Noch keiner da ist wie zu guter Letzt

Morgen ist das Theatertreffen vorbei und im Haus der Berliner Festspiele wird bis Juni erstmal Pause sein. Der frühe Morgen erlaubte schon heute eine Ahnung von diesem TT-freien-Zustand.
Alle Fotos (c) Corinna von Bodisco.

Im Magentalabyrinth

Unsere Autorin hat sich zum Festivalende auf visuelle Spurensuche begeben: An den Nicht-Orten und Rändern des Theatertreffens, wo es nach 15 Festivaltagen schon ein bisschen fremdelt. Herausgekommen ist ein schemenhaftes Close-Up.
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Das Theatertreffen – ein Ort der Debatte? Interview mit Thomas Oberender und Yvonne Büdenhölzer

Am Montag, den 12. Mai, begrüßte der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender das TT-Blog-Orchester mit Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, in seinem Büro. Es gab Schokolade, Kaffee und jede Menge Gesprächsstoff. Das Twitter-Experiment, die Plagiatsaffäre und die Platel-Intervention hatten für Trubel gesorgt, und neben diesen eher unerwarteten Vorfällen wurde auch noch einmal die Festivalstruktur an sich thematisiert.

Am Vorabend des Interviews hatte es eine Intervention nach Alain Platels „tauberbach“ gegeben. (Lesen Sie auch unseren Bericht, Alain Platels Stellungnahme und die Antwort der Aktivisten darauf.) Da Thomas Oberender in einer kleinen Vorrede zu unserem Gespräch hervorhob, dass das Theatertreffen ein „Ort der Debatte“ sei, hakte TT-Bloggerin Hannah Wiemer direkt nach.

Hannah Wiemer: Frau Büdenhölzer, Herr Oberender, was sagen Sie zur gestrigen Intervention und dem Publikumsgespräch?
Yvonne Büdenhölzer: Mir ist es wichtig in einem Festival wie dem Theatertreffen Raum für solche Debatten zuzulassen. 2012 war es der Protest der Ernst Busch-Studierenden, die wir am Eröffnungsabend auf die Bühne gelassen haben, um ein Statement formulieren zu können. Über das ganze Festival haben sie hier im Haus für ihre Schule gekämpft. Im vorigen Jahr war es die Blackfacing-Debatte, die wir nach dem Festival in einer Diskussionsrunde verhandelt haben. Und jetzt ist es dieser Meinungsaustausch.

Thomas Oberender: Leider kann ich zu dem Publikumsgespräch gestern Abend nicht viel sagen, da ich in einer anderen Veranstaltung war. Aus einer übergeordneten Sicht denke ich, dass wir in einer Kultur leben, die zunehmend ohne reflektierende Distanz auf Ereignisse reagiert und eine Tyrannei des Gefühls erzeugt. Im Sinne eines unmittelbaren Echos der Echtzeitreaktion und -medien. Die berühmte Nacht, die man noch mal drüber schläft, gibt es nicht mehr. Kaum ist der Vorhang der Bühne zu, lese ich in Twitter oder auf nachtkritik.de wie die Vorstellung war. Diese Tyrannei des Tempos und der Subjektivität verändert auch das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung – irgendwann, könnte ich mir vorstellen, leben wir nur noch in einer gigantischen Echtzeitwolke, aber wer weiß. So eine rabiate Reaktion wie bei der Publikumsdiskussion gestern, die von den moralischen Protestprofis aus dem Ballhaus Naunynstraße sehr undemokratisch gekidnappt worden ist, wirkt da geradezu altmodisch. Oder vielleicht auch nicht. Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Diskussionen schnell sehr viel Aggression, sehr viel Verletzungsbereitschaft und sehr viel Unduldsamkeit gegen jede Situation von Hegemonie mit im Raum ist. Plötzlich wird ein erfolgreicher Künstler wie Alain Platel, der seinerseits mit Künstlern, Stoffen und Sprachen derer arbeitet, die am Rand stehen, die behindert oder ausgegrenzt sind, von Extremisten angegriffen, die ihn als den Inbegriff des Establishments angreifen. Ich finde ein solches Publikumsgespräch aus diesen Gründen schon rein phänomenologisch interessant. Aber es liegt in der Art dieser gefühlstyrannischen Debatte, dass sie kaum noch Reflexionen leistet. Hier soll jemand, den man mit der „Macht“ identifiziert, ethisch kaltgestellt werden, wobei fast egal ist, ob die Fakten der Vorwürfe stimmen oder nicht. Dass in zwei Inszenierungen eines Stoffes Lumpen auf der Bühne liegen, bedeutet nichts. Die Inszenierungen selber sind fundamental verschieden in Haltung und Stil. Stoffe erfindet man nicht, sondern man findet sie. Und es können durchaus mehrere Leute einen Stoff finden, aufgreifen und aufführen. Der Rest ist Propaganda.

