen.[2] Sauerei, weil Wurst, Käse, Brot, Cola, Rum, Essiggurken, Nebel, Hackfleisch, Rockband und backe backe Kuchen.[3] Großartig, weil Verschwendung der Materialien und Verausgabung der Menschen auf die dreckigst mögliche Art und Weise Erhabenheit generiert.

Dreckige Erhabenheit, damit meine ich die Souveränität der Schauspielenden im Scheitern. Das wurde nicht geprobt. Das wurde gemacht.[4] Da wurde aus der Situation heraus agiert. Da wurde jedes Gegen, jedes Nein, jedes Anti aus dem Publikum verwurstet und war dann plötzlich wieder Ja. Damit meine ich auch Referenzen, die ich nicht mitvollziehen kann, die ich ahnen kann, wo ich sehe, da wird mit großer Fassbinder-Währung wild um sich geworfen, während gleichzeitig die Währung Fassbinder als solche in Frage gestellt wird.[5] Dreckige Erhabenheit, das ist eine Weise, sich dem Rainer Werner, dem RAINER WERNER FASSBINDER, zu nähern und ihn sich gleichzeitig vom Leibe zu halten. Narration? Nein. Situation? Ja.[6] Sex, Drogen, Fassbinder-Filmeraten[7] und Bier? Ja.[8]

 


 

[1] Fünfundvierzig Filme, um ganz genau zu sein. In gerade einmal 26 Jahren. Säulenheilig aufragend im deutschen Nachkriegsfilm. Von allen verehrt, aber irgendwie doch von niemandem beerbt. Oder doch?

[2] Im Roten Salon der Volksbühne, wo man freundlich darauf hinwies, dass zwar auf der Bühne, keinesfalls jedoch im Zuschauerraum geraucht werden dürfe. Gelenkter Exzess. Richtig ausrasten durften nur die da vorne: Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft und Lilith Stangenberg.

[3] Im Einzelnen: Wurstgeschnitzte Penisse am großartigen Selbstversuchler Maximilian Brauer, Käse vom halben Laib, Brot von der Hofpfisterei (gefistet von Brauers Mikrophon), Cola und Rum aus dem Essiggurkenglas als Wanderpokal für alle Anwesenden, Hackfleisch aus der Hose, Nebel aus der Ecke, Rockband irre laut von hinten rechts. Außerdem: Zwei Körbe Flugbrezeln und drei Fässer Paulaner fürs Publikum. Die Mische aus Bayern.

[4] Bei Fassbinder wurde eigentlich ziemlich hart und akribisch geprobt. Aber gemacht wurde natürlich auch.

[5] Was ja das Problem der Fassbinder-Rezeption schön veranschaulicht: Heiligsprechung und Käseglocke sind zwar so ziemlich das Letzte, was diesem wilden Werk gerecht würde. Andererseits ist Fassbinder aber komplett in, an und für sich abgeschlossen. Er ist schon länger tot als die alte BRD, an der er sich abarbeitete. Und die ist schon echt ‘ne Weile dahin.

[6] Eine besonders schöne Situation war übrigens der Live-Anruf bei Irm Hermann daheim: „Hier in Franken gibt es wunderbaren Presssack.“

[7] Ganz schwache Leistung vom Publikum. Ganz schwach.

[8] Ja!

 

Der 2. Tod eines Kollektivs oder Die wunderbare Welt des R. W. Fassbinder
Ein Selbstversuch mit Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft, Henning Nass und Lilith Stangenberg, sowie den Musikern Leonard Neumann und Richard Lucius. Mit exklusiven Beiträgen von Irm Hermann und Ulli Lommel.
Ausstattung: Jana Wassong
Dramaturgie: Anna Heesen, Thilo Fischer
www.volksbuehne-berlin.de

 

Interview: Wiebke Puls

Wiebke Puls ist seit der Spielzeit 2005/06 Teil des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Seit 2012 schreibt sie in unregelmäßigen Abständen für „Theater heute“ und setzt sich in ihren Texten mit dem Beruf „Schauspieler*in“ auseinander. Als Gastautorin hat sie für das Theatertreffen-Blog einen Beitrag geschrieben. Janis El-Bira und Theresa Luise Gindlstrasser trafen Wiebke Puls zum Gespräch.

TT-Blog: Man darf behaupten, dass Sie zu den Stars am Theater zählen. Zur kleinen Riege derjeniger, von denen das Publikum sagt: „Deretwegen gehe ich heute Abend ins Theater.“ Trotzdem stehen seit vielen Jahren die Regisseure im Mittelpunkt, man geht zum „neuen Breth-Abend“ oder zum „neuen Kriegenburg“. Täuscht der Eindruck oder stehen Schauspieler*innen nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit?

