Auf der Leinwand, da sind die Räuber

Das 54. Berliner Theatertreffen endete… im Kino. Die 3Sat-Aufzeichnung der Münchner „Räuber“, die in Berlin nicht gezeigt werden konnten, gewährte jedoch ganz eigene Perspektiven auf eine der spektakulärsten Inszenierungen der Saison.

Die Inszenierung ist so simpel – und dies keinesfalls im negativen Sinne – wie wirkungsvoll. Das Bühnenbild, zwei Laufbänder-Konstruktionen, die so gar nicht simpel sind, setzt die Rahmung. Dies ist der Grund, weshalb die Inszenierung der „Räuber“ vom Münchner Residenztheater aus technischen Gründen nicht auf der Bühne der Berliner Festspiele gezeigt werden konnte. Stattdessen wurde die 3Sat-Aufzeichnung der Inszenierung gezeigt. Zwei Regien an einem Abend. Ulrich Rasches Regie der Inszenierung und Peter Schönhöfers Regie der Aufzeichnung. Welch glücklicher Umstand, dass es gerade diese Inszenierung ist, die als Film bemerkenswert gut funktioniert. Wie passend, dass die Filmmusik von der Inszenierung gleich mitgeliefert wird. Streicher, Bass und Pauke untermalen die Szenerie. Es ist bedrohlich, von Anfang an. Die beiden riesigen drehbaren Laufbänder geben den Takt der Inszenierung vor. Die Maschine setzt eine Maschinerie in Gang. Die Schauspieler sind gezwungen, sich dem Takt der Maschine zu beugen, wenn sie nicht fallen wollen. Ein starkes Bild über die gesamte Inszenierung hinweg. Continue reading Auf der Leinwand, da sind die Räuber

Most bemerkenswert, according to the TT-Bloggers

Last night this year’s 3sat prize was awarded to Nicolas Stemann’s Faust I + II. Some said it was a worthy recipient: the acting of Philipp Hochmair and Sebastian Rudolph was irrefutably intense, the director proved capable of applying just about every German theatre style from Brechtian to post-dramatic, and the whole performance struck just the right balance between classical and avant-garde theatre, splitting the difference between Platonov and John Gabriel Borkman. Others were less satisfied with the result: if the prize was to be given to “innovative, zukunftsweisende Arbeiten” [innovative and pioneering work] maybe Borkman might have been a better candidate, for instance, or anther Stemann production, or either Faust I or II.
I guess it all depends on how you define “bemerkenswert,” the only official criterion for the TT jury. This term is of course subjective, and the jury’s choices consciously or subconsciously form both the international and national definition of what German theatre looks like.
So, I asked all the members of the TT blog team to come up with the most remarkable production they saw this season, giving them only three criteria.
1. The production must be bemerkenswert.
2. It can be any kind of staged performance
3. It doesn’t have to be a German-speaking production.
And so, here are this year’s TT-bloggers most bemerkenswerte productions. Continue reading Most bemerkenswert, according to the TT-Bloggers

Theatric-O-Meter

We knew from the start that all ten of the productions invited to Theatertreffen were in some way “remarkable,“ that they had something that made them stand out in the crowd of 700 performances the jury attended over the year. But, looking back over the festival, what did the productions have in common? Here are some statistics:
Performers

Puppets backstage at "Faust I+II", Photo: Nadine Loës

7/10 productions had actors shouting lines that do not logically require to be shouted

3/10 had actors performing more than one role (multi-roling)
9/10 addressed the audience directly (broken 4th wall)
4/10 didn’t stick to the script, opting for moments of improvisation
3/10 directly and deliberately referenced the Theatertreffen festival
7/10 had lines performed in two or more languages
5/10 featured some form of nudity, ranging from bare bums to full-frontal.
5/10 included either dance routines or gymnastics
4/10 had real live children
3/10 used either puppets or animal costumes
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Mit zehn Jahren Verspätung

