„Ich danke dem Geist dieses Hauses!”

Nach frenetischem Applaus und Standing Ovations für „der die mann“ fand der Regisseur Herbert Fritsch auf der Premierenfeier rührende Worte für die Belegschaft der Berliner Volksbühne und rühmte den Geist des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz. Es klang beinahe wie eine Abschiedsrede. Wir haben sie mitgeschnitten. Continue reading „Ich danke dem Geist dieses Hauses!”

Der böse Mainstream von Wolfgang

Ob wegen Fritsch, des 100-jährigen Jubliäums oder zur allgemeinen Erheiterung – es findet sich immer ein Grund, den Dadaismus wiederzubeleben. Das hat die neu arrangierte Aufführung von Kurt Schwitters’ „Ursonate“ am Montagabend versucht – und den Dadaismus dabei beerdigt. Eine geschnipselte Dada-Kritik. Continue reading Der böse Mainstream von Wolfgang

Das Theatertreffen – ein Ort der Debatte? Interview mit Thomas Oberender und Yvonne Büdenhölzer

Am Montag, den 12. Mai, begrüßte der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender das TT-Blog-Orchester mit Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, in seinem Büro. Es gab Schokolade, Kaffee und jede Menge Gesprächsstoff. Das Twitter-Experiment, die Plagiatsaffäre und die Platel-Intervention hatten für Trubel gesorgt, und neben diesen eher unerwarteten Vorfällen wurde auch noch einmal die Festivalstruktur an sich thematisiert.

Am Vorabend des Interviews hatte es eine Intervention nach Alain Platels „tauberbach“ gegeben. (Lesen Sie auch unseren Bericht, Alain Platels Stellungnahme und die Antwort der Aktivisten darauf.) Da Thomas Oberender in einer kleinen Vorrede zu unserem Gespräch hervorhob, dass das Theatertreffen ein „Ort der Debatte“ sei, hakte TT-Bloggerin Hannah Wiemer direkt nach.

Hannah Wiemer: Frau Büdenhölzer, Herr Oberender, was sagen Sie zur gestrigen Intervention und dem Publikumsgespräch?
Yvonne Büdenhölzer: Mir ist es wichtig in einem Festival wie dem Theatertreffen Raum für solche Debatten zuzulassen. 2012 war es der Protest der Ernst Busch-Studierenden, die wir am Eröffnungsabend auf die Bühne gelassen haben, um ein Statement formulieren zu können. Über das ganze Festival haben sie hier im Haus für ihre Schule gekämpft. Im vorigen Jahr war es die Blackfacing-Debatte, die wir nach dem Festival in einer Diskussionsrunde verhandelt haben. Und jetzt ist es dieser Meinungsaustausch.

Thomas Oberender: Leider kann ich zu dem Publikumsgespräch gestern Abend nicht viel sagen, da ich in einer anderen Veranstaltung war. Aus einer übergeordneten Sicht denke ich, dass wir in einer Kultur leben, die zunehmend ohne reflektierende Distanz auf Ereignisse reagiert und eine Tyrannei des Gefühls erzeugt. Im Sinne eines unmittelbaren Echos der Echtzeitreaktion und -medien. Die berühmte Nacht, die man noch mal drüber schläft, gibt es nicht mehr. Kaum ist der Vorhang der Bühne zu, lese ich in Twitter oder auf nachtkritik.de wie die Vorstellung war. Diese Tyrannei des Tempos und der Subjektivität verändert auch das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung – irgendwann, könnte ich mir vorstellen, leben wir nur noch in einer gigantischen Echtzeitwolke, aber wer weiß. So eine rabiate Reaktion wie bei der Publikumsdiskussion gestern, die von den moralischen Protestprofis aus dem Ballhaus Naunynstraße sehr undemokratisch gekidnappt worden ist, wirkt da geradezu altmodisch. Oder vielleicht auch nicht. Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Diskussionen schnell sehr viel Aggression, sehr viel Verletzungsbereitschaft und sehr viel Unduldsamkeit gegen jede Situation von Hegemonie mit im Raum ist. Plötzlich wird ein erfolgreicher Künstler wie Alain Platel, der seinerseits mit Künstlern, Stoffen und Sprachen derer arbeitet, die am Rand stehen, die behindert oder ausgegrenzt sind, von Extremisten angegriffen, die ihn als den Inbegriff des Establishments angreifen. Ich finde ein solches Publikumsgespräch aus diesen Gründen schon rein phänomenologisch interessant. Aber es liegt in der Art dieser gefühlstyrannischen Debatte, dass sie kaum noch Reflexionen leistet. Hier soll jemand, den man mit der „Macht“ identifiziert, ethisch kaltgestellt werden, wobei fast egal ist, ob die Fakten der Vorwürfe stimmen oder nicht. Dass in zwei Inszenierungen eines Stoffes Lumpen auf der Bühne liegen, bedeutet nichts. Die Inszenierungen selber sind fundamental verschieden in Haltung und Stil. Stoffe erfindet man nicht, sondern man findet sie. Und es können durchaus mehrere Leute einen Stoff finden, aufgreifen und aufführen. Der Rest ist Propaganda.

