Nicht alles muss funktionieren

Christian Rakow ist Redakteur bei nachtkritik.de und in diesem Jahr erstmals Mitglied der Theatertreffen-Jury. Im Interview spricht er über Reisestress, die Frauenquote und seine 11. Inszenierung.

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Sukkulenten & Quotienten

Das Theatertreffen muss sich wieder lohnen. Für die Künstler, das Publikum, die Kritiker und das Theatertreffen selbst. Unsere Autorin hat das mal durchgerechnet.

Erster April im Baumarkt. Die Sonne brennt, alle Lasteneinkaufswägen sind in Gebrauch, die Balkonsaison eröffnet. Ein junger Mann in angesagtem, scheinbar mühelos zusammengestelltem Outfit, dessen Wagen ich übernehmen möchte, lädt Sukkulenten in den Kofferraum: „Die sind voll hip und machen kaum Arbeit. Sieht man jetzt auf jedem Balkon“, meint er. Continue reading Sukkulenten & Quotienten

Der einsame Kritiker und die 11. Inszenierung

Der Theaterkritiker Andreas Wilink ist seit drei Jahren Juror beim Theatertreffen. In diesem Jahr übt er das Amt zum letzten Mal aus. Im Gespräch mit unserer Bloggerin erzählt er über das einsame Dasein des Theaterkritikers, persönliche Favoriten, aktuelle Theatertrends und die Suche nach der Avantgarde. Continue reading Der einsame Kritiker und die 11. Inszenierung

Nach(t)gedanken

Es ist kurz nach Mitternacht, ich komme gerade vom Publikumsgespräch zu „Schiff der Träume“. Verblüffend, wie leise es heute war im Oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele, nach dem Rummel bei der Premierenfeier gestern. Kein Buffet heute, kein DJ, der Mucke aus den Nullerjahren auflegt, keine cultural butterflies und professionelle Theaterschaffende, die networkend von Gruppe zu Gruppe flattern. Dafür eine fast greifbare Konzentration im verbliebenen Publikum kurz vor dem Start des Gesprächs, trotz der späten Stunde. Continue reading Nach(t)gedanken

Live-Blog von der Schlussdiskussion mit der Theatertreffen-Jury

Um 14.30 Uhr beginnt die Abschlussdiskussion, in der die Theatertreffen-Jury über alle zum Festival eingeladenen „bemerkenswerten“ Inszenierungen diskutiert. Moderiert von Tobi Müller. Wir bloggen live.

14.27: Es raunt.

14.29: Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer begrüßt das Publikum. Selbst die „Aktivisten vom Blackfacing“ werden namentlich erwähnt.

14.30: Letzte Episode des TTtvs.

14.34: Die Jury betritt die Bühne. Tobi Müller findet im Hinblick auf das TTtv: „Die Zukunft der Kritik ist offenbar die Kurzkritik.“ Noch einmal werden die Jurymitglieder vorgestellt. 450 Inszenierungen wurden begutachtet (es werden immer mehr!). Anke Dürr freut sich über die Berlin-Tauglichkeit von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ Franz Wille überrascht, dass es keine Zwischenfälle gab in diesem Jahr. Daniele Muscionico denkt nach über die Bedeutung der Auszeichnung von „Disabled Theater.“ In der Schweiz spreche man von „behinderten Menschen, man sei da weniger empfindlich. Muscionico: „Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich, das geht nicht.” Raunen. Kein Nachhaken (warum geht das nicht?).

14.42: Was macht der Ortswechsel mit den Inszenierungen? Schade, dass nur so wenig Leute „Die Ratten” sehen konnten, findet Vasco Boenisch. Die innere Anspannung des Jurymitglieds Christoph Leibold bei den veränderten Bedingungen in Berlin für „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall”: Kann das gut gehen? Boenisch: „Ich glaube, Berlin hat es auch ganz gut gefallen, mal über München abzulästern.”

