Bemerkenswert gut gestimmt

Es wurde gearbeitet, bis spät in die Nacht, es wurde zu jeder Tageszeit geschnitten, geschrieben, fotografiert, gefilmt und produziert, es wurde gefeiert, es wurde diskutiert und geplant. Der Theatertreffen-Blog, der in diesem Jahr zum ersten Mal die tt-Festivalzeitung ersetzte, begleitete das Theatertreffen 2009 in Text, Bild und Ton, mit Fotogalerien, Audioporträts, Nachtkritiken, Interviews, Beziehungstipps, einem ABC und sogar Selbstkomponiertem. Zum Abschluss des Festivals zieht die Blog-Redaktion Bilanz.

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Bis in die frühen Morgenstunden sorgte Blogger Johannes Schneider mit Ukulele und Köl'scher Mundart für Gruppenharmonie: bemerkenswert. Foto: Jan Zappner

Eine gewaltige Überdosis

Die Sicht durch ein beeindruckendes Riesenauge auf einen persönlichkeitsgespaltenen Josef K.. Die Kraft einer Birgit Minichmayr, mich allein mit ihrer Stimme von der Probebühne zu fegen. Eine bezaubernde Maren Eggert, die in der warmen Abendsonne sanft strahlte. Unser Mentor, der akribisch die maßlose Nutzung von Adjektiven abmahnte. Ein bemerkenswertes Team, in dem Streit nicht Untergang und Party nicht Ausschlafen bedeutete. Und – Continue reading Bemerkenswert gut gestimmt

Das Kollektiv hat immer Recht

Der Chor oder die Aufteilung des Individuums auf mehrere Darsteller ist der Trend auf dem zeitgenössischen Theater, wie die Auswahl des tt09 zeigt. In Andreas Kriegenburgs “Der Prozess” spielen 8 Personen einen K., in Katie Mitchells “Wunschkonzert” bebildern mehrere Statisten das Leben einer Lebensmüden. Auch die “Räuber“-Inszenierung Nicolas Stemanns lässt lieber vier Räuber als einen Karl-Franz auftreten. Und den Abschluss macht Volker Löschs Armutskollektiv seiner “Marat“-Inszenierung. Ein Podcast über das Chorprinzip.

Volker Lösch
Regisseur des authentischen Chors: Volker Lösch. Foto: Jan Zappner

Vive le Chor!

Das Beste kommt zum Schluss. Und zwar gewaltig: “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden” in der Inszenierung von Volker Lösch, zwischen Buhs und Bravos des Berliner Publikums. Eine Reaktion, fast so stürmisch wie der Abend.

“Mal richtig zuhören”

Als kollektivgewordene Armutserfahrung stehen sie in Volker Löschs Marat-Variation auf der Bühne: 24 Hamburger Hartz-IV-Empfänger, Rentner und Zu-Gering-Verdiener. Ihr Epilog hat zu einem künstlichen Eklat geführt. Weil bisher fast nur über, aber selten mit dem Chor gesprochen wurde, haben wir das nachgeholt. Fünf Stimmen über das Stück und die Probenerfahrung.

Marat-Chor im Interview
Erschöpft, aber glücklich: der Marat-Chor nach seiner ersten Proben-Nachbesprechung. Foto: Jan Zappner

 

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Ein Chorleiter nervt gewaltig

Eigentlich sollte unser Treffen mit Hartz IV-Empfängern aus Volker Löschs “Marat”-Chor nur dazu dienen, diese hinterher in Audioporträts vorzustellen und sie derart der Anonymität des Chorischen zu entreißen. Im Zuge des Interviews ereignete sich aber noch etwas, von dem sich schwerlich schweigen lässt. Eine Randglosse mit ersten, unkommentierten O-Tönen der Chormitglieder als Hördateien am Ende.

