Bemerkenswert? Kritik an Kritiklosigkeit

„Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie aufrecht zu erhalten,“ sagte Sophie Rois einmal in den „Diktatorinnengattinnen“, einem Stück von René Pollesch. Tobt der Konsens jetzt auch in Bezug auf die TT Auswahl der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“? Seit sie bekanntgegeben wurde, herrscht überall viel Zustimmung, viele Übereinstimmungen mit dem nachtkritik-Theatertreffen, nur vereinzelte „Ich vermisse aber…“-Kommentare sind zu lesen, verhältnismäßig wenig Kritik wird laut.
Mich beschleicht beim Lesen der meisten Kommentare im Internet ohnehin häufig der Verdacht, dass es vielen Kritikern vor allem darum geht, den eigenen Standpunkt als überlegen zu markieren. Und meist sind diese Diskussionen eher belustigend, manchmal nervend, aber selten produktiv oder irgendwie erhellend. Oder? Denn genauer betrachtet ist die allem zugrunde liegende Ausgangsfrage doch mehr als berechtigt und spannend:
Wer definiert hier was wie und warum?
Und auch alle daran anschließenden Fragen finde ich durchaus stellenswert: Ist das Theatertreffen nicht normativ oder zumindest normierend und ausgrenzend? Ist das nicht elitäres Getue und unnötige Hierarchisierung? Ist das Theatertreffen nicht völlig überbewertet? Ist das Theatertreffen überhaupt zu irgendetwas nutze? Continue reading Bemerkenswert? Kritik an Kritiklosigkeit

Talentetreffen 2011

Seit 2006 laden die tt Talenteplattformen die ehemaligen Talente für einen Vernetzungstag, das Talentetreffen, ins Haus der Berliner Festspiele. In diesem Jahr diskutierten mehr als 120 Teilnehmer über Rollenzuschreibungen im Theaterbetrieb, als Künstler, aber auch bezogen auf Geschlechterbeziehungen. Die Einführungsreden der argentischen Schauspielerin Maricel Álvarez und des Schauspielerregisseurs Herbert Fritsch eröffneten das Spielfeld: weg von Dichotomien (Álvarez), kritisch sein gegenüber Anweisungen (Fritsch). Ihre persönlichen Standpunkte zum Motto der Minikonferenz “Gender your role” stellten Alumni in Tischgesprächen vor. Anstatt eines Tagungsberichts haben wir eine Bildergalerie mit vielen Menschen und einigen Positionen zusammengebaut. Wer noch Ergänzungen hat: Kommentare und Bemerkungen bitte bei uns lassen.

Über die tt Genderdebatte hat Leo Lippert ausführlich in seinem Beitrag nachgedacht.

Nicht gefallen wollen

Annette Pullens Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns “Kein Schiff wird kommen”, einem Werkauftrag des tt-Stückemarkts 2009, wurde gestern einmalig in der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele aufgeführt. Vorher nahmen Stockmann und sein Autorenkollege Oliver Kluck den deutschen Theaterbetrieb auseinander – Marktgefälligkeit ist, zumindest am Diskussionstisch, out.

Angriffs-Stimmung beim letztjährigen Stückemarkt-Gewinner Nis-Momme Stockmann: Im Gespräch mit Oliver Kluck und der Leiterin des Theatertreffens Iris Laufenberg sprach er sich aus gegen eine Angleichung an den Mainstream und die Reproduktion ewig gleicher Diskurse und für einen Schritt in eine Richtung jenseits der Gefälligkeiten des Marktes – Theater sei doch eine Nischenkultur, die eben dadurch die Möglichkeit habe, Nischendiskurse zu verhandeln.  Nichts fände er im übrigen “abtörnender” als die kühle und zynische Art und Weise, in der im zeitgenössischen Theater große Gefühle wie die Liebe als begründbares Phänomen dargestellt würden – da sei ihm das oft geschmähte Pathos immer noch lieber.  Continue reading Nicht gefallen wollen

Wie kommt das Stück zum Stückemarkt?

Heute beginnt der Stückemarkt – 297 Texte wurden in diesem Jahr eingereicht. Welche Schritte durchläuft ein eingesandtes Stück, bis es zu den acht Auserwählten gehört, die im Rahmen des Theatertreffens präsentiert und gegebenenfalls gefördert werden? Eine kleine Reise.

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Du bist Baywatch!

“Das Prinzip Meese” von Oliver Kluck gewann im vergangenen Jahr den Förderpreis des Stückemarkts. Es beschreibt eine “Generation”, die zwischen Kurzarbeit und Fernsehen, E- und U-Kultur und unter den an sie gestellten Erwartungen fast verschwindet. Gestern lief das  Stück in der Inszenierung von Antú Romero Nunes im Maxim Gorki Theater in Berlin.

In Jogginghose und T-Shirt: Szene aus "Das Prinzip Meese" in der Regie von Antú Romero Nunes. Foto: Thomas Aurin

Aus dem Vorwort zum Stück:

Jedes Verlagsprogramm ist für dieses Stück geeignet, jedes Feuilleton kann kompetent darüber schreiben (ohne es gesehen zu haben).