Wiebke Puls: Als ich in Hannover mein erstes Engagement hatte (1998-2000), fand die Öffentlichkeitsarbeit noch stark über die Schauspieler*innen statt. Das Ensemble stand in der ersten Reihe, obwohl wir da schon die Zeit des Regietheaters hatten. Als ich dann anschließend nach Hamburg ans Schauspielhaus ging, hatte Tom Stromberg, der neue Intendant dort, viele bekannte Namen aus dem Ensemble seines Vorgängers Frank Baumbauer nicht übernommen und arbeitete eher mit den individuellen Persönlichkeiten damals nicht sehr bekannter Schauspieler*innen. Ihm ging es merklich stärker um die Regisseur*innen. Ich wechselte später an die Münchner Kammerspiele, wo wiederum ein sehr ausgeprägter Ensemblegeist herrschte. Hier war klar, dass jeder und jede mal protagonistisch, mal als „Zuspieler*in“ für andere tätig sein würde. In den Leporelli wurden aber die Gesichter der einzelnen Ensemblemitglieder künstlerisch verfremdet. Auf Plakaten tauchten die Gesichter, wenn überhaupt, nur noch in verklausulierter Form auf. Als Schauspieler*innen schienen wir nicht geeignet, Werbung für ein Theater, das Inhalte in den Vordergrund stellt, zu machen. Das Publikum sah das anders, für die Zuschauer*innen waren die Schauspieler*innen nach wie vor ein wichtiger Angelpunkt. Unter der Intendanz von Johan Simons wurde dieser Gedanke im Grunde fortgesetzt. Die von LSD gestaltete Corporate Identity wurde dann zudem nicht mehr über Bilder, sondern über Typographie vermittelt. Das suggerierte ganz klar: Hier geht es nicht um Personen, schon gar nicht um Stars, sondern um Inhalte und eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Stoffen. Diese Auseinandersetzung mit der Welt sollte durch die Schauspieler*innen vertreten, aber nicht mehr verkauft werden.

TT-Blog: Man hat den Eindruck, dass es machmal sogar ein gewisses Interesse daran gibt, Schauspieler*innen scheitern zu sehen. Wenn er oder sie, bei Castorf oder Pollesch zum Beispiel, in irrsinnigen Textmengen untergeht.

WP: Ich denke, das ist eine Überforderung, die ein künstlerisches Team unter Umständen ganz bewusst sucht. Zu Recht! Denn Überforderung halte ich für so etwas wie das verbindende Element unserer Zeit. Theater gibt dir zwar die Gelegenheit, etwas zu sortieren, aber wenn man es zu gut sortiert, dann ist das doch irgendwie auch nicht mehr wahr. Wenn wir uns wirklich mit dem auseinandersetzen wollen, was uns umgibt, dann ist das Moment des Scheiterns und der Überforderung etwas, das vorkommen muss. Wir stehen ständig unter dem Druck, das jeweils nächste schnell passieren zu lassen. Die Produktionsbedingungen sind so, die Kulturpolitik ist es auch. Wir spüren das als eine Energie, die uns nicht rasten lässt. Und vielleicht gibt es unter Theaterschaffenden sogar den von einer gewissen Eitelkeit angehauchten Wunsch, die Rastlosesten von allen zu sein. Man konnte das an der Volksbühne beobachten. Da bin ich während meines Studiums hier in Berlin fast jeden Abend hingepilgert. Die waren ja alle immerzu am Hyperventilieren. Niemand hat sich geschont.

TT-Blog: Das ist ja ein seltsamer Fall an der Volksbühne, dass sich da inmitten eines so extremen Regietheaters ein großer Freiraum für die Schauspieler*innen aufgetan hat. Dass sich die Schauspieler*innen, die ja fast zu einer Art Verfügungsmasse geworden sind, im “Scheitern” durch die Improvisation wieder emanzipieren.

WP: Ich empfand es immer so, dass das Regietheater die Schauspieler*innen nur in dem Punkt in die Pflicht genommen hat, dass sie sich wirklich und vollständig zur Verfügung stellen sollten. Die Volksbühnen-Schauspieler*innen habe ich zum Beispiel als ausgesprochen autark empfunden. Ich hatte immer den Eindruck, die hatten jeder Zeit die Wahl, es auch ganz anders zu machen oder einfach sein zu lassen. Insofern fand ich nicht, dass die Regie einen besonderen Zugriff auf sie hatte, abgesehen von der Aufforderung, sich zu exponieren, auszusetzen und wirklich aus dem Moment heraus zu agieren. Das kam mir vor wie ein Pakt zwischen Regie und Schauspiel. Ein Pakt zur Autarkie.