Nathalie Frank: Sie führen die Echtzeitreaktion auch auf die Folgen der Digitalisierung und des Internets zurück, wenn Sie zum Beispiel über nachtkritik.de sprechen. In der Eröffnungsrede zum Theatertreffen haben Sie aber vom Theater „als neuem Leitmedium eines neuen Zeitalters, an dessen Morgendämmerung wir stehen“, gesprochen. Wie ist das zu verstehen?
TO
: Meine These vom Theater als künftigem Leitmedium beruht sehr verkürzt auf folgender Annahme: Der Kapitalismus hat in seiner Geschichte unterschiedliche Dinge ausgebeutet. Zu allererst die natürlichen Ressourcen, Kohle, Öl, Gold, dann die körperliche Arbeitskraft bis hin zur Dienstleistung. Nach dem Geschäft mit der Hardware begann die Ausbeutung der Intelligenz, man ließ die „Software“ arbeiten. Es folgt die „Wetwear“ als Quell der Ausbeutung – das Feuchte, Körperliche ist das nächste große Ding, die Entzifferung der Gene. Und ich glaube, was jetzt kommt, ist die Realität selbst. Das Verwirtschaften der Wirklichkeit als Produkt ist das, woran momentan die komplette Intelligenz der Welt arbeitet. Genau das ist das Urthema des Theaters: Es stellt die Frage nach der Realität und hat auch eine sehr besondere Technologie entwickelt, wie man sie erzeugt, simuliert, steuert, beherrscht, ausbeutet, verwandelt -wie Sie wollen. Wie unwirklich Realität oder wie irreal Realität auf der Bühne ist, steckt in jeder Form von Theater. Sie wird immer unwirklicher je authentischer sie sein möchte. Das Verbergen einer Realität erzeugt eine Realität. Kultur im Allgemeinen lebt immer von einer Form ästhetischen Faltenwurfs. Man muss etwas über die Dinge legen, damit man eine autonome Form erhält. Und in dieser Form wird artikuliert, was man über diese Welt sagen kann. Es ist aber nicht die Sprache der Welt selbst. Und diese sehr vermittelte Form von Realität, die für die Welt steht und selbst eine Welt ist, das ist der Stoff der Kunst und speziell des Theaters. Ich glaube, dass, wenn wir in eine Welt hineinwachsen, in der unsere soziale und physische Realität zum Produkt, zur Ressource wird, zum nächsten großen Rohstoff, dann ist es das Theater, was da wieder sehr interessant wird. Künstler sind Antennen, die solche Prozesse als erste artikulieren. Noch bevor die NSA dieses Netz gebaut hat, haben Künstler darauf reagiert. In trivialer Form, in Science-Fiction oder in sonst etwas; in der Entwicklung anderer Produktionsformen, in anderer Art und Weise wie Kunst gemacht wird oder womit sich Kunst beschäftigt, was überhaupt Kunst ist. Und das ist auch in so einem Festival spürbar.

Nathalie Frank: Aber wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Theater das Leitmedium sein soll, aber nur fünf Prozent der Bevölkerung ins Theater geht? Das Theatertreffen selbst scheint nur Leute anzuziehen, die sich eh für das Theater interessieren.
TO:
Fünf Prozent sind ja schon viel. Bei den alten Griechen wurde man dafür bezahlt, dass man ins Theater geht. Aber seit das nicht mehr so ist, sind 5 Prozent historisch betrachtet nicht schlecht. Der Deutsche Bühnenverein behauptet, dass statistisch mehr Menschen ins Theater gehen als in Fußballstadien.

YB: Wir spüren, dass unser Publikum nicht voller Theaterdebütanten ist, sondern dass es sich auskennt. Ich empfinde das als ein Privileg. Das Publikum hier weiß meist genau, was es wählt, und was es bedeutet, wenn „Wiener Burgtheater“ auf der Karte steht. Hier verirrt sich kaum jemand hin, der sagt: „Ich will heute mal ins Theater gehen, also gehe ich doch zum Theatertreffen.“ Wir haben ein Stammpublikum, das immer wieder kommt. Unsere Zuschauer haben viel gesehen, das ist großartig und für ein derartiges Festivals auch unheimlich wertvoll.

David Winterberg: Aber ist das nicht genau das Problem? Wäre eine Durchmischung des Publikums nicht interessanter und sind die Schritte, die das Theatertreffen in Richtung Internet geht, nicht sogar zentral dafür?
YB:
Das ist wirklich ein Thema, das uns interessiert. Zum Beispiel haben wir als Berliner Festspiele mit der Bundeszentrale für politische Bildung die „Netzkultur“-Konferenz veranstaltet. Unser diesjähriges Live-Twitter-Experiment bei Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ wurde allerdings im Allgemeinen als gescheitert und langweilig empfunden. Es fehlte in der Meinung vieler der Mehrwert. Trotzdem finden wir es unglaublich wichtig Experimente einzugehen und das Theater dahingehend weiter zu öffnen.

