TOP/FLOP Inszenierungen für das Internationale Forum

Die Stipendiaten des Forums nennen ihre jeweiligen TOP und FLOP Inszenierungen des Theatertreffens 2015 (ohne BAAL in der Regie von Frank Castorf).

Struktureller Rassimus im dt. Theater

Anlässlich der Podiumsdiskussion „Wer sind wir in der weißen Welt? – Postkolonialismus und Theater“ 3 x 100 Sekunden-Gespräche, die sich mit dem strukturellen Rassismus in Deutschland beschäftigen und der Frage inwieweit man ihn überwinden kann.

1.) Neue Darstellungsmethoden statt Reproduktion // Neu-Defintion von ästhetischer Praxis: Inhalte, Formen, Konzepte //  TT-Jury muss sich strukturell verändern
2.) Blackfacing ist rassistisch wenn es intentional diskriminierend ist // Rassismus in der „Realitätsebene“ von Nicolas Stemanns „Die Schutzbefohlenen“: Flüchtlinge erhalten 25€ Vorstellungsgage
3.) Geflüchtete sind teilweise auch Künstler, können sich selbst repräsentieren // Wie definiert sich Theater-Kunst? Nicolas Stemanns Stück ist Teil der Hochkultur, Subkultur die sich mit gleichem Thema beschäftigt wird dann als Projekte „sozialer Arbeit“ ungleichwertig behandelt

Dr. Azadeh Sharifi ist Kulturwissenschaftlerin und Theaterwissenschaftlerin arbeitet zum post-migrantischem Theater, Postkolonialismus.

Julia Wissert, ist Regisseurin und wurde kürzlich mit dem Kurt-Hübner-Preis ausgezeichnet. Ihre Diplomarbeit behandelt das Thema: „Repräsentation und Selbst-Repräsentation schwarzer Theatermacher*innen im deutschsprachigen Raum“.

Lloyd Nikadzino ist Regisseur und Kulturmanager aus Harare, Simbabwe und ist Stipendiat des Internationalen Forums 2015.

Simon J. Paetau ist Regisseur und Aktivist. Er hat mit jungen Geflüchteten vom Oranienplatz das Filmprojekt “Refugee Strike & Beyond” initiiert, indem die Geflüchteten eigenständig Filme entwickeln und drehen konnten.

Bahareh Sharifi ist freie Kuratorin und Aktivistin, die als Zuschauerin bei der Podiumsdiskussion dabei war.

 

Hier ein Beitrag über die Aktion von KulTür Auf beim Theatertreffen: NAME IT RACISM.
Der Dramaturg Yuri, Dramaturg im Ballhaus Naunystraße, spricht über den strukturellen Rassismus im deutschprachigen Theater, den er persönlich erfahren hat.
Die Forderungen ans deutschprachige Theater von Marianna Salzmann, Leitung Studio Я, Maxim-Gorki-Theater und Ahmed Shah, künstlerischer Leiter Jugendtheaterbüro Berlin um den strukturellen Rassmismus zu überwinden.

Eine Überwältigung: Texte zum Theater der Elfriede Jelinek

Sowohl die Zahl der Einladungen an Inszenierungen von Elfriede Jelinek-Texten zum Theatertreffen, als auch die Masse an Literatur von ihr und über sie macht ehrfürchtig. Eine Lesereise. (Ein Interview mit der österreichischen Autorin lesen Sie morgen auf dem TT-Blog.)

In diesem Jahr ist die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zweimal beim Theatertreffen vertreten: Mit der Inszenierung durch Johan Simons von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“, die heute Abend Premiere feiert, sowie beim Stückemarkt mit ihrem von Hedi Kriegeskotte vorgetragenen „Prolog?“, der ebenso heute auf dem Programm steht. Wer sich auf eine Spurensuche begibt, stößt auf ganze zehn Stücke der Autorin – allein in den letzten neun Jahren.*

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder
Die Straße. Die Stadt. Der Überfall. von Elfriede Jelinek. Foto: Julian Röder

Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Inszenierungen von Texten dieser österreichischen „Nestbeschmutzerin“ in den vergangenen Jahren so häufig zu den bemerkenswertesten gewählt wurden und werden? Sie wird, was lebende zeitgenössische Autoren angeht, nur von Botho Strauß (12 TT Einladungen) übertroffen, dieser war zuletzt 1999 eingeladen.