14.46: Wo sind die experimentellen Anteile beim diesjährigen TT? Ulrike Kahle-Steinweh bemerkt, man könne nur einladen, was da ist. Franz Wille: Ein schwaches Jahr für das performative Theater! „Ich hätte gerne ein paar andere Formate dabei gehabt, aber es besteht die Gefahr der ideologischen Brille.” Christine Wahl: Es schleichen sich die Performanceelemente ins Stadttheater (etwa der Schauspieler Benny Claessens in „Die Stadt. Die Straße. Der Überfall.”)

14.54: Musik spielte große Rolle beim diesjährigen TT (Müller). Oder? Dürr: „Das war kein Kriterium. Darüber haben wir kaum diskutiert.” Boenisch wirft ein: „Doch, darüber wurde diskutiert!” Entlastet Musik die Schauspieler? Weil die Glaubwürdigkeit der großen Gesten auf der Bühne verloren gegangen ist? Nein (Dürr), ja, etwa bei Thalheimer (Boenisch). Selbst bei „Medea” gibt es den von Musik unterlegten Clip am Ende und „ein Wummern.” Wille warnt vor programmatischen Thesen: „Man nutzt die Möglichkeiten, die da sind. Vor zehn Jahren passierte dasselbe mit Video.” Müller weist auf die leibliche Präsenz der Musiker hin, es handelt sich schließlich um Livemusik. „Theater besinnt sich auf seine Qualitäten, auf die erlebte Zeit, dazu gehört die aktuell hergestellte Bühnenmusik.” Zustimmung im Publikum.

15.01: Dürr: „Fantastisches Stück und fantastische Inszenierung: Das ist ein Glücksfall.” Der Moderator bemerkt die breite Zustimmung des Theaterpublikums („friedfertig, begeisterungswilig, euphorisch”) bei gleichzeitigem Unmut der Berliner Kritik. Kahle-Steinweh vermutet Neid, denn wer kann so viel reisen wie die Theatertreffen-Jury? Wille unterstellt dem Publikum Müdigkeit und Gleichgültigkeit (Zwischenruf aus dem Publikum: „Jawoll, müde und gleichgültig!”), widerruft seine Behauptung aber sofort wieder. Das Publikum sei reflektierter als früher. Kein Türenknallen mehr wie bei Marthaler! Dafür gebe es ja die Publikumsgespräche.

15.08: Stichwort Publikumsgespräch! Müller rollt die Blackfacing-Debatte wieder auf. War Blackfacing ein Thema für die Auswahl der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe”? Wahl: Es handelt sich nicht um eine realistische Inszenierung. Die Zeichen, zu denen das Blackfacing gehört, sind codiert. „Ein cleverer Zugriff” auf den vermeintlich ideologischen Brecht mit seinem „merkwürdigen Kapitalismusbegriff.” Das Theater ist Kunstraum, kein Realitätsraum. Judith Butler wird zitiert: Auf dem Bühnenraum, der ein Als-ob-Raum ist, darf man Zeichen produktiv gegen sich selbst wenden.

15.13: Was wünscht sich die Jury zum Abschluss? Wille: Weniger Premieren an den einzelnen Theatern, diese dafür reflektierter und mit mehr Risikobereitschaft. Kahle-Steinweh: Mehr Mut, auch innerhalb der Jury. Radikaler, politischer, vielleicht weniger Musik? Einwurf Müller: „Weniger Musik, jetzt, wo sie mal da ist?” Der Rest der Jury ist wunschlos glücklich. Die Diskussion wird eröffnet.

