Über Zielgruppentheater

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AA.
Das Theater
ist der Zustand,
der Ort,
die Stelle,
wo die menschliche Anatomie begriffen
und durch diese das Leben geheilt und registriert werden kann.

BB.
Ja?

Mir ist jetzt, wie nach einer langen Nacht mit Kokain

 

Friedrich Schillers Essay „Die Schaubühne als moralische Anstalt“ lieferte Vorlage für die einen – Kampfansage für die anderen. Bis in die 68er-Generation, verkörpert durch Peter Stein, Peter Zadek oder Claus Peymann galt die Prämisse, dem bis dato existierenden Bürgertum vorzuführen, dass es seinen gesellschaftskritischen Anspruch, den es so gerne konsumieren würde, längst über Bord geworfen hatte. Spätestens aber seit dem Theater von Samuel Beckett oder Antonin Artaud wird die Befremdlichkeit dieser Herangehensweise thematisiert, wird die zerrissene Decke der moralischen Integrität gelüftet. „Theater ist Krankheit“ bemerkt Artaud lakonisch. „Kunst ist Krankheit, aber keiner möchte sie entbehren“ subsumiert Dalí.
Das zeitgenössische Theater schließt dieses Bewusstsein mit ein, sucht immer neue Gründe Theater zu verändern, damit es sich selbst in seinen wichtigsten Punkten treu bleiben kann: Im Darstellen des Undarstellbaren, im Schaffen eines Ausnahmezustands, in dem Gesetze , Vorschriften, Konventionen, Einschränkungen außer Kraft gesetzt sind.

Ein paar Stunden Unsterblichkeit

Wenn Theater unsere Realität negiert und eine andere Wirklichkeit behauptet, blitzt auf, was so oft verloren geglaubt: Etwas anderes, eine verheißungsvolle Möglichkeit, die Verführung und Verlockung zu etwas Fremdem, Unbekanntem. Strukturen und Konstrukte hinter gesellschaftlicher Wirklichkeit offen legen – durch die Behauptung einer anderen Wirklichkeit, durch das Negieren unserer Realität. Nach Christoph Menke besteht die Kraft der Kunst nicht darin Erkenntnis, Politik oder Kritik zu sein, sondern die Kraft der Begeisterung, der Entrückung, auf den Künstler, Zuschauer und Kritiker zu übertragen.

Ich will theatralisches Heroin, LSD, China White. – Wladimir Sorokin

In diesem Sinne ist die Grenzüberschreitung des Ästhetischen eine, die uns das verlernen lässt, was wir als soziale Subjekte eingeübt haben. Und in diesem Sinne sollte ein Theater ein Theater sein, das herauszufinden versucht, wie man sich mit einem gesellschaftlichen Dispositiv auseinandersetzen kann und: wie man ein gesellschaftliches Dispositiv aus-ein-ander-setzt – gleich ob bürgerliches Erzähltheater oder Theater der Dekonstruktion:

Theater muss mannigfaltig sein.

Es reicht nicht, dem Publikum auf der Bühne zu präsentieren, was es augenscheinlich erwartet, was es kennt, was es vor der Haustüre abholt. Es braucht keine Formen von „Zielgruppen-Theater“, welches unter dem Deckmantel Marketing Identitätskonstruktionen in Form von Stereotypen auf der Theaterbühne wiederholt, damit es einen „angeht“. Schon Deleuze beschreibt den Wandel von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft durch Marketing als Konzept der sozialen Kontrolle. Alltäglich wird mir suggeriert, welcher Zielgruppe ich marketingtechnisch angehöre. Ich möchte aber nicht analysiert werden. Ich möchte nicht, dass etwas zugeschnitten wird auf eine Annahme von mir. Ich möchte es auch kennenlernen dürfen, das Verschlossene, das Verborgene, das Schwierige.

Wo ich keine Zielgruppe sein möchte, ist im Theater.

Denn genau jene Mannigfaltigkeit, die uns fehlt, die Pluralität, die unsere Gesellschaft braucht, um Phänomenen wie Pediga begegnen zu können, die sollten wir doch wenigstens im Theater denken. Wenn wir die Gewalt auf der Straße verachten, dann sollten wir die Gewalt des Theaters neu erfinden und nicht die Strategien der Gesellschaft, die wir kritisieren möchten, nachahmen. Theater hat seit jeher gezeigt, was es ist: ein Spiel. „Das Theater als moralische Anstalt ist absolut amoralisch und verfügt lediglich über eine einzige erzieherische Funktion: immer wieder neue Generationen von Theatersüchtigen heranzuziehen.“ (Wladimir Sorokin)

Wenn Theater eine Droge wäre, wie verändert man dann die chemische Substanz?

Auf dass wir im Theater die Gefühle finden, die wir sonst woanders suchen! Auf ein Theater, so mannigfaltig, so anders und fremd, dass es Zielgruppen nicht nötig hat. Auf ein Theater, das neue Formen und Begriffe erfindet, um das zu beschreiben, was sonst nicht einmal gedacht wird.
Denn: Nur wenn man das Konstrukt Realität zu denken aufhört, kann man die prinzipielle Konstruiertheit von gesellschaftlichen Zuschreibungen entlarven. Die treibenden Mechanismen, die uns weismachen sollen, es gäbe keine anderen Auswege, Lösungen, Optionen. Theater sei mannigfaltig, sei fremd, sei die Option! Abgerissene Knöpfe, zertretene Brillen, und ein Mädchen in der dritten Reihe, dem die Sinne schwinden – das ist der Lohn.

 

Anmerkung der Redaktion: Die dem Text vorangestellte Forderung stammt von Antonin Artaud. Er ist AA.

Das Theatertreffen – ein Ort der Debatte? Interview mit Thomas Oberender und Yvonne Büdenhölzer

Am Montag, den 12. Mai, begrüßte der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender das TT-Blog-Orchester mit Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, in seinem Büro. Es gab Schokolade, Kaffee und jede Menge Gesprächsstoff. Das Twitter-Experiment, die Plagiatsaffäre und die Platel-Intervention hatten für Trubel gesorgt, und neben diesen eher unerwarteten Vorfällen wurde auch noch einmal die Festivalstruktur an sich thematisiert.

Am Vorabend des Interviews hatte es eine Intervention nach Alain Platels „tauberbach“ gegeben. (Lesen Sie auch unseren Bericht, Alain Platels Stellungnahme und die Antwort der Aktivisten darauf.) Da Thomas Oberender in einer kleinen Vorrede zu unserem Gespräch hervorhob, dass das Theatertreffen ein „Ort der Debatte“ sei, hakte TT-Bloggerin Hannah Wiemer direkt nach.

