It's a woman's world! Schauspielerinnen beim Theatertreffen

Immer ist die Rede vom Regiekonzept. Selten die Rede von den Darstellern. Wir finden: Dieses Theatertreffen ist eine Woman-Show. Auffallend viele der zehn bemerkenswerten Inszenierungen bestreiten Schauspielerinnen.

50. Theatertreffen
Sandra Hüller nahm heute per Skype den 3sat-Preis entgegen. Vor dem roten Vorhang an der großen Bühne, Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi

Und wir hatten recht: Heute Mittag wurde der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung vergeben. Er ging an Julia Häusermann in „Disabled Theater.” Und auch den 3sat-Preis bekam eine Frau: Sandra Hüller für ihren Auftritt in „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.” Gratulation!

Es ist leicht zu entscheiden, ob einem deren Spiel gefällt oder nicht. Schwierig bis nicht machbar ist es hingegen, zu benennen, was die da tun. Zu begreifen, was diese Schauspielerinnen auf der Bühne vollziehen, wie sie ihre Worte zum Klingen bringen, mit welchen Bewegungen sie den Raum füllen. An dieser Aufgabe kann man nur scheitern (sagt unser Mentor Dirk Pilz). Die Frage ist, auf welchem Niveau. Wir versuchen es mal: deutschsprachige Rollenporträts zu Constanze Becker, Sandra Hüller, Judith Rosmair, Julia Wieninger und englischsprachige zu Lina Beckmann, Lena Schwarz und Kate Strong.

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Einladung in die Innerlichkeit. Wo Musik beim Theatertreffen spielt

Beim diesjährigen Theatertreffen lauerte die Musik überall. Ob gesungen oder instrumental, live oder aus der Konserve (wie es so schön heißt!), kaum eine Inszenierung kam ohne aus. Weil ich nicht an Zufälle glaube, soll anhand von vier TT Inszenierungen (von Katie Mitchell, Sebastian Hartmann, Johan Simons und Jérôme Bel) der Versuch einer Annäherung an das Phänomen „Musik im Theater” unternommen werden.

„Reise durch die Nacht“: Beischlafmusik und Breitwandpiano

Diese Reise ist eine innere. In Friederike Mayröckers „Reise durch die Nacht“ ergründet die Erzählerin ihre eigene, verschüttete Vergangenheit. Der Grund für ihre Schlafstörungen, für die „auffliegenden Vögelschwärme in ihrer Brust” bleibt vage, der Text flüstert eher, anstatt konkret zu werden. Katie Mitchells Regie reizt Mayröckers Anspielungen bis zum Anschlag aus, der „Pfeifenvater“ wird zum Prügler, das stille Sehnen der namenlosen Protagonistin (Julia Wieninger) entlädt sich in einer kurzen, heftigen Sexszene mit einem Unbekannten, dem Zugbegleiter.

Bevor man einmal die Sitzposition gewechselt hat, ist das Stück zu Ende. Dass die „Reise durch die Nacht“ eine so kurzweilige ist, liegt nicht nur an der mit 75 Minuten knappen Spielzeit, sondern auch an der filmischen Ästhetik, die der Wahrnehmungsmodulation eines auf Liveticker gepolten Publikums sehr entgegenkommt.

Keine Frage: Die Musik trägt wesentlich zur larmoyanten Herzschmerz-Stimmung der Inszenierung bei. Während unten die Bühnenarbeiter wuseln, gipfelt es oben auf der Leinwand im Minutentakt, ein emotionaler Höhepunkt nach dem anderen. Meist ist die Musik eine indirekte, das heißt, in der theatralen Logik hörbar nur für die Erzählerin, etwa, wenn sie ihren CD-Player gegen die Schlaflosigkeit bemüht, oder sie ist der Handlung ausgelagert und nur hörbar für die Zuschauer. Eine Ausnahme ist das Lied von Joy Divison, das der Zugbegleiter abspielt, um eine Stimmung herzustellen, die auf dem schnellsten Weg zum Beischlaf führt. Da hören die Figuren auf der Bühne die Musik gemeinsam: ein intimer Moment.

