Ist dein Gaul tot, steig ab!

Wegen einer Erkrankung waren die Vorstellungen des „Schimmelreiters“ im Vorfeld abgesagt worden. Ist die ersatzweise szenische Lesung mehr als eine Notlösung?

Die Bühne ruht in schwarz. Ein Konzertflügel links, ein Tisch mit Tierpräparaten rechts, eine Kleiderstange vor ungedeckter Tafel schließlich, zentral platziert und von fünf Stühlen gesäumt, bilden den kargen visuellen Rahmen des Abends. Es sollte ein ruhiger werden, er wird es auch. Continue reading Ist dein Gaul tot, steig ab!

Einladung in die Innerlichkeit. Wo Musik beim Theatertreffen spielt

Beim diesjährigen Theatertreffen lauerte die Musik überall. Ob gesungen oder instrumental, live oder aus der Konserve (wie es so schön heißt!), kaum eine Inszenierung kam ohne aus. Weil ich nicht an Zufälle glaube, soll anhand von vier TT Inszenierungen (von Katie Mitchell, Sebastian Hartmann, Johan Simons und Jérôme Bel) der Versuch einer Annäherung an das Phänomen „Musik im Theater” unternommen werden.

„Reise durch die Nacht“: Beischlafmusik und Breitwandpiano

Diese Reise ist eine innere. In Friederike Mayröckers „Reise durch die Nacht“ ergründet die Erzählerin ihre eigene, verschüttete Vergangenheit. Der Grund für ihre Schlafstörungen, für die „auffliegenden Vögelschwärme in ihrer Brust” bleibt vage, der Text flüstert eher, anstatt konkret zu werden. Katie Mitchells Regie reizt Mayröckers Anspielungen bis zum Anschlag aus, der „Pfeifenvater“ wird zum Prügler, das stille Sehnen der namenlosen Protagonistin (Julia Wieninger) entlädt sich in einer kurzen, heftigen Sexszene mit einem Unbekannten, dem Zugbegleiter.

Bevor man einmal die Sitzposition gewechselt hat, ist das Stück zu Ende. Dass die „Reise durch die Nacht“ eine so kurzweilige ist, liegt nicht nur an der mit 75 Minuten knappen Spielzeit, sondern auch an der filmischen Ästhetik, die der Wahrnehmungsmodulation eines auf Liveticker gepolten Publikums sehr entgegenkommt.

Keine Frage: Die Musik trägt wesentlich zur larmoyanten Herzschmerz-Stimmung der Inszenierung bei. Während unten die Bühnenarbeiter wuseln, gipfelt es oben auf der Leinwand im Minutentakt, ein emotionaler Höhepunkt nach dem anderen. Meist ist die Musik eine indirekte, das heißt, in der theatralen Logik hörbar nur für die Erzählerin, etwa, wenn sie ihren CD-Player gegen die Schlaflosigkeit bemüht, oder sie ist der Handlung ausgelagert und nur hörbar für die Zuschauer. Eine Ausnahme ist das Lied von Joy Divison, das der Zugbegleiter abspielt, um eine Stimmung herzustellen, die auf dem schnellsten Weg zum Beischlaf führt. Da hören die Figuren auf der Bühne die Musik gemeinsam: ein intimer Moment.

Eine Patina aus Regentropfen auf der Leinwand, das verschmierte Make-Up der Hauptdarstellerin, und über allem wogt die Musik. Diese Selbstbespiegelung in Breitwandformat bedient möglicherweise jenen Teil des Gefühlshaushalts, den rationale Menschen gerne von sich schieben (schamlosere Existenzen lesen deswegen Rosamunde Pilcher). Man kann in Katie Mitchells Inszenierung eine Verkitschung (wie hier Dirk Pilz in der Berliner Zeitung) sehen, die Reduktion der feministischen Vorlage auf ein Vorabendserienformat. Man kann die dem 19. Jahrhundert verhafteten Hauptfiguren beklagen und die Gefälligkeit der musikalischen Dauerpräsenz. Dann allerdings entgeht einem ein Wahrnehmungsvollprogramm, Synästhesie total. Wer so argumentiert, ist, glaube ich, nie durch die Nacht gereist, mit Kopfhörern auf den Ohren, die alles um einen herum ausblenden, mit dem Soundtrack, der nur einem selbst gehört. Continue reading Einladung in die Innerlichkeit. Wo Musik beim Theatertreffen spielt