Nathalie Frank: Sie führen die Echtzeitreaktion auch auf die Folgen der Digitalisierung und des Internets zurück, wenn Sie zum Beispiel über nachtkritik.de sprechen. In der Eröffnungsrede zum Theatertreffen haben Sie aber vom Theater „als neuem Leitmedium eines neuen Zeitalters, an dessen Morgendämmerung wir stehen“, gesprochen. Wie ist das zu verstehen?
TO
: Meine These vom Theater als künftigem Leitmedium beruht sehr verkürzt auf folgender Annahme: Der Kapitalismus hat in seiner Geschichte unterschiedliche Dinge ausgebeutet. Zu allererst die natürlichen Ressourcen, Kohle, Öl, Gold, dann die körperliche Arbeitskraft bis hin zur Dienstleistung. Nach dem Geschäft mit der Hardware begann die Ausbeutung der Intelligenz, man ließ die „Software“ arbeiten. Es folgt die „Wetwear“ als Quell der Ausbeutung – das Feuchte, Körperliche ist das nächste große Ding, die Entzifferung der Gene. Und ich glaube, was jetzt kommt, ist die Realität selbst. Das Verwirtschaften der Wirklichkeit als Produkt ist das, woran momentan die komplette Intelligenz der Welt arbeitet. Genau das ist das Urthema des Theaters: Es stellt die Frage nach der Realität und hat auch eine sehr besondere Technologie entwickelt, wie man sie erzeugt, simuliert, steuert, beherrscht, ausbeutet, verwandelt -wie Sie wollen. Wie unwirklich Realität oder wie irreal Realität auf der Bühne ist, steckt in jeder Form von Theater. Sie wird immer unwirklicher je authentischer sie sein möchte. Das Verbergen einer Realität erzeugt eine Realität. Kultur im Allgemeinen lebt immer von einer Form ästhetischen Faltenwurfs. Man muss etwas über die Dinge legen, damit man eine autonome Form erhält. Und in dieser Form wird artikuliert, was man über diese Welt sagen kann. Es ist aber nicht die Sprache der Welt selbst. Und diese sehr vermittelte Form von Realität, die für die Welt steht und selbst eine Welt ist, das ist der Stoff der Kunst und speziell des Theaters. Ich glaube, dass, wenn wir in eine Welt hineinwachsen, in der unsere soziale und physische Realität zum Produkt, zur Ressource wird, zum nächsten großen Rohstoff, dann ist es das Theater, was da wieder sehr interessant wird. Künstler sind Antennen, die solche Prozesse als erste artikulieren. Noch bevor die NSA dieses Netz gebaut hat, haben Künstler darauf reagiert. In trivialer Form, in Science-Fiction oder in sonst etwas; in der Entwicklung anderer Produktionsformen, in anderer Art und Weise wie Kunst gemacht wird oder womit sich Kunst beschäftigt, was überhaupt Kunst ist. Und das ist auch in so einem Festival spürbar.

Nathalie Frank: Aber wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Theater das Leitmedium sein soll, aber nur fünf Prozent der Bevölkerung ins Theater geht? Das Theatertreffen selbst scheint nur Leute anzuziehen, die sich eh für das Theater interessieren.
TO:
Fünf Prozent sind ja schon viel. Bei den alten Griechen wurde man dafür bezahlt, dass man ins Theater geht. Aber seit das nicht mehr so ist, sind 5 Prozent historisch betrachtet nicht schlecht. Der Deutsche Bühnenverein behauptet, dass statistisch mehr Menschen ins Theater gehen als in Fußballstadien.