Es war schon eine merkwürdige Konstellation, die sich da am Samstagabend gegen 22 Uhr auf einer düsteren Probenbühne in der Komödie am Kurfürstendamm ergeben hatte: Zehn von der nachmittäglichen Anreise aus Hamburg erschöpfte Mitglieder des Hartz IV-Chores aus Volker Löschs “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?” trafen auf drei von drei Wochen tt09 nicht minder erschöpfte Redakteure des tt-Blogs. Continue reading Ein Chorleiter nervt gewaltig

Rezept für einen Theaterskandal

Ach, was ist so ein richtiger Stadttheaterskandal doch herrlich! Leider passiert das nicht mehr so oft, da man inzwischen ja so gut wie alles gesehen, verhandelt und inszeniert hat. Doch in Hamburg haben sich im letzten Jahr etliche ins Zeug gelegt, damit mal wieder richtig Leben in die Bude Theater kommt. Wie Sie selber einen Theaterskandal à la Volker Löschs “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden” produzieren können, erklären wir gerne. Das Rezept für einen Theater-Hermann, den Kuchen, der immer weiter wächst und sich überall verteilt.

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Marion Breckwoldt als Marquis de Sade in Volker Löschs "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" als Ekelpaket. Foto: A.T. Schäfer

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Marat ist da!

Der Anfang vom Ende: Als letztes Gastspiel des diesjährigen Theatertreffens kommt heute abend Volker Löschs “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?” vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg auf die Festspielbühne. Impressionen des letzen Bühnenaufbaus beim tt09.

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Kamera und Schnitt: Matthias Weigel
Musik: Sudaca Power: Las Luces de la Rambla

Ode an Peymann

Gestern Abend hat uns Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, den Glauben an das deutsche Theater zurückgegeben. Im Preiskampf hat er mit überzeugenden Argumenten – wir hatten auch einige – die Gegner aus dem Feld geschlagen und am Ende triumphiert. Ein großer Auftritt.

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Die 3Sat Preiskampf-Juroren Claus Peymann und Jenny Erpenbeck in Aktion. Foto: Jason Kassab-Bachi

Lieber Claus Peymann,

auch wenn es gestern Abend keinen Ringrichter gab, den Kampf hast Du nicht nur durch das kollektive K.O. Deiner Mitstreiter gewonnen, sondern auch klar nach Punkten. Continue reading Ode an Peymann

Wie wiederholen sich Revolutionen im Theater?

Wir haben die Regisseure der zum tt09 eingeladenen Inszenierungen um einen kurzen Blog-Beitrag gebeten, indem wir ihnen eine Frage stellten. Volker Lösch, der mit seiner “Marat“-Inszenierung einen Skandal in Hamburg hervorrief, kritisiert den Begriff der Theaterrevolution.

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Lasst Wahlplakate regnen: Volker Lösch und sein "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" vom Schauspielhaus Hamburg. Foto: A. T. Schäfer

im theater wiederholen sich keine revolutionen
da es im theater weder revolutionen gab
noch jemals revolutionen geben wird
dem theater ist alles revolutionäre grundsätzlich fremd
da es sich ausschließlich
mit repräsentativem beschäftigt
es gilt die unausgesprochene abmachung
dass revolutionen nur gespielt
und eben nicht gemacht werden
revolutionen verändern das was ist radikal
und das möchte im theater niemand
die theaterrevolution
ist also eine reine erfindung der presse

How do revolutions repeat themselves in the theatre?

We asked the directors of all the invited productions that will be part of tt09 for a short
article in our blog and put a question to them. Volker Lösch, director of the “Marat”-production that caused a scandal in Hamburg, criticises the term “theatre-revolution”.

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Staged revolution! The choir from Volker Lösch´s production “Marat- or what has happened to our revolution?”

In theatre, there are no revolutions repeating themselves
As there neither have ever been revolutions
Nor will there ever be revolutions in the theatre
Everything revolutionary is basically alien to theatre
Because it only ever deals with
The representative
There is an silent agreement
That revolutions are only ever staged
And even not made for real
Revolutions change that what exists radically
And no-one in the theatre wants that
The theatre-revolution then
Is only a figment of illusion by the press