Bianca Praetorius: Ich glaube, die Frage lautet, auf welchen Ebenen es langweilig war. Beim Nachlesen kann ich die Kritik des fehlenden Mehrwerts verstehen, denn es wird keine Literatur verfasst. Aber als Twitterer erlebe ich einen völlig anderen Theaterabend. Ich werde nie ganz von Bühnengeschehen eingesaugt, da ich die ganze Zeit das Geschehen dokumentiere oder kommentiere. Gleichzeitig habe ich einen sehr intensiven Abend gehabt, weil ich das Gefühl hatte, ich habe diesen Abend mit diesen 15 Leuten erlebt. Ich konnte ihre Gedanken und Impulse die ganze Vorstellung über mitlesen. Die individuelle Seherfahrung wird zu einer kollektiven. Außerdem baut die virtuelle Unterhaltung während der Aufführung Hemmschwellen ab. Es fällt mir leichter, im Moment der Irritation nachzufragen, was auf der Bühne gerade passiert, als später im Foyer zuzugeben, dass ich etwas nicht verstanden habe.

TO: Hier möchte ich mal kurz intervenieren: Wäre es dann nicht klüger, den Mund zu halten? Und sich das Geschehen auf der Bühne lieber noch wenig länger anzuhören, vielleicht verstehe ich dann die Sache besser. Das meinte ich vorhin mit dieser Tyrannei der Echtzeit. Ich will das Twittern dieses Jahr während des Theatertreffens lernen und ausprobieren. Aber ich habe zugleich Angst, dass mich das auffrisst und mich ständig in Parallelgespräche verwickelt. Ihnen hilft das ja scheinbar. Ich bin mir da für meine Natur etwas unsicher. In so einer Situation, also während einer Theateraufführung. Bei anderen Sachen: Ai Wei Wei ist vor meinen Augen in ein Taxi gezerrt worden! Aber ist es im Theater nicht klüger, den Mund zu halten und die Vorgänge genau zu beobachten, anstatt zu twittern?

BP: Da würde ich widersprechen. Aber es gibt heute ja noch ein anderes brisantes Thema: Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen die Jurorin Daniele Muscionico in der Plagiatsaffäre?
TO: Wie man so sagt: Was ich dazu zu sagen habe, steht auf der Website.

Wir gaben uns damit zufrieden, nicht ahnend, dass kurze Zeit später der zweite Plagiatsfall öffentlich gemacht werden würde.
Nach einem Austausch, wie man die Petition von Jörg Albrecht besonders unterstützen könnte (sehen Sie hier unseren Beitrag, Jörg Albrecht ist inzwischen auf freien Fuß), verließen wir das Büro.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Diskussion: Situation Rooms

Situation Rooms
Regie: Rimini Protokoll
Premiere: 23. August 2013, Rimini Apparat / Ruhrtriennale
Handlung: 20 Menschen erzählen aus ihrem Leben. Sie stammen aus Deutschland, Syrien, Russland oder Pakistan und sie haben eines gemeinsam: Sie sind Waffenexperten
Anzahl der Schauspieler: null, der Zuschauer wird selbst zum Akteur
Rekordverdächtig: Neugier an dieser Inszenierung

Da „Situation Rooms“ aus terminlichen Gründen nicht gezeigt werden kann, wurde die Inszenierung in Form einer Diskussion vorgestellt. Anwesend waren Anke Dürr (TT-Jury), Maurizio Gambarini (Kriegsfotograf), Abu Abdu Al Homssi (Flüchtling, Syrien), Heldgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll) sowie vier Abgesandte unseres Blog-Orchesters.

Anke Dürr:
„‚Situation Roomsʻ ist Theater. Und zwar eine besondere Form, in der die Zuschauer zu Schauspielern werden. Es ist bemerkenswert, dass ein Regisseur das Theater nach 2500 Jahren wieder neu erfindet.“

Helgard Haug:
„Das ist keine Informationsveranstaltung, sondern das Schlüpfen in eine Rolle, die auch widersprüchlich sein kann.“

Stefan Kaegi:
„Der harte Wurf von einer Perspektive in die andere überfordert den Zuschauer. Viele können erst ein oder zwei Tage später eine Haltung zu dem Stück entwickeln.“

Abu Abdu Al-Homssi:
„Ich habe bei dieser Produktion mitgemacht, weil es mir ein Anliegen war, der Öffentlichkeit zu zeigen, wie brutal das Regime in Syrien ist.“

Maurizio Gambarini:
„Ich hab Spaß an meiner Arbeit. Krieg ist auch nur Leben. Mehr ist das nicht.“

Beitragsbild: v.l.n.r. Stefan Kaegi (Rimini Protokoll), Abdu Al Homssi (Flüchtling, Syrien), Dolmetscher, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Vasco Boenisch (Moderation), Helgard Haug (Rimini Protokoll), Maurizio Gambarini (Kriegsfotograf), Anke Dürr (TT-Jury).
Foto: David Winterberg

Wohin des Wegs? Die TT-Blogger 2013 weiterlesen

Damit der Abschied vom TT-Blog nicht so schwer fällt, geht’s bei den Berliner Festspielen mit dem Blog zum Theatertreffen der Jugend weiter … oder auf den Blogs und Twitterkanälen der TT-Blogger.