TT-Blog: Kennen Sie diesen Wunsch, sich auszusetzen und autark zu positionieren, auch von sich selbst? Hat er eine Rolle gespielt bei Ihrer Entscheidung, sich auch mit der schriftlichen Auseinandersetzung mit Theater beschäftigen zu wollen?

WP: Ja. Ich möchte mich gerne verhalten und ich denke, das Theater bietet viele Möglichkeiten, dies auf eine nicht akademische, sondern spielerische Weise zu tun. Es gibt eine kaleidoskopische Ambivalenz der Dinge. Momente eines Sich-Verhaltens, die sich vielleicht im nächsten Augenblick schon wieder widersprechen. Das kann natürlich zutiefst beunruhigend sein. Das Schreiben hilft mir dabei, eine Sache mal genauer anzuschauen. Insofern war schreiben für mich immer interessant. Da geht es um die Ordnung der Gedanken. Deswegen schreibe ich gerne. Um etwas zu konkretisieren, es auf den Punkt zu bringen.

TT-Blog: Lesen Sie regelmäßig Kritiken?

WP: Nach einer Premiere, an der ich beteiligt war, lese ich so ziemlich alles und das auch oft viel zu früh. Also in einer Phase, in der die Wunde noch nicht geschlossen ist. Die Diskussion interessiert mich sehr, aber die Kritiken sind doch oft hermetisch abgeschlossen. Vielleicht kann man einen Leserbrief schreiben, aber kein*e Kritiker*in macht mir, als beschriebene Akteurin, ein Angebot, darüber weiter zu sprechen. Stattdessen wird eher der Deckel draufgemacht und die Kritiken erscheinen wie das letzte Wort. Klappe zu, Affe tot.

TT-Blog: Würden Sie sagen, dass in der jetzt geläufigen Theaterkritik die Beschreibung, also auch die Beobachtung von handwerklichen Vorgängen zu kurz kommt und zu viel Ideologiekritik betrieben wird? Haben Sie das Gefühl, dass hier eine Lücke entstanden ist, die vielleicht auch etwas mit dem viel stärker gewordenen Ensemble- und Regiegedanken zu tun hat?

WP: Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Aber Fakt ist, dass die Schauspieler*innen als solche, die eine Kunst beherrschen, nur noch selten beschrieben werden. Dass in einem Artikel ein bestimmter Moment detailliert beschrieben wird. Da gibt es nur pauschale Beschreibungen. Und in den meistens Fällen sind es wirklich nur Schlagworte, die in Klammern geschrieben werden. Das verstehe ich nicht. Die haben uns immerhin zweieinhalb Stunden zugesehen, und klar, das Bühnenbild ist wichtig, die Regie ist wichtig, aber die Schauspieler*innen sind heutzutage eigentlich sehr aktiv Gestaltende. Und es ist doch so, dass Schauspieler*innen nicht nur dann Autor*innenschaft übernehmen, wenn die eigene Biographie auf die Bühne gebracht wird. Ich stelle der Regie ja durch meine Improvisation und Angebote einen Wust von Material zur Verfügung, damit überhaupt erstmal etwas zum Sortieren da ist. Das wird den Schauspieler*innen von der Kritik aber überhaupt nicht zugestanden. Sie werden in der Regel nicht beschrieben als gestaltende Künstler*innen die auch Verantwortung tragen.

TT-Blog: Was wäre, wenn ein*e Kritiker*in den Versuch unternehmen würde, durch Anwesenheit in den Proben diesen Entstehungsprozess in die Besprechung aufzunehmen? Also sich ein Bild verschaffen würde über den „Wust von Material“?

WP: Nein, ich lasse eine*n Kritiker*in nicht zusehen bei der Probe, ich habe ja ein Recht darauf, zu probieren. Deswegen heißt es ja Probe. Und es ist schon hart genug, dass irgendwann der Tag kommt und ich dazu verdonnert bin, etwas als ein vorläufiges Statement stehen zu lassen. Es kommt ja häufig vor, dass sich eine Vorstellung entwickelt und das wird dann nicht mehr besprochen. Ich finde es wichtig, dass man uns diesen Raum der Findung lässt und uns dann meinetwegen auch beim Wort nimmt, sobald wir etwas öffentlich machen.

TT-Blog: Es ließe sich doch vielleicht derselbe Vorgang vom Kritiken-Schreiben behaupten. Auch hier gibt es Entstehungsprozesse und ein fertiger Text wäre dann auch ein vorläufiges, aber definitiv öffentliches Statement. Also ähnlich wie die Premiere. Und in meinen Augen wären diese beiden Dinge, obwohl sie öffentlich sind, immer in einer gewissen Vorläufigkeit zu betrachten. Aber es gibt natürlich auch die Versuche, den Entstehungs-, also „Probenprozess“ eines Textes offenzulegen.