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Wenn Blogger zu Bloggisten werden wollen …

(denn so lautet der Neologismus für bloggende Kritiker), sind die Voraussetzungen viel Kaffee an Schokokeks, W-Lan, Denkpausen im Garten und ein voller Tagesplan: jeden Morgen Redaktionssitzung, dann Termine, Theater und fast immer Nachtarbeit. Und natürlich gehören auch tägliche Einsichten in die Blog-Statistik dazu, zum Anfeuern. Weil diese Zahlen wahrlich gut zu lesen waren, schließen sie, diskret im Text verteilt, diesen Blog, der mehr als 100 Beiträge enthält.

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Offline: Elise Graton mit französischer Zeitungsente. Foto: Jason Kassab-Bachi

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Die Stimmen der Sieger

Die Stückemarkt-Jury hat gesprochen, nun sprechen die Preisträger:

“Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber den Preis habe ich selbstverständlich verdient. In meinem Stück habe ich ja auch nicht geschrieben, dass es keine Preise gewinnen wird, sondern dass es keine Preise gewinnen muss. Mit dem Maxim-Gorki-Theater zusammenzuarbeiten, wird großartig, und Ideen, was man mit den Moneten machen kann, habe ich auch schon – neue Schuhe wären zum Beispiel angebracht.”

Oliver Kluck, Preisträger des Förderpreises für Neue Dramatik, überlegt, ob er um diese Zeit noch seine werktätigen Eltern anrufen kann und beschließt, zumindest eine SMS an seine Mutter zu schreiben.

“Mich freut besonders, dass ich arbeiten kann: Ein Stückauftrag ist kein leerer Preis, sondern einer mit Perspektive. Ich komme in Kontakt mit Theatern und freue mich jetzt grad einfach riesig auf die feste Zusammenarbeit. Vor dem Druck, den ein solcher verpflichtender Auftrag bedeutet, habe ich keine Angst: Das ist Schriftstelleralltag.”

Nis-Momme Stockmann, Preisträger des Werkauftrags des Stückemarkts, wird nun als erstes seinen Verleger anrufen

“Ich hätte nicht gedacht, dass mein Stück fürs Radio adaptierbar ist. Aber eigentlich spielt es ja mit der Fantasie des Rezipienten. Beim Stückemarkt dabei zu sein, fand ich sehr stimulierend – endlich Feedback zu meiner Arbeit von kompetenten Leuten. So eine Möglichkeit für junge Autoren war für mich neu. In Italien, woher ich komme, gibt es nichts dergleichen. Dort hat keiner Lust, ins Theater zu investieren.”

Davide Carnevali, Preisträger von Theatertext als Hörspiel des Stückemarkts, wird vielleicht seine Freunde aus Barcelona später anrufen.

Voices of the Winners

The jury of this year´s Stückemarkt has had its say, now it´s time for the winners to speak:

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Happy Winners of the Stückemarkt 09: Nis-Momme Stockmann, Davide Carnevali and Oliver Kluck

„I don´t know either how this could have happened, but of course I have deserved to win the price. And I did not write in my play that it´s not going to win any prices but that it does not have to win any. Working together with Maxim-Gorki theatre will be fantastic and I´ve got lots of ideas already of what I´m going to do with all the dosh – new shoes for instance would be appropriate.“

Oliver Kluck, winner of the price for furthering young drama, ponders the question of whether he can still ring his parents at this late hour, because they will have to work the next day, and decides to send at least a short message to his mother.

„I´m especially happy about the fact, that I can work: The commission to write a play is not just a void price but it offers a perspective. I get in touch with theatres and am looking forward immensly to a proper co-operation. I´m not afraid of the pressure that such a binding commission brings along: that is part of an author´s everyday life.“

Nis-Momme Stockmann, winner of a commission by the Stückemarkt to write a play, is going to ring his publisher first of all now.

„I wouldn´t have thought, that my play is adaptable for radio. But on the other hand it plays with the recipient´s imagination. Being part of Stückemarkt was very inspiring for me – to finally get feed-back from competent people. Such an opportunity for young authors was new to me. In Italy, where I come from, there is nothing like it. No one there feels like investing in theatre.“

Davide Carnevali, winner of theatre-text as radio-play by Stückemarkt will perhaps call his friends in Barcelona later on.

Eilmeldung

Die Jury hat gesprochen. Die Gewinner feiern kräftig.

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Können ihr Glück kaum fassen. Die Gewinner des Stückemarkts tt09: Nis-Momme Stockmann, Davide Carnevali, Oliver Kluck (v.l.n.r) Foto: Jan Zappner

++Autorenpreise beim tt09-Stückemarkt vergeben++Überraschungen an fast allen Fronten++
Oliver Kluck mit dem Förderpreis für neue Dramatik ausgezeichnet++Werkauftrag an Nis-Momme Stockmann++Davide Carnevali wird zum Hörspiel++
erste Reaktionen der Preisträger in Kürze++