Ein Blog zu Theater, Kunst, Musik, Mode, Gesellschaft (und vielem anderen) ist Milchmädchenmonolog von Eva Biringer. Auf Unruhe im Oberrang sondiert Clemens Melzer mit einem Blogger-Kollektiv vor allem die freie Szene und die Arbeiten kleinerer Theater in Berlin. Auf KENDIKE zeigt Henrike Terheyden ihre Zeichnungen, Mai Vendelbo verbindet auf Touching Theater Foto und Theatrales. Summer Banks schreibt online vor allem für den Exberliner. Mich findet man u.a. bei der schriftstelle, wo ich über Literaturveranstaltungen in Berlin und Digitalisierung berichte, aber auch als Verlegerin von Ebooks bei mikrotext. Auf Twitter sind wir @evaperlaperla, @iljaclemens, @h_terheyden, @exberlinerstage, @eefkeklein, @nikonee. Twitterarchiv zu allen Tweets während des Theatertreffens: @TT-blog13 und #TT50.

Gruppenfoto Ausschnitt
Gruppenfoto mit Baum auf der Holzkonstruktion im Publikumsgarten, Haus der Berliner Festspiele: Mai Vendelbo, Eva Biringer, Eefke Kleimann, Nikola Richter, Henrike Terheyden, Summer Banks, Clemens Melzer (v.l.n.r.). Foto: Mieke Ulfig

Sieben Alumni schenkten dem Theatertreffen-Blog zum fünften Geburtstag einen Beitrag. Und auch sie bewegen sich deutlich im Netz: Adrian Anton schreibt auf FLÜSTERN+SCHREIE über Theater, vor allem aus dem Hamburger Raum, aber er berichtete jüngst auch auch von vier Tagen Berlin: „Viermal Theater, dreimal Theatertreffen, dreimal Berghain, einmal Kleingarten, einmal Museum. Ein Marathon.” Video- und Musikfundstücke versammelt Florian Duijsens’ Blog neonresolutions, weiterhin ist er aktiv als Managing Editor bei asymptote journal, einem Web-Magazin zu Übersetzungen ins Englische. Hamed Eshrat ist Designer und freischaffender Zeichner in Berlin und dokumentiert seine Arbeit im Netz. Maximilian Grosser bloggt manchmal für die Bosch-Stiftung über Kultur und Gesellschaft, aber arbeitet vor allem als Radiojournalist und Redakteur des Neuköllner Kiezblattes Donauwelle in Berlin. Fotos, Zitate von, vor allem britischen, Theaterleuten, Links findet man auf Miriam Sherwoods englischsprachigem Blog gluehbirnestage. Cory Tamlers Aktivitäten mit ihrem Performancekollektiv Yinzerspielen lassen sich auch aus der Ferne über ihren Blog verfolgen, sie lebt derzeit in Brooklyn. Matthias Weigel schreibt als freier Journalist u.a. für nachtkritik.de. Weiterhin ist er Projektleiter Second Screen für die Serie About:Kate (Arte) bei Ulmen Television. Dabei geht es unter anderem um die Einbindung von Inhalten aus der Community.
Community, das ist ein gutes Schlusswort.

Blogrundschau: interne und externe Lesetipps zum Theatertreffen

120 Beiträge hat die TT-Blogredaktion in fast drei Wochen Theatertreffen produziert. Da kann man schon mal den Überblick verlieren, also zum Abschluss alle Highlights, sortiert. Continue reading Blogrundschau: interne und externe Lesetipps zum Theatertreffen

It's a woman's world! Schauspielerinnen beim Theatertreffen

Immer ist die Rede vom Regiekonzept. Selten die Rede von den Darstellern. Wir finden: Dieses Theatertreffen ist eine Woman-Show. Auffallend viele der zehn bemerkenswerten Inszenierungen bestreiten Schauspielerinnen.

50. Theatertreffen
Sandra Hüller nahm heute per Skype den 3sat-Preis entgegen. Vor dem roten Vorhang an der großen Bühne, Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi

Und wir hatten recht: Heute Mittag wurde der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung vergeben. Er ging an Julia Häusermann in „Disabled Theater.” Und auch den 3sat-Preis bekam eine Frau: Sandra Hüller für ihren Auftritt in „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.” Gratulation!

Es ist leicht zu entscheiden, ob einem deren Spiel gefällt oder nicht. Schwierig bis nicht machbar ist es hingegen, zu benennen, was die da tun. Zu begreifen, was diese Schauspielerinnen auf der Bühne vollziehen, wie sie ihre Worte zum Klingen bringen, mit welchen Bewegungen sie den Raum füllen. An dieser Aufgabe kann man nur scheitern (sagt unser Mentor Dirk Pilz). Die Frage ist, auf welchem Niveau. Wir versuchen es mal: deutschsprachige Rollenporträts zu Constanze Becker, Sandra Hüller, Judith Rosmair, Julia Wieninger und englischsprachige zu Lina Beckmann, Lena Schwarz und Kate Strong.