WP: Ja, das sind verschiedene Haltungen. Viele der arrivierten Kritiker*innen würden sich aber nicht angreifbar machen wollen. Die wollen das Ding besiegeln.

TT-Blog: Vielleicht macht ja der Versuch, etwas zu besiegeln, die Sache schlecht.

WP: Ich mag Publikumsgespräche sehr gerne. Weil da wirklich ein Dialog statt finden kann. Das würde mir gefallen, wenn die Kritik das auch öfter mal anbieten würde. Natürlich gibt es aber eine Grenze der Schnelllebigkeit. Der erste Impuls muss nicht veröffentlicht werden, wir Schauspieler*innen geben uns ja auch Mühe, etwas zu formulieren. Eine Aufführung mit Twitter zu begleiten, ist mir nicht sympathisch. Während ihr da vor euch hin twittert, versäumt ihr zuzuhören, zuzusehen und zu reflektieren. Das erwarte ich aber von Gesprächspartner*innen. Die Form des dialogischen Besprechens finde ich aber ganz reizvoll.

TT-Blog: Weil hier schon durch die Form eine Art von Vorläufigkeit markiert wird? Weil versucht wird, sich aus einer steinernen Textform heraus zu heben?

WP: Sobald zwei darüber sprechen wird klar, dass sich keiner einbildet, etwas als Ganzes erfassen zu können. Und ich glaube, Dialog führt in der Regel zu mehr Erkenntnissen als innerer Monolog. Das reizt mich daran.

TT-Blog: Glauben Sie nicht, dass es möglich ist, diese Vorläufigkeit in einem „geschlossenen“ Text zu markieren? Diese dort so passieren zu lassen, dass klar werden kann, dass eine Kritik nicht der Versuch ist, irgendwo einen Deckel drauf zu geben, sondern genauso eine Vorläufigkeit darstellt wie alles andere?

WP: Eine einzige Form zu finden, in der das möglich wäre, ist schwierig. Vielleicht geht’s mit Parallelkritiken. Gleichzeitig verschiedene Kritiken mit verschiedenen Standpunkten, das finde ich interessant – das gibt aber der Pressespiegel auch her. Dialogkritik könnte man gerne mal in einem Printmedium versuchen. Doch auch im notierten Dialog sollte man sich vorher etwas überlegen und nachher redigieren. Also kein Geplapper, sondern ein vergleichendes Gespräch, nicht ohne den Anspruch, etwas für sich schon mal eingeordnet und in Kontexte gestellt zu haben. Kritik ist mehr als bloße Beschreibung. Wobei „Beschreibung“ in einer klassischen Kritik meistens zu kurz kommt. Die Beschreibung würde ja plausibel machen, zu welchem Schluss du kommst. Wenn gar nicht mehr beschrieben wird, dann wird Kritik zu einem nicht nachvollziehbaren Richterspruch, der am Ende gefällt wird. Aber auch eine Beschreibung kann klüger oder blöder ausfallen. Was qualifiziert einen denn zu*r Kritiker*in? Nur dass man sich für andere lesbar äußert?

TT-Blog: Ich weiß es nicht. Aber ich bemühe mich darum, aufmerksam zu schauen und aufmerksam zu formulieren. Das wäre mein Zugang. Mich einem Theaterabend auszusetzen, unbedingt auch mit dem, was ich mitbringe.

WP: Das wäre auch meine Auffassung von meiner Arbeit. Allerdings, je mehr Wissen du ansammelst, je mehr Kontexte es gibt, in die du einordnen kannst, desto komplizierter wird es auch. Ein unverstellter Blick ist mir schon wichtig, wenn auch vielleicht illusorisch. Das geht dann so weit, dass ich mir denke, warum ich denn einen Text vorher lesen sollte; die Frage ist doch, erzählt sich mir etwas, ohne dass ich den Text kenne?

TT-Blog: Ich glaube schon, dass es wichtig ist, den jeweiligen Stücktext zu lesen. Ich glaube prinzipiell nicht, dass etwas auf ein leeres Blatt Papier fallen kann, dass es sowas wie den „unverstellten Blick“ überhaupt gibt. Wir bringen ja immer etwas mit. Es geht da, glaube ich, um eine gewisse Art von Gleichzeitigkeit von Wissen und Nicht-Wissen.

WP: Du hast Recht. Ich bin aber auch keine Kritikerin! Ich gehe auch ohne Vorkenntnisse in Vorstellungen, versuche dann allerdings das Gesehene sorgfältig zu beschreiben. Da geht es für mich um Respekt. Nämlich erst einmal zu respektieren, dass da was versucht wurde. Diesen Respekt spüre ich in manchen Kritiken nicht.