15.16: Zuschauerin 1: Früher war alles spannender. Heute werden Inszenierungen im Fernsehen übertragen, man selbst reist umher, das Publikum ist ein internationales. Die Offenheit nimmt dem TT den Reiz. Bitte mehr Überraschungen! (Einwurf: Was ist mit „Disabled Theater”, mit Milo Raus „Hate Radio”?) Offenbar wünscht sich die Zuschauerin eine striktere Kartenpolitik (künstliche Verknappung der Eintrittskarten?). Zuschauer 2 (er selbst zählt sich zur Generation der heute 70-Jährigen): „Wir haben 3 1/2 Aufführungen gesehen: „Medea” (toll), „Murmel Murmel” (auch okay), „Disabled Theater” („Betroffenheitsbonus!”), „Die Ratten” („da sind wir gegangen: ein unverständliches Schreien.”). Was fehlt, ist das Suchen nach dem Essentiellen.” Theaterzeichen haben sich geändert (Dürr). Krawallstimmung kommt auf. Teile des Publikums fühlen sich altersdiskriminiert. Die ersten gehen.

15.23: Teilnehmerin des Internationalen Forums: Vom Theatertreffen bleibt ein schaler Nachgeschmack. Große Stoffe, gegen die man nichts sagen kann, renommierte Regisseure. Es fehlt die Reibungsfläche. „Wir (das Forum) konnten mit vielem nichts anfangen.” Geldverschwendung? Zusammenfassung der Juryeinwände: Generation 20 Plus hat andere Interessen als Generation 70 Plus: Ein ewiger Interessenkonflikt! Wahl: Es wurden doch große Themen verhandelt, etwa in „Krieg und Frieden”! Forumsteilnehmerin: Die Formen ändern sich, aber es geht um den (fehlenden?) Inhalt. Andere Teilnehmerin des Internationalen Forums: große Rührung bei den Forumsteilnehmern, von Geldverschwendung kann keine Rede sein. Jedoch: Bei „Orpheus steigt herab” bleibt in Erinnerung: Ein Karussell (20.000 Euro wert?), Hunde, Motorräder und für nicht-deutschsprachige Zuschauer das Wort „Nigger”. Es geht doch mehr um die Regisseure und deren Mittel. Entgegenung Wille: Das Geld ist immer die Crux. „Das Wesentliche ist das ausschlaggebende Argument.” (das Wesentliche wovon?)

15.36: Eine Zuschauerin will die Blackfacing-Sache so nicht stehen lassen. Es bestehe immer noch Diskussionsbedarf, gerade im Theater. Reproduzierte Stilmittel wie in der „Johanna” könnzen funktionieren, aber nicht wenn das so unreflektiert wie bei Baumgarten passiert. Bezeichnungen wie „Nigger” könnten falsch verstanden werden und zur Wiederaneignung führen (Am 12. Juni findet zum Thema eine Diskussion im Haus der Berliner Festspiele statt). Wahl verteidigt die Reflexionsarbeit der Jury: Blackfacing in der „Johanna” ist keine Rekonstruktion. Mehrere Zuschauer wollen etwas sagen, der Moderator will die Diskussion abschneiden: Es wird doch thematisiert! Zuschauerin: Wo sind denn die Linien für die De-Konstruktion? Jury: „Der Chinese als Klischee der aufkommenden Bedrohung, der Cowboy als Kapitalist – alles ist klischierte Unterhaltungsebene.”

15.47: Noch einmal Blackfacing. Missmut im Publikum. Ist es nicht anmaßend, wenn eine ausschließlich weiße Jury entscheidet, was De- und was Re-Produktion rassistischer Zeichen ist? Kahle-Steinweh: „Dann finden Sie doch mal einen schwarzen Theaterkritiker im deutschsprachigen Raum!” Zuschauerin: Debatte müsste differenzierter verlaufen. Bei Baumgarten war der Zeichenkontext klar. „Nigger” ist bei Williams eine Zuschreibung, die man im Zusammenhang lesen muss. „Übertitelt werden musste nicht, es war ja für ein deutsches Publikum.” (Hoppla!) Tobi Müller regt Themenwechsel an.