Hannah Wiemer: Frau Büdenhölzer, Herr Oberender, was sagen Sie zur gestrigen Intervention und dem Publikumsgespräch?
Yvonne Büdenhölzer: Mir ist es wichtig in einem Festival wie dem Theatertreffen Raum für solche Debatten zuzulassen. 2012 war es der Protest der Ernst Busch-Studierenden, die wir am Eröffnungsabend auf die Bühne gelassen haben, um ein Statement formulieren zu können. Über das ganze Festival haben sie hier im Haus für ihre Schule gekämpft. Im vorigen Jahr war es die Blackfacing-Debatte, die wir nach dem Festival in einer Diskussionsrunde verhandelt haben. Und jetzt ist es dieser Meinungsaustausch.

Thomas Oberender: Leider kann ich zu dem Publikumsgespräch gestern Abend nicht viel sagen, da ich in einer anderen Veranstaltung war. Aus einer übergeordneten Sicht denke ich, dass wir in einer Kultur leben, die zunehmend ohne reflektierende Distanz auf Ereignisse reagiert und eine Tyrannei des Gefühls erzeugt. Im Sinne eines unmittelbaren Echos der Echtzeitreaktion und -medien. Die berühmte Nacht, die man noch mal drüber schläft, gibt es nicht mehr. Kaum ist der Vorhang der Bühne zu, lese ich in Twitter oder auf nachtkritik.de wie die Vorstellung war. Diese Tyrannei des Tempos und der Subjektivität verändert auch das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung – irgendwann, könnte ich mir vorstellen, leben wir nur noch in einer gigantischen Echtzeitwolke, aber wer weiß. So eine rabiate Reaktion wie bei der Publikumsdiskussion gestern, die von den moralischen Protestprofis aus dem Ballhaus Naunynstraße sehr undemokratisch gekidnappt worden ist, wirkt da geradezu altmodisch. Oder vielleicht auch nicht. Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Diskussionen schnell sehr viel Aggression, sehr viel Verletzungsbereitschaft und sehr viel Unduldsamkeit gegen jede Situation von Hegemonie mit im Raum ist. Plötzlich wird ein erfolgreicher Künstler wie Alain Platel, der seinerseits mit Künstlern, Stoffen und Sprachen derer arbeitet, die am Rand stehen, die behindert oder ausgegrenzt sind, von Extremisten angegriffen, die ihn als den Inbegriff des Establishments angreifen. Ich finde ein solches Publikumsgespräch aus diesen Gründen schon rein phänomenologisch interessant. Aber es liegt in der Art dieser gefühlstyrannischen Debatte, dass sie kaum noch Reflexionen leistet. Hier soll jemand, den man mit der „Macht“ identifiziert, ethisch kaltgestellt werden, wobei fast egal ist, ob die Fakten der Vorwürfe stimmen oder nicht. Dass in zwei Inszenierungen eines Stoffes Lumpen auf der Bühne liegen, bedeutet nichts. Die Inszenierungen selber sind fundamental verschieden in Haltung und Stil. Stoffe erfindet man nicht, sondern man findet sie. Und es können durchaus mehrere Leute einen Stoff finden, aufgreifen und aufführen. Der Rest ist Propaganda.

Nathalie Frank: Sie führen die Echtzeitreaktion auch auf die Folgen der Digitalisierung und des Internets zurück, wenn Sie zum Beispiel über nachtkritik.de sprechen. In der Eröffnungsrede zum Theatertreffen haben Sie aber vom Theater „als neuem Leitmedium eines neuen Zeitalters, an dessen Morgendämmerung wir stehen“, gesprochen. Wie ist das zu verstehen?
TO
: Meine These vom Theater als künftigem Leitmedium beruht sehr verkürzt auf folgender Annahme: Der Kapitalismus hat in seiner Geschichte unterschiedliche Dinge ausgebeutet. Zu allererst die natürlichen Ressourcen, Kohle, Öl, Gold, dann die körperliche Arbeitskraft bis hin zur Dienstleistung. Nach dem Geschäft mit der Hardware begann die Ausbeutung der Intelligenz, man ließ die „Software“ arbeiten. Es folgt die „Wetwear“ als Quell der Ausbeutung – das Feuchte, Körperliche ist das nächste große Ding, die Entzifferung der Gene. Und ich glaube, was jetzt kommt, ist die Realität selbst. Das Verwirtschaften der Wirklichkeit als Produkt ist das, woran momentan die komplette Intelligenz der Welt arbeitet. Genau das ist das Urthema des Theaters: Es stellt die Frage nach der Realität und hat auch eine sehr besondere Technologie entwickelt, wie man sie erzeugt, simuliert, steuert, beherrscht, ausbeutet, verwandelt -wie Sie wollen. Wie unwirklich Realität oder wie irreal Realität auf der Bühne ist, steckt in jeder Form von Theater. Sie wird immer unwirklicher je authentischer sie sein möchte. Das Verbergen einer Realität erzeugt eine Realität. Kultur im Allgemeinen lebt immer von einer Form ästhetischen Faltenwurfs. Man muss etwas über die Dinge legen, damit man eine autonome Form erhält. Und in dieser Form wird artikuliert, was man über diese Welt sagen kann. Es ist aber nicht die Sprache der Welt selbst. Und diese sehr vermittelte Form von Realität, die für die Welt steht und selbst eine Welt ist, das ist der Stoff der Kunst und speziell des Theaters. Ich glaube, dass, wenn wir in eine Welt hineinwachsen, in der unsere soziale und physische Realität zum Produkt, zur Ressource wird, zum nächsten großen Rohstoff, dann ist es das Theater, was da wieder sehr interessant wird. Künstler sind Antennen, die solche Prozesse als erste artikulieren. Noch bevor die NSA dieses Netz gebaut hat, haben Künstler darauf reagiert. In trivialer Form, in Science-Fiction oder in sonst etwas; in der Entwicklung anderer Produktionsformen, in anderer Art und Weise wie Kunst gemacht wird oder womit sich Kunst beschäftigt, was überhaupt Kunst ist. Und das ist auch in so einem Festival spürbar.

Nathalie Frank: Aber wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Theater das Leitmedium sein soll, aber nur fünf Prozent der Bevölkerung ins Theater geht? Das Theatertreffen selbst scheint nur Leute anzuziehen, die sich eh für das Theater interessieren.
TO:
Fünf Prozent sind ja schon viel. Bei den alten Griechen wurde man dafür bezahlt, dass man ins Theater geht. Aber seit das nicht mehr so ist, sind 5 Prozent historisch betrachtet nicht schlecht. Der Deutsche Bühnenverein behauptet, dass statistisch mehr Menschen ins Theater gehen als in Fußballstadien.

YB: Wir spüren, dass unser Publikum nicht voller Theaterdebütanten ist, sondern dass es sich auskennt. Ich empfinde das als ein Privileg. Das Publikum hier weiß meist genau, was es wählt, und was es bedeutet, wenn „Wiener Burgtheater“ auf der Karte steht. Hier verirrt sich kaum jemand hin, der sagt: „Ich will heute mal ins Theater gehen, also gehe ich doch zum Theatertreffen.“ Wir haben ein Stammpublikum, das immer wieder kommt. Unsere Zuschauer haben viel gesehen, das ist großartig und für ein derartiges Festivals auch unheimlich wertvoll.