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Live-Blog von der Schlussdiskussion mit der Theatertreffen-Jury

Um 14.30 Uhr beginnt die Abschlussdiskussion, in der die Theatertreffen-Jury über alle zum Festival eingeladenen „bemerkenswerten“ Inszenierungen diskutiert. Moderiert von Tobi Müller. Wir bloggen live.

14.27: Es raunt.

14.29: Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer begrüßt das Publikum. Selbst die „Aktivisten vom Blackfacing“ werden namentlich erwähnt.

14.30: Letzte Episode des TTtvs.

14.34: Die Jury betritt die Bühne. Tobi Müller findet im Hinblick auf das TTtv: „Die Zukunft der Kritik ist offenbar die Kurzkritik.“ Noch einmal werden die Jurymitglieder vorgestellt. 450 Inszenierungen wurden begutachtet (es werden immer mehr!). Anke Dürr freut sich über die Berlin-Tauglichkeit von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ Franz Wille überrascht, dass es keine Zwischenfälle gab in diesem Jahr. Daniele Muscionico denkt nach über die Bedeutung der Auszeichnung von „Disabled Theater.“ In der Schweiz spreche man von „behinderten Menschen, man sei da weniger empfindlich. Muscionico: „Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich, das geht nicht.” Raunen. Kein Nachhaken (warum geht das nicht?).

14.42: Was macht der Ortswechsel mit den Inszenierungen? Schade, dass nur so wenig Leute „Die Ratten” sehen konnten, findet Vasco Boenisch. Die innere Anspannung des Jurymitglieds Christoph Leibold bei den veränderten Bedingungen in Berlin für „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall”: Kann das gut gehen? Boenisch: „Ich glaube, Berlin hat es auch ganz gut gefallen, mal über München abzulästern.”

14.46: Wo sind die experimentellen Anteile beim diesjährigen TT? Ulrike Kahle-Steinweh bemerkt, man könne nur einladen, was da ist. Franz Wille: Ein schwaches Jahr für das performative Theater! „Ich hätte gerne ein paar andere Formate dabei gehabt, aber es besteht die Gefahr der ideologischen Brille.” Christine Wahl: Es schleichen sich die Performanceelemente ins Stadttheater (etwa der Schauspieler Benny Claessens in „Die Stadt. Die Straße. Der Überfall.”)

14.54: Musik spielte große Rolle beim diesjährigen TT (Müller). Oder? Dürr: „Das war kein Kriterium. Darüber haben wir kaum diskutiert.” Boenisch wirft ein: „Doch, darüber wurde diskutiert!” Entlastet Musik die Schauspieler? Weil die Glaubwürdigkeit der großen Gesten auf der Bühne verloren gegangen ist? Nein (Dürr), ja, etwa bei Thalheimer (Boenisch). Selbst bei „Medea” gibt es den von Musik unterlegten Clip am Ende und „ein Wummern.” Wille warnt vor programmatischen Thesen: „Man nutzt die Möglichkeiten, die da sind. Vor zehn Jahren passierte dasselbe mit Video.” Müller weist auf die leibliche Präsenz der Musiker hin, es handelt sich schließlich um Livemusik. „Theater besinnt sich auf seine Qualitäten, auf die erlebte Zeit, dazu gehört die aktuell hergestellte Bühnenmusik.” Zustimmung im Publikum.

15.01: Dürr: „Fantastisches Stück und fantastische Inszenierung: Das ist ein Glücksfall.” Der Moderator bemerkt die breite Zustimmung des Theaterpublikums („friedfertig, begeisterungswilig, euphorisch”) bei gleichzeitigem Unmut der Berliner Kritik. Kahle-Steinweh vermutet Neid, denn wer kann so viel reisen wie die Theatertreffen-Jury? Wille unterstellt dem Publikum Müdigkeit und Gleichgültigkeit (Zwischenruf aus dem Publikum: „Jawoll, müde und gleichgültig!”), widerruft seine Behauptung aber sofort wieder. Das Publikum sei reflektierter als früher. Kein Türenknallen mehr wie bei Marthaler! Dafür gebe es ja die Publikumsgespräche.

15.08: Stichwort Publikumsgespräch! Müller rollt die Blackfacing-Debatte wieder auf. War Blackfacing ein Thema für die Auswahl der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe”? Wahl: Es handelt sich nicht um eine realistische Inszenierung. Die Zeichen, zu denen das Blackfacing gehört, sind codiert. „Ein cleverer Zugriff” auf den vermeintlich ideologischen Brecht mit seinem „merkwürdigen Kapitalismusbegriff.” Das Theater ist Kunstraum, kein Realitätsraum. Judith Butler wird zitiert: Auf dem Bühnenraum, der ein Als-ob-Raum ist, darf man Zeichen produktiv gegen sich selbst wenden.

15.13: Was wünscht sich die Jury zum Abschluss? Wille: Weniger Premieren an den einzelnen Theatern, diese dafür reflektierter und mit mehr Risikobereitschaft. Kahle-Steinweh: Mehr Mut, auch innerhalb der Jury. Radikaler, politischer, vielleicht weniger Musik? Einwurf Müller: „Weniger Musik, jetzt, wo sie mal da ist?” Der Rest der Jury ist wunschlos glücklich. Die Diskussion wird eröffnet.