Eine Patina aus Regentropfen auf der Leinwand, das verschmierte Make-Up der Hauptdarstellerin, und über allem wogt die Musik. Diese Selbstbespiegelung in Breitwandformat bedient möglicherweise jenen Teil des Gefühlshaushalts, den rationale Menschen gerne von sich schieben (schamlosere Existenzen lesen deswegen Rosamunde Pilcher). Man kann in Katie Mitchells Inszenierung eine Verkitschung (wie hier Dirk Pilz in der Berliner Zeitung) sehen, die Reduktion der feministischen Vorlage auf ein Vorabendserienformat. Man kann die dem 19. Jahrhundert verhafteten Hauptfiguren beklagen und die Gefälligkeit der musikalischen Dauerpräsenz. Dann allerdings entgeht einem ein Wahrnehmungsvollprogramm, Synästhesie total. Wer so argumentiert, ist, glaube ich, nie durch die Nacht gereist, mit Kopfhörern auf den Ohren, die alles um einen herum ausblenden, mit dem Soundtrack, der nur einem selbst gehört. Continue reading Einladung in die Innerlichkeit. Wo Musik beim Theatertreffen spielt

Woman vs. Theater

I’m Bear Grylls (well, not really, but bear with me) and I’m going to show you the skills you need to survive at a German theatre festival anniversary.

The two four-to-five hour productions of Every Man Dies Aloneand War and Peace have helped me prep my stamina for the marathon Saturday.

And now it’s time for the real challenge: the anniversary party weekend, 11 and 12 May. Wilmersdorf appears quiet during the afternoon, but I shouldn’t be lulled into believing that it doesn’t have some hidden dangers. Reality is thinner than it appears: theatremakers sneaking networking into conversation, actors acting on and off stage and audiences maneuvering for free/scalped/waitlist tickets.

Natives preparing to board the bus.
Natives preparing to board the bus. Note the white bags containing pretzel, sekt and map. Photo Credit: Piero Chiussi

First I have to get through a bus tour in a luxury Mercedes Benz 40-seater. Motion sickness is problematic – especially after four bottles of Rotkäppchen in a fit of boredom – as vomit on leather seats can prove deadly.

I resist the temptation to jump out of the windows to actually go see the Deutsches and Maxim Gorki theatres, hidden behind the suddenly leafy spring trees. (Remember, theatre is about imagination: I don’t need to see with my eyes, I see with my mind.)

Back once more in Wilmersdorf, I’m primed for potential dangers. Head for the pretzels; salt and bread will help me sober my senses. Resist the temptation to dance to the Balkan beats-live soundtrack of the Theater Composers Orchestra. It’s still light outside, someone might see you. More free Sekt.

The final stage of the theater jungle before finally reaching food.
The final stage of the theater jungle that must be navigated before finally reaching food on the right side. Photo Credit: Piero Chiussi

The following two-hour plus prelude of gossip and memories to the buffet (the free food that everyone was waiting for) threatens to challenge my theatre/reality sense again. The hostess, “Theatertreffen voice” Sandra Hüller, faints not too long after the blackfacing scandal is mentioned (yes, there’s still blackfacing in German theatre) and someone starts shouting from the audience. Did she really faint? Was it all planned?

Turns out it was real. So an improvised break, costume change and more Quatsch must be endured before I finally reach the food on stage. The line toward the buffet is curved around the moving centre-stage platform, which slowly rotates the hungry away from the promised food. Is this a symbol for the plight of world hunger? An intern’s practical joke? Simply a coincidence?

The endless possiblities threaten to send me into a death spiral of interpretations. What does it all mean? Does it even have a meaning? What is meaning anyway?

Finally boulette and deviled eggs bring me back to my senses. There is no greater meaning, this is just an awkward company party-like ritual with a cash bar and too many sober people. Nothing I haven’t conquered before.

The leader of the musical ritual at the end of the evening, Lars Eidinger. Photo Credit: Piero Chiussi
The leader of the musical ritual at the end of the evening, Lars Eidinger. Photo Credit: Piero Chiussi

By the time the DJ – some sort of demi-god or shaman named Lars Eidinger – takes over the music, the dancing begins and the following quote eventually appears:

“If Pac-Man had affected us as kids, we’d all be running around in dark rooms, munching pills and listening to repetitive electronic music.”

Even, though here, we are not, the self-referential commentary has come full circle, and I’m still on my feet. Until next time.

Sekt und Doughnuts

In unregelmäßigen Abständen berichten wir in der Rubrik „Sex und Brez’n“ von den Fest- und Feierlaunen des Theatertreffens (hier Folge 1 zur Festivaleröffnung und Folge 2, eine englischsprachige Perspektive). Heute in Folge 3: ein Rückblick auf das Ambiente des Stückemarkts (Bericht von drei Tagen szenischen Lesungen hier) und das große Jubiläumsgala-Bergfest vergangenen Samstag. Unsere Bildergalerie mit den Spielstätten von 50 Theatertreffen finden Sie hier, eine Hörcollage der Videobustour hier.