Der 3sat-Preis hat eine turbulente Vergangenheit. Wir rekapitulieren kurz um die heutige Preisverleihung auch richtig einordnen zu können:
2009 kämpfte Claus Peymann beim „Preiskampf“ live im Fernsehen um die Durchsetzung und prügelte schließlich gemeinsam mit Bernd Sucher die „Weibsteufel“ durch. Bildlich gesprochen. Die Damen in der Jury wurden jedenfalls niedergewalzt – da helfen noch so viele Gender-Stücke und Frauen als Macbeth und Parzival im Gegenwartstheater auch nichts. Nun ja. Dieses Jahr kämpfte Peymann dann ja bekanntlich gleich gegen das ganze Theatertreffen.
Letztes Jahr wurde die öffentliche Verleihung des 3sat-Preises im Rahmen der Veranstaltung “Kultur als Entwicklungsmotor” durchgeführt, die große Party abgesagt. Ein rauschendes Fest zur posthumen Verleihung an Christoph Schlingensief war nicht angemessen, sagen die einen, andere behaupten, das Geld sei ausgegangen. Viel Spekulation, viele Gerüchte. So ganz genaues weiß man nicht.
Was macht man also nach solch aufregenden Jahren? Genau: Was ganz konventionelles.
21:54 Uhr: Der rote Teppich ist auf der Bühne ausgerollt. Blumen sind aufgestellt. Die Gäste trinken ihre Weingläser vor der Tür auf Ex aus. Bernd Moss moderiert die Veranstaltung locker-flockig und kündigt an, es werde einen Preisträger, eine Preisträgerin, Preisträger oder Preisträgerinnen geben: Bei 3sat scheint es jedenfalls seit Peymann ein Bewusstsein für Geschlechter zu geben. Er fügt ein paar Informationen zum Preis an: Seit 1997 wird er verliehen, Schauspiel, Bühnenbild oder Regie werden für „innovative, zukunftsweisende Arbeiten“ prämiert. Continue reading Mit zehn Jahren Verspätung

Your Day at TT (17)

It’s not over just yet: we have one more action-packed day of Theatertreffen 2012 ahead of us before everything gets packed up.
12pm – Actress Nina Hoss will present the Alfred Kerr Actor’s Prize to her favourite performer of the Theatertreffen, place your bets now! We’ll be updating the blog with news of the winner at lunchtime.
1.30pm – The final discussion of the jury. Your last chance to voice your opinions on the festival face-to-face with the people who made the decisions. Follow the debate on our twitter account, #tt12 – you never know, it might get ugly.
4pm – A chance to watch Karin Henkel’s Macbeth on screen at the Public Viewing at Potsdamer Platz.
OR (both is definitely impossible, however diligent a TT fan you are):
4.30pm – The second performance of Alvis Hermanis’ production of Platonov by Chekhov, ending at a user-friendly 9.15pm.
9.35pm – The strangely precise timing only serves to adds mystery to what might already be the vaguest prize in German theatre, a 10,000€ award presented by TV channel 3sat to “one or more artists from participating ensembles for pioneering, artistically innovative achievement.”
If you can’t bare to sit in yet another darkened room, have a time-out in a really hot steamy room instead: The sauna in the TT garden is still in full swing today – nudity is optional.

Live-Ticker um den Preiskampf zum 3sat-Theaterpreis

Am Samstag Abend wurde der 3sat-Theaterpreis verliehen – vor Publikum und live übertragen auf 3sat. In der Jury: Schriftstellerin Juli Zeh, Schauspieler Burghart Klaußner und die beiden Kritiker Tobi Müller und Christopher Schmidt. Ringrichterin: Tita von Hardenberg. Die Spielregeln: 60 Minuten Zeit um sich auf eine „herausragende künstlerische Leistung aus dem Kreis der zum Theatertreffen eingeladene Inszenierungen” zu einigen. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert – und ging an Annette Paulmann und Paul Herwig, die Hauptdarsteller in “Kleiner Mann – was nun?” in der Inszenierung von Luk Perceval.

Wir haben live mitgebloggt. Continue reading Live-Ticker um den Preiskampf zum 3sat-Theaterpreis

Jelinek, eiskalt serviert

Dieses Wochenende gab es ganz besondere Premieren des Theatertreffens: Public Viewings im Sony Center, in Zusammenarbeit mit 3sat/ZDFtheaterkanal.