David Winterberg: Aber ist das nicht genau das Problem? Wäre eine Durchmischung des Publikums nicht interessanter und sind die Schritte, die das Theatertreffen in Richtung Internet geht, nicht sogar zentral dafür?
YB:
Das ist wirklich ein Thema, das uns interessiert. Zum Beispiel haben wir als Berliner Festspiele mit der Bundeszentrale für politische Bildung die „Netzkultur“-Konferenz veranstaltet. Unser diesjähriges Live-Twitter-Experiment bei Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ wurde allerdings im Allgemeinen als gescheitert und langweilig empfunden. Es fehlte in der Meinung vieler der Mehrwert. Trotzdem finden wir es unglaublich wichtig Experimente einzugehen und das Theater dahingehend weiter zu öffnen.

Bianca Praetorius: Ich glaube, die Frage lautet, auf welchen Ebenen es langweilig war. Beim Nachlesen kann ich die Kritik des fehlenden Mehrwerts verstehen, denn es wird keine Literatur verfasst. Aber als Twitterer erlebe ich einen völlig anderen Theaterabend. Ich werde nie ganz von Bühnengeschehen eingesaugt, da ich die ganze Zeit das Geschehen dokumentiere oder kommentiere. Gleichzeitig habe ich einen sehr intensiven Abend gehabt, weil ich das Gefühl hatte, ich habe diesen Abend mit diesen 15 Leuten erlebt. Ich konnte ihre Gedanken und Impulse die ganze Vorstellung über mitlesen. Die individuelle Seherfahrung wird zu einer kollektiven. Außerdem baut die virtuelle Unterhaltung während der Aufführung Hemmschwellen ab. Es fällt mir leichter, im Moment der Irritation nachzufragen, was auf der Bühne gerade passiert, als später im Foyer zuzugeben, dass ich etwas nicht verstanden habe.

TO: Hier möchte ich mal kurz intervenieren: Wäre es dann nicht klüger, den Mund zu halten? Und sich das Geschehen auf der Bühne lieber noch wenig länger anzuhören, vielleicht verstehe ich dann die Sache besser. Das meinte ich vorhin mit dieser Tyrannei der Echtzeit. Ich will das Twittern dieses Jahr während des Theatertreffens lernen und ausprobieren. Aber ich habe zugleich Angst, dass mich das auffrisst und mich ständig in Parallelgespräche verwickelt. Ihnen hilft das ja scheinbar. Ich bin mir da für meine Natur etwas unsicher. In so einer Situation, also während einer Theateraufführung. Bei anderen Sachen: Ai Wei Wei ist vor meinen Augen in ein Taxi gezerrt worden! Aber ist es im Theater nicht klüger, den Mund zu halten und die Vorgänge genau zu beobachten, anstatt zu twittern?

BP: Da würde ich widersprechen. Aber es gibt heute ja noch ein anderes brisantes Thema: Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen die Jurorin Daniele Muscionico in der Plagiatsaffäre?
TO: Wie man so sagt: Was ich dazu zu sagen habe, steht auf der Website.

Wir gaben uns damit zufrieden, nicht ahnend, dass kurze Zeit später der zweite Plagiatsfall öffentlich gemacht werden würde.
Nach einem Austausch, wie man die Petition von Jörg Albrecht besonders unterstützen könnte (sehen Sie hier unseren Beitrag, Jörg Albrecht ist inzwischen auf freien Fuß), verließen wir das Büro.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Über Theater. So insgesamt. Eine U-Bahnfahrt mit Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

Felix Ewers führte ein Interview mit Daniel Wetzel von Rimini Protokoll und dem aus Peking stammenden Regisseur Chong Wang.
Das Audiofile ist der Mitschnitt des Gesprächs, während einer U-Bahnfahrt vom Bahnhof Pankstraße zur Haltestelle Mehringdamm, im direkten Anschluss an den Workshop von Rimini Protokoll, der für das Internationale Forum stattfand. Das Gespräch ist in englischer Sprache.

Inhaltsverzeichnis:
0:30 Wie entstand das Interesse, die Regeln eines klassischen Theaterbegriffs zu brechen?
3:00 Kurze Vorstellung von Chong Wang.
4:00 Bahnfahrt geht los. Zur Konstellation von Rimini Protokoll.
5:00 „Remote Berlin” als Ausgangspunkt für „Situation Rooms”?
8:00 Über Experten.
8:45 Was inspiriert ?
11:25 Chong Wang steigt am Alexanderplatz aus.
13:35 Beobachtung.
13:55 Über Freie Szene und Stadttheater.
16:30 Deutschland als geschützter Ort für Theater.
18:45 Werden Projekte wie Rimini Protokoll genügend unterstüzt?
19:30 Über das Theartertreffen, über den Begriff „bemerkenswert“.
21:10 Eine Vision für das Theatertreffen?
22:20 Umsteigen in die U7 am Hermannplatz
22:40 Anregungen. Das Internationale Forum.
25:40 Erfahrungen
27:25 Regisseur oder Künstler?
28:45 What´s next?
29:35 Über den Arbeitsprozess.
31:00 Goodbye

Sehen Sie auch unseren Beitrag zur Trophäenverleihung und Diskussion mit Rimini Protokoll, sowie die Camp-Videos #6 und #7 über die Workshops mit den Künstlern.

 

„Ohne Titel Nr. 1 ” // Visuelle Auseinandersetzung

OhneTitelNr1

Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de

„Ohne Titel Nr. 1“ von Herbert Fritsch
Regie: Herbert Fritsch
Premiere: 22. Januar 2014, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Handlung: Befreiung von allem, auf einem Planeten, den wohl auch schon Captain Kirk zum Besäufniss gern besucht hat.
Regisseure mit Brettern vorm Kopf: Einer
Rekordverdächtig: Anzahl der Schulklassen im Theater.

Eine fortlaufende Serie.
Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”
Teil 3 zu „Fegefeuer in Ingolstadt”
Teil 4 zu „Tauberbach”
Teil 5 zu „Reise ans Ende der Nacht”

„Reise ans Ende der Nacht” // Visuelle Auseinandersetzung

ReiseDurchDieNacht

Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
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Eine fortlaufende Serie.
Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”
Teil 3 zu „Fegefeuer in Ingolstadt”
Teil 4 zu „Tauberbach”

Lesen Sie auch unsere Kollektivkritik zu Frank Castorfs Reise ans Ender der Nacht” und sehen Sie Dorothy Siegls Skizzenbuch, das sie live in der Aufführung erstellt hat.

