“Oh, jetzt habe ich Max Frisch vergessen! Dann muss die Braunkohle raus”

Roger Vontobels Wunsch-Feuilleton. Fotos: Grete Götze

Mit „Don Carlos“ wurde Roger Vontobel schon oft in Verbindung gebracht – nicht zuletzt, seit die Inszenierung des 34-Jährigen zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurde. Weil aber noch viel mehr los ist in der Welt, bin ich mit ihm zum Zeitunglesen verabredet.

(12:00, Hotel Ramada, Wilmersdorf. Vontobel checkt an der Rezeption aus und kommt braun gebrannt und gut gelaunt auf mich zu. Wir setzen uns ins reichlich spießige Hotel-Restaurant, ich packe die Zeitungen aus, und nachdem wir die Du- oder Sie-Frage geklärt haben, geht es los.)

Wie würde heute deine ideale Seite eins einer Zeitung aussehen?
Hm, zum Glück bin ich nicht Zeitungsredakteur. (Grübelt.)

Es muss auch nicht Politik sein, einfach die Themen, die dich interessieren.
Irgendwas über Kindererziehung, vielleicht über Kitas, Kindergeld.

Das spricht dich an?
Ja, jetzt ist mein Sohn Casper da, und deswegen ist das Thema. Ansonsten vielleicht etwas über Libyen oder den Euro.

Ok, wir halten fest: Im Aufmacher geht es um Kinder und im zweiten großen Text auf der Titelseite um den Euro.
Und auf Seite drei was über diesen tollen Dokumentarfilm Inside Job. Wie so eine Krake hat der Finanzsektor seine Tentakel überall drin. Das ist krass, was da alles zusammenhängt, so ein bisschen wie im Don Carlos. Continue reading “Oh, jetzt habe ich Max Frisch vergessen! Dann muss die Braunkohle raus”

Warum Theater?

Der Theatertreffen-Blog stellte während der gesamten Festivalzeit Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?” auf einem weißen Blatt Papier und bat darum, diese vor Ort, mit Stift, schnell und ohne lange Überlegungszeit zu beantworten. Das stieß bei manchen auf Ablehnung (“blöde Frage”, “nicht in so kurzer Zeit”, “Fragen Sie das doch nicht mich, ich mach doch selbst Theater”), bei anderen auf spontane, mal ernste, mal witzige Einfälle. Ein Zettelkasten, unter anderem mit Zeichnungen von Christoph Marthaler, Ulrich Matthes und Karin Beier. (Mehr davon? Der Blick aufs Theater von heute aus der Zukunft gesehen: Future Archive of Theatre). Continue reading Warum Theater?

To the Affective End: the “Marthaler Effect”

To turn the old adage on its head, describing a play by Marthaler would be like dancing to architecture. Yes, we could concentrate on “Riesenbutzbach”‘s formal gestures, yes, we could talk about the stage design and the costumes, yes, I could outline the “plot”, which is less of a plot than a series of impressions, and yes, I could copy/paste the festival’s description of the play; but none of this would come close to describing what Marthaler does to the viewer, none of this would replicate the experience nor make the beauty and urgency of it felt.

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Trotz allem: Staying alive!

Am Freitag hatte Christoph Marthalers “Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie” Theatertreffen-Premiere. Das beeindruckende Bühnenbild von Anna Viebrock war zu groß für die Berliner Bühnen, und so wurde Marthalers Wiener Festwochen-Produktion im Hangar 5 des Flughafens Tempelhofs aufgeführt.

“Darf ich da bitte durch! Ich sitze Reihe 17 Platz 23. Sie sitzen wohl auf meinem Platz.”  “Na, hören Sie mal! Links ist links! Ich werd’ ja wohl noch wissen, wo links ist!”
Die wohl größte Schwierigkeit dieses Abends, bereits vor Stückbeginn: Die Suche nach dem Sitzplatz. Orientierungsloses und gereiztes Irren durch die Reihen des Publikumsraums. Im Haus der Berliner Festspiele, da kennt man sich aus, aber der Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof, das ist was Anderes! Da steht das Theatertreffenpublikum unter gesonderter Anspannung.

Das Design für den Untergang

Dann endlich Stille und eine lange Pause. Die Schauspieler haben sich im Bühnenbild eingerichtet. Schmiegen sich an Kommoden, Tische und Stühle, als wären sie Teil des Mobiliars. Die Pause ist wohltuend, denn das Bühnenbild von Anna Viebrock braucht Zeit, um in all seinen Details erkundet zu werden. Ein großer maroder Raum, in sich verschachtelt, aber von beklemmender Schönheit. In fetten Lettern steht ganz oben “Institut für Gärungsprozesse”, doch in diesem Institut gärt schon lange nichts mehr. Hier regiert der Stillstand. Die alten Möbel passen da sehr gut rein, ausgekochte Farben – beige, grau, braun. Einen Ausgang aus diesem tristen Raum gibt es nicht. Anstatt sich aufzulehnen gegen das Eingesperrtsein, gegen Abstieg und Krise, geben sich die fünfzehn Figuren ganz der Stagnation hin. Sie kämpfen nicht gegen den Untergang an, sondern sie singen, sitzen, stehen und beobachten.