Fotos: Kim Keibel

Im Kapitalismustempel am Potsdamer Platz wurden Roland Schimmelpfennigs “Goldener Drache”, Elfriede Jelineks “Die Kontrakte des Kaufmanns” und Christoph Marthalers “Riesenbutzbach” auf einer Riesenleinwand gezeigt, neben 3-D-Kino und Deutscher Bahn. Am Samstag Abend mussten Frau Jelinek und ihr Regisseur Nicolas Stemann unter ganz besonders harten Bedingungen antreten: Eisige Temperaturen und DFB-Pokal-Anstoß Bayern gegen Werder Bremen. Etwa 40 Mutige und einige Passanten wagten den Kampf gegen die Kälte. Wir waren vor Ort und haben uns umgehört.

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Musik: ZSCHOKK/Timo Lachmann

Kann man sich lieben, wenn man kein Geld hat?

In Ödön von Horváths 1932 kurz nach der großen Weltwirtschaftskrise entstandenem Theaterstück “Kasimir und Karoline” scheitert die Beziehung zwischen zwei jungen Menschen an einer trostlosen Realität, in der Arbeitslosigkeit und unerfüllte Sehnsucht nach sozialem Aufstieg romantische Gefühle unmöglich machen.

“Was sagt uns Horváths Volksstück heute?” fragten wir uns und warfen einen ganz persönlichen Blick auf den beinahe 80 Jahre alten und doch ganz aktuellen Text. Auf dem Wiener Prater entstand eine filmisch inszenierte Reflexion des Stoffes, auf den Straßen von Berlin-Neukölln und -Kreuzberg wurden Leute mit zentralen Fragestellungen des Stücks konfrontiert. Inszenierung trifft auf Wirklichkeit – Theater auf Realität.

Erstausgestrahlt am 8. Mai 2010 im Foyer extra zum Theatertreffen auf 3sat.

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Unsere Kritik zur Inszenierung finden Sie hier.

Liebe in Zeiten des Prekariats. Ein Reality Check.

Für einen Fernsehbeitrag, der heute Abend um 20.15 Uhr in der Sendung Foyer auf 3sat zu sehen ist, sind drei Blogger mit Kamera und Mikrofon durch Wien und Berlin gezogen. Auf der Suche nach heutigen Kasimirs und Karolines. Ein Produktionsbericht.

Es gibt da dieses Pärchen in meinem Hinterhof. Sie haben sich rechts hinter den Mülltonnen einen braunen Holztisch mit vier Stühlen hingestellt. Da sitzen sie jeden Tag bei schönem Wetter und spielen Karten. Sie sitzen auch da, als ich zum ersten Mal “Kasimir und Karoline” lese, Ödön von Horváths Stück über ein Pärchen, das an der Arbeitslosigkeit des jungen Mannes zerbricht, der nicht von dem Gedanken lassen kann, seiner Liebsten nun nichts mehr bieten zu können.

Raus in den Block, Alter

Ich weiß nichts über die beiden da unten. Aber sie bringen mich auf einen Gedanken: Wie sieht es vor meinem Haus aus? Gibt es dort moderne Kasimirs und Karolines? Immerhin ist das hier Berlin-Neukölln, ein Stadtteil mit 29.594 Arbeitslosen – einer Quote von 21,7 Prozent. Continue reading Liebe in Zeiten des Prekariats. Ein Reality Check.

Ode an Peymann

Gestern Abend hat uns Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, den Glauben an das deutsche Theater zurückgegeben. Im Preiskampf hat er mit überzeugenden Argumenten – wir hatten auch einige – die Gegner aus dem Feld geschlagen und am Ende triumphiert. Ein großer Auftritt.

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Die 3Sat Preiskampf-Juroren Claus Peymann und Jenny Erpenbeck in Aktion. Foto: Jason Kassab-Bachi

Lieber Claus Peymann,

auch wenn es gestern Abend keinen Ringrichter gab, den Kampf hast Du nicht nur durch das kollektive K.O. Deiner Mitstreiter gewonnen, sondern auch klar nach Punkten. Continue reading Ode an Peymann