15.16: Zuschauerin 1: Früher war alles spannender. Heute werden Inszenierungen im Fernsehen übertragen, man selbst reist umher, das Publikum ist ein internationales. Die Offenheit nimmt dem TT den Reiz. Bitte mehr Überraschungen! (Einwurf: Was ist mit „Disabled Theater”, mit Milo Raus „Hate Radio”?) Offenbar wünscht sich die Zuschauerin eine striktere Kartenpolitik (künstliche Verknappung der Eintrittskarten?). Zuschauer 2 (er selbst zählt sich zur Generation der heute 70-Jährigen): „Wir haben 3 1/2 Aufführungen gesehen: „Medea” (toll), „Murmel Murmel” (auch okay), „Disabled Theater” („Betroffenheitsbonus!”), „Die Ratten” („da sind wir gegangen: ein unverständliches Schreien.”). Was fehlt, ist das Suchen nach dem Essentiellen.” Theaterzeichen haben sich geändert (Dürr). Krawallstimmung kommt auf. Teile des Publikums fühlen sich altersdiskriminiert. Die ersten gehen.

15.23: Teilnehmerin des Internationalen Forums: Vom Theatertreffen bleibt ein schaler Nachgeschmack. Große Stoffe, gegen die man nichts sagen kann, renommierte Regisseure. Es fehlt die Reibungsfläche. „Wir (das Forum) konnten mit vielem nichts anfangen.” Geldverschwendung? Zusammenfassung der Juryeinwände: Generation 20 Plus hat andere Interessen als Generation 70 Plus: Ein ewiger Interessenkonflikt! Wahl: Es wurden doch große Themen verhandelt, etwa in „Krieg und Frieden”! Forumsteilnehmerin: Die Formen ändern sich, aber es geht um den (fehlenden?) Inhalt. Andere Teilnehmerin des Internationalen Forums: große Rührung bei den Forumsteilnehmern, von Geldverschwendung kann keine Rede sein. Jedoch: Bei „Orpheus steigt herab” bleibt in Erinnerung: Ein Karussell (20.000 Euro wert?), Hunde, Motorräder und für nicht-deutschsprachige Zuschauer das Wort „Nigger”. Es geht doch mehr um die Regisseure und deren Mittel. Entgegenung Wille: Das Geld ist immer die Crux. „Das Wesentliche ist das ausschlaggebende Argument.” (das Wesentliche wovon?)

15.36: Eine Zuschauerin will die Blackfacing-Sache so nicht stehen lassen. Es bestehe immer noch Diskussionsbedarf, gerade im Theater. Reproduzierte Stilmittel wie in der „Johanna” könnzen funktionieren, aber nicht wenn das so unreflektiert wie bei Baumgarten passiert. Bezeichnungen wie „Nigger” könnten falsch verstanden werden und zur Wiederaneignung führen (Am 12. Juni findet zum Thema eine Diskussion im Haus der Berliner Festspiele statt). Wahl verteidigt die Reflexionsarbeit der Jury: Blackfacing in der „Johanna” ist keine Rekonstruktion. Mehrere Zuschauer wollen etwas sagen, der Moderator will die Diskussion abschneiden: Es wird doch thematisiert! Zuschauerin: Wo sind denn die Linien für die De-Konstruktion? Jury: „Der Chinese als Klischee der aufkommenden Bedrohung, der Cowboy als Kapitalist – alles ist klischierte Unterhaltungsebene.”

15.47: Noch einmal Blackfacing. Missmut im Publikum. Ist es nicht anmaßend, wenn eine ausschließlich weiße Jury entscheidet, was De- und was Re-Produktion rassistischer Zeichen ist? Kahle-Steinweh: „Dann finden Sie doch mal einen schwarzen Theaterkritiker im deutschsprachigen Raum!” Zuschauerin: Debatte müsste differenzierter verlaufen. Bei Baumgarten war der Zeichenkontext klar. „Nigger” ist bei Williams eine Zuschreibung, die man im Zusammenhang lesen muss. „Übertitelt werden musste nicht, es war ja für ein deutsches Publikum.” (Hoppla!) Tobi Müller regt Themenwechsel an.

15.54: Zuschauerin: Bitte das nächste Mal an das Publikum denken! Bei „Medea” habe sie nichts sehen können. Die Festspielleiterin lenkt ein: Kartenpreis wird bei Sichtbehinderung zurückerstattet! Nächste Frage von einer sehr ironisch gestimmten Zuschauerin: Welche Kriterien gab es für die Einladung von „Disabled Theater”? Boenisch antwortet; ich werde von Bühnenwatch-Handzetteln abgelenkt, die jetzt durchs Publikum gehen. Teilnehmerin des Internationalen Forums: „Gibt es nicht besonderere Theateraufführungen in Deutschland als die Einladungen fürs TT? Inszenierungen wie das „12-Spartenhaus” oder „Remote Berlin”? Antwort: Diese beiden Inszenierungen konnten nicht berücksichtigt werden, da sie aus dem Zeitraum fielen. Letztes Jahr war Vinges Vorgängerarbeit „John Gabriel Borkmann” eingeladen. Kahle-Steinweh: „Wir suchen nicht zwangsläufig nach Inszenierungen, die aus dem Rahmen fallen.”