TT-Blog: Letzte Frage: Wir haben vorhin so viel über Haltung gesprochen. Würden Sie sagen, dass Spielen und Schreiben für Sie eine Art ist, sich zu Welt zu verhalten?

WP: Ja.

„Borkman“ zum Nachspielen

Die Redaktion vom Theatertreffen-Blog hat sich eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen ausgewählt, um mit dieser eine spezielle Form der Besprechung zu versuchen. 3,2,1: Es ist „John Gabriel Borkman”.

Wir haben geschrieben und kalkuliert und gecoded. Jetzt ist sie da, unsere Twine Kritik. Das Ganze funktioniert wie ein Spiel. Also einfach auf diesen Link klicken. Let´s play!

 

John Gabriel Borkman
von Henrik Ibsen
Regie: Karin Henkel, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Nina von Mechow, Musik: Arvild J. Baud, Licht: Annette Ter Meulen, Dramaturgie: Sybille Meier
Mit: Josef Ostendorf, Julia Wieninger, Jan-Peter Kampwirth, Lina Beckmann, Kate Strong, Matthias Bundschuh, Gala Winter
www.schauspielhaus.de

Die Lücke, die der Gotscheff ließ: „Warten auf Godot“

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Keine „Landstraße“, kein „Baum“ und es herrscht eher finstere Nacht als jener „Abend“, den Beckett in seiner legendär-knappen Regieanweisung für „Warten auf Godot“ vorsieht. Ein Trichter dominiert stattdessen die zur Schräge angehobene Bühne, ausgelegt mit einem rosafarbenen Tuch. Bedrohlich durchmisst zu Beginn in eisiger Stille ein Suchscheinwerfer die karge Szenerie. Noch aber ist niemand hier und das große Nichts ganz allein mit sich selbst. Eine kleine Ewigkeit vergeht, bis sich etwas regt unter dem Tuch und menschliche Umrisse erkennbar werden. Nach einer Weile haben sie sich dann mühevoll aus dem Tuch herausgeschält und kriechen aus dem Trichterabgrund wie aus einer Rosette, die sie gebiert: Wladimir und Estragon sind wieder da, um einmal mehr zu warten. Auf Godot, der auch diesmal nicht auftauchen wird. Auf Erlösung, die weiter entfernt kaum sein könnte. Schlussendlich, natürlich, auf den Tod, doch es fehlt ja selbst der verdammte Baum, an dessen Ast man den Strick knöpfen könnte. Also warten sie weiter.

Eine unendlich leere Minute

Die Hauptfiguren aus „Warten auf Godot“ waren immer so etwas wie Brüder im Leiden für die Protagonisten im Theater Dimiter Gotscheffs. Wie Wladimir und Estragon waren das Zerriebene zwischen den Zeitläuften, verloren im gähnenden Nichts. Gelegentlich wurden sie angefallen von Hoffnungsschimmern oder romantischen Verklärungen der Vergangenheit, derer sie sich fast schämten. Oft waren diese Figuren wie Clowns, die mühsam die Scherben ihrer längst in tausend Teile zersprungenen Witze aufsammeln mussten. Auch in der Liebe zu diesen bitterkomischen Gauklern stand Gotscheff dem Karl-Valentin-Verehrer Beckett nahe. Es wundert also nicht, dass der bulgarische Regisseur sich fast zehn Jahre lang mit Ideen für eine eigene „Godot“-Inszenierung getragen hatte. Doch die Zeit reichte nicht mehr aus: Als Gotscheff im Oktober 2013 in Berlin verstarb, hatte er gemeinsam mit Mark Lammert lediglich noch den Bühnenraum entwerfen können. Und tatsächlich ist diese unendlich leere Minute vom Anfang, in der die Bühne vom scharfen Lichtkegel des Scheinwerfers durchschweift wird, von den restlichen fast zweieinhalb Stunden dieses Abends nurmehr schwerlich einzuholen. Ihre Verheißung, dass es doch gleich wieder losgehen könnte, dieses Gotscheff-Theater, wenn der Sucher nur fündig würde, ist ebenso bewegend, wie ihre Enttäuschung schmerzt. Denn Gotscheff ist nicht mehr und so beginnt eben alles mit dieser großartigen, aber auch sehr klaffenden Lücke.