„Tauberbach” // Visuelle Auseinandersetzung

Tauberbach

Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
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Eine fortlaufende Serie.
Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”
Teil 3 zu „Fegefeuer in Ingolstadt”

Sehen Sie zu Alain Platels „tauberbach” auch unsere Zigarettenkritik und den Debattentext von Hannah Wiemer über die Intervention vom Ballhaus Naunynstraße am zweiten Aufführungsabend.

Wann hört ihr endlich auf mich zu langweilen und euch zu beweinen?

Das Theatertreffen zeichnet nun seit 51 Jahren die bemerkenswerten Stücke einer Saison aus. Wohl gemerkt die bemerkenswertesten Stücke, nicht die besten. Man will sich ja nicht angreifbar machen. Aber was ist denn bemerkenswert? Da sich das bisher nicht mit meiner Vorstellung deckt, hier der Versuch einer subjektiven Klärung.

Zum einen steckt in dem Wortkonstrukt der Wert. Der Wert kann zum einen ein monetärer Wert sein, aber im Theater? Das Theater ist ein Ort unserer Kulturlandschaft, der keinen Cent Gewinn macht. In Berlin wird eine Theaterkarte mit circa hundert Euro bezuschusst (Stand 2011), und das ist auch gut so. Es kann also nicht darum gehen, welche Inszenierung das meiste Geld einspielt. Zum Glück gibt es ja dann noch den ideellen Wert. Diesen sollten wir uns mal ansehen. Laut Wikipedia ist „Der Ideelle Wert […] eine subjektive (das heißt auf die Wertvorstellung der einzelnen Person bezogene) Wertform, die aufgrund einer emotionalen Bindung zur Sache unter Umständen einen höheren Wert darstellt, als dies finanziell gemessen tatsächlich der Fall ist.“ Dieser Wert ist wohl eher geeignet, um ihn hier als Grundlage zu nutzen. Also geht es wohl eher um persöhnliche Wertvorstellungen und aus der eigenen Perspektive geschaffene Normen, oder?

Jedoch ist das nur einer der beiden Teile, die hier zu unserer Auszeichnung führen. Der zweite Teil ist das Bemerken. Etwas zu bemerken, fordert Aufmerksamkeit. Der Gegenstand, der wahrgenommen wird, bekommt eine gewisse Wichtigkeit zugesprochen und wird also bemerkt.

Bringt man jetzt beide Begriffe zusammen, müssen die Inszenierungen, die hier geadelt werden, zum einen aus der jährlichen Masse von über 3000 Premieren im deutschsprachigen Raum herausstechen und überhaupt bemerkt werden. Im zweiten Schritt müssen sie einen hohen subjektiven Wert haben. Hier ist das Theatertreffen also für immer unangreifbar?

Die Berliner Festspiele bzw. die Leitung des Theatertreffens bestellen die Jury. Dieser, zur Zeit aus 7 Personen bestehende Kreis nominiert nach seinen Wertvorstellungen die zehn bemerkenswertesten Stücke aus 3000, und von diesen 3000 werden wiederum auch nur circa 400 Stücke angeschaut. Warum kommen dann diese 10 Inszinierungen aus nur fünf großen Häuser? (Wurde auch in der Diskussion zum Stadttheater thematisiert) In der Woche, die ich jetzt hinter die Kulissen des Theatertreffens geschaut habe, hörte ich über diese Werte auf den Fluren des Hauses der Berliner Festspiele das Folgende: Man will keiner Produktion zumuten, vor dem Berliner Publikum durchzufallen, ja, sie im Vergleich untereinander, schlecht aussehenlassen, weil die eine Produktion sich keine so tolle Ausstattung leisten konnte wie eine andere. Aber ginge es nicht auch anders herum? Ist bei einer guten Idee nicht die Opulenz der Mittel egal? Wenn nun neun erfinderische, kluge und innovative Inszenierungen eingeladen wären, welche aus egal welcher Produktionsstätte, frei oder städtisch, stammen, die vielleicht mal den Bühnenraum verlassen, Inszenierungen also, die nicht von da oben für uns hier unten gemacht werden – würde dann nicht die eine große Produktion plötzlich ganz klein und verstaubt wirken? Wer hat uns eigentlich im Vorfeld gefragt, was wir als Berliner Publikum bestehen lassen? Mich hat keiner gefragt. Jetzt sitze ich hier und bin gelangweilt von dem, was andere als bemerkenswert betrachten. Bemerkt sei dazu noch, dass Robert Borgmanns Stuttgarter Inszenierung von „Onkel Wanja“, gemessen an den Buh-Rufen und der Zuschauerflucht zur Pause, wohl nicht bestanden hat. Ist aber bemerkenswert.

Ich würde gerne einen ähnlichen Begriff wie bemerkenswert hinzunehmen: merkwürdig.

Wenn ich diesen Begriff wieder in seine Bestandteil zerlege, kommen wir zum einen erneut auf das Merken. Hier ist jetzt der Prozess des Bemerkens abgeschlossen, und wir speichern das Auffällige ab. Hinzu kommt jetzt die Würde. Der Duden spricht hier davon, dass etwas Würde ausstrahlt. Also ist ein Wert, der sogar eine ehrenvolle Strahlkraft besitzt. Kommen die beiden Wort jetzt zusammen zum Merkwürdigen, erhalten sie einen negativen Anstrich. Als Beispiele nennt hier der Duden: „Merkwürdige Gestalten treiben sich dort herum“ oder „sein Verhalten ist merkwürdig“. Das heißt: Der ist nicht  wie wir sind, den möchte ich jetzt gerne mal treffen oder der verhält sich ja wie alle. Und genau das würde mich doch jetzt mal brennend interessieren! Was im deutschsprachigen Raum Produzierte verhält sich denn merkwürdig! Wer sind denn hier die merkwürdigen Gestalten? Klar ist es heute nicht mehr so einfach, etwas Neues zu entwickeln. Alles wurde schon gemacht und gedacht und, ach, uns geht es ja so schlecht, die Lage ist sogar alternativlos!

Nehmen wir ein Beispiel, einen Sturm. Durch das Verschieben von kalten und warmen Luftmassen entsteht Reibung. Dies erzeugt Winde, die immer stärker werden bis sie zu einem Sturm oder gar einem Hurrikan herangewachsen sind. Diese Winde kommen dann über das von uns bewohnte Gebiet und hinterlassen tiefe Spuren. Sie zwingen uns, uns den neuen Gegebenheiten anzupassen. Jedoch entstehen diese Stürme meist auf dem offenen Meer und nicht in der Mitte der zivilisierten Umgebung.