YB: Wir spüren, dass unser Publikum nicht voller Theaterdebütanten ist, sondern dass es sich auskennt. Ich empfinde das als ein Privileg. Das Publikum hier weiß meist genau, was es wählt, und was es bedeutet, wenn „Wiener Burgtheater“ auf der Karte steht. Hier verirrt sich kaum jemand hin, der sagt: „Ich will heute mal ins Theater gehen, also gehe ich doch zum Theatertreffen.“ Wir haben ein Stammpublikum, das immer wieder kommt. Unsere Zuschauer haben viel gesehen, das ist großartig und für ein derartiges Festivals auch unheimlich wertvoll.

David Winterberg: Aber ist das nicht genau das Problem? Wäre eine Durchmischung des Publikums nicht interessanter und sind die Schritte, die das Theatertreffen in Richtung Internet geht, nicht sogar zentral dafür?
YB:
Das ist wirklich ein Thema, das uns interessiert. Zum Beispiel haben wir als Berliner Festspiele mit der Bundeszentrale für politische Bildung die „Netzkultur“-Konferenz veranstaltet. Unser diesjähriges Live-Twitter-Experiment bei Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ wurde allerdings im Allgemeinen als gescheitert und langweilig empfunden. Es fehlte in der Meinung vieler der Mehrwert. Trotzdem finden wir es unglaublich wichtig Experimente einzugehen und das Theater dahingehend weiter zu öffnen.

Bianca Praetorius: Ich glaube, die Frage lautet, auf welchen Ebenen es langweilig war. Beim Nachlesen kann ich die Kritik des fehlenden Mehrwerts verstehen, denn es wird keine Literatur verfasst. Aber als Twitterer erlebe ich einen völlig anderen Theaterabend. Ich werde nie ganz von Bühnengeschehen eingesaugt, da ich die ganze Zeit das Geschehen dokumentiere oder kommentiere. Gleichzeitig habe ich einen sehr intensiven Abend gehabt, weil ich das Gefühl hatte, ich habe diesen Abend mit diesen 15 Leuten erlebt. Ich konnte ihre Gedanken und Impulse die ganze Vorstellung über mitlesen. Die individuelle Seherfahrung wird zu einer kollektiven. Außerdem baut die virtuelle Unterhaltung während der Aufführung Hemmschwellen ab. Es fällt mir leichter, im Moment der Irritation nachzufragen, was auf der Bühne gerade passiert, als später im Foyer zuzugeben, dass ich etwas nicht verstanden habe.

TO: Hier möchte ich mal kurz intervenieren: Wäre es dann nicht klüger, den Mund zu halten? Und sich das Geschehen auf der Bühne lieber noch wenig länger anzuhören, vielleicht verstehe ich dann die Sache besser. Das meinte ich vorhin mit dieser Tyrannei der Echtzeit. Ich will das Twittern dieses Jahr während des Theatertreffens lernen und ausprobieren. Aber ich habe zugleich Angst, dass mich das auffrisst und mich ständig in Parallelgespräche verwickelt. Ihnen hilft das ja scheinbar. Ich bin mir da für meine Natur etwas unsicher. In so einer Situation, also während einer Theateraufführung. Bei anderen Sachen: Ai Wei Wei ist vor meinen Augen in ein Taxi gezerrt worden! Aber ist es im Theater nicht klüger, den Mund zu halten und die Vorgänge genau zu beobachten, anstatt zu twittern?

BP: Da würde ich widersprechen. Aber es gibt heute ja noch ein anderes brisantes Thema: Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen die Jurorin Daniele Muscionico in der Plagiatsaffäre?
TO: Wie man so sagt: Was ich dazu zu sagen habe, steht auf der Website.

Wir gaben uns damit zufrieden, nicht ahnend, dass kurze Zeit später der zweite Plagiatsfall öffentlich gemacht werden würde.
Nach einem Austausch, wie man die Petition von Jörg Albrecht besonders unterstützen könnte (sehen Sie hier unseren Beitrag, Jörg Albrecht ist inzwischen auf freien Fuß), verließen wir das Büro.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Extra-Debatte zum Blackfacing im Haus der Berliner Festspiele

Das Theatertreffen 2013 ist vorbei, aber es lieferte weiteren Diskussionsstoff: TT-Bloggerin Henrike Terheyden fasste die Nachmittagsveranstaltung mit Sebastian Baumgarten, Regisseur der beim Theatertreffen eingeladenen und aufgrund des Blackfacing (hier alle Beiträge des TT-Blog 2013) kritisierten Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”, und Atif Hussein der Aktivistengruppe Bühnenwatch, die am 12. Juni im Haus der Berliner Festspiele stattfand, ausführlich auf ihrem Blog KENDIKE zusammen. Hier ein Auszug aus ihrem Blogpost.