Doughnuts …

Von Bordverpflegung war ja schon einmal die Rede. Die Snacks in der Pan Am Lounge sind zwar auch in Folie eingeschweißt, aber keine Spur von labrigen Sandwiches und Tomatensaft, stattdessen: vietnamesische Sommerrollen, Hähnchensalat, Tofubaguette. Und Doughnuts. In pink und blau. An der Bar nippen Gäste am erdbeerfarbenen „Capote“, einer fingerhutgroßen Gin-Mélange. Wie auf transatlantischen Flügen üblich, bezahlt man in Dollars. Den Währungswechsel übernimmt eine der Stewardessen, ein Umstand, der manchen Besucher grummeln lässt. Dabei war die Dame mit dem Bauchladen (der Bauchladen als Leitmotiv des Theatertreffens?) immer genau da, wo sie gebraucht wurde, also zur rechten Zeit am rechten Ort, also ganz anders als im Billigflieger.

Der mit dem Bauchladen im Garten des Festspielhauses. Foto: Eva Biringer
Der mit dem Bauchladen im Garten des Festspielhauses. Foto: Eva Biringer
Euros gegen Dollars. Foto: Eva Biringer
… und sein Pendant in der Pan Am Lounge. Foto: Eva Biringer

… und Sekt

Die Gala zum Bergfest – wie fesselt man die Leute nach einer Woche Theatermarathon einen weiteren Abend an die Sessel? Indem man die Moderation der wunderbaren Sandra Hüller überlässt. Selbst in diesem sehr pinken Kleid aus dem Kostümfundus, das an jeder anderen Frau die Occupy Barbie Dreamhouse-Initiative auf den Plan gerufen hätte, macht la Hüller eine gute Figur. Continue reading Sekt und Doughnuts

Otto trotzt

Ganz Berlin ist verliebt in Lars Eidinger. Ganz Berlin? Nein! Ein kleines Menschlein hört nicht auf Widerstand zu leisten, obwohl sogar Sandra Hüller gestern beim Fest zugegeben hat: Ja, der Lars sei auch ihr „Theaterschwarm“…. Unsere ausführlichere Partykolumne zu der Veranstaltung kommt morgen.

Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE
Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE

Hörcollage der Videobustour zu 50 Jahren Theatertreffen

Moderation Videobustour Sandra Hueller
Die Schauspielerin Sandra Hüller moderiert die Buszeitreise durch 50 Jahre Theatertreffen per Video. Foto: Nikola Richter

Wer es nicht schafft, die Videobustour zur 50-jährigen Geschichte des Theatertreffens mitzumachen, die heute das erste Mal mit Publikum durch Berlin fährt (weitere Termine hier), kann hier eine Collage aus O-Tönen, aufgenommen auf der Probefahrt, hören. Mit dabei u.a. die Stimmen der Schauspielerinnen Sandra Hüller, Margit Bendokat und Carmen-Maja Anton.

Oder eine visuelle Reise zu ALLEN Spielstätten von 50 Jahren Theatertreffen machen, mit der TT-Blog-Bildergalerie.

Tag 9

1. Meine Freundin Nele ist zu Besuch. Das fühlt sich nach zu Hause an.

2. Unter den Theatertreffen-Praktikanten munkelt man: Sekt für alle auf der TT50-Fahrt.

3. Nachdem ich gestern völlig begeistert von Sandra Hüller in „Die Stadt. Die Straße. Der Überfall.” war (hier die Blog-Kritik) war, freue ich mich riesig, sie heute noch einmal beim Fest als Moderatorin sehen zu dürfen.

Mein Wunsch: ich komme mit wundgetanzten Füßen, aber sicheren Weges nach Hause. (Und hier werde ich tanzen: Autistic Disco mit dem Schauspieler Lars Eidinger als DJ, Eintritt frei, ab 23 Uhr.)

Kritik voller Adjektive. „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ von Elfriede Jelinek, 2012.
Handlung: Eine Frau (Sandra Hüller!) hassliebt ihren Rock, Rudolph Moshammer (Benny Claessens!) stirbt ein zweites Mal.
Erster Satz: Ich habe gehört, es gibt jetzt eine Satzung im Gesetz, daß man Orgien feiern muß.
Regisseur: Johan Simons, fünf Einladungen zum TT.
Eingeladene Bühne: Münchner Kammerspiele
Spielstätte beim TT 2013: Großer Saal im Haus der Berliner Festspiele.