Was ich damit sagen möchte, ist nichts Neues, jedoch etwas das in der Bildenden Kunst vielleicht schon eher angekommen ist, während es im Theater seit Jahren nur diskutiert wird. Auch auf den Fluren und sogar in den Diskussionen zum Theatertreffen habe ich die Erkenntnis schon gehört:

Das Neue entsteht am Rande der Gesellschaft.
(Schorsch Kamerun 08.05.2014 zur Camp Eröffnung)

Aber irgendwie juckt das in den heiligen Hallen der darstellenden Kunst keinen. Das bisher Gesehene war Guckkastentheater par Exzellenz! Es wäre den Stücken doch vollkommen egal gewesen, ob ich da bin oder nicht! Aber so geht die Wahrnehmung doch nicht mehr. Die Bühne ächzt vor alten Texten, die künstlich in neue Räume gesteckt werden und einen Hippster-Pulli angezogen bekommen, wie sie Gervasius und Protasisu in Susanne Kennedys Münchner Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt“ tragen. Aber was ist der neue Text, der so entstehen soll? Die Radikalität der Interaktion besteht im Federballspielen von Elena mit EINEM Zuschauer, als kleine Lachnummer am Anfang von „Onkel Wanja“, sonst nichts! Sonst werde ich mit meiner Langeweile allein gelassen. Das einzige Stück, das interagiert, „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll, kann aus strukturellen Problemen des Theatertreffens nicht gezeigt werden. Aus terminlichen Gründen, wie mir Daniel Wetzel von Rimini Protokoll, denn der der Planungszeitraum, also die kurze Frist zwischen Einladung und dem Theatertreffen, ist mit modernen Tourplänen nur schwer vereinbar. So werden Produktionen dieser Art auch weiterhin meist fernbleiben müssen.

Ich will angesprochen werden! In meiner Wirklichkeit möchte ich abgeholt werden. Das Ttheatertreffen aber bewegt sich zu langsam und zuckt zu spät. Wir stehen am Rande der Aufgabe unserer Grundrechte. Wer zum Beispiel an einer Sitzblockade gegen Nazis teilnimmt, ist ein linker Terrorist; wer für die Netzneutralität einsteht, hat etwas zu verbergen und Onkel Wanja hat nix Besseres zu tun, als sich selbst zu bemitleiden? Es ist Zeit aufzuwachen.

Hallo Theatertreffen, hallo Theater, ich bin kein Teil eurer Welt, und ich bin desillusioniert von dem, was ihr mir auf dem Theatertreffen vorlebt. Ich will inspiriert sein von dem, was ihr zu sagen habt, und es gibt ja Regisseure und Produktionen, die mir etwas zu sagen haben. Das was ich hier sehe ist jedoch so verstaubt und hat mit der Realität, in der ich mich bewege, wenig zu tun. Wenn das Theater nicht mehr inspirieren kann – es gibt genügend Orte, die gleichzeitig und zeitgemäß um meine Aufmerksamkeit buhlen. Dann gehe ich halt dahin. Und vermutlich interessiert es euch überhaupt nicht, dann seit ihr unter euch und werdet nicht mehr so missverstanden.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Ada Blitzkrieg – Ein Interview über Theater und Wurstspezialitäten

Ada Blitzkrieg geht nicht ins Theater, denn sie ist ihre eigene Institution.
22.000 Menschen wollen täglich via Twitter an ihrem Leben und ihren Gedanken teilhaben. (Zur Orientierung, das sind soviele Follower wie die Follower der Twitteraccounts von Residenztheater, Münchner Kammerspiele, Schaubühne, Thalia Theater und der Bayerischen Staatsoper zusammen, wenn man ausschließen würde, dass es nicht eh überall die gleichen sind). Dazu kommen 5.000 bei Instagram und ein paar tausend zerquetschte auf Facebook. Sie trägt das Haar in mädchenhaften Zöpfen und hat kleine, zierliche Hände, mit denen sie ihre geistige Munition in die Tasten haut: Ada Blitzkrieg bloggt, hat zwei Bücher veröffentlicht und lebt mit Freund und Katze im Internet. Völlig aufgekratzt, ist sie den ganzen Tag damit beschäftigt, Kultur und Wahnsinn über das Internet zu konsumieren und erscheint selbst im Netz unumgänglich. Sie hat nahezu olfaktorisch ihr Revier markiert, und jeder, der ihr über den Weg läuft, will sie buchen, treffen, fotografieren und an ihr riechen.
Gehen Sie zum Beispiel einmal in die Redaktion des Grimme-Preis gekrönten Fernsehformats Circus HalliGalli und Sie werden feststellen, dass es dort niemanden gibt, der Name ihren Namen nicht kennt.

Aber keine Angst, liebe Theatergemeinde, wenn Sie nun panisch zusammenzucken, weil sie wieder etwas verschlafen haben, das macht nichts, denn sie hat von Ihnen genauso wenig gehört. Und das ist schade und ein großer Verlust für beide Seiten, denn noch vor zwanzig Jahren hätte man Ada vermutlich ständig in der Theaterkantine angetroffen. Denn dort hätte sie aufgrund ihrer Vorliebe für Sprache, Exzentrik, Geschichten, durchgeknallte Menschen, verrauchte Räumen und Wurstspezialitäten landen können. Doch Ada findet das Theater verstaubt. Wie kommt dieses Bild zustande? Warum kann sie sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal im Theater war? Und was hat sie, was die Theater nicht haben?

Was hat Ada Blitzkrieg, was die Theater nicht haben?

Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, habe ich mich mit ihr – natürlich aus rein journalistischem Interesse – auf eine Aufbackbrezel in ihrer Küche getroffen. Vorneweg sei gesagt: ein Treffen mit Frau Blitzkrieg zu arrangieren, ist in etwa so kompliziert wie eines mit Edward Snowden. Nur meiner Hartnäckigkeit und meinem Astralkörper ist es letztlich zu verdanken, dass ich plötzlich doch in ihrer Wohnung stand. Bevor ich ihr die erste Frage stellen konte, musste sie aber erst noch kurz das zweite Päckchen Schuhe an diesem Tag – und das siebte Paar in dieser Woche – vom Briefträger entgegennehmen. Eigentlich braucht sie keine Schuhe, sagt sie. Eigentlich benötigt sie gar keinen Besitz in ihrem Leben. Sie lacht hysterisch und sagt: „Wirklisch!” Als ich gerade versuche auf das Thema Theater zu sprechen zu kommen, hält sie mir den frisch erworbenen Second-Hand-Turnschuh unter die Nase und sagt: „Riech mal!”. Ich will nicht, streube mich, tue es dem Journalismus und der Theaterwelt zuliebe dann aber doch. „Wonach riecht es?”, will sie wissen. „Keine Ahnung”, sage ich.
Wonach riecht es denn für dich?