Künstler_innen sollten nicht mit Regenschirm im Bett sitzen müssen. Darauf kann sich die Gesellschaft einigen: Der Kapitalismus hat es zumindest geschafft, Üblichkeit herzustellen bezüglich des Gedankens, dass jede_r würdig leben können soll. Inflationierung von Bildern der Armut schafft sie nicht ab. Sie macht gleichgültig. Und genauso schafft die Inflationierung von rassistischen Bildern den Rassismus nicht ab. Wie lange wird es noch dauern, bis sich in den Köpfen eine Form von Üblichkeit einstellt, dass Bilder, die aufgrund ihrer Geschichte Unterdrückung und Gewalt reproduzieren, nicht unkritisch von den Nachfahren der Unterdrücker_innen gegenüber den Verletzten benutzt werden? Ausgerechnet die Freiheit der Kunst, müsste sich doch diese Freiheit zur Veränderung des Systems nehmen können.

Auch Bühnenwatch hat sich zur Diskussion auf der eigenen Webseite geäußert. Esther Slevogt berichtete ebenfalls für nachtkritik von dieser Sonderveranstaltung der Berliner Festspiele.

„Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die TT-Blog-Redaktion traf sich vor einigen Tagen mit Thomas Oberender in seinem Büro. Am Eröffnungsabend des diesjährigen Theatertreffens hatte der Intendant der Berliner Festspiele von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ und von „Institutionen im Wandel” gesprochen. TT-Bloggerin Henrike Terheyden fragte sich, was wohl damit gemeint sei. Wir veröffentlichen das Gespräch über „Institutionen neuen Typs”, Kulturnationalismus, die Berliner Netzkonferenz re:publica und Thomas Oberenders Pläne für die Berliner Festspiele und das Theatertreffen in voller Länge, als Blog können wir uns das leisten (wir haben nicht das Platzproblem einer Zeitung).

TT-Blog-Team Oberender
Am Besprechungstisch in der Intendanz der Berliner Festspiele (v.l.n.r.): Eefke Kleimann, Henrike Terheyden (verdeckt), Eva Biringer, Clemens Melzer, Thomas Oberender. Foto: Mai Vendelbo

Henrike Terheyden: Was ist die kulturpolitische Wende von vor vierzig Jahren, von der Sie in Ihrer Eröffnungsrede zum Theatertreffen sprachen?
Thomas Oberender: Alles begann, wenn wir vom Theater sprechen, und die früheren Avantgardebewegungen einmal ausklammern, Mitte der sechziger Jahre mit dem Umbau des kleinen Kinos Concordia in eine Spielstätte des Theaters Bremen – auf einmal gab es so etwas wie Bühnen, die keine Bühnen mehr waren, sondern Kinos, Fabrikhallen, Werkstatträume. In allen Feldern der Kunst entstanden Performances, Happenings und die Popkultur wurde zu einer Art Leitkultur der westlichen Moderne. Und die Politik vollzog diesen Wandel mit, sie öffnete sich der Förderung von alternativen Werk- und Erlebnisformen, bis hin zu neuen Mitbestimmungsmodellen. Aus dieser gesellschaftlichen und ästhetischen Bewegung heraus sind neue kulturpolitische Situationen entstanden, weil sich der Kunstbegriff nachhaltig demokratisiert hatte. Dass die sogenannte freie Szene Kultur produziert und nicht einem Hobby nachgeht, wurde strukturell in neuen Fördermodellen abgebildet. Theater im öffentlichen Raum oder in Fabrikhallen, die Vermischung von Diskurs, Kunst und Party auch an den traditionellen Häusern – das begann vor 40 Jahren. Mit Zadek.