15.54: Zuschauerin: Bitte das nächste Mal an das Publikum denken! Bei „Medea” habe sie nichts sehen können. Die Festspielleiterin lenkt ein: Kartenpreis wird bei Sichtbehinderung zurückerstattet! Nächste Frage von einer sehr ironisch gestimmten Zuschauerin: Welche Kriterien gab es für die Einladung von „Disabled Theater”? Boenisch antwortet; ich werde von Bühnenwatch-Handzetteln abgelenkt, die jetzt durchs Publikum gehen. Teilnehmerin des Internationalen Forums: „Gibt es nicht besonderere Theateraufführungen in Deutschland als die Einladungen fürs TT? Inszenierungen wie das „12-Spartenhaus” oder „Remote Berlin”? Antwort: Diese beiden Inszenierungen konnten nicht berücksichtigt werden, da sie aus dem Zeitraum fielen. Letztes Jahr war Vinges Vorgängerarbeit „John Gabriel Borkmann” eingeladen. Kahle-Steinweh: „Wir suchen nicht zwangsläufig nach Inszenierungen, die aus dem Rahmen fallen.”

16.02: Was müssen (junge) Theatermacher in Deutschland heute beachten, um finanziert zu werden? Müller: 50-70 Prozent der Anträge für Fördermittel sind formuliert im schlechten Stil einer Wochenzeitung. Man erfährt wenig über die eigentliche Kunst. Leiterin des Stückemarkts Christina Zintl: „Wenn das Kriterium Innovation statt ‘bemerkenswert’ gewesen wäre, wäre die Entscheidung dann anders ausgefallen?” Ja, natürlich. Moderator beklagt schwindende Konzentration (ich stimme zu). Zuschauer: Warum sind Frauen in der Auswahl so schlecht vertreten? Dürr: Geschlecht steht nicht im Zentrum des Interesses, Quote bringt uns nicht weiter. Teilnehmerin des Forums: Es geht gar nicht immer um Innovation, sondern um das, was man sagen will. Müller: Fordern Sie mehr Realismus ein? Forumsteilnehmer: Es geht nicht um Mittel versus Inhalt, sondern die Einigkeit der Jury, durch die außergewönliche Positionen rausfallen? Gibt es die Sehnsucht nach Konsens? Boenisch: Natürlich gibt es Diskussionen und Entscheidungen, die nicht von allen befürwortet wurden. Leibold: Der Wille ist da, nicht im Mittelmaß zu landen. Boenisch: Man kann sich doch über vieles streiten, manche finden bei „Krieg und Frieden” den letzten Teil schlimm, andere die ersten beiden …

16.13: Ende der Diskussion. Weitere Nachlese unter dem Twitter-Hashtag #Jury .

Tag 18

1.Ich treffe meine TT-Kolleginnen Anneke und Eva und habe Zeit, mit ihnen im Garten zu quatschen und einen Kaffee zu trinken.

2. Bei der Jury-Abschlussdiskussion wird über alle eingeladenen Inszenierungen debattiert und alle Kritiker des fünfzigsten Theatertreffens haben eine letzte Chance, sich zu äußern.

3. Ich schaue „Orpheus steigt herab“, die letzte Aufführung innerhalb des Theatertreffens.

Wunsch: Da heute unser letzter gemeinsamer Tag mit der TT-Blog-Redaktion ist, wünsche ich mir, dass wir Zeit haben, uns in Ruhe zu verabschieden, das Blog 2013 danach aber nicht sofort in Vergessenheit gerät. Es kommen auch morgen noch einige Texte, etwa das 50-Zeichen-Fazit von allen.

„Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die TT-Blog-Redaktion traf sich vor einigen Tagen mit Thomas Oberender in seinem Büro. Am Eröffnungsabend des diesjährigen Theatertreffens hatte der Intendant der Berliner Festspiele von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ und von „Institutionen im Wandel” gesprochen. TT-Bloggerin Henrike Terheyden fragte sich, was wohl damit gemeint sei. Wir veröffentlichen das Gespräch über „Institutionen neuen Typs”, Kulturnationalismus, die Berliner Netzkonferenz re:publica und Thomas Oberenders Pläne für die Berliner Festspiele und das Theatertreffen in voller Länge, als Blog können wir uns das leisten (wir haben nicht das Platzproblem einer Zeitung).