Ada Blitzkrieg: Ich rieche genau das Mädchen, das diese Schuhe vor mir getragen hat. Kennst Du solche Menschen, die einfach duften? Dieses Mädchen roch nach gepflegter Neubauwohnung mit Klicklaminat. Man entnimmt dem Fußbett dieser modischen Basketballschuhe olfaktorisch, dass die vorherige Besitzerin zwar unverkennbar ein Mensch sein muss, denn eine leichte Note süßlich-käsiger Fußgeruch wohnt ihm schüchtern inne. Dieser wurde allerdings durch den blütenfeinen Duft von Feinwaschmitteln und weichgespülten Sneakersöckchen mit Feinstickrand überdeckt. Ich kann weder Zigarettenrauch, noch den üblichen Geruch von Partybodenresten im Sohlenprofil riechen. Dieses Mädchen führt ein vorbildliches Leben. Es ist 25 oder 37, konsumiert gerne Vorabendserien und schreckt nicht davor zurück, ihre Schuhe zu einem fairen Preis bei „Kleiderkreisel” zu verkaufen, damit gierige Abgreifertypen wie ich ihre Naivität ausnutzen, lachend das Schnäppchen kaufen, um dann auch noch am Fußbett rumzuschnüffeln. Bestimmt heißt sie Lisa. Die blonde Lisa aus Baden-Württemberg.

Die Absenderadresse gibt aber deutlich an, dass die Verkäuferin weder Lisa heißt, noch aus Baden-Württemberg kommt. Aber das ist Ada Blitzkrieg egal. Sie erfreut sich an ihrer Vorstellungskraft. Ich frage sie, warum ihr so viele Menschen im Internet folgen. Sie sagt:

AB: Weil ich eine Person bin. Und eine fremde Person ist direkt vergleichbar mit der eigenen. Die Leistungsgesellschaft hat uns das Bedürfnis nach Vergleich ansozialisiert. Die Motivation mir zu folgen, differenziert sich an dieser Stelle in Gönner und Gegner. Einerseits folgen mir viele Menschen, die es als herrlich befreiend empfinden, wie schonungslos und offen ich mit meinem Versagen, meinen Ängsten, meinen Stärken, Prahlereien und meiner Scheide umgehe, andererseits folgen mir Menschen, die mich fürchten und ihre Angst vor meinem Erfolg, der nicht den ihnen bekannten Mechanismen der Leistungsgesellschaft unterliegt, in der Ablehnung meiner Person personalisiert haben. Machen wir uns nichts vor: ich bin faul, ich laufe viele Umwege und ich kenne mein Ziel nicht. Dies entspricht nicht dem allgemeinen Kodex von Leistung. Mein Erfolg, der sich dennoch einstellt, greift diesen Kodex an. Diese Gruppe Menschen folgt mir, um informiert zu sein, um mich klein zu machen und einen Kampf zu führen, von dem sie weder wissen, dass sie partizipieren, noch, dass sie ihn verlieren werden. Der anderen Gruppe von Followern spreche ich eher aus der „Seele”. Ich zerstreue ihre Ängste durch meine Person.

Was ist Theater?

Wir kommen nun endlich auf Theater zu sprechen. Ich erzähle Ada von ein paar Highlights der letzten tausend Jahre und was die Menschen dort so gemacht haben. Von ein paar großen Inszenierungen, von dem Wahnsinn und dem, was gegenwärtig so passiert. Ihre Augen beginnen ein bisschen zu leuchten und man merkt, dass sie neugierig wird. Interessante Ideen und Sichtweisen haben sie schon immer angefixt. Dennoch spüre ich die Skepsis. Und frage sie, was sie mir noch gestern auf die Frage „Was ist Theater?” geantwortet hätte. Ihre Antwort ist kurz und deutlich.

 AB: Theater ist eine Bühne; auf der von extrovertierten Lautmenschen, die auf mich wie zerhackte Kandinsky Bilder wirken, eine Sprache geschrien wird, die ich nicht verstehe.

Theater als Ort des Ausschlusses

Ich lasse nicht locker, da ich weiß, dass sie eine Vorliebe für Filme von Ulrich Seidl hat und zeige ihr daher einen kurzen Ausschnitt von „Fegefeuer in Ingolstadt. Was denkst du darüber?

AB: Schau, ich bin ein optischer Typ. Mein Blick fällt als erstes auf den Namen der Autorin, „Marieluise Fleißer”. War ja klar! Das ist ein Name, in dem schon in sich selbst sehr viel Mühe erkennbar ist. Der Code für eine bestimmte soziale Schicht. Ein Zeuge von bemühten Eltern, die ihrem Kind etwas „ermöglichen wollten”. Bildung. Theater. Ein klassischer Name in einer zeitlosen Kombination. Ich bin mir fast sicher, Marieluise hatte keinen Ali oder keine Peggy im Freundeskreis. Das Theater bleibt unter sich. Gehobene Schicht. Exklusiv und mit einem Anspruch an Bildung, Mehrwert, Erziehung, Berührung, Reflexion. Ein Vergnügen für eine privilegierte Schicht. Mühe. Kraft. Energie. Ich habe direkt das Gefühl, fremd zu sein. Nicht nur, dass mir die Sprache nicht zugänglich ist, trotz bester Bildung durch eine Klosterschule, nein, mir sind auch die Inhalte fremd. Das Publikum, die Beteiligten, die Art wie Emotionen dargestellt werden. Alle gehoben gebildet, alles Lehrerkinder oder Kinder von Theatermenschen. Meine Lebenswelt ist eine andere, gerade im Internet, wo ich mit den wüstesten Menschen konfrontiert werde. Hier bewegen sich alle. Die Barrieren der Teilhabe sind zwar auch vorhanden, aber leichter zu überwinden. Mutti und der nette Kebapverkäufer haben auch ein Facebook- oder Twitterprofil, aber ins Theater gehen sie nicht.  So wie ich es auch nicht tue, weil ich mich gerne in einer Realität bewege, deren Code ich dechiffrieren kann.
Ich sehe in diesem Ausschnitt von „Fegefeuer in Ingolstadt” eine große Anstrengung. Die Worte. Die Mimik. Ich weiß, man verlangt mir etwas ab. Ich bin in meinem Konsum nicht dazu bereit, eine Gegenleistung zu bringen. Das Bühnenbild, die Szenen und das Kostüm fesseln mich dennoch. Ich könnte den ganzen Tag die einzelnen Bilder hintereinander angucken. Verwachsene Frau mit bonbonfarbenem Blazer auf hartem Boden in einer Krankenhauslichtsituation. Das kriegt mich. Aber die ersten Worte verlieren mich wieder.

Theater als geistige Heimat

Und ich frage mich, wo und wann genau hat der Theaterbetrieb Ada Blitzkrieg verloren? Anscheinend hat ihr keiner gesagt, dass Marieluise Fleißer längst tot ist und zu einer Zeit lebte, in der Kebap noch nicht erfunden war. Es hat ihr keiner gesagt, dass es in „Fegefeuer in Ingolstadt” um ein streng katholisch erzogenen Schüler geht – und woher soll man das ohne einen einschlägigen Studiengang auch wissen?! Wir Theatermenschen werfen bedeutungsschwanger mit Begriffen und Namen um uns, die Ada nicht dechiffrieren kann und haben dadurch schon immer Menschen ausgeschlossen. Doch jetzt haben wir die Möglichkeiten, diese Dinge zu vermitteln. Das Internet wäre ein so schöner Weg um Ada den Mund wässrig zu machen, sie ein bisschen an die Hand zu nehmen, damit sie merkt, dass das Theater – neben geographischer Heimat in der Mitte einer Stadt  – auch eine geistige Heimat in der Mitte der Gesellschaft ist, sein, werden kann.