16.02: Was müssen (junge) Theatermacher in Deutschland heute beachten, um finanziert zu werden? Müller: 50-70 Prozent der Anträge für Fördermittel sind formuliert im schlechten Stil einer Wochenzeitung. Man erfährt wenig über die eigentliche Kunst. Leiterin des Stückemarkts Christina Zintl: „Wenn das Kriterium Innovation statt ‘bemerkenswert’ gewesen wäre, wäre die Entscheidung dann anders ausgefallen?” Ja, natürlich. Moderator beklagt schwindende Konzentration (ich stimme zu). Zuschauer: Warum sind Frauen in der Auswahl so schlecht vertreten? Dürr: Geschlecht steht nicht im Zentrum des Interesses, Quote bringt uns nicht weiter. Teilnehmerin des Forums: Es geht gar nicht immer um Innovation, sondern um das, was man sagen will. Müller: Fordern Sie mehr Realismus ein? Forumsteilnehmer: Es geht nicht um Mittel versus Inhalt, sondern die Einigkeit der Jury, durch die außergewönliche Positionen rausfallen? Gibt es die Sehnsucht nach Konsens? Boenisch: Natürlich gibt es Diskussionen und Entscheidungen, die nicht von allen befürwortet wurden. Leibold: Der Wille ist da, nicht im Mittelmaß zu landen. Boenisch: Man kann sich doch über vieles streiten, manche finden bei „Krieg und Frieden” den letzten Teil schlimm, andere die ersten beiden …

16.13: Ende der Diskussion. Weitere Nachlese unter dem Twitter-Hashtag #Jury .

„Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die TT-Blog-Redaktion traf sich vor einigen Tagen mit Thomas Oberender in seinem Büro. Am Eröffnungsabend des diesjährigen Theatertreffens hatte der Intendant der Berliner Festspiele von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ und von „Institutionen im Wandel” gesprochen. TT-Bloggerin Henrike Terheyden fragte sich, was wohl damit gemeint sei. Wir veröffentlichen das Gespräch über „Institutionen neuen Typs”, Kulturnationalismus, die Berliner Netzkonferenz re:publica und Thomas Oberenders Pläne für die Berliner Festspiele und das Theatertreffen in voller Länge, als Blog können wir uns das leisten (wir haben nicht das Platzproblem einer Zeitung).

TT-Blog-Team Oberender
Am Besprechungstisch in der Intendanz der Berliner Festspiele (v.l.n.r.): Eefke Kleimann, Henrike Terheyden (verdeckt), Eva Biringer, Clemens Melzer, Thomas Oberender. Foto: Mai Vendelbo

Henrike Terheyden: Was ist die kulturpolitische Wende von vor vierzig Jahren, von der Sie in Ihrer Eröffnungsrede zum Theatertreffen sprachen?
Thomas Oberender: Alles begann, wenn wir vom Theater sprechen, und die früheren Avantgardebewegungen einmal ausklammern, Mitte der sechziger Jahre mit dem Umbau des kleinen Kinos Concordia in eine Spielstätte des Theaters Bremen – auf einmal gab es so etwas wie Bühnen, die keine Bühnen mehr waren, sondern Kinos, Fabrikhallen, Werkstatträume. In allen Feldern der Kunst entstanden Performances, Happenings und die Popkultur wurde zu einer Art Leitkultur der westlichen Moderne. Und die Politik vollzog diesen Wandel mit, sie öffnete sich der Förderung von alternativen Werk- und Erlebnisformen, bis hin zu neuen Mitbestimmungsmodellen. Aus dieser gesellschaftlichen und ästhetischen Bewegung heraus sind neue kulturpolitische Situationen entstanden, weil sich der Kunstbegriff nachhaltig demokratisiert hatte. Dass die sogenannte freie Szene Kultur produziert und nicht einem Hobby nachgeht, wurde strukturell in neuen Fördermodellen abgebildet. Theater im öffentlichen Raum oder in Fabrikhallen, die Vermischung von Diskurs, Kunst und Party auch an den traditionellen Häusern – das begann vor 40 Jahren. Mit Zadek.

HT: Meinen Sie mit Demokratisierung den gleichmäßigen Zugang von allen Bevölkerungsschichten zu Kultur?
TO: Das ist ein Merkmal von Populärkultur. Und zwar nicht nur materiell, weil sie nahezu jeder bezahlen kann, sondern auch ideell – Pop ist mehr oder weniger barrierefrei. Ich meine es aber auch in folgendem Sinne: Denken Sie an Jérôme Bels „Disabled Theater“, das behinderte Theater, also das sich selber behindernde Theater, hat einen ganz anderen Begriff vom Tänzer. Er ist nicht mehr Angehöriger einer Elite, die bestimmte Schulen besucht hat und Codes verinnerlicht, sondern Jérôme Bel arbeitet wie Beuys – er ist Konzeptkünstler, für den alles zum Material seiner Kunst werden kann. Gerade das, was wir gemeinhin als Nichtkunst betrachten. Zum Beispiel der Tanz von Behinderten. Wenn er das als Kunst zeigt, sprengt er die Definition dieser traditionellen Eliten, Institutionen und Hierarchien. Transparenz und Partizipation waren die Leitworte des letzten Kulturwandels. Es ging darum, Vorgänge durchsichtig und interaktiv zu gestalten. Das kommt aus der Wirtschaft und macht vor der Kunst keinen Halt.