TT-Blog-Team Oberender
Am Besprechungstisch in der Intendanz der Berliner Festspiele (v.l.n.r.): Eefke Kleimann, Henrike Terheyden (verdeckt), Eva Biringer, Clemens Melzer, Thomas Oberender. Foto: Mai Vendelbo

Henrike Terheyden: Was ist die kulturpolitische Wende von vor vierzig Jahren, von der Sie in Ihrer Eröffnungsrede zum Theatertreffen sprachen?
Thomas Oberender: Alles begann, wenn wir vom Theater sprechen, und die früheren Avantgardebewegungen einmal ausklammern, Mitte der sechziger Jahre mit dem Umbau des kleinen Kinos Concordia in eine Spielstätte des Theaters Bremen – auf einmal gab es so etwas wie Bühnen, die keine Bühnen mehr waren, sondern Kinos, Fabrikhallen, Werkstatträume. In allen Feldern der Kunst entstanden Performances, Happenings und die Popkultur wurde zu einer Art Leitkultur der westlichen Moderne. Und die Politik vollzog diesen Wandel mit, sie öffnete sich der Förderung von alternativen Werk- und Erlebnisformen, bis hin zu neuen Mitbestimmungsmodellen. Aus dieser gesellschaftlichen und ästhetischen Bewegung heraus sind neue kulturpolitische Situationen entstanden, weil sich der Kunstbegriff nachhaltig demokratisiert hatte. Dass die sogenannte freie Szene Kultur produziert und nicht einem Hobby nachgeht, wurde strukturell in neuen Fördermodellen abgebildet. Theater im öffentlichen Raum oder in Fabrikhallen, die Vermischung von Diskurs, Kunst und Party auch an den traditionellen Häusern – das begann vor 40 Jahren. Mit Zadek.

HT: Meinen Sie mit Demokratisierung den gleichmäßigen Zugang von allen Bevölkerungsschichten zu Kultur?
TO: Das ist ein Merkmal von Populärkultur. Und zwar nicht nur materiell, weil sie nahezu jeder bezahlen kann, sondern auch ideell – Pop ist mehr oder weniger barrierefrei. Ich meine es aber auch in folgendem Sinne: Denken Sie an Jérôme Bels „Disabled Theater“, das behinderte Theater, also das sich selber behindernde Theater, hat einen ganz anderen Begriff vom Tänzer. Er ist nicht mehr Angehöriger einer Elite, die bestimmte Schulen besucht hat und Codes verinnerlicht, sondern Jérôme Bel arbeitet wie Beuys – er ist Konzeptkünstler, für den alles zum Material seiner Kunst werden kann. Gerade das, was wir gemeinhin als Nichtkunst betrachten. Zum Beispiel der Tanz von Behinderten. Wenn er das als Kunst zeigt, sprengt er die Definition dieser traditionellen Eliten, Institutionen und Hierarchien. Transparenz und Partizipation waren die Leitworte des letzten Kulturwandels. Es ging darum, Vorgänge durchsichtig und interaktiv zu gestalten. Das kommt aus der Wirtschaft und macht vor der Kunst keinen Halt.