Mühsamer Spagat

Es sind immerhin einige der engsten Vertrauten aus der Theaterfamilie des Regisseurs, die sie im Fortgang zu füllen suchen. Das Ensemble um den Regisseur Ivan Panteleev und Gotscheffs „Theatersöhne“ Samuel Finzi und Wolfram Koch wollte diesen Abend, der für die Ruhrfestspiele und das Deutsche Theater Berlin entstand, bewusst als Hommage verstanden wissen. Die Anstrengungen des Spagats allerdings, gedenkende Referenz sein zu wollen und doch auch Eigenes sein zu müssen, merkt man der Inszenierung an. So stemmen sich Finzi (Wladimir) und Koch (Estragon) zwar unter voller Aufbietung ihrer grandiosen Bühnentierhaftigkeit gegen das um sich greifende Nichts: Sie liefern sich spektakulär ein pantomimisches Duell quer durch verschiedene Sportarten und stehen vor allem in der zehrendsten Stille, von der es reichlich gibt, wirklich ganz Gotscheff-typisch wie windschief gewachsene Bäume im Raum herum. Doch Panteleevs Regie scheut es, sich den Abend zueigen zu machen oder gar die Vorlage, die bei aller Unsterblichkeit etwas Moos angesetzt hat, zu aktualisieren. So überlässt er größtenteils ganz seinen Schauspielern das Feld, was im Falle des perfekt eingespielten Duos Finzi / Koch zuweilen die Grenze zu (hochvirtuosen) Mätzchen überschreitet, während Christian Grashofs Pozzo und Andreas Döhlers Lucky eine etwas boulevardeske Klotzigkeit übergestülpt bekommen. Da wirkt „Warten auf Godot“ dann schonmal wie der Gassenhauer des Existenzialismus schlechthin, allzeit spiel- und munter beklatschbar.

Der Gaukler fehlt

Das seltsamste Problem dieser Inszenierung ist allerdings, dass sie ausgerechnet dort, wo sie durch eigene Zurückhaltung den Gotscheff-Geist wehen lassen will, oft viel grimmiger und auch trockener wirkt, als dieser in vielen seiner Inszenierungen doch eigentlich war. Neben ungezählten Schmerzensmännern und -frauen, die auf gekrümmten Buckeln die Last der Geschichte über die Bühne zu schleppen schienen, schenkte Gotscheff uns eben auch Momente gelösten Theaterzaubers und randalierender Ausgelassenheit. Wer dabei war, wird nicht vergessen, wie er in seinem Hamburger „Tartuffe“ (2007) die Bühne minutenlang mit Luftschlangen und Konfetti befeuern ließ, bis die Darsteller fast knöcheltief darin waten mussten. Ebensowenig, wie seine Berliner Inszenierung von Dejan Dukowskis „Das Pulverfass“ (2008) den rotzigen Sound eines infernalisch lauten Balkanorchesters zum heimlichen Hauptdarsteller machte. In Panteleevs Hommage bleibt von dieser gauklerischen Seite Gotscheffs nur partikelweise etwas übrig. So dehnt sich die Lücke vom suchenden Beginn des Abends noch lange nach dem Stückende aus zur Leere eines Fehlens, für das niemand eintreten kann. Womit dieser „Godot“ dann vielleicht doch die aufrichtigste Hommage überhaupt ist.

Abgesoffen im Heimatlosen: „Zersplittert“

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Was für ein Elend: Globalisierung und Kapitalismus, betrachtet durch die Augen von vier mehr oder weniger mittelschichtigen Systemgeschädigten. Sie sitzen in Shanghai, Bukarest, Dakar und Lyon und haben Jobs mit kryptischen Bezeichnungen wie „Head of Quality“ oder „Versuchs- und Entwicklungsingenieur“. In der halbszenischen Lesung von Alexandra Badeas zum Stückemarkt geladenem Text „Zersplittert“ hängen diese vier Bemitleidenswerten wie die Hamster im dauerbeschleunigten Rad vor ihren Webcams. Ihre Normcore-Gesichter werden zusätzlich auf Flatscreens inmitten des Kassenhallen-Auditoriums übertragen. Durchgängig sprechen sie in diesem vertraulichen „Du“ popliterarischer Gemeinschaftsvergewisserung, das eigentlich eh meist ein „Wir“ ist. Wer in einem Text immerzu „Du“ sagt, meint in der Regel eigentlich „uns alle“, zumindest jedenfalls diejenigen, die vorgeblich den Erfahrungshorizont des Sprechenden teilen können.