HT: Greift die Demokratisierung auch auf die kulturpolitischen Strukturen über, wie haben sich diese verändert?
TO: Naja, da ist das treffendste Wort sicher das von der allumfassenden Entsicherung unserer Lebensverhältnisse. Transparenz ist ein anderes Wort für Kontrolle, möglichst in Echtzeit. Partizipation heißt irgendwie auch: Ich muss jetzt noch mehr tun. In diesem Sinne werden Institutionen umgebaut. Sie werden entsichert. Statt eines Vertrauensvorschusses, den man traditionellen Institutionen gewährt, werden sie zu Projektlabors, also flexibilisiert, und ab da muss jede Taxirechnung dreifach geprüft werden. Die Entwicklung geht weg von der kontinuierlichen Förderung fixer Strukturen zur Gewährung von Zuwendungen von Fall zu Fall. Ich kann dieses Wort „Zuwendung“ schon gar nicht mehr hören! Die will immer verdient und bedankt sein. Am Anfang meiner Rede zur Eröffnung des Theatertreffens stand nicht zufällig die lange Reihe der Danksagungen. Hinter jeder Danksagung stecken im Grunde ein Juryantrag und eine Juryentscheidung, die den Antrag genehmigt haben. Ich bin der Meinung, dass Politik noch nie so mächtig in den Bereich des Kunst- und Kulturschaffens hineingewirkt hat wie im Augenblick. Es scheint eine stille Übereinkunft der Haushälter zu sein, dass institutionelle Zuwendungen nicht mehr erhöht werden. Die Stadt- und Staatstheater können glücklich sein, wenn sie Tarifausgleiche erhalten. Seit 25 Jahren haben sich die künstlerischen Ensembles um ein Drittel verringert, der Ausstoß wurde aber verdoppelt: Inzwischen bemühen sich also auch die traditionell organisierten Häuser um zusätzliche Drittmittel und zwar genauso vehement wie jene Institutionen und freien Produzenten, deren Arbeit ganz und gar auf diesen Projektgeldern beruht. Continue reading „Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die Wahl zwischen Konvention und Konvention. „Die Ratten“ ohne Zähne

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann, 1911.
Handlung: Die proletarische Jette John durchlebt eine sogenannte „Muttertragödie“, versucht, das Kind einer anderen als ihres auszugeben und begeht schließlich Selbstmord.
Erster Satz: Ick stürze mir in Landwehrkanal und versaufe.
Regisseurin: Karin Henkel, dritte Einladung zum TT.
Bühne: Schauspiel Köln.
Beim TT 2013: Hintere Bühne im Haus der Berliner Festspiele.

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Lina Beckmann als Frau John in Karin Henkels Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten” . Foto: Klaus Lefebvre

Sie kommen durch die Wände. Sie springen aus Luken herab, krabbeln aus ihren Verstecken hervor, kriechen von überallher zur Bühnenmitte. Schrammelnde Gitarre und hämisches Gekreische begleiten den Überfall der Ratten. In atemlosem Tempo, mit dreckiger Berliner Schnauze ächzen und johlen sie den Text, der im Gängesystem widerzuhallen scheint, durch welches das Publikum zur Hinterbühne der Berliner Festspiele geschleust wurde, vorbei an Technik und Requisite. Zu Beginn der Theatertreffen-Premiere des Hauptmann-Klassikers entsteht im Echo des Bühnenlärms die Atmosphäre einer tiefen, zugigen Halle, wozu die klappernde und knirschende Zuschauertribüne einiges beiträgt: Der Raum klingt endlos größer, als das, was von ihm zu sehen ist. Hier soll sich niemand zu Hause fühlen. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Abends herrscht jedoch wieder der vertraute Stubenmuff soliden, dramatischen Mainstreams, der unter Schulterzucken souverän schreit und weint.

Dabei hätte die Inszenierung durch so viele Gänge abbiegen, sich in Schlupfwinkel kauern oder zum Angriff übergehen können. Der Dachboden des Theaterdirektors Hassenreuter, in der Dramenvorlage nur Nebenschauplatz bürgerlicher Gestrigkeit, bildet hier den Rahmen des Abends, ein Regieeinfall, der zunächst erstaunlich gut funktioniert. Über- und Unterbau sind nicht mehr zu unterscheiden und damit nicht mehr das künstliche und das echte Spiel. Zwischen vollgestopften Kleiderständern schlüpfen die Schauspieler zu Beginn in einen Volkstheater-Fundus, streifen sich schrille Rollen über, die im nächsten Moment schon wieder hinterfragt werden. Continue reading Die Wahl zwischen Konvention und Konvention. „Die Ratten“ ohne Zähne