Bemerkenswert gestaltet sich auch eine Erklärungssuche im Netz: Selbst das lediglich bis 2009 zurückreichende Archiv von nachtkritik.de zählt alleine 221 Einträge zu Elfriede Jelinek. Ihre eigene Website www.elfriedejelinek.com umfasst ganze elf Sparten, von Theater und Prosa bis zu Politik & Gesellschaft – und wäre beinahe dafür verantwortlich gewesen, dass dieser Text hier nicht mehr pünktlich zustande kommt, da ich mich immer wieder in den ausufernden Textflächen von Elfriede Jelinek zu verlieren drohte.

Nicht nur das von Elfriede Jelinek Geschriebene ist überwältigend, auch das über Elfriede Jelinek Geschriebene ist Zeit und Raum füllend und beschäftigt ein ganzes Forschungszentrum inklusive fleißiger Praktikanten. Bei all den Primär- und Sekundärquellen, -texten und -stücken ist mir die enorme Diskrepanz meiner eigenen Empfindungen und Gedanken aufgefallen, die sich beim Lesen von Texten von Jelinek und den Texten über Jelinek aufgetan hat: Erstere haben mich aufgewühlt, beschäftigt und verwirrt – und zwar auf emotionaler und rationaler Ebene gleichermaßen.

Beim Lesen von „Lust“, „Neid“ oder „Über Tiere“ stellt sich permanent die Frage, wer oder was ist gut oder böse, wer Opfer, wer Täter, wer klagt an, wer wird angeklagt? Ein permanentes Unwohlsein anstelle von moralischen oder intellektuellen Überlegenheitsphantasmen. Entweder darauf einlassen und sich auseinandersetzen – oder ablehnen. Jelinek spaltet.

Die Texte über Jelinek haben mich zwar manchmal auch verwirrt, meistens aber gelangweilt und bestenfalls ein wenig zu Hintergründen informiert. Meist haben sie ein eher schales Gefühl hinterlassen, da sie Tendenzen haben…

– Jelinek auf ihre Biografie zu reduzieren (Mutter! Vater! Ödipussy!)

– Jelinek politisch zuordnen und so diskreditieren/vereinnahmen zu wollen (Kommunismus! Oder schlimmer: Feminismus!)

– Jelinek zu etwas zu machen, was sie definitiv nicht ist: einfach erklärbar/verstehbar/kategorisierbar/konsumierbar Continue reading Eine Überwältigung: Texte zum Theater der Elfriede Jelinek

Most bemerkenswert, according to the TT-Bloggers

Last night this year’s 3sat prize was awarded to Nicolas Stemann’s Faust I + II. Some said it was a worthy recipient: the acting of Philipp Hochmair and Sebastian Rudolph was irrefutably intense, the director proved capable of applying just about every German theatre style from Brechtian to post-dramatic, and the whole performance struck just the right balance between classical and avant-garde theatre, splitting the difference between Platonov and John Gabriel Borkman. Others were less satisfied with the result: if the prize was to be given to “innovative, zukunftsweisende Arbeiten” [innovative and pioneering work] maybe Borkman might have been a better candidate, for instance, or anther Stemann production, or either Faust I or II.
I guess it all depends on how you define “bemerkenswert,” the only official criterion for the TT jury. This term is of course subjective, and the jury’s choices consciously or subconsciously form both the international and national definition of what German theatre looks like.
So, I asked all the members of the TT blog team to come up with the most remarkable production they saw this season, giving them only three criteria.
1. The production must be bemerkenswert.
2. It can be any kind of staged performance
3. It doesn’t have to be a German-speaking production.
And so, here are this year’s TT-bloggers most bemerkenswerte productions. Continue reading Most bemerkenswert, according to the TT-Bloggers