Adjektive vermeiden! Eine der Grundregeln für Theaterkritiken. Daran wollen wir uns jetzt, nach der Premiere von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“, angetan von der jelinekschen Chuzpe, nicht halten.

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Überfällig, städtisch: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ in der Inszenierung von Johan Simons mit Sandra Hüller, Hans Kremer, Stephan Bissmeier, Marc Benjamin (v.l.n.r.). Foto: Julian Röder

Clemens Melzer: Was man ja auf jeden Fall über den Abend sagen kann: Charmant.
Eva Biringer: Ja, charmant, unprätentiös, dabei gut kalkuliert. Typisch Jelinek.
CM: Suberversiv oder auch pervers?
EB: Pervers ehrlich. Subversiv im Subtext. Also eher unterschwellig subversiv. Ortsspezifisch?
CM: Ja, ortsspezifisch im Sinne von wehmütig und autoagressiv, also bierernst.
EB: Biernst?
CM: Hefe, das heißt: Hilfe. Ich meine: bierernst, drall, süddeutsch.
EB: Eher das Gegenteil von drall. Reduziert, befremdlich, eisigkalt.
CM: Kristall. Im Schmelzen auch schmierig, glänzend, schwierig. Eisigkalt wie unpädagogisch.
EB: Mehr gefährlich didaktisch, aber durch Jelineks Modeaffinität gerettet.
CM: Verführerisch didaktisch in Sachen Mode?
EB: Nein, verführerisch didaktisch in der der Mode inhärenten Botschaft. Gefahr von Oberflächlichkeit. Ausgestellt und gleichzeitig klug umgangen.
CM: Smart umschifft, würde ich sagen. Klug ist die Mimik, umgangen werden die Bedeutungsfestschreibungen. Fluffig.
EB: Mimisch, gestisch einwandfrei. Worthülsen werden zum Klingen gebracht. Fluffige Badewannenszene.
CM: Naja, ohne Schaum. Ich vermute: kantig, ungemütlich. Der Raum ist da übervoll und die Badewanne leer. Einwandfreier Zwang plus Champagner.
EB: Martini! Schwimmbewegungen angedeutet. Akustisches Kraulen. Stimmlich und instrumental von ausufernder Ergriffenheit.
CM: Bei der Gurgel ergriffen. Lapidare Watschn. Dazu schmutzige Komik.
EB: Saftige Watschn. Der Schmutz bleibt am Absatz kleben! Falscher Schmutz. Unauthentisch wie der Knopf am Blouson, hoppla, Blazer.
CM: Drunter Schlüpfer. Aristokratisch und asketisch zugleich. Will sagen: Fragwürdig von Anfang an.
EB: Dringlich in Kombination mit schmucker Tasche. Körperformend, korrigierend, unverzichtbar. Dabei samtig neutral. Sleek und schmiegsam wie der Untergrund.
CM: Dringliche Körperform, schmiegsames Plappern. Im Abgang hektisch, rötlich, unberechenbar.
EB: Berechtigt albern, maßlos relevant.
CM: Also, ich fand ja die Schauspieler toll.

Theatertreffen Acting Fact-File

The 5,000€ Alfred-Kerr-Preis for the best performance at the Theatertreffen was announced today, decided and presented by actress Nina Hoss. The prize went to Fabian Hinrichs – here are TT-Blog photographer Nadine`s photos of the award ceremony:

 
But how did she choose when there were so many different styles of acting treading the boards? Maybe she stole a look at my fact-file, based on some of the leading men and ladies of this year’s festival.
Style: The Entertainer
Example:
Fabian Hinrichs, Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia
Director: Rene Pollesch
Role:
Only speaking part
Costume
: Shiny, skin-tight rainbow leggings/Floor-length skirt/Octopus costume Continue reading Theatertreffen Acting Fact-File

Ihr Tag mit dem TT (1)

Das Theatertreffen-Blog hat ab jetzt eine tägliche Rubrik: „Ihr Tag mit dem Theatertreffen 2012“. In ihr erhalten Sie, geschätzte Leser, unerlässliche und unersetzliche Hinweise, manchmal Hintergrundinformationen, manchmal Überlebenstricks, manchmal Klatsch und Tratsch.
Heute: die Eröffnung!
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