Ich habe ihr versprochen, dass ich ein Blog für sie anlegen werde, um interessante Theaterdinge zu sammeln  – und sei es nur manchmal ein wirklich gelungener Trailer, ein guter Hörbeitrag, Diskussionen, etwas, das von diesem ganzen wunderbaren Wahnsinn berichtet, den ich so sehr liebe. Ich will ihr virtuell mit der gleichen Begeisterung erzählen, wie ich das hier in ihrer Küche tue und nicht nur von einem einzigem Theater in einer Stadt, sondern Häuser und Szenen übergreifend. Vielleicht verlässt sie dann eines Tages ihr Versteck am Moskauer Flughafen, um auch das reale Theater kennenzulernen.

Manuel Braun sprach bei der Eröffnung des Theatertreffen-Camps über Ada Blitzkrieg und seine Erkenntnisse aus diesem Gespräch. Einen Liveblog mit seinen Aussagen finden Sie hier.
Die viel zitierte Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt” wurde im Rahmen des Theatertreffens gezeigt. Sehen sie hierzu auch Jannis Klasings Kritik und Felix Ewers grafische Auseinandersetzung mit der Aufführung. 

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Liveblog – Camp-Eröffnung und Diskussion zum Stadttheater

Heute wird das „Camp”  des 51. Theatertreffens offiziell eröffnet. Im „Camp”-Stundenplan bündeln sich die diskursiven Veranstaltungen des Festivals: sowohl Diskussionen und Workshops als auch Perfomances und Yogastunden. „Camp” ist aber nicht nur der Titel für das abwechslungsreiche Programm, sondern bezeichnet auch den Ort in der Kassenhalle, an dem die Veranstaltungen stattfinden.
Obwohl wir unsere Zelte ja im Internet aufgeschlagen haben, werden wir das eine oder andere Mal im Ferienlager der Theatermacher vorbeischauen. Unsere Videoreihe CAMP#, in der Videokünstlerin Hannah Dörr bisher vor allem das Internationale Forum vorgestellt hat, wird in Zukunft auch die öffentlichen Debatten im „Camp” begleiten

Heute berichten wir sogar ab 14.30 Uhr live von der Eröffnung. TT-Blogger Manuel Braun wird dort neben Schorsch Kamerun und Julia Lochte über das Theatertreffen-Blog und das Verhältnis von Theater und Internet sprechen.
Ab 16.00 Uhr ein Liveblog zur Diskussion „Focus Jury – Im Mittelfeld? Die ästhetische und soziale Bedeutung des Stadttheaters“. 

Es bloggen live: Hannah Wiemer und David Winterberg.

17.15: Die Stipendiaten des Internationalen Forums wollen offene Gesprächsformen. Keine Bühne mit Licht und Podium.”Ihr seht aus wie Angeklagte!”. Die Podiumssprecher verlassen ihre Stühle und setzen sich an den Podiumsrand. Miteinander sprechen anstatt Bühne vs Publikum.

17.09: Publikum: “Die Rettung des Theaters auf Kosten der Schauspieler. The body strikes back.”

17.06: Latchinian plant 57 Premieren in der kommenden Spielzeit.

17.02 Geld. Rostock. Das Etat soll um 3,8 Millionen gesenkt werden. Latchinian: “Wir spielen ums Überleben. Aber anstatt Abstriche zu machen wird geklotzt. Das Image des Hauses muss verbessert werden um wieder Publikum anzuziehen. Nicht kleinmütig werden, sondern großmütig bleiben. Man muss Methoden erfinden mit weniger Geld nicht geschlossen zu werden.”

16.59: Stöß: Wir haben Godot vor 12 Leuten gespielt. Aber wir haben gespielt.

16.54: Von schrumpfenden Etats wird immer mehr erwartet.

16.51: Die meisten stimmen für Kunsterfahrung.

16.50: Publikumsfrage: Welche Aufgabe muss ein Theater erfüllen? Die Dramenliteratur lebendig zu halten? Kunsterfahrung bieten? Bildungsarbeit leisten? Sozialarbeit in der Stadt leisten?

16.44: Stöß: Ja.

16.44: Sind die Theaterprogramme in der Provinz weichgespülter?

16.40: Sterr: Regionale Themen sind wichtiger als überregionale Aufmerksamkeit. “Was ist wichtig? Was beseelt einen?”

16.36: Latchinian: Das Theatertreffen ist kein Ziel.

16.34: Latchinian: “Ganz klar für das Publikum. Jedes Publikum das eine Art Liebe spürt ist für alle Experimente offen.”

16.34: Frage an Latchinian: Für wen wird Theater gemacht? Für das Publikum? Für die Theaterkritik? Für die Kunst?

16.28: Die Erfolgreichen Provinztheater begreifen sich als Ort in dem Kultur und Diskussion stattfinden kann “Die Kulturpolitiker müssen begreifen, dass Provinztheater längst andere Aufgaben haben als „nur“ Theater zu sein. Sie sind Ort des Austauschs und damit unentbehrlich.”

16.25: Zweiteilung des Theaters: Das Mittelfeldtheater und die großen Kunsttempel, die Luxusspielräume der Großstädte.

16.24: Theater im Mittelfeld laufen Gefahr belanglos zu werden.

16.24: Theater müssen ihren Fortbestand durch Auslastung legitimieren. Das führt in der Breite zu Spielplänen mit einer großen Anzahl an Comedy, Liederabenden, Musicals. Das mag Besucher anziehen, aber weder die TT-Jury noch die überregionale Kritik. Keine erfreuliche, aber wirtschaftlich leider verständliche Entwicklung.

16.20: Geographischer Wandel in der Provinz seit der Jahrtausendwende: Die Jugend wandert ab, Bevölkerung wird weniger, die Kommunen werden klammer, die finanziellen Engpässe haben zugenommen. Schließungen werden angedroht, Sparten geschlossen.

16.18: Burkhardt: “Warum ist das so?

16.14 Die Statistik zeigt: In 51 Jahren Theatertreffen waren 21 Theater aus Städten eingeladen, die weniger als 500.000 Einwohner haben.  Von 453 eingeladenen Inszenierungen kamen 68 aus der sogenannten mittleren Lage. Die restlichen 385 Inszenierungen verteilen sich auf zwölf Städte. Spitzenreiter ist das burgtheater mit 44 eingeladenen Inszenierungen, gefolgt von dem Berliner Schauspielhaus mit 12 Inszenierungen.