Theatric-O-Meter

We knew from the start that all ten of the productions invited to Theatertreffen were in some way “remarkable,“ that they had something that made them stand out in the crowd of 700 performances the jury attended over the year. But, looking back over the festival, what did the productions have in common? Here are some statistics:
Performers

Puppets backstage at "Faust I+II", Photo: Nadine Loës

7/10 productions had actors shouting lines that do not logically require to be shouted

3/10 had actors performing more than one role (multi-roling)
9/10 addressed the audience directly (broken 4th wall)
4/10 didn’t stick to the script, opting for moments of improvisation
3/10 directly and deliberately referenced the Theatertreffen festival
7/10 had lines performed in two or more languages
5/10 featured some form of nudity, ranging from bare bums to full-frontal.
5/10 included either dance routines or gymnastics
4/10 had real live children
3/10 used either puppets or animal costumes
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Mit zehn Jahren Verspätung

Der 3sat-Preis hat eine turbulente Vergangenheit. Wir rekapitulieren kurz um die heutige Preisverleihung auch richtig einordnen zu können:
2009 kämpfte Claus Peymann beim „Preiskampf“ live im Fernsehen um die Durchsetzung und prügelte schließlich gemeinsam mit Bernd Sucher die „Weibsteufel“ durch. Bildlich gesprochen. Die Damen in der Jury wurden jedenfalls niedergewalzt – da helfen noch so viele Gender-Stücke und Frauen als Macbeth und Parzival im Gegenwartstheater auch nichts. Nun ja. Dieses Jahr kämpfte Peymann dann ja bekanntlich gleich gegen das ganze Theatertreffen.
Letztes Jahr wurde die öffentliche Verleihung des 3sat-Preises im Rahmen der Veranstaltung “Kultur als Entwicklungsmotor” durchgeführt, die große Party abgesagt. Ein rauschendes Fest zur posthumen Verleihung an Christoph Schlingensief war nicht angemessen, sagen die einen, andere behaupten, das Geld sei ausgegangen. Viel Spekulation, viele Gerüchte. So ganz genaues weiß man nicht.
Was macht man also nach solch aufregenden Jahren? Genau: Was ganz konventionelles.
21:54 Uhr: Der rote Teppich ist auf der Bühne ausgerollt. Blumen sind aufgestellt. Die Gäste trinken ihre Weingläser vor der Tür auf Ex aus. Bernd Moss moderiert die Veranstaltung locker-flockig und kündigt an, es werde einen Preisträger, eine Preisträgerin, Preisträger oder Preisträgerinnen geben: Bei 3sat scheint es jedenfalls seit Peymann ein Bewusstsein für Geschlechter zu geben. Er fügt ein paar Informationen zum Preis an: Seit 1997 wird er verliehen, Schauspiel, Bühnenbild oder Regie werden für „innovative, zukunftsweisende Arbeiten“ prämiert. Continue reading Mit zehn Jahren Verspätung

Applaus Applaus

Über das Theatertreffen-Publikum
Ein Stück ist nicht zu Ende, wenn es zu Ende ist. Auch die Inszenierung ist nicht zu Ende, wenn das letzte Wort auf der Bühne gesprochen ist. Applaus wird geprobt und der Regisseur ist aufgefordert, genau zu überlegen, wie er an dieser Stelle mit dem Publikum umgeht. Die konkrete Umsetzung am Abend der Vorstellung ist dann aber meist den Darstellern und ihrem Gespür überlassen: Wenn gebuht wird, muss man sicher nur einmal zum Verbeugen auf die Bühne. Für die Zuschauer ist diese Applaus-Inszenierung meist nicht wahrnehmbar, weil subtile Mittel benutzt werden. Bei Herbert Fritsch ist das anders. Er legt seine Mittel offen. Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Continue reading Applaus Applaus

Running the Faust-Marathon

Director Nicolas Stemann appeared on stage with a microphone at the start of nearly every section of his Faust I+II to explain the plot of Goethe’s two-part tragedy bit by bit as the performance unravelled. “Unravelled” feels like an accurate description of the evening, but – like Stemann – I should preface my statement with a fast-forward through the storyline: Continue reading Running the Faust-Marathon