HT: Greift die Demokratisierung auch auf die kulturpolitischen Strukturen über, wie haben sich diese verändert?
TO: Naja, da ist das treffendste Wort sicher das von der allumfassenden Entsicherung unserer Lebensverhältnisse. Transparenz ist ein anderes Wort für Kontrolle, möglichst in Echtzeit. Partizipation heißt irgendwie auch: Ich muss jetzt noch mehr tun. In diesem Sinne werden Institutionen umgebaut. Sie werden entsichert. Statt eines Vertrauensvorschusses, den man traditionellen Institutionen gewährt, werden sie zu Projektlabors, also flexibilisiert, und ab da muss jede Taxirechnung dreifach geprüft werden. Die Entwicklung geht weg von der kontinuierlichen Förderung fixer Strukturen zur Gewährung von Zuwendungen von Fall zu Fall. Ich kann dieses Wort „Zuwendung“ schon gar nicht mehr hören! Die will immer verdient und bedankt sein. Am Anfang meiner Rede zur Eröffnung des Theatertreffens stand nicht zufällig die lange Reihe der Danksagungen. Hinter jeder Danksagung stecken im Grunde ein Juryantrag und eine Juryentscheidung, die den Antrag genehmigt haben. Ich bin der Meinung, dass Politik noch nie so mächtig in den Bereich des Kunst- und Kulturschaffens hineingewirkt hat wie im Augenblick. Es scheint eine stille Übereinkunft der Haushälter zu sein, dass institutionelle Zuwendungen nicht mehr erhöht werden. Die Stadt- und Staatstheater können glücklich sein, wenn sie Tarifausgleiche erhalten. Seit 25 Jahren haben sich die künstlerischen Ensembles um ein Drittel verringert, der Ausstoß wurde aber verdoppelt: Inzwischen bemühen sich also auch die traditionell organisierten Häuser um zusätzliche Drittmittel und zwar genauso vehement wie jene Institutionen und freien Produzenten, deren Arbeit ganz und gar auf diesen Projektgeldern beruht. Continue reading „Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Blackface fail

Even after I heard that the production of Brecht’s Saint Joan of the Stockyards from Schauspielhaus Zurich not only used full body black facing but incorporated a “booty enhancer” as well, I went through with the decision to go watch it. I was determined to keep an open mind, because there should be freedom of art. Right?

Since the beginning of 2012, blackfacing on stage has sparked controversy in Berlin, spurring multiple protests, but I’d managed to steer clear of personally experiencing it myself. I was raised in post-Civil Rights Movement U.S.A., thankfully only saw the minstrel show tradition in books and wanted to keep it that way.

But when this piece was chosen as one of the 10 “most remarkable” productions in the German-language theater world, I had to suck it up, put my American political correctness aside and face it.

And it was disturbingly terrible: an exaggerated reproduction of a “black other” that more closely resembles 19th century caricatures and “darkies,” than any sort of 21st century, repressed by global capitalism, “African” that the character Mrs. Luckerniddle is now (there’s no reference to origins in Brecht’s text) allegedly supposed to represent. I felt sick to my stomach.

I mostly wanted to forget the experience as soon as possible, but I cannot help but feel outraged, especially since public funding was used to bring this piece to Berlin. (They also failed to mention the use of blackfacing in the jury’s decision AT ALL). So I wanted answers. Fast.

Thankfully my fellow Bloggerin had interviewed the director Sebastian Baumgarten. Justification?

Baumgarten: “I deliberately chose blackfacing, among others, as a technique for presentation, heightened presentation. That is a tool of art.”

Yes, blackfacing is a tool for presentation. And it’s been used to propagate negative stereotypes for centuries. To put this technique on stage and not create a venue within the work for the analysis and questioning of this historic usage deliberately ignores the explosive nature of this “tool of art”.

I still believe that art should be free. And that there might theoretically be a production in which even a technique as negatively-charged as blackfacing could be intelligently and powerfully addressed on stage. And that it could even be chosen as one of the 10 “most remarkable” that year. But this car wreck of clashing stereotypes (let’s not forget the squinty-eyed, noodle-slurping portrayal of Mulberry) certainly isn’t it.

The audience discussion after the second performance last night was just disappointing: the director was back in Zurich and the dramaturg was left to fend for herself. Yes, they were aware of the controversy, but they needed “images” to represent the globalisation of capitalism. Right.

The actress who portrayed the “African” was notably absent. Why?

“I think she’s still in the shower.”

TTtv: Bemerkenswert

Im Gespräch mit dem Theaterkritiker Christoph Leibold, Mitglied der Jury, die jedes Jahr für das Theatertreffen die zehn „bemerkenswerten Inszenierungen des deutschsprachigen Regietheaters auswählt.