HT: Meinen Sie mit Demokratisierung den gleichmäßigen Zugang von allen Bevölkerungsschichten zu Kultur?
TO: Das ist ein Merkmal von Populärkultur. Und zwar nicht nur materiell, weil sie nahezu jeder bezahlen kann, sondern auch ideell – Pop ist mehr oder weniger barrierefrei. Ich meine es aber auch in folgendem Sinne: Denken Sie an Jérôme Bels „Disabled Theater“, das behinderte Theater, also das sich selber behindernde Theater, hat einen ganz anderen Begriff vom Tänzer. Er ist nicht mehr Angehöriger einer Elite, die bestimmte Schulen besucht hat und Codes verinnerlicht, sondern Jérôme Bel arbeitet wie Beuys – er ist Konzeptkünstler, für den alles zum Material seiner Kunst werden kann. Gerade das, was wir gemeinhin als Nichtkunst betrachten. Zum Beispiel der Tanz von Behinderten. Wenn er das als Kunst zeigt, sprengt er die Definition dieser traditionellen Eliten, Institutionen und Hierarchien. Transparenz und Partizipation waren die Leitworte des letzten Kulturwandels. Es ging darum, Vorgänge durchsichtig und interaktiv zu gestalten. Das kommt aus der Wirtschaft und macht vor der Kunst keinen Halt.

HT: Greift die Demokratisierung auch auf die kulturpolitischen Strukturen über, wie haben sich diese verändert?
TO: Naja, da ist das treffendste Wort sicher das von der allumfassenden Entsicherung unserer Lebensverhältnisse. Transparenz ist ein anderes Wort für Kontrolle, möglichst in Echtzeit. Partizipation heißt irgendwie auch: Ich muss jetzt noch mehr tun. In diesem Sinne werden Institutionen umgebaut. Sie werden entsichert. Statt eines Vertrauensvorschusses, den man traditionellen Institutionen gewährt, werden sie zu Projektlabors, also flexibilisiert, und ab da muss jede Taxirechnung dreifach geprüft werden. Die Entwicklung geht weg von der kontinuierlichen Förderung fixer Strukturen zur Gewährung von Zuwendungen von Fall zu Fall. Ich kann dieses Wort „Zuwendung“ schon gar nicht mehr hören! Die will immer verdient und bedankt sein. Am Anfang meiner Rede zur Eröffnung des Theatertreffens stand nicht zufällig die lange Reihe der Danksagungen. Hinter jeder Danksagung stecken im Grunde ein Juryantrag und eine Juryentscheidung, die den Antrag genehmigt haben. Ich bin der Meinung, dass Politik noch nie so mächtig in den Bereich des Kunst- und Kulturschaffens hineingewirkt hat wie im Augenblick. Es scheint eine stille Übereinkunft der Haushälter zu sein, dass institutionelle Zuwendungen nicht mehr erhöht werden. Die Stadt- und Staatstheater können glücklich sein, wenn sie Tarifausgleiche erhalten. Seit 25 Jahren haben sich die künstlerischen Ensembles um ein Drittel verringert, der Ausstoß wurde aber verdoppelt: Inzwischen bemühen sich also auch die traditionell organisierten Häuser um zusätzliche Drittmittel und zwar genauso vehement wie jene Institutionen und freien Produzenten, deren Arbeit ganz und gar auf diesen Projektgeldern beruht. Continue reading „Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Sex and Pretzels

The Theatertreffen became the center of my life just a couple of days ago. And I have to say it’s been simply bizarre. This feeling of being in a time warp is probably due to the fact that I normally wouldn’t be anywhere near Wilmersdorf (there’s no kumpir for miles). And even though I spend a ridiculous amount of my time in the theater, it’s usually the off-scene dance or experimental low-fi productions that fill my Google Kalender.

Now I’m suddenly at the nerve center of the best state-funded German theatre, and it’s thrilling, inspiring and amusing. And that’s just what happens at the bar by the Boulette. It’s still such a refreshing surprise to me that there’s so much drinking and socializing at theaters in Germany – in the States everyone packs themselves into their cars/taxis/subways relatively quickly, or heads to a restaurant down the block before they start gossiping. Only one complaint: despite the frequent token DJs, I still have yet to witness a real dance party (here’s hoping for Lars Eidinger’s Autistic Disco on May 11. The party’s free after 23:00).

A few other impressions thus far:

Opening nights attract an assortment of politicians, characters, and Berlin theatre celebrities (you’ve probably never heard of them, but there are some, trust me). On this balmy, finally-spring evening, freelance camera men, photographers and hopefuls with Suche Karten (need tickets) signs swarmed at regular intervals and RBB was there with an anchor in all his fake-tan glory.