In „Zersplittert“ stopfst „Du“ folglich noch schnell den angebrannten Reis vom Vorabend in dich hinein, weil „Du“ eh schon zur Arbeit rennen musst. In „Deinem“ räudigen Callcenter in Dakar gaffst „Du“ den Bewerberinnen beim Vorstellungsgespräch auf den Arsch und willst sie dazu bewegen, dass sie am Telefon plötzlich alle „Marie France Martin“ heißen sollen. „Du“ redest über Skype mit „Deiner“ Frau und „Deinem“ Sohn, den „Du“ bilderbuch-neckisch den „kleinen Räuber“ nennst. „Deine“ lokale Geliebte poppt derweil im benachbarten Chat-Fenster auf und hält ihre Brüste in die Kamera. Unsichtbar unter „Deinem“ Schreibtisch bekommst „Du“ eine Erektion, was „Dir“ furchtbar peinlich ist, weil „Du“ ja noch immer mit dem „kleinen Räuber“ sprichst. „Deine“ verschriebene Dröhnung Spiritualität holst „Du“ dir in der Zwischenzeit mit dem Gebets-Podcast deiner klimaneutral weihräuchernden Freikirche.

Ja, so kleinkrümelig sind die Probleme dieser Figuren. Und ja, auf diesem Niveau mittelstufentauglicher Globalisierungskritik bewegt sich Badeas Text, dessen kaum einstündige Lesung keine Minute zu kurz erscheint, dafür aber entsetzlich deplatziert ist in einem sich vermeintlich so stark politisierenden Festival. Man könnte einwenden, dass hier doch Phänomene präzise beschrieben werden, dass die Rollen der Sprechenden kunstvoll verwoben seien. Alles richtig. Aber was hilft das, wenn nie eine Sprache gefunden wird, der man die Nähe zum Kollaps systematischer Selbstverheizung abschmecken könnte; wenn stattdessen alles in wohlgeordneter Subjekt-Prädikat-Objekt-Folge durcherzählt wird? Was tut’s, wenn nie Bilder auftauchen, die auch nur einen Funken Originalität in sich trügen?

Stattdessen träumen diese Hardcore-Kapitalisten jene Instagram-gefilterten Träume, wie es Hardcore-Kapitalisten eben tun: Vom Spontanflug nach Reykjavik und vom Schwimmen im Meer, das einen „im Horizont verschwinden“ lässt. Dazu gibt es wabbelige Musik vom Band, bis alle jäh aus ihren Gedanken gerissen und ans Förderband zurückbeordert werden. Die Verführung besteht, das alles einfach als Pop zu nehmen. Aber Pop war nicht immer so weinerlich und im Wesen erzromantisch, wie Stuckrad-Barre, Kracht & Co. der Generation der um 2000 herum erwachsen Gewordenen weismachen wollten. Irgendwann war Pop stattdessen mal ein großes „Nein“ inmitten eines noch viel größeren „Ja“. Ein Mit-offenen-Augen-armschlenkernd-jubelnd-gegen-die-Wand-Rennen. In „Zersplittert“ tauchen hingegen längst Totgeglaubte wieder auf: Das autonome Subjekt etwa, ganz und gar heimatlos in einer fast opaken Fremdbestimmtheit, die nur ab und an Schockvisionen vom Authentischen durchlässt. Es gibt das „Innen“ und das „Außen“. Es gibt kümmerliche Witze über Pseudo-Religionen, die Liebe via Webcam und lustige Start-Up-Namen. Dass all das aber längst zur einzigen Realität gehört, die wir überhaupt haben, davon hat dieser Text nicht den geringsten Schimmer.

Amelie Deuflhard // Ermittlungen?

Die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard über die mutmaßliche Anzeige der AfD gegen ihre Person und die mutmaßlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg wegen „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer”.
Sie bezieht sich auf den Artikel von Stefan Grund in der “Welt” vom 02.05.2015.

 

Thelma Buabeng // Thalia Theater

Die Schauspielerin Thelma Buabeng aus Nicolas Stemanns „Die Schutzbefohlenen” über ihren Weg ans Theater und TV, Schauspielausbildung mit Migrationshintergrund, Stereotypen auf deutschen Bühnen, das Rheinland und die Widerspiegelung von Wirklichkeit.

RE: Carvalho – Anmerkungen und Fragen des Blogorchesters

Am Sonntag veröffentlichten wir an dieser Stelle einen Protest-Zwischenruf von Wagner Carvalho, der seitdem für einiges Aufsehen gesorgt hat. Auch bei uns im Blogorchester wird heiß diskutiert und die Meinungen gehen auseinander. Wir haben deshalb einige Statements, aber auch Fragen der Blogger*innen an Wagner Carvalho gesammelt und hier zusammengestellt.