16.12: Burkhardt: “Die zehn bemerkenswertesten Produktionen haben wir dieses Jahr auf den großen Bühnen erlebt. Dominanz der Metropolen hat es immer gegeben.“

16.12: Auf dem Podium nehmen Platz: Barbara Burkhardt (Redakteurin Theater heute), Sewan Latchinian (Intendant Neue Bühne Senftenberg), Norbert Stöß (Ensemblemitglied Berliner Ensembles), Simone Sterr (Intendantin Landestheater Tübingen). Moderation: Vasco Boenisch.

16.07: Focus Jury – Im Mittelfeld? Die Ästhetische und soziale Bedeutung des Stadttheaters. Das verspricht die Programmbeschreibung: “Hunderte von Reisen der Theatertreffen-Juroren in alle Klein-, Mittel- und Großstädte Deutschlands – und dann sind doch wieder nur die großen Theater-Flaggschiffe dabei. In ihren Regionen sind die Stadttheater dagegen oft der letzte Hort des kulturellen Zusammenkommens. Wie ist das Stadttheater heute zu verorten? Welche Folgen hat die Schließung eines Theaters für seine Stadt? Und warum ist es wichtig, dass die Jury nach wie vor die gesamte Theaterlandschaft sichtet?“

15.37: Pause. Rauchen, Trinken, frische Luft.

15.35: Die Idee des Theaters muss von seinem Substrat abstrahiert werden. Das Theater muss als geistige Idee anerkannt werden, anstatt als Ausdrucksform. Wenn dem Theater neben dem geographischen Raum eine geistige Heimat geben und es als geistiger Treffpunkt anerkannt wird, dann ist das Internet prädestiniert für das Theater. Theater muss und wird sich erweitern um seinem ursprünglichen Sinn wieder gerecht zu werden; das es alle Menschen erreicht und virtuell in die Mitte der Gesellschaft rückt. Menschen müssen durch das Theater in egal welcher Form erreicht werden, anstatt sie mit belanglosen Postern in einen verstaubten elitären Raum zu locken.

15.29: Es gibt keine Differenzierung zwischen einem analogen und digitalen Menschen. Selbst im Theater werden E-Mails geschrieben.

15.27: Helm: “Auf der Suche: Was ist Theater? Was ist Internet? habe ich keinen Masterplan, aber die Gedankengänge sind hie und da ein bisschen interessant.”

15.27: TT-Blogger Manuel Helm betritt die Bühne. Er spricht über das Internet, über digitale und analoge Menschen und die Zusammenhänge von Theater und Internet.

15.24: Zum Abschluss seiner Keynote zeigt Kamerun noch ein Musikvideo seiner Band ‘Die Goldenen Zitronen‘:

15.22: Kamerun: „In den Münchner Kammerspielen fährt man mit dem Aufzug runter nach -3 um zu proben. Kunst entsteht bei minus drei!”. Theater darf sich nicht in Räumen verschließen, sondern muss raus in die Stadt.

15.21: Kamerun stockt als er den Titel seines Auftritts ließt. “Was ist überhaupt eine Keynote?”

15.18: Kamerun kommt aus der westdeutschen Punkszene. „In dem Kaff aus dem ich komme hingen kleine Schilder in Cafes auf denen stand ‚Jugendliche und Hunde haben keinen Zutritt‘.“ Anstatt sich physisch dagegen aufzulehnen schrieb er Texte und gründete seine Band Die Goldenen Zitronen‘ um mit Kunst darauf aufmerksam zu machen. “„Ich habe mir nie vorgenommen Künstler, Theatermacher oder Autor zu werden, sondern ich wollte bloß direkt auf die Schwierigkeiten in der Umgebung reagieren.”

15.14: Kamerun: “Der Versuch der Intervention hat mich zum Theater gebracht.”

15.10: Schorch Kamerun wird aufgefordert eine Keynote über seinen Weg zum Theater zu geben. Er betritt das Podium und warnt vorweg: „Das wird kein guter Vortrag“.

15:08: Lochte: “Theater und Gesellschaft sind keine Paralleluniversen.”

14.55: Theater müssen eine neue Architektur finden wenn sie nach neuen Formen des Diskurses suchen.

14.54 Lochte spricht über das Pittsburger Kunstprojekt ‚Conflict Kitchen‘. Ein Kiosk mit Take Away Food wird jedes halbe Jahr von einem Land bestritten, das mit Amerika im Konflikt liegt. Den Anfang machte Iran, es folgten Afghanistan, Kuba und Venezuela. Über das Essen wird ein anderes Narrativ weitergegeben, als das, welches die Medien über den Konflikt mit dem jeweiligen Land bieten. Ein Beispiel dafür, in welchen unterschiedlichen Formen man Gespräche über gesellschaftspolitische Themen initiieren kann.

14.50: Julia Lochte betritt das Podium.

14.46: Büdenhölzer begrüßt die Gastredner: Julia Lochte (Chefdramaturgin der Münchner Kammerspiele), Schorsch Kamerun (Sänger und Regisseur), Manuel Helm (TT-Blogger). Alle drei werden Keynotes über die neuen Wege des Theaters halten.

14.43: Yvonne Büdenhölzer eröffnet das TT Camp mit einer ehrwürdigen Lobeshymne: “Das Camp ist die Öffnung des Theatersaals. Das Camp ist ein Grenzgänger zwischen Spiel und Wirklichkeit. Ein analoger Diskursraum. Es ist Stärkung, Auseinandersetzung, Widerspruch. Das Camp ist Gemeinschaft. Aber das Camp ist nicht nur eine Gemeinschaft, es entsteht aus der Gemeinschaft heraus.” Ziel des Camps ist es Theaterschaffende mit Nachwuchskünstlern, Stipendiaten des Forums, Jurymitgliedern, externen Gästen und Theaterbesuchern zusammenzubringen.

14.00: In 30 Minuten geht es los. Hier schon mal das offizielle Camp-Programm

Hier finden Sie die Videomitschnitte zur Eröffnung des Camps und zur Veranstaltung Focus Jury – Im Mittelfeld? Die Ästhetische und soziale Bedeutung des Stadttheaters.

 

„Onkel Wanja” // Visuelle Auseinandersetzung

OnkelWanja

Langsamkeit und Leere vereinnahmen die Bühne. Allein das Zirpen der Grillen und ein paar Gartenstühle erinnern an Tschechows Landhausidylle und lassen Raum für das intensive Spiel der Darsteller.

Onkel Wanja, Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de

Eine fortlaufende Serie.

Teil 1 zu „Zement”

Felix Ewers hat außerdem mit Manuel Braun in einer Zigarettenkritik über die Inszenierung gesprochen.
Jannis Klasing sah die zweite Aufführung, in der das Publikum zur Pause buhte. Seine Kritik finden Sie hier.