Of course, it’s still Berlin, so arriving on a bike in evening dress was fairly commonplace and there was a distinct lack of a VIP lounge or red carpet. Because we’re all equal… ly crazy for going inside to watch a production of Medea (!!!) on a beautiful sunny evening. I understand conceptually why TT director Yvonne Büdenhölzer wanted to start with a classic from a prominent director, but you’ve got to admit that kills-her-children Medea really isn’t much of a party starter.

Murmel Fashion (c) Mai Vendelbo
Premiere fashion at Volksbühne. Photo: Mai Vendelbo

Back to little quirky oddities: there’s the book exchange on the plywood party deck (English-language selections present at the opening: Welsh Crime and Mapping Cultural Diversity – Good Practices. Sex Verboten also looked interesting) and a Bauchladen vendor walking around with free candy and other random kitsch. Thank God that theater, unlike the Philharmonie or the Staatsoper, doesn’t feel the need to be classy and refined ALL the time. The strange rules of Berlin fashion also dictated Friday-night sightings of fluorescent accessories, blasts from the 1970s past, and one man wearing the Evian baby-body shirt (WTF?)

My personal favorite moment thus far came on Sunday afternoon: the Theater Award Berlin was presented to 80-year-old actor Jürgen Holtz, and in his nearly 40 minute long acceptance speech he ripped basically all of German theater a new one. In summary: internal politics and cultural budget cuts make for boring, low-quality conservative performances. (Jürgen Holtz tells a joke to the TT-blog in German.)

Stempelverleihung Fritsch Freude (c) Mai Vendelbo
Herbert Fritsch holding the stamp. Photo: Mai Vendelbo

Shift scene to the Volksbühne, imposing gray pulpit of concept theater on Rosa-Luxemburg Platz, for the second premiere of 10. Moving east makes for a younger crowd and a welcome anti-establishment tone – sure it’s your 50th anniversary, but it’s also just another performance, you self-important Wessis. Murmel Murmel director Herbert Fritsch admitted to being drunk as he received his award (a stamp? You’re selected as one of the 10 most remarkable productions that year and you get a STAMP? Sometimes one can take quirky a bit too far…) The vendor(ess) was dressed in retro Pan-Am gear this time (Pan-Am lounge is this year’s location for the Stückemarkt festival for new drama) and the percentage of hipster glasses and patterned leggings at the premiere party went up by a factor of eight.

Panam Stewardess (c) Mai Vendelbo
Pan-Am revival. Photo: Mai Vendelbo

Premiere parties deserve a bit of attention. They’re open to anyone but it’s mostly a gathering of the city theater tribes, with international forum members (read: young networky theater makers) scattered around trying to negotiate the treacherous theater connections landscape. The jury’s praise is recited, the award (again: STAMP?!) is handed over and finally the precious words “The buffet is open” are recited and the party can really begin. Another massive difference to the States: there was food left OVER at this buffet. Where are the starving actors who would normally descend on any calorie source after it’s made open to those who hadn’t paid? Oh right, there’s money for theater here so actors don’t have to starve. Crazy.

Earlier that afternoon: after listening to Holtz attack contemporary state-funded theater, the audience escaped to feast on wine and bread at the reception (allusion to Christian communion purely coincidental). Was there cheese? Nope. Remember those budget cuts?

Tag 4

1. Ich führe nachmittags ein Interview mit Jérome Bêl. Nur 20 Minuten Zeit, auf Französisch, per Skype – der Schwierigkeitsgrad ist gestiegen im Vergleich mit dem gemütlichen und ausgiebigen Interview mit Herbert Fritsch.

2. Ich werde ausprobieren, ob man in einer der Hollywood-Schaukeln, die im Garten des Hauses der Berliner Festspiele stehen, ein kurzes Nickerchen machen kann.

3. Heute Abend steht die Premiere von Luk Percevals Jeder stirbt für sich allein im Haus der Berliner Festspiele an. Was erwartet mich da? Ich habe u.a. gehört: Bühnenbild aus 4000 Haushaltsutensilien und ein mutiges Ende.

Mein Wunsch: Ein Stück zu sehen, das nicht beim Close-up auf Einzelschicksale stehen bleibt und nicht nur Pathos, sondern auch Widerstand aufbringt, gegen Allgemeinplätze.

Bühne frei!