Oliver Franke:

„Lieber Herr Carvalho, Sie nennen in Ihrem Statement neben Nicolas Stemanns ‚Die Schutzbefohlenen’ ebenfalls Brett Bailey als einen Referenzpunkt, dessen Installationen ‚Exhibit A, B & C’ direkt Bezug nehmen auf die Menschenausstellungen der Kolonialzeit in Afrika. Was ist ihre Haltung zu den schwarzen Künstlerinnen und Künstlern, welche an den von ihnen genannten Kunstprojekten direkt mitwirken? Würden Sie diesen Performer*innen und Aktionisten durch ihre Teilnahme pauschal eine unreflektierte Haltung zum Thema Rassismus vorwerfen? Wie sähe Ihrer Meinung nach ein kritischer und reflektierter Umgang mit rassistisch konnotierten Gesellschaftsbildern und Ideologien im theatralen Kontext aus?“

Annegret Märten:

Dear Wagner Carvalho, one of your examples for objectionable and racist art is ‚Exhibit B’ by Brett Bailey, which had a life after the discussions at the 2012 Festspiele had died down. In September 2014, the show went up at the Barbican in London. It caused massive protests and was consequently shut down – therefore censored. Do you think that when work might be considered racist, censorship is the right thing to do? If so, who’s allowed to pass that judgement? ‚Die Schutzbefohlenen’ reflects on and ultimately condemns the clumsiness of white privilege in theatre. Granted, this happens later in the piece and possibly after you had left the performance. Do you categorically reject the use of blackface because it perpetuates racism? Are only certain theatre makers allowed to address racism in their art?

Judith Engel:

„Wenn Nicolas Stemann sagt, dass man Rassismus zeigen muss, um diesen zu kritisieren, finde ich, dass es zu wenig ist, diese beabsichtigte Rassismuskritik mit dem plumpesten aller Mittel zu lösen. Was kommt nach der Sichtbarmachung? Wird ‚blackfacing‘ als problematische Geste in ‚Die Schutzbefohlenen’ differenziert analysiert? Der Geste folgt meiner Meinung nach keine kritische Analyse. Sie wird lediglich als solche ausgestellt. Wenn ‚blackfacing die Geste sein soll, damit dem Publikum klar wird, dass es sich hier um die Ausstellung von Rassismus handelt, traut man diesem wenig zu. Rassismus wird dadurch auch auf etwas reduziert, was viel komplexer und weitreichender ist.“

Janis El-Bira:

Es gibt sehr gute Gründe dafür, jegliche Reproduktion rassistischer Klischees, egal wie gebrochen und markiert sie sein mögen, abzulehnen. Allein, das konsequente, rückstandslose Löschen bestimmter Begriffe, Bilder und Stereotypen erledigt keinesfalls von selbst die dahinterliegenden Strukturen und Denkweisen. So lange Exklusion und Rassismus nicht verschwunden sind, müssen wir darüber reden und dabei wohl oder übel und gegen alle Berührungsängste auch einige hässliche Wörter in den Mund nehmen und widerliche Bilder zeigen. Denn diese haben nicht nur Geschichte, sondern leider oft genug auch Gegenwart. Wir können nicht in seine Einzelteile zerlegen, was wir nicht anfassen. Die Frage bleibt immer, wann, wo und – vor allem – wie wir das tun.“

Rebecca Jacobson:

„Are there any cases at all when blackfacing can have an artistic purpose? Or is blackfacing (or the N-word) absolutely not allowed on the stage? If that’s the case, what distinguishes that from censorship? If not, how could blackfacing be used in a productive, constructive or useful way?“

Theresa Luise Gindlstrasser:

„Ja: ‚Blackfacing’ ist zu jeder Zeit und an jedem Ort eine rassistische Geste. Dadurch wird eine Geschichte der Ausbeutung und Deklassierung zitiert und also auch fort geführt. Und gleichzeitig, Nein: ‚Blackfacing’ ist wie jede andere Geste zu jeder Zeit und an jedem Ort vor allem auch ein Zitat. Kein geschichtsloses, oder auch kein gesichtsloses, aber wie in jedem Zitat, also wie in jeder Geste überhaupt, liegt eine Möglichkeit zum Bruch. Ein Hoch auf den Bruch! Ein Hoch auf die Verwirrung! Deswegen: Ist ‚Blackfacing’ wirklich per se, für immer, ohne jede weiterführende Überlegung zum Kontext zu verurteilen?“

Valerie Göhring:

„Rassismus ist real. Was wahr ist, darf man sagen. Und zeigen? Den Diskurs hochhalten, aktuell sein, thematisieren. Ja. Stereotypen auf der Bühne reproduzieren? Nein. Das Spannungsverhältnis ist unklar, die Sprache der Bühne besonders, die Kunst Zitate zu erkennen – nicht die jedermanns. Debatte hin oder her, Fettnapf erkannt – und thematisiert. Bitte, bitte, weniger Zynismus, weniger Hass, weniger Verschlossenheit. Von allen.
Denn, ausnahmsweise geht es hier mal nicht nur um Theater, Leute.“