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“Der Bruchteil einer Sekunde”

Christoph Marthalers Inszenierung “Riesenbutzbach” hatte vorgestern Abend im Hangar 5 auf dem Flughafen Tempelhof Theatertreffen-Premiere. Im Anschluss sprachen wir mit ihm kurz über Stillstand, Krise und Dinosaurier.

Christoph Marthaler über …

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Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen

Christoph Marthaler macht gerne Theater außerhalb herkömmlicher Theaterarchitektur – und an ungewöhnlichen Orten, die meist bereits eine ganz eigene, im Verborgenen bleibende Geschichte erzählen, entstehen oft die besten Produktionen des Schweizer Regisseurs.

Mitten im Nirgendwo: Anna Viebrocks "Institut für Gärungsgewerbe" aus Christoph Marthalers "Riesenbutzbach". Foto: Kim Keibel.

2005 entstand auf und hinter der sowie um die Bühne des auf dem Gebiet der Wiener Nervenklinik Baumgartner Höhe gelegenen Renaissancetheaters eine der besten Produktionen Marthalers, der fast vierstündige Abend “Schutz vor der Zukunft“: Die Anreise dauerte aus dem Stadtinneren eine knappe Stunde, der Gang ins Theater wurde so zu einer Reise in eine andere Welt, an einen Ort mit einer unsichtbaren Geschichte, einer Vergangenheit voll Verbrechen und Elend, die auf einmal, in der Inszenierung Marthalers, aufs Erschütterndste Gegenwart wurde.

Letztes Jahr dann erarbeitete Marthaler gemeinsam mit seiner langjährigen Bühnenbildnerin Anna Viebrock für die Wiener Festwochen den dieses Jahr zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Theaterabend “Riesenbutzbach”. Der Wiener Ort: Eine alte Studiohalle in der unbekannten Filmstadt Wien, weit außen im 23. Bezirk. Die Anreise beanspruchte wieder über eine Stunde, der Eingang führte durch ein großes Tor, vorbei an einem kleinen Parkplatz und durch einen hinterhofartigen Weg. Man hatte das Gefühl, an einem längst vergessenen und menschenleeren Ort anzukommen – an dem man vieles, nur nicht eine solche Wohnsiedlung, wie sie Anna Viebrock in eine der Hallen bauen ließ, vermutet hätte. Dass die Rosenhügel-Studios der Filmstadt Wien sehr wohl noch Raum bieten für aktuelle Filmproduktionen, war dabei nicht zu spüren – da irritierte schon viel mehr die zeitgemäß-stilvoll ausgekleidete und in festlich-farbiges Licht getauchte Zusatzhalle im Eventdesign der Wiener Festwochen, in der vor und nach der Vorstellung Essen und Getränke verkauft wurden – wodurch die sonst so dichte Stimmung des Ortes und des Abends um eine widersprüchliche Dimension erweitert wurde.

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Herzzahl: Gegoren

Gesehen, gedacht, gepunktet. Direkt nach jeder tt-Premiere beurteilen wir die Inszenierung in vier Kategorien. Am nächsten Tag folgt eine ausführliche Kritik.

Heute: “Riesenbutzbach

  • ALTE LEUTE-POLLESCH // ♥ ♥ ♥ ♥ //
  • AKUSTIK // _ _ _ _ //
  • MODEBEWUSSTSEIN // ♥ ♥ ♥ ♥ //
  • ACTION // _ _ _ _ //

Potenzierte Provinz

Heute abend feiert Christoph Marthalers Inszenierung “Riesenbutzbach” Theatertreffen-Premiere. Wer oder was ist eigentlich ein Butzbach? Eine Aufklärung.

Butzbach. Nicht riesig. 12.000 Einwohner. Foto: Fritz Geller-Grimm

Ein Butzbach ist nichts Schönes. Soviel ist klar. Nie wurde in der Theatergeschichte ein Ort so inbrünstig gehasst wie dieser. Der große Welthasser Thomas Bernhard hat ihn zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. In seinem Stück “Der Theatermacher” schleudert, nein speit der von Hybris befallene Regisseur Bruscon unzählige Male den Satz, nein die Verachtung heraus: “Utzbach wie Butzbach”. Der fiktive Ort Utzbach, in dem Bruscon mit seiner Theatergruppe gastiert, ist Marianengrabentiefe Provinz. Den Utzbacher interessiert die Kunst des Regisseurs nicht, der “Blutwursttag” ist für den Utzbacher ein wichtigeres Ereignis als eine Theateraufführung.

Utzbach ist also schon schlimm, und mit dem Vergleich “Utzbach wie Butzbach” wird der ohnehin schon schlimme Ort noch schlimmer gemacht, indem er mit dem Allerschlimmsten gleichgesetzt wird: Butzbach. Und Christoph Marthaler setzt der ganzen Verschlimmerei noch eins drauf: Riesenbutzbach. Wenn Utzbach Provinz ist, dann ist Butzbach doppelte Provinz und Riesenbutzbach potenzierte Provinz und damit das absolute Grauen.

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Gerüchteküche

Marthaler kommt. Der große Marthaler. Heute abend mit “Riesenbutzbach” von den Wiener Festwochen. Wir geben zu: Bis auf ein Redaktionsmitglied hat noch keiner eine Inszenierung von ihm gesehen. Und trotzdem können wir schon eine Menge zu dem großen Regisseur erzählen. Marthaler, das ist so wie das Münchner Hofbräuhaus, das kennt man, ohne je da gewesen zu sein.

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