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Gelabelt: Die Bühne im Haus der Berliner Festspiele bei der Eröffnung des 50. Theatertreffens der Berliner Festspiele. Foto: Mai Vendelbo

Am Samstag lesen Sie weiterhin: eine Kollektiv-Kritik von „Medea“, einen Auszug aus der  Reaktion auf die Eröffnungsreden von Festspiel-Intendant Thomas Oberender und Bernd Neumann und die Tratschkolumne „Sex und Brez’n“. Ein Interview mit Constanze Becker folgt in der Nacht zum Sonntag.

Auftakt in Türkis

80! (Veranstaltungen) 35! (davon kostenlos) 550! (Künstler) 5 von 10! (Produktionen mit englischen Übertiteln) – mit so viel Superlativ läuft sich die Jubiläumsausgabe des Theatertreffens schon vor ihrem offiziellen Beginn warm. Oder heiß? Zum gewohnt roten Quadrat trägt das diesjährige Theatertreffen türkis, steht ihm gut.

Endlich ist der Frühling nach Berlin gekommen und zusammen mit dem Sägen und Klopfen im Festspielhausgarten ergibt das eine Aufbruchsstimmung, die einen schon beinahe ungeduldig mit dem Löffel gegen die Kaffeetasse klimpern lässt.

Was passiert in der Zeit zwischen 3. und 20. Mai? Im Mittelpunkt stehen die zehn Inszenierungen, die eine Jury als die bemerkenswertesten des vergangenen Jahres prämierte. Darunter klassische Stoffe wie „Medea“ mit der wunderbaren Constanze Becker in der Hauptrolle, zwei Romanadaptionen („Jeder stirbt für sich allein“ und „Krieg und Frieden“, letzteres in einer ungewöhnlichen Bearbeitung: Anders als unlängst sein Kollege Matthias Hartmann in Wien, löst sich der Regisseur Sebastian Hartmann im Laufe des Stücks mehr und mehr von der Vorlage, gibt Figurenzuschreibungen und lineare Handlung auf, um schließlich in der Gegenwart zu landen), ein Stück ohne Worte, im wahrsten Sinn des Wortes („Murmel Murmel“, lustig lustig!), eines mit Schauspielern mit dem Down-Syndrom („Disabled Theater“), das bereits im Vorfeld in der Theatertreffen-Jury für Kontroversen sorgte, weshalb es eine begleitende Diskussion geben wird („Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“). Außerdem: „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“, „Reise durch die Nacht“, „Orpheus steigt herab“, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, „Die Ratten“.

In der Mitte des Theatertreffens wird Bergfest gefeiert: Mit einer Bustour zu den Stationen der letzten 50 Jahre („Fahrt & Fest“) und einer Diskussion mit Sandra Hüller und weiteren Überraschungsgästen, die über ihre großen Theatertreffenmomente plaudern. Auch schön: Später tanzen und dabei Lars Eidinger am Plattenteller beobachten.

Und! Und! Und! Der Stückemarkt feiert 35. Geburtstag und beschenkt sich selbst mit frischem Stoff von 30 ehemaligen Preisträgern (Elfriede Jelinek! Oliver Kluck! Herbert Achternbusch!), der an drei Tagen in 12-stündigen Marathons (in Worten: Zwölf!) zur Aufführung kommt. Schon den Ort dieser szenischen Lesungen, Hörspiele und des szenischen Archivs, die Pan Am Lounge unweit des Bahnhofs Zoo, stelle ich mir mit seiner Dachterrasse und der Wahnsinnsaussicht angemessen spektakulär vor.

Am Ende der Pressekonferenz werfe ich einen unglaublichen Blick auf das Programm in meinen Händen und frage mich, welches doppelte Lottchen mich da jeweils vertreten soll, denn überall dabei sein, das scheint ausgeschlossen.

Doch bitte keine Hektik, bevor das Festival überhaupt beginnt! Lieber stellen wir uns die Menschen in luftiger Sommerkleidung vor, die ab kommenden Freitag unter den Kirsch- und anderen Bäumen im Festspielhausgarten sitzen, Ausschau halten nach bekannten Gesichtern und anstoßen auf 50 weitere Jahre großes Theater (mindestens!). Bestimmt hängen dann Lichter in den Bäumen und von drinnen leuchtet es türkis.

Noch sieben Mal schlafen, noch einmal überschlagen… 18.661! (Karten)

Vorhang auf.