Mit Rudolph Moshammer auf der Straße

Zeichenkritik zu Johan Simons Inszenierung von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ von Elfriede Jelinek. Lesen Sie außerdem unsere Kritik (voller Adjektive) sowie ein Interview mit Elfriede Jelinek,

Zeichnung: Henrike Terheyden / KENDIKE
Zeichnung: Henrike Terheyden / KENDIKE

Eine Überwältigung: Texte zum Theater der Elfriede Jelinek

Sowohl die Zahl der Einladungen an Inszenierungen von Elfriede Jelinek-Texten zum Theatertreffen, als auch die Masse an Literatur von ihr und über sie macht ehrfürchtig. Eine Lesereise. (Ein Interview mit der österreichischen Autorin lesen Sie morgen auf dem TT-Blog.)

In diesem Jahr ist die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zweimal beim Theatertreffen vertreten: Mit der Inszenierung durch Johan Simons von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“, die heute Abend Premiere feiert, sowie beim Stückemarkt mit ihrem von Hedi Kriegeskotte vorgetragenen „Prolog?“, der ebenso heute auf dem Programm steht. Wer sich auf eine Spurensuche begibt, stößt auf ganze zehn Stücke der Autorin – allein in den letzten neun Jahren.*

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder
Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder

Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Inszenierungen von Texten dieser österreichischen „Nestbeschmutzerin“ in den vergangenen Jahren so häufig zu den bemerkenswertesten gewählt wurden und werden? Sie wird, was lebende zeitgenössische Autoren angeht, nur von Botho Strauß (12 TT Einladungen) übertroffen, dieser war zuletzt 1999 eingeladen.

Bemerkenswert gestaltet sich auch eine Erklärungssuche im Netz: Selbst das lediglich bis 2009 zurückreichende Archiv von nachtkritik.de zählt alleine 221 Einträge zu Elfriede Jelinek. Ihre eigene Website www.elfriedejelinek.com umfasst ganze elf Sparten, von Theater und Prosa bis zu Politik & Gesellschaft – und wäre beinahe dafür verantwortlich gewesen, dass dieser Text hier nicht mehr pünktlich zustande kommt, da ich mich immer wieder in den ausufernden Textflächen von Elfriede Jelinek zu verlieren drohte.

Nicht nur das von Elfriede Jelinek Geschriebene ist überwältigend, auch das über Elfriede Jelinek Geschriebene ist Zeit und Raum füllend und beschäftigt ein ganzes Forschungszentrum inklusive fleißiger Praktikanten. Bei all den Primär- und Sekundärquellen, -texten und -stücken ist mir die enorme Diskrepanz meiner eigenen Empfindungen und Gedanken aufgefallen, die sich beim Lesen von Texten von Jelinek und den Texten über Jelinek aufgetan hat: Erstere haben mich aufgewühlt, beschäftigt und verwirrt – und zwar auf emotionaler und rationaler Ebene gleichermaßen.

Beim Lesen von „Lust“, „Neid“ oder „Über Tiere“ stellt sich permanent die Frage, wer oder was ist gut oder böse, wer Opfer, wer Täter, wer klagt an, wer wird angeklagt? Ein permanentes Unwohlsein anstelle von moralischen oder intellektuellen Überlegenheitsphantasmen. Entweder darauf einlassen und sich auseinandersetzen – oder ablehnen. Jelinek spaltet.

Die Texte über Jelinek haben mich zwar manchmal auch verwirrt, meistens aber gelangweilt und bestenfalls ein wenig zu Hintergründen informiert. Meist haben sie ein eher schales Gefühl hinterlassen, da sie Tendenzen haben…

– Jelinek auf ihre Biografie zu reduzieren (Mutter! Vater! Ödipussy!)

– Jelinek politisch zuordnen und so diskreditieren/vereinnahmen zu wollen (Kommunismus! Oder schlimmer: Feminismus!)

– Jelinek zu etwas zu machen, was sie definitiv nicht ist: einfach erklärbar/verstehbar/kategorisierbar/konsumierbar Continue reading Eine Überwältigung: Texte zum Theater der Elfriede Jelinek

Opening: Gesäubert/Gier/4.48 Psychose

Elongated paper lanterns suspended over the auditorium of the Berliner Festspiele’s main stage added a little visual interest to the opening night’s obligatory speeches: Thomas Oberender, artistic director of the Festspiele, in praise of the 10 productions and the jury that chose them, and Bernd Neumann, Minister of State for Culture and Media, emphatically preaching the importance of theatre even in times of economic crisis (Q: Does Germany need so many theatres? A: Yes, yes, and YES again). Continue reading Opening: Gesäubert/Gier/4.48 Psychose

Gleich geht´s los…

Heute Abend steht die Eröffnung des Theatertreffens an, inklusive:
1) Promis gucken
2) Sekt schlürfen
3) Tanzbein schwingen
4) Johan Simons inszeniert Sarah Kane
Entscheiden Sie jetzt, welche Nummer nicht in die Reihe passt.
Sarah Kane, geboren 1971 in London, manisch depressiv, Suizid mit 28, schrieb fünf Theaterstücke, alle untrennbar mit ihrer persönlichen Geschichte verbunden. Nicht im üblen Sinne der immergleichen Interviewfrage „Wie viel von Ihnen steckt denn in dieser Figur?“, sondern viel direkter und brutaler: In jedem der Stücke spielt die Depression eine Hauptrolle, der Selbstmord ist greifbar. Continue reading Gleich geht´s los…

Ihr Tag mit dem TT (1)

Das Theatertreffen-Blog hat ab jetzt eine tägliche Rubrik: „Ihr Tag mit dem Theatertreffen 2012“. In ihr erhalten Sie, geschätzte Leser, unerlässliche und unersetzliche Hinweise, manchmal Hintergrundinformationen, manchmal Überlebenstricks, manchmal Klatsch und Tratsch.
Heute: die Eröffnung!
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GESÄUBERT / GIER / 4.48 PSYCHOSE – Die Kulisse

Kurz vor und nach der Aufführung von Sarah Kanes Trilogie an den Münchner Kammerspielen bin ich auf der Bühne, um die Requisiten zu fotografieren. Die reduzierte Ästhetik und Surrealität des Bühnenbilds, der Lampenschirme und der Stühle, die ganz ohne Effekthascherei auskommen, spiegeln für mich auch den existenziellen Gehalt des Stückes wieder: Es geht um den Menschen als Individuum, um Gefühle, um (Selbst-) Zerstörung und Vergänglichkeit.

 

Warum Theater?

Der Theatertreffen-Blog stellte während der gesamten Festivalzeit Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?” auf einem weißen Blatt Papier und bat darum, diese vor Ort, mit Stift, schnell und ohne lange Überlegungszeit zu beantworten. Das stieß bei manchen auf Ablehnung (“blöde Frage”, “nicht in so kurzer Zeit”, “Fragen Sie das doch nicht mich, ich mach doch selbst Theater”), bei anderen auf spontane, mal ernste, mal witzige Einfälle. Ein Zettelkasten, unter anderem mit Zeichnungen von Christoph Marthaler, Ulrich Matthes und Karin Beier. (Mehr davon? Der Blick aufs Theater von heute aus der Zukunft gesehen: Future Archive of Theatre). Continue reading Warum Theater?

Der einzig wirkliche Ort

Seit Beginn des Theatertreffens stellen wir bekannten wie weniger bekannten Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?”. Guter Anlass für ein kurzes Nachdenken darüber, was Theater beziehungsweise Kunst im Allgemeinen kann und sollte und welche Konsequenzen das für die Kunstkritik haben könnte.

Ein unbeschriebenes Blatt: Warum Theater?

Ein einst sehr naher Mensch hat mich vor einiger Zeit einmal im Streit gefragt, wie ich denn Kunst verstehen wolle, wenn ich nicht einmal die Wirklichkeit zu deuten wüsste. Dieser im Affekt geäußerte Vorwurf mangelnder Empathie beschäftigte mich noch lange: Kann mir Kunst wirklich nur dann etwas erzählen, mich bewegen, wenn ich in ihr die bereits erlebte, begriffene, vertraute Wirklichkeit wiedererkenne? Ist die Kunst, konkret die des Theaters, wirklich nur Wider-Spiegel der Wirklichkeit, Ort der Wiederholung, ordnend oder widersprechend vielleicht, aber immer nur, egal wie verzerrt, Abbild? Continue reading Der